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Alternde MännerMythos Testosteronmangel

Erschöpfung, Müdigkeit, Erektionsstörungen: Obwohl Testosteronmangel ins Reich der Mythen verbannt wird, geschehen auch beim Mann ab 50 Veränderungen.

Erektionsstörungen haben nichts mit zu tiefen Testosteronwerten zu tun - es ist sogar eher das Gegenteil der Fall.
von aktualisiert am 28. September 2017

Dauermüde ist der 52-jährige Hubert K. schon seit Wochen. Immer häufiger auch rasch erschöpft und manchmal sogar depressiv verstimmt. Darunter leidet seine Unternehmungslust – ins Kino oder ins Theater mag er nur noch selten gehen, Sport trieb er schon früher kaum. Und was ihm vor allem Sorgen macht: Die Lust am Sex hat nachgelassen. Wäre Hubert K. eine Frau, würde man von Wechseljahren reden. Beim Mann ist es etwas komplizierter.

Die physischen und psychischen Veränderungen haben dazu geführt, das Phänomen auch beim Mann sprachlich einzukreisen. Das «climacterium virile» soll 1910 erstmals wissenschaftlich beschrieben worden sein. Gemäss dem «Roche Lexikon Medizin» geht zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr des Mannes die Produktion des Hormons Testosteron zurück. Aus diesem Grund werde das vegetative Nervensystem labil, Herz- und Kreislaufbeschwerden seien in der Folge zu erwarten.

Neben dem Begriff des männlichen Klimakteriums haben sich mittlerweile andere sprachliche Neuschöpfungen etabliert, etwa «männliche Wechseljahre», «Andropause», «male midlife crisis» bis hin zum Begriff des «partial androgen deficiency in the aging male» (partielles Androgendefizit des alternden Mannes; abgekürzt: Padam).

Erektionsstörungen auch bei hohen Testosteronwerten

Eine Studie befördert die Wechseljahre des Mannes jedoch in den Bereich der Mythen. Im angesehenen medizinischen Fachblatt «New England Journal of Medicine» beschrieben Hormonexperten und Epidemiologen, dass viele Beschwerden alternder Männer «nicht oder nur wenig mit niedrigen Testosteronwerten zusammenhängen».

Mehr als 3300 Männer aus acht europäischen Ländern zwischen 40 und 79 Jahren wurden untersucht. Sie gaben unter anderem Auskunft über 32 mögliche Beschwerden, die früher immer wieder ursächlich auf niedrige Testosteronwerte zurückgeführt wurden.

Die Studie zeigt nun, dass die Symptome kaum etwas mit dem Hormonhaushalt zu tun haben. Selbst bei Erektionsstörungen ist der Unterschied zwischen Männern mit Beschwerden und den anderen minimal. Erektionsstörungen gab es bei Männern mit erhöhten Testosteronwerten sogar häufiger – ein Befund, der aus der Spitzensport- und Bodybuildingszene seit längerem bekannt ist.

Gesichert scheint bisher also nur, dass sich der Hormonhaushalt des Mannes mit dem Alter verändert. Welchen Einfluss der Hormonspiegel aber tatsächlich auf altersbedingte Veränderungen hat, bleibt umstritten. Dies gilt vor allem für das vieldiskutierte männliche Geschlechtshormon Testosteron.

«Adam hat Padam»

Der Testosteronspiegel ist bei den Männern rund zehnmal höher als bei den Frauen. Bei einem gesunden, erwachsenen Mann liegt er zwischen 12 und 40 Nanomol pro Liter Blut. Die Eierstöcke der Frau stellen in den Wechseljahren die Produktion des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen komplett ein. Beim Mann hingegen nehmen die Testosteronwerte ab dem 30. Lebensjahr kontinuierlich um jährlich etwa ein Prozent ab.

Dies sind jedoch nur Durchschnittswerte, sie können von Mann zu Mann sehr unterschiedlich sein. Es ist nicht einmal klar, welche Werte für einen älteren Mann als normal gelten sollen. Manche Männer weisen mit 70 Jahren noch einen Hormonspiegel im definierten Normalbereich auf. Nur bei etwa 20 bis 30 Prozent der Pensionäre werden überhaupt tiefere Hormonspiegel nachgewiesen. Konkret messbar sind allenfalls die qualitativen und quantitativen Einbussen beim Ejakulat. Und ein durchschnittlicher Mann muss ab 50 Jahren eben damit rechnen, dass er sich nach einem Samenerguss meist nicht mehr so rasch erholt wie mit 20.

Im Mittelpunkt des Interesses stehen – wenig überraschend – also die Störungen der Sexualfunktion beim alternden Mann. Der Pharmaindustrie ist dies natürlich hochwillkommen. «Adam hat Padam» lautet ein Slogan, den die PR-Branche für die Pharmaindustrie erfunden hat. Padam steht für einen Mangel an Testosteron. Ein anderer beliebter Marketingbegriff ist Anti-Aging, eine Bezeichnung für Massnahmen, um das biologische Altern des Menschen hinauszuzögern.

Es gibt eine Tendenz, den Mann ab 50 generell als Patienten zu definieren. Abhilfe sollen teure Aufbaupräparate mit Testosteron schaffen, propagieren Industrie und etliche Männerärzte, die Andrologen, seit einiger Zeit.

Männer mit Hormonen therapieren?

Tatsächlich existieren mittlerweile Testosteronpräparate für Männer in Form von Tabletten, Implantaten, Spritzen, Pflastern oder Gelen. Und weil viele Männer es nicht ertragen, dass mit den Jahren Gewicht und Stimmungstiefs zunehmen, Potenz und andere Kräfte aber schwinden, stiess die Kampagne auf fruchtbaren Boden. Die Werbung verspricht dem alternden Mann mehr Muskelmasse, mehr Manneskraft, mehr Mut, mehr Vitalität.

Damit wirbt auch die Schweizerische Gesellschaft für Andrologie. Ihr Präsident, der Arzt Christian Sigg, schreibt: «Die Testosterontherapie ermöglicht Männern ein viel angenehmeres Alter. Der moderne alternde Mann ist informiert, gebildet sowie vermögend und damit grundsätzlich einer sogenannten Ersatztherapie – die keineswegs nur auf das Testosteron beschränkt ist, sondern auch Wachstumshormon, Melatonin und Nebennierenrinden-Hormone umfasst – zugänglich.»

Wenn die Ursachen für die klassischen Männerprobleme aus den Veränderungen im Hormonhaushalt resultierten, würde es tatsächlich folgerichtig scheinen, Männer im Klimakterium mit Hormonen zu therapieren. Analog zu den Frauen, die seit Jahrzehnten in den Wechseljahren so behandelt wurden. Dort fand aber längst ein Umdenken statt. Vor allem seit Studien klar belegt haben, dass durch Hormontherapien ein erhöhtes Risiko besteht, an Brust- und Eierstockkrebs zu erkranken.

Warnsignale erkennen

Auch die Neubewertung bei den Männern ist jetzt in vollem Gang. Die Abgabe von Testosteronpillen zur Linderung von Altersbeschwerden hat offenbar wenig mit wissenschaftlich erhärteten Fakten zu tun. Viele Mediziner stehen der Testosteronsubstitution denn auch zunehmend kritisch gegenüber: Der Nutzen einer Testosteronabgabe müsste erst durch zuverlässige Studien abgesichert werden, so die Ärzte. Der unkritische Einsatz von Testosteron berge zudem unkalkulierbare Risiken. Testosteron kann nämlich das Wachstum eines entstehenden Tumors aktivieren. Er ist der häufigste Krebs bei Männern, jeder zehnte ist betroffen. Zudem könne Testosteron das Blut verdicken oder sogenannte Schlafapnoestörungen begünstigen, also Schnarchen in Verbindung mit wiederholten Atemstillständen.

Die kritische Gemeinde der unabhängigen Fachmediziner scheint sich mit ihrer Ansicht durchzusetzen. In der Regel bereitet die Hormonabnahme bei den Männern keine gesundheitlichen Probleme. Auch Erektionsstörungen liegen nur selten ein Mangel an Sexualhormonen zugrunde. Meist haben sie andere Ursachen wie Tabletten-, Nikotin- und Alkoholkonsum, Übergewicht oder Stress.

Eine Hormonersatztherapie ist also nur in begründeten Fällen empfehlenswert. Wenn also wiederholt niedrige Testosteronwerte auftreten und der Betreffende schwerwiegende Probleme hat. Sie sollte aber nur auf Verschreibung eines Arztes hin angewandt werden.

Aus all diesen Gründen scheint es ratsamer, nicht sofort in die Pharmakiste zu greifen. Sondern sich frühzeitig mit dem Alterungsprozess zu beschäftigen, ein Bewusstsein für seinen Körper und seinen Geist zu entwickeln und vermehrt darauf zu achten, was gut ist für das Wohlbefinden.

Vor allem Männer entwickeln oft die Gabe, die Warnsignale von Körper und Psyche jahrelang zu ignorieren und fachliche Hilfe nur im akuten Notfall zu akzeptieren. Bis sie ab 50 Jahren gewisse chronische Beschwerden nicht mehr verdrängen können und erschreckt feststellen müssen, dass sie älter werden. Etwas überspitzt formuliert: Männer fühlen sich topfit, bis sie tot umfallen.

Männerleiden ab 50

  • Lungenkrebs: Er ist zwischen 50 und 75 die häufigste Todesursache beim Mann.
  • Herzprobleme und Herzinfarkt: Bei Männern zwischen 45 und 49 Jahren sind Herzinfarkte die häufigste Todes­ursache. Verursacht werden sie vor allem durch Stress, Rauchen und Übergewicht.
  • Prostatakrebs: Er ist der häufigste Krebs bei Männern und die zweithäufigste Todesursache aufgrund von Krebs nach ­Lungenkrebs. Die Häufigkeit nimmt mit dem Alter zu. Jeder zehnte Mann erkrankt an Prostatakrebs, jeder 30. Mann stirbt daran.
  • Erektionsstörungen: Sie sind ein Warnsignal des Körpers und der Psyche.
    Sie werden begünstigt durch Übergewicht, Rauchen, Medikamenten- und Alkoholmissbrauch.
  • Blasenschwäche: Jeder zehnte Mann macht irgendwann in seinem Leben Erfahrung mit Blasenschwäche. Es gibt viele Ursachen dafür, die häufigste ist eine Vergrösserung der Prostata. Tatsächlich ist die Hälfte aller Männer über 50 Jahre von einer Prostatavergrösserung betroffen – also weit mehr, als man denkt.

Wie Sie gesünder leben können

Männer sind weniger gesundheitsbewusst als Frauen, geben weniger für Fitness und Körperpflege aus und scheuen allgemein den Gang zum Arzt. Die Hälfte der Männer ab 50 Jahren macht keinen Sport oder bewegt sich nur ungenügend.

Regelmässige körperliche Aktivitäten erhöhen aber unabhängig vom Alter die Leistungsfähigkeit von Herz, Kreislauf und Muskulatur und reduzieren damit das Risiko für viele Krankheiten.

Selbst wer erst ab 50 vom Stubenhocker zum körperlich aktiven Mann konvertiert, hat ebenso gute Chancen auf ein langes und gesundes Leben wie jene, die lebenslänglich aktiv waren. Sportmediziner emp­fehlen drei bis vier Stunden in der Woche, bei mittlerer Intensität. Als besonders geeignet gelten Ausdauersportarten mit kon­tinuierlichen, sanfteren Bewegungen wie Nordic Walking, Radfahren oder Schwimmen, kombiniert mit einem Krafttraining. Ab 50 ist es ausserdem ratsam, das Training etwas lockerer anzu­gehen, denn es treten häufiger Zerrungen auf, weil die Muskeln weniger dehnbar sind als früher. Der Pulsschlag sollte 180 pro ­Minute minus das Lebensalter nicht überschreiten, dann ist die Belastung richtig und tut auch dem Herzen gut.

Regelmässige Aktivität reguliert auch das Gewicht. Die Zahl der übergewichtigen Menschen jeden Alters hat in den letzten Jahren weiter zugenommen, wie aus dem Bericht «Nationales Programm Ernährung und Bewegung» des Bundesamts für Gesundheit hervorgeht. Jeder dritte ­Erwachsene wiegt zu viel. Übergewicht ­vorab im Alter ist ein entscheidender Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ­Zuckerkrankheit, Bluthochdruck oder Gicht.