Beobachter: Herr Russi, Sie sind 61 Jahre alt – haben Sie ein Geheimrezept, um so jung auszusehen, zum Beispiel eine spezielle Hautpflege?
Bernhard Russi
: Nein, es wäre mir zu mühsam, meine Haut speziell zu pflegen. Aber ich bin beruflich und privat sehr häufig an der frischen Luft, und ich kann mir vorstellen, dass das dem Körper guttut. Sicher spielen auch die Gene, die ich erhalten habe, eine Rolle – und dafür kann ich ja nichts. Ich kann nur danke sagen und dazu beitragen, was ich kann. Was die Lebensweise betrifft, bin ich jedoch kein Klosterschüler. Es ist nicht etwa so, dass ich keinen Alkohol trinke. Ich geniesse das Leben. Und ich nehme auch sehr gerne Gelegenheiten wahr, spontan zu feiern.

Beobachter: Was sagen Sie zum Trend in unserer Gesellschaft, dass alle zwar alt werden wollen, aber niemand alt sein will?
Russi: Ich finde, wenn jemand voll und ganz zufrieden ist mit dem, was er tut und was er hat, spielt es eine weniger grosse Rolle, wie er aussieht. Wenn man sich nur aufs Aussehen reduziert, hat man ein grosses Problem mit sich selbst. Sicher gehört das Aussehen dazu. In erster Linie sind mir aber Zufriedenheit und persönliches Wohlbefinden wichtig.

Beobachter: Auch Sie werden älter. Sind die äusserlichen Zeichen des Älterwerdens ein Problem für Sie?
Russi
: Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich in meinem Gesicht keine Veränderung. Ich sehe sowieso nur ganz kurz in den Spiegel: schaue, ob der Pullover zum Hemd passt – oder ob ich mir wieder einmal die Haare schneiden lassen sollte.

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Beobachter: Der Spiegel ist also nicht wichtig für Sie?
Russi: Jemand hat mir einmal gesagt, wenn man sein Gesicht im Spiegel ein paar Minuten lang anschaue, sehe man sein Inneres. Das geht wahnsinnig schnell. Man muss dem Blick standhalten – und wenn man ehrlich ist, sieht man dann nicht mehr sein Gesicht, sondern man schaut in sich hinein.

Beobachter: Das klingt fast schon meditativ. Können Sie mir das näher erklären?
Russi: Diesen Tipp gab mir vor vielen Jahren ein alter Bauer an der Preisverleihung der Schweizer Meisterschaft in Gstaad 1970. Ich war gerade Dritter im Riesenslalom geworden. Um herauszufinden, ob ich wirklich zufrieden mit mir sei, müsse ich mich vor einen Spiegel stellen, meinte der Mann: Am besten splitternackt solle ich mich fünf Minuten lang anschauen. Ich habe verstanden, was dieser Mann sagen wollte. Viel wichtiger als das Äussere ist das innere Gefühl, der innere Wert, das Wohlbefinden. Von aussen kann niemand beurteilen, ob ein Mensch, der Erfolg hat, auch zufrieden ist.

Beobachter: Was tun Sie konkret fürs Wohlbefinden?
Russi: Sport spielt eine sehr grosse Rolle. Wenn ich zwei oder drei Tage keinen Sport mache, schreit mein Körper danach. Ich bin im Winter beruflich oder privat täglich auf den Skiern. Bei den Besichtigungen der Rennstrecken nutze ich zwischendurch jede Gelegenheit, um ein paar schöne Schwünge zu machen. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, halte ich oft spontan bei einer Kletterhalle an, um ein paar Stunden zu klettern. Ich bin nicht der Typ, der fix dreimal pro Woche ins Fitnesscenter geht. Wenn ich aber in Hotels unterwegs bin, nutze ich das Angebot. Hat es dort nichts, wird mein Hotelzimmer zur Turnhalle, und ich mache zum Beispiel Klimmzüge am Türrahmen. Dabei ist auch schon der Türrahmen abgebrochen…

Beobachter: Sie haben offenbar zu viel Kraft.
Russi
: (Lacht) Oder der Türrahmen war zu wenig robust.

Beobachter: Was raten Sie Menschen ab 50, die sich bis jetzt nicht so viel bewegt haben?
Russi: Wenn der Körper es nicht gewohnt ist, Sport zu treiben, verlangt er auch nicht danach. Eine Person, die noch nie Sport getrieben hat, sollte sich erst eine Basis schaffen, damit sich der Kreislauf an eine gewisse Beanspruchung gewöhnt. Eine Möglichkeit wäre etwa, erst einmal ein paar Runden auf der Finnenbahn zu marschieren. Nach ein paar Tagen kann man beginnen, leicht zu joggen. Später werden die Länge oder die Intensität gesteigert, weil sie nicht mehr genügen. Es gibt in jedem Alter viele Möglichkeiten, sich zu bewegen. Selbst wenn man Knie- oder Hüftprobleme hat, kann man Velo fahren oder schwimmen.

Beobachter: Welchen Stellenwert hat die körperliche Bewegung für Sie heute im Gegensatz zu früher?
Russi: In meinem Alter ist die Disziplin sicher wichtiger geworden. Entscheidend ist, dass man nicht aufhört, den Körper zu fordern und zu fördern. Egal, ob man 18, 39 oder 62 ist. Aber mit 40 macht es vielleicht noch nicht so viel aus, wenn man eine Zeitlang weniger tut und nach ein paar Jahren – etwa weil man zugenommen hat – wieder mit dem Training beginnt. Der natürliche Muskelabbau beginnt schon sehr früh, doch wenn man richtig trainiert, ist es bis ins hohe Alter möglich, die Muskelkraft zu steigern.

Beobachter: Wie gehen Sie damit um, dass Sie Ihrem Körper irgendwann nicht mehr die Leistungen von heute abverlangen können?
Russi: Die Situation, an meine körperlichen Grenzen zu kommen, kenne ich schon von früher. Mir ist klar, dass ich eines Tages nicht mehr dasselbe leisten kann wie jetzt. Man muss sich immer mit der Situation auseinandersetzen, in der man sich gerade befindet. Wenn ich zurückschaue, hat es solche Phasen immer wieder gegeben. Irgendwann habe ich mich entschieden, nicht mehr als Rennfahrer den Berg hinunterzufahren, das war mit 30. Irgendwann kam der Entscheid, dass ich für die Sportübertragungen nicht mehr die Rennstrecken mit einer Kamera befahre, das war mit 55.

Beobachter: Warum haben Sie aufgehört, mit der Kamera zu fahren?
Russi: Weil ich das Gefühl habe, alles hat seine Zeit. Es gibt auch eine gewisse Genugtuung, wenn man einen Schlussstrich ziehen kann. Diese letzten Male habe ich nicht bewusst als letzte Male erlebt – zum Glück.

Beobachter: Haben Sie ein sportliches oder menschliches Vorbild für das Alter?
Russi: Nein, ich habe aber ein Idealbild von Lebensqualität, das ich anstrebe: mich wohl fühlen und zufrieden sein. Aber wie mein Leben morgen im Detail aussieht, weiss ich nicht. Ich nehme einfach jeden Tag, wie er kommt. Ich werde ja jeden Tag älter. Ein Geheimnis für Zufriedenheit ist, seine Ziele so zu setzen, dass sie der eigenen Fähigkeit entsprechen. Sie sollten nicht zu hoch und nicht zu tief sein. Das gilt für jedes Alter. Wenn ich einen 75-jährigen Mann sehe, der die Furkastrasse hinaufradelt, und ich realisiere, dass ich das nicht könnte, dann ist es okay für mich. Auch ein 30-Jähriger muss das nicht können.

Beobachter: Wo sehen Sie heute Ihre Grenzen?
Russi: In den letzten fünf bis zehn Jahren ist das Klettern zu einer Leidenschaft geworden. Es klingt vielleicht etwas überheblich, aber mein Schwierigkeitsgrad beim Klettern war noch nie so hoch wie heute. Dazu wäre ich vor drei oder vier Jahren noch nicht fähig gewesen. Durch das Training und die Technik konnte ich mich steigern. Man könnte sagen, mit 60 sollte man es etwas ruhiger nehmen und weniger wilde Sportarten betreiben. Bei mir ist es nicht so, das Klettern hat mich wirklich gepackt.

Beobachter: In welchem Bereich liegt heute für Sie eine sportliche Herausforderung?
Russi: Der Inbegriff von sportlichem Erfolg ist für mich heute zum Beispiel eine zehn bis zwölf Stunden dauernde, schwierige Klettertour. In Zahlen ausgedrückt: im Schwierigkeitsgrad 6b.

Beobachter: Denken Sie manchmal daran, richtig alt oder auch gebrechlich zu sein?
Russi: Nein, bisher habe ich nicht darüber nachgedacht. Ich denke auch, es bringt nichts, das zu tun. Die Lebensschule des Spitzensports hat mich gelehrt, nur mittelfristig zu planen. Höchstens zwei, drei Jahre voraus. Aber auch als 20-Jähriger fragt man sich in der Regel nicht: Was mache ich mit 30? Das darf man nicht, denn das Leben könnte mit 21 schon zu Ende sein.

Beobachter: Haben Sie schon in jüngeren Jahren Vorkehrungen für das Alter getroffen, beispielsweise was die Finanzen oder die Wohnsituation betrifft?
Russi: Als Skirennfahrer habe ich mein Geld mit viel Risiko verdient. Das Risiko muss ich nicht auch noch als Geldanleger herausfordern. Ich bin eher ein konservativer Anleger, auch im Hinblick auf später. Als 26-Jähriger hätte ich eine Attikawohnung kaufen können, aber ich entschied mich aus Vorsicht zunächst für die Zweizimmerwohnung. Eine gewisse Absicherung für die Zukunft war mir schon wichtig. Über das Wohnen im Alter mache ich mir jedoch keine Gedanken.

Beobachter: Ab 50 beginnt für viele eine neue Phase: Die Kinder sind ausgeflogen, man zieht um, oft kommt es zur Trennung. Es gibt aber auch Menschen, die nochmals Kinder wollen. Sie haben sich letztes Jahr von Ihrer Frau getrennt. Ist es für Sie ein Thema, noch mal eine Familie zu gründen?
Russi: Nein, das ist kein Thema mehr.

Beobachter: Was ist Ihr ganz persönlicher Tipp, um in Würde älter zu werden?
Russi: Ich glaube, dazu muss man die Kunst beherrschen, im Jetzt zu leben und daraus immer wieder das Beste zu machen. Es hat keinen Sinn, dass man sich mit 60 wieder so verhält wie mit 20 oder 30 Jahren. In jedem einzelnen Lebensabschnitt sollte man seine Möglichkeiten kennen und damit leben. Zum Älterwerden gehört, von seinem Erfahrungsschatz und von schönen Erinnerungen zu zehren – aber auch gewisse Gegebenheiten und Grenzen zu akzeptieren.

Beobachter: Klingt sehr vernünftig.
Russi: Ich weiss aber nicht, was nächstes oder übernächstes Jahr ist. Vielleicht flippe ich ja auch plötzlich total aus, ich habe keine Ahnung.

Beobachter: Gibt es noch einen Traum, den Sie sich erfüllen möchten?
Russi: Ja, ich möchte gerne ans Klavier sitzen und wunderbar spielen können. Ich habe vor ein paar Jahren angefangen, etwas Klavier zu spielen. Aber die Zeit dazu hat mir bisher gefehlt.

Biographie

Bernhard Russi ist einer der be­kanntesten und erfolgreichsten Skisportler der Schweiz. 1970 wurde er Abfahrtsweltmeister. 1972 ­gewann er an der Olympiade in ­Sap­poro ­(Japan) die Goldmedaille und die Welt­meisterschaft in der Abfahrt. Heute ist er unter anderem als Pistenarchitekt für den ­Internationalen Skiverband (FIS) und als Co-Moderator von Abfahrtsrennen tätig. Russi ist in zweiter Ehe verheiratet mit der Schwedin Mari Bergström und hat zwei erwachsene Kinder.