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Das zweite Leben des Dr. Nils Jent«Ich war wie ein Stück Holz»

Nils Jent war so gut wie tot. Schwerst verletzt kämpfte er sich ins Leben zurück. Trotz körperlicher Behinderung schaffte er den Doktortitel.

Sein Gehör war der einzige Sinn, der nach dem Unfall noch intakt war: Nils Jent
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Nils Jent ist blind, körperbehindert, auf den Rollstuhl angewiesen und kann sich nur unter grosser Anstrengung artikulieren, und auch dann nur in der verwaschenen, schwer verständlichen Sprache jener Menschen, die einen Hirnschaden erlitten haben. Wer dem gebürtigen Aargauer zum ersten Mal begegnet, läuft Gefahr, ihn als geistig behindert einzustufen. Das ist ihm bewusst, denn der 49-Jährige verfügt über einen wachen Verstand: «Ich bin darauf angewiesen», nuschelt er, «dass sich die Umgebung auf mich einlässt und mir etwas mehr Zeit und Geduld schenkt.» Wer das tut, erfährt, dass ein Doktor der Ökonomie vor ihm sitzt, der die Professur anstrebt. Ein blitzgescheiter Mann, der sein gesamtes Leben weit­gehend selbständig managt.

Trailer zum Film «Unter Wasser Atmen - Das zweite Leben des Dr. Nils Jent»

Sein Gehör war der einzige Sinn, der nach jenem Motorradunfall im Jahr 1980 noch intakt war. Jent lag blind, stumm und bewegungsunfähig im Spital. Er hatte jedes Körpergefühl eingebüsst: «Ich war wie ein Stück Holz und wusste nicht, ob das, was ich da gerade erlebte, Realität war oder ob ich in einem Alptraum festsass. Gott sei Dank hatte der Schock auch jede Angst blockiert.» Er hatte zahlreiche Brüche erlitten, einen Darm- und Leberriss sowie eine Lungenperforierung. Eine fast fünfstün­dige Notoperation wurde durchgeführt. An deren Ende setzte auch noch sein Herz aus – während rund acht Minuten. Das zog sein Hirn in Mitleidenschaft.

Das Wichtigste: Lernen loszulassen

Danach fiel Jent für drei Wochen ins Koma. Es kam einem medizinischen Wunder gleich, dass er überlebte. Nach seiner «Rückkehr» realisierte der damals 18-Jährige rasch, dass er «noch völlig klar im Kopf» war, und brannte darauf, sich mit Ärzten und Eltern zu verständigen. Nur wie? Da fiel seiner Mutter auf, dass er die Augenlider bewusst heben und senken konnte. Von dem Moment an kommunizierten die beiden, indem sie die Buchstaben des Alphabets aufsagte und er mit einem Lidschlag diejenigen wählte, die er zum Zusammensetzen eines Wortes brauchte. Die Methode funktionierte: «Alle merkten endlich, dass ich ja alles verstehen konnte und geistig fit war.»

Eine rund sechsjährige Rehabilitationszeit schloss sich an: Jent lernte wieder sprechen, sich selber zu waschen, anzuziehen und kleine Mahlzeiten aufzuwärmen. Seine Körperempfindungen kehrten zurück. Das Wichtigste aber sei gewesen, dass er gelernt habe loszulassen: «Alles, was vorher war, war weit weg, und ich stand am Beginn eines völlig unbekannten, neuen Lebens.» War er früher schnell, exzessiv, sport­lich, ein begeisterter Musiker, zwangen ihn seine Behinderungen nun zu Langsamkeit, hartnäckiger Ausdauer und zum Weg nach innen. Er habe damit umgehen können, weil er in seinem ersten ­Leben alles sehr bewusst und intensiv ausgekostet habe und weil ihm sein zweites inzwischen so viel Spannendes biete, das er mit derselben Leidenschaft pflege wie einst den Sport oder die Musik.

Mit 27 holte er die Matura nach. Seine Mutter hatte ihm den Schulstoff in monate­langer Arbeit auf Tonband gesprochen. Er wusste, dass sein Kopf immer sein wichtigstes Arbeitsinstrument sein würde. Nicht etwa seine stark eingeschränkten Hände, wie jener fehlgeleitete IV-Berufsberater meinte, der ihm empfahl, Peddigrohrflechter oder Kaltschweisser zu werden: «Das wäre definitiv mein Untergang geworden.»

Das Studium an der HSG absolvierte Jent nahezu in Minimalzeit. Hierfür hatte der Mann, der sein Leben seit dem Unfall als «eine einzige Reihe von Selbstüberlistungen» beschreibt, ein Gerät erfunden, das ihm unschätzbare Dienste leistet. Er entwickelte eine Tastatur für seinen sprechenden Computer, die es erlaubt, einzig mit dem Daumen der rechten Hand, seinem beweglichsten Finger, alle Möglichkei­ten auszuschöpfen. Jent braucht zwar mehr Zeit, je Grossbuchstabe etwa sind drei Tastenschläge nötig, aber das Resultat ist bestechend: Mails von Nils Jent sind sprachlich perfekt und frei von Tippfehlern.

Als ihn Professor Martin Hilb von der HSG anfragte, ob er bei ihm eine Doktor­arbeit verfassen wolle, sagte Jent zu. Auch deshalb, weil er der ewigen Vorurteile von Leuten überdrüssig war, die in dem körperlich Schwerbehinderten immer auch den geistig Minderbemittelten sehen: «Das kleine ‹Dr.› vor meinem Namen räumt mit solchen Stereotypen auf», grinst er verschmitzt. Zugleich nahm er sich eines Themas an, das seinen beruflichen Werdegang prägen sollte: «Verschiedenartigkeit in der Arbeitswelt», inzwischen besser bekannt als Diversity-Management. Dahinter steht die Idee, dass berufliche Teams, die sich auch aus Menschen mit Behinderungen, über 50-Jährigen, Ausländerinnen oder Homosexuellen zusammensetzen, bei bestimmten Aufgaben bessere Ergebnisse liefern als homogene Gruppen.

Jent weiss aus eigener Erfahrung, ­welche Bedürfnisse behinderte Arbeitnehmer haben, aber auch, über welche Ressourcen und Qualitäten sie verfügen. So sei er selber zwar langsam beim Verfassen von Texten, dafür aber auch besonders sorgfältig und präzise, da jeder Fehler ihn über Gebühr Zeit koste. Bei der gemeinsamen Arbeit an einer Studie sei es somit seinen nichtbehinderten Kollegen vorbehalten, zügig die bestehende Literatur zu durchforsten und einen Rohentwurf zu Papier zu bringen: «Ich mache dann daraus einen Edelstein, indem ich den Text auf Widersprüche sowie inhaltliche Defizite ab­klopfe, praktisch jeden Satz nochmals unter die Lupe nehme, bis das Ganze glänzt.»

«Behinderung bedeutet nicht das Ende»

Nach der Promotion mit Auszeichnung wurde Jent 2002 an der HSG zum Leiter des IFPM Diversity Center berufen. In dieser Funktion ist er zu einer Art Botschafter für die Sache behinderter Arbeitnehmer geworden. Er lehrt an der Universität und hält auch in Firmen Vorträge über den Gewinn durch Diversität. Seit zwei Jahren ist er zudem Projektleiter am HSG Center for Disability and Integration. Diese weltweit in ihrer Art einmalige Institution soll zeigen, wie Menschen mit Behinderung zum Nutzen aller in die Arbeitsprozesse inte­griert und eingebunden werden können.

In diesen Tagen stehen Jent zwei Ereignisse bevor, die seine Bekanntheit merklich steigern werden. Zum einen erscheint die von TV-Moderator Röbi Koller verfasste Biographie «Dr. Nils Jent. Ein Leben am ­Limit», zum anderen läuft der Film «Unter Wasser atmen» über ihn an. «Beides bietet mir die Chance, ein breites Publikum zu erreichen», sagt Jent. Er wolle den Umgang mit einer Behinderung schildern und In­teressierten zugänglicher machen: «Eine Behinderung bedeutet nicht das Ende der Welt», sagt er. «Sie zwingt die Betroffenen aber dazu, nicht nur die eigenen, sondern auch die gesellschaftlichen Bar­rieren immer wieder zu überwinden.»

Dieser Text ist eine aktualisierte Version des Artikels «Doktor der Selbstüberlistung», erschienen in der «Zeit» vom 4. Juni 2009.

Buch: Röbi Koller: «Dr. Nils Jent. Ein Leben am Limit»; Wörterseh, 2011, 208 Seiten, Fr. 39.90; ab sofort ­erhältlich; www.woerterseh.ch

Film: Andri Hinnen, Stefan Muggli: «Unter Wasser atmen. Das zweite Leben des Dr. Nils Jent»; Dokumentarfilm, Premiere am Zurich Film Festival, 26. September 2011, 20.15 Uhr, im Kino Corso 2; www.zurichfilmfestival.org

Veröffentlicht am 13. September 2011