Beobachter: Sie sagen, das Gehirn sei bis ans Lebensende plastisch. Was meinen Sie damit?
Lutz Jäncke: Als ich studierte, hiess es, das menschliche Gehirn entwickle sich von 400 Gramm bei der Geburt auf 1200 Gramm im 20. Lebensjahr – und danach gehe es nur noch abwärts. Heute wissen wir, dass sich das Gehirn von der Geburt bis zum Tod stark verändert, je nachdem, was ein Mensch wann lernt.

 

Sie haben das bei Musikern untersucht.
Und Erstaunliches festgestellt: Wenn ein Pianist viel übt, sieht sein Gehirn völlig anders aus als das eines Geigers, der ebenso viel übt. Die Gehirnareale verändern sich in Form und Funktion, je nachdem, welche wofür und wie häufig gebraucht werden (Anmerkung der Redaktion: siehe auch «7 Tipps, um geistig fit zu bleiben»). So, wie man einem Sportler ansehen kann, für welche Disziplin er trainiert Sport Die zehn grössten Fitness-Irrtümer , kann man einem Hirn ansehen, wofür es verwendet wird. Das Gehirn ist in Form und Funktion individuell.

 

Was bedeutet das für die Entwicklung der Menschheit?
Dass das Hirn bei der Anpassung an Umstände entscheidend ist. Wir wissen mittlerweile, dass Erfahrung die Gene beeinflusst – sie kann vererbt werden. Das erklärt teilweise, warum Kinder, deren Eltern gehungert haben, eher dick werden. Das alles ist eine Folge der Plastizität des Hirns.
 

«Das Gehirn verändert sich stark, von der Geburt bis zum Tod.»

Lutz Jäncke, Hirnforscher


Was verändert sich am Hirn anatomisch?
Man muss sich das Hirn vorstellen als eine Masse aus vielen Nervenzellen mit vielen Kabeln, welche die Zellen miteinander verbinden. Diese Masse verändert sich: Das Volumen gewisser Gebiete kann wachsen, die Verkabelung kann stärker werden, aber auch schwächer. Auch die Kontaktstellen zwischen den Zellen, die Synapsen, verändern sich. Durch Lernen verändert sich die Anzahl der Synapsen, der Rezeptoren und der «Antennen», mit denen Informationen gesammelt werden. Die ganze Hardware des Gehirns passt sich sozusagen an. Das alles hat Konsequenzen für die Funktion.

 

Welche?
Zum Beispiel, dass der Alterungsprozess des Gehirns davon abhängt, was man mit dem Gehirn im Alter macht. Wenn man geistig, körperlich und sozial fit ist Gedächtnis Gymnastik für die grauen Zellen , strengt sich das Gehirn an, baut Masse auf und verhindert eine geistige Degeneration.

 

Salopp gesagt: Verblöden wir, wenn wir nicht mehr arbeiten?
Da ist auf jeden Fall eine Wechselbeziehung. Man kann heute klar zeigen, dass das Gehirn eines Menschen, der es mit 40, 50, 60 gefordert hat, weniger oder gar nicht degeneriert. Wir wissen auch, dass gewisse Hirnareale schrumpfen, wenn wir sie nicht verwenden. Verallgemeinert lautet die simple Formel: Use it or lose it – nutze oder verliere es. Deshalb kann man vorhersehen, was einem Rentner bevorsteht, wenn er sein Gehirn nicht nutzt.

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Wen betrifft das am meisten?
Viele Männer zum Beispiel, die sich als «Ernährer» wahrnehmen, verfallen nach der Pensionierung in eine Art Depression Altersdepression Wie erkennen und was man tun kann . Einer der Gründe dafür ist der Verlust von Lebenszielen. Wir sind neugierige Wesen, die Aufgaben benötigen. Wenn wir keine Aufgaben mehr lösen müssen, vegetieren wir nur noch, ein grosser Teil des Antriebs geht verloren. So verlieren wir unsere Lebenskraft.

 

Sollten wir also alle länger arbeiten?
Das kommt extrem auf die Art der Arbeit an. Bei monotoner Arbeit nützt es nichts, sie noch länger zu machen. In anderen Jobs stösst man an physische Grenzen; ein Bauarbeiter kann nicht bis 70 schuften. Der braucht eine neue Herausforderung, etwas Motivierendes. Wer so etwas hat, wird gesund und erfüllt alt.

(Fortsetzung des Interviews nach der Infobox)

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Man hört oft, man solle Kreuzworträtsel lösen.
Einfach nur Kreuzworträtsel zu lösen, bringt nicht viel – es sei denn, es handelt sich um ein kompliziertes Rätsel, wie es in der Sonntagsausgabe der NZZ oder der «Frankfurter Allgemeinen» zu finden ist. Anregender und erfolgversprechender ist allerdings, sich mit Problemen des realen Alltags auseinanderzusetzen, denn genau dafür hat sich unser Gehirn entwickelt. Zum Beispiel: Man hat ein Haus an der Côte d’Azur gekauft und will in der Rente mehr Zeit dort verbringen. Also wäre es sinnvoll, Französisch zu lernen. Das ist eine Herausforderung, man hat ein Ziel, und es hilft auch, dann vor Ort soziale Kontakte zu pflegen. Das ist Brain-Jogging pur.

 

Und wenn ich mehr lernen mag?
Dann gehen Sie in die Oper! Befassen Sie sich mit Mozart, Schubert, erschliessen Sie sich ein neues Feld. Man muss etwas machen, was für einen selbst eine gewisse Relevanz hat. Kreuzworträtsel haben das in der Regel nicht; ausserdem entwickelt man rasch eine Gewöhnung. Dann laufen Automatismen ab, die dem Hirn nicht viel bringen.

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Was wäre das optimale Hirntraining?
Am meisten nützen Aktivitäten, für die man zuerst den inneren Schweinehund überwinden Selbstdisziplin Warum klappt es nie mit den guten Vorsätzen? muss, um dann zumindest kurzfristig an seine Grenzen zu gehen.

 

Aber mich mit Mozart befassen, das klingt ja eher angenehm.
Absolut. Aber zwischendurch gibt es immer wieder Details, die einem keine Freude machen. Man muss einen Fokus haben, dann entwickelt sich auch Interesse. Und weg ist der Schweinehund.

 

Wann soll man damit anfangen, um im hohen Alter geistig fit zu sein?
Man kann nicht früh genug anfangen – aber zu spät ist es auch nie. Es gibt eine bekannte Studie aus den USA, die Nun Study. Man untersuchte die Gehirne von über 600 Ordensschwestern, deren Lebensläufe man genau kannte. Die spannende Erkenntnis: Es gab Nonnen, deren Hirne viel von den Ablagerungen aufwiesen, die Alzheimer verursachen. Sie hatten aber keine oder kaum Symptome. Andere Nonnen hatten weit stärkere Symptome, obwohl sie weniger schädliche Ablagerungen hatten. Diejenigen, die der Alzheimererkrankung Demenz «Alzheimer ist unendlich kompliziert» gewissermassen getrotzt hatten, waren solche, die schon in ihrer Jugend geistig und körperlich aktiv gewesen waren.

 

Was für ein Ratschlag folgt daraus?
Man sollte sich früh genug um sein Hirn kümmern. Und man sollte seine Rente vorbereiten Pensionierung Aufs Rentenalter vorbereiten? , schon mit 45, 50. Wenn man erst mit 65 etwas Neues anfängt, ist die Gefahr gross, dass man frustriert aufgibt. Man muss früher etwas anfangen, was einen in die Pensionierung hinüberrettet.

7 Tipps, um geistig fit zu bleiben

Anhaltende anspruchsvolle intellektuelle Beschäftigung steigert die geistige Fitness. Diese Dinge helfen dabei, das Gehirn fit zu halten:

  • Musik. Ein Musikinstrument zu spielen Musik Anfänger im besten Alter ist überaus vorteilhaft für die Förderung der Hirnplastizität. Neben der Zunahme der grauen und weissen Hirnmasse in den beteiligten, im ganzen Hirn verteilten Regionen wird auch die Myelinisierung (Ein Prozess, der für einen schnelleren Informationsaustausch im Gehirn sorgt) angekurbelt. Musizieren fördert gleichzeitig eine Vielzahl von motorischen, sensorischen und geistigen Fertigkeiten: Feinmotorik, Gehör, Gedächtnis und, im Zusammenspiel mit einer Band oder einem Orchester, die präzise Koordination und das Reaktionsvermögen.
  • 
Fremdsprachen. Eines der besten Mittel, die Neurogenese (Bildung von Nervenzellen) anzuregen, ist das Erlernen oder Vertiefen einer Fremdsprache Übersetzer-Apps Ferien mit dem Dolmetscher in der Tasche . Je mehr Sprachen, desto besser!
  • 
Denksport. Das Hirn schätzt zur Abwechslung auch das Knobeln: Denksportaufgaben Gedächtnistraining Die Vergesslichkeit vergessen , Rätsel mit steigendem Schwierigkeitsgrad usw. Manche Zeitungen und Magazine bieten regelmässig eine Auswahl verschiedener Aufgaben an. Oder suchen Sie im Internet unter Begriffen wie Gehirntraining, Denksport usw.
  • 
Weiterbildung ein Leben lang. Erschliessen Sie sich neue Interessengebiete! Kreativitäts- und Gestaltungskurse (Malen, Zeichnen, Kalligrafie, Nähen, Mode, Fotografie, Beauty/Kosmetik etc.), Computer/Informatik, Marketing oder kaufmännische Weiterbildung, Kochkurse, Bewegungsangebote (Fitness, Sport, Judo, Karate, Gymnastik, Tanzen), Entspannung (Yoga, Qi Gong, Tai Qi etc.), Massage-, Gesundheits- und Ernährungskurse – das Angebot ist unerschöpflich. Ideen finden Sie zum Beispiel in der Datenbank von www.berufsberatung.ch (unter Ausbildung, Weiterbildung suchen). 
  • Lesen. Lesen, beziehungsweise die Bedeutung der einzelnen Wörter zu analysieren, fördert die Kommunikation zwischen den einzelnen Hirnregionen und die mentale Fitness. Beim Lesen von Geschichten oder Romanen simuliert das Hirn die Handlung, sie wird geistig visuell sichtbar. Wer viel liest, bekundet mehr Sozialkompetenz, er versteht Menschen besser, ist empathischer und entwickelt seltener die Symptome einer Demenz. 
  • Neues lernen oder praktizieren. Vielfalt und alles Neue stimuliert die Neurogenese, während Routine unsere Hirnzellen sabotiert. Gehen Sie ungewohnte Wege, entdecken Sie neue Orte und gestalten Sie Ihre alltäglichen Aktivitäten um. Zum Beispiel, indem Rechtshänder zwischendurch Dinge mit links erledigen (Zähne putzen, schreiben, essen, etc.), oder indem man ein Buch oder die Zeitschrift auf den Kopf dreht und eine Seite so liest.
  • Kulturelle Betätigung. Sie bringt Abwechslung, macht Spass und bereichert intellektuell. Wir sind in der Schweiz verwöhnt mit einem reichhaltigen und hochkarätigen Kulturprogramm. Konzerte, Openairs, Museen, Theater, Kinos, Veranstaltungen, Ausstellungen und Kulturreisen – nutzen Sie das grosszügige Angebot. Es gibt auch viele kostenlose oder günstige Möglichkeiten – suchen Sie im Internet mit den Begriffen «Kultur kostenlos» und der Angabe Ihres Kantons oder Wohnorts. 

 

Das ist schädlich fürs Gehirn

Fehlt eine permanente intellektuelle Stimulation des Gehirns, verkümmern die Nervenzellen und ihre verbindenden Fortsätze bilden sich zurück. Das Hirn schrumpft im Eiltempo. Auch zu viel Routine bringt das Hirn vorzeitig zum Verwelken. Ungünstig sind ein monotoner Alltag, ein Privatleben ohne Abwechslung, aber auch gewohnheitsmässig stundenlange Fernsehabende. 

 

(Textquelle dieses Abschnittes: Robert G. Koch, «Der Schlüssel zum Gehirn – nutze dein Potential», Beobachter Edition)

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zur Person

Lutz Jäncke

Lutz Jäncke, 61, ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Er erforscht mit bildgebenden Verfahren die funktionelle Plastizität des Gehirns.

Quelle: Privat

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