1. Home
  2. Gesundheit
  3. Sexualität
  4. Intersexuell: «Lieber verkaufe ich meinen Arsch als meine Seele»

Intersexuell«Lieber verkaufe ich meinen Arsch als meine Seele»

Claudette Plumey ist zu 14 Prozent Mann, zu 86 Prozent Frau, verheiratet, Aktivistin, Prostituierte.

«Es war beim ‹Dökterlispiel›, als mir erstmals auffiel, dass ich anders bin»: Claudette Plumey
von

«Ich fühlte mich nie als Junge, das war nie ich. Stünde bei ‹Geschlecht› im Pass statt ‹m› plötzlich ‹w›, müsste ich mich nach 53 Jahren scheiden lassen.»

Claudette Plumey, Aktivistin

«Ich heisse Claudette Plumey. Ich bin 76, seit dem 21. Oktober 1961 verheiratet, habe drei Kinder, sieben Enkel. Und ich bin ein Mann, steht in meinem Pass. Das stimmt zu 14 Prozent. Die übrigen 86 Prozent meiner Chromosomen sind weiblich. Ich bin intersexuell – weder klar weiblich noch klar männlich. Gefühlt habe ich mich immer als Frau, und als Frau arbeite ich auch. Seit über 20 Jahren bin ich Prostituierte. Bis vor wenigen Jahren Vollzeit. Heute bediene ich nur noch meine Stammkunden.»

Claudette Plumey hat sich für das Interview die Lobby im Grand Hotel Kempinski am Genfersee ausgesucht. «Sie werden mich dann schon erkennen», hatte sie zuvor am Telefon gesagt.

Tatsächlich: Plumey trägt einen knallgelben Blazer, einen schwarzen Minirock, einen Kunst­ledergürtel mit einem Schmetterling aus Strasssteinen und weisse Riemchensandalen. Der oberste Knopf ihrer beigen Bluse ist offen. Ihr schwarzer BH ist mit reichlich Spitze verziert. Zwischen ihren Brüsten klemmt ein grosses goldenes Kreuz. Blauer Lidschatten, roter Lippenstift, orangefarbene Fingernägel. Plumey ist die Antithese zu den geschniegelten Geschäftsmännern im Fünfsternehotel.

«Üblicherweise verheimlichen Prostituierte ihren Nachnamen. Ich sehe dazu keinen Grund. Ich mache eine ehrliche Arbeit, zahle Steuern und Sozialabgaben. Warum soll ich nicht wie jede andere offen über meinen Beruf sprechen? Ich habe eine Ausbildung im Baugewerbe absolviert, geriet aber immer wieder an Firmen, die in Konkurs gingen und mir Lohn schuldig blieben. Finan­ziell kam ich nie auf einen grünen Zweig. Irgendwann entschloss ich mich, lieber meinen Arsch als meine Seele zu verkaufen. Mein Körper und mein Geist gehören mir. Solange das so bleibt, bin ich mit mir im Reinen.»

Plumey, die sich ihr Leben lang erklären, ihre aussergewöhnliche Geschichte wieder und wieder erzählen musste, wartet nicht, bis sie eine Frage gestellt bekommt. Jeder Versuch, auf ein Thema genauer einzugehen, scheitert. «J’en viens» – ich komme dazu –, sagt sie, lächelt und fährt fort, wo sie unterbrochen wurde. Irgendwann findet sie den Anfang, sie beginnt bei ihrer Geburt. Plumey erzählt, dass ihre Eltern nicht wussten, ob sie ein Mädchen oder ein Junge sei. Und dass ein Chromosomentest schliesslich bestätigte, dass sie intersexuell ist. Ein Zwitter, wie es damals hiess.

«Doch was für einen Namen sollten sie mir geben? Welches Geschlecht in die Geburtsurkunde schreiben? Weil Frauen es damals wesentlich schwieriger hatten, entschlossen sich meine Eltern für ‹männlich›. Doch schon bald wurde aus Claude Claudette. Ich trug schöne Kleider, machte mir hübsche Frisuren. Es war beim ‹Dökterlispiel›, als mir erstmals auffiel, dass ich anders bin als die anderen. Als ich von meiner Mutter wissen wollte, was mit mir verkehrt ist, sagte sie: ‹Claudette, nimm dir noch ein bisschen Zeit. Dann kannst du dir selbst aussuchen, wie du leben möchtest. Es ist nicht an uns, diese Wahl für dich zu treffen.› Ich hatte wundervolle Eltern, die meine geschlechtliche Situation und meine Persönlichkeit geachtet haben. Ich hatte grosses Glück.»

«Für meine Hochzeit verkleidete ich mich als Mann»: Claudette Plumey
Quelle: Malika Gaudin-Delrieu

Die Stimme der 76-Jährigen versagt immer wieder den Dienst. Vor wenigen Wochen wurde sie am Kehlkopf operiert. Krebs. Zum zweiten Mal.

Claudette Plumey erzählt über ihre Kindheit in Marokko, wo sie mit ihrem Bruder und den Eltern einige Jahre lebte. Ganz beiläufig erwähnt sie, dass ihre erste grosse Liebe – eine Freundin der Familie, die mit einem Mann verheiratet, aber lesbisch war – sie zur Prostitution führte. Mit 15 Jahren befriedigte sie ihren ersten Kunden. Das Geld, das sie damit verdiente, zahlte ihre Freundin für sie auf ein Sparkonto ein. Noch heute sei sie ihr dankbar, dass sie ihr diesen Beruf beigebracht habe.

«In der Prostitution fand ich Bestätigung. Ich fühlte mich ganz als Frau. Nie wäre es für mich in Frage gekommen, mich etwa als Transvestit zu verkleiden. Auch die männliche Rolle hätte ich niemals einnehmen können – das wäre psychisch, aber auch physisch nicht möglich gewesen. Doch natürlich heisst Zwittertum auch Jonglieren. Keine Polizeikontrolle, bei der ich nicht mehrmals bestätigen muss, dass dieser Fahrausweis tatsächlich mir gehört. Lange versuchte ich, mich in solchen Situationen zu erklären. Heute sage ich nur noch: ‹Nein, nein, das bin ich.› Den Pass zu ändern kommt nicht in Frage. ­Würde bei ‹Geschlecht› statt ‹m› plötzlich ‹w› stehen, müsste ich mich nach 53 Jahren von meiner Partnerin scheiden lassen. Mit meiner Heirat habe ich damals gleich zwei Institutionen an der Nase herumgeführt: den Staat und die Kirche. Für meine Hochzeit verkleidete ich mich als Mann und ehelichte nach fünf Jahren Beziehung meine Partnerin.»

Nur etwas habe sie verpasst: eigene Kinder auf die Welt zu bringen. Sie wird nachdenklich, ihre Augen werden feucht. Das sei der grösste Verzicht ihres Lebens ge­wesen. Zwei der drei Kinder hat ihre Frau bekommen, ein Kind hat das Ehepaar adoptiert. Jeden Sonntag kommt der Nachwuchs samt Enkelkindern zum Brunch. Ihr Beruf ist dabei nie Thema. Weil die Kinder nicht darüber diskutieren wollen, aber auch, weil Plumey selbst keinen Grund sieht, immer und immer wieder über Prostitution zu sprechen.

«Es ist unsäglich: Die meisten Menschen können sich einfach nicht mit meinem Beruf abfinden. Dabei bin ich viel mehr als eine Sexarbeiterin. Ich habe jahrelang Hochleistungssport betrieben, nahm noch letztes Jahr an einem Velorennen teil. Ich reise gern, habe Freunde in der ganzen Welt. Ich bin gläubige Katholikin, lese regelmässig in den Apokryphen und bete täglich zu Gott, dass er mir Kraft gibt. Ich bin eine Aktivistin, setze mich für die Rechte von Frauen ein. Niemand sollte die Augen vor menschlichem Leid und grosser Not verschliessen. Als Vorstandsmitglied des Vereins Aspasie und Präsidentin des Schweizer Netzwerks Prokore kämpfe ich seit Jahren gegen die Ausbeutung von Prostituierten. Ich bin nun in einem Alter, in dem ich nicht mehr so viel zu erreichen habe. Deshalb habe ich mir vorgenommen, meine Zeit hier so gut wie möglich zu nutzen und Frauen in schwierigen Lebensumständen zu helfen.

Als meine Arbeit öffentlich wurde und die Medien anfingen, über mich zu berichten, hat sich ein Grossteil meiner Familie von mir abgewandt. Das tat weh. Ich bin der festen Überzeugung, dass beim Sex nichts verboten ist, solange er unter Erwachsenen geschieht und beide damit einverstanden sind. Alles andere sind unsin­nige Tabus, die uns anerzogen wurden. Doch man kann sich seine Familie nicht aussuchen. Jene, die mich akzeptieren, sind die wirklich wichtigen Personen in meinem Leben. Sie sind meine Herzensfamilie.»

Veröffentlicht am 24. Juni 2014