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VorsorgeWas bringen Check-ups?

Medizinische Vorsorgetests werden immer öfter angepriesen. Welche sinnvoll sind und welche nicht, darüber streiten sich selbst die Fachleute.

von Vera Sohmeraktualisiert am June 07, 2017

Check-ups haben einen gewissen Charme: Ärzte stellen fest, ob Gesunde oder solche, die sich dafür halten, Krankheiten haben. Krankheitsherde werden rechtzeitig entdeckt und behandelt, damit keine Symptome entstehen oder das Ganze nicht tödlich verläuft. Um maximalen Nutzen zu erreichen, checkt man am besten ganze Bevölkerungsgruppen systematisch durch. So weit der Idealfall.

Doch den Idealfall gibt es nicht: Bei Check-ups herrscht Chaos und Verunsicherung. Was für wen empfehlenswert und nutzbringend ist, darüber reden sich Experten die Köpfe heiss.

Dazu kommt es, weil auch Eigeninte­ressen eine Rolle spielen. Beispiel Prostata­krebs: Das unabhängige Expertengremium Swiss Medical Board lehnt den sogenannten PSA-Test zur Früherkennung bei symptomlosen Männern ohne Risikofaktoren ab. Er sei untauglich, unter anderem weil trotz Bestimmung des PSA-Wertes eine Reihe von behandlungsbedürftigen Wucherungen unentdeckt bleibt.

Die Schweizerische Gesellschaft für Urologie hingegen hält am Test fest. Nicht als «unkritisches Massenscreening», aber als Teil der individuellen Krebsvorsorge. Das sei kein Wunder, behaupten böse Zungen: Urologen und Labors verdienen ja auch daran.

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Wenn «Überdiagnosen» verunsichern

Nützlich oder schädlich? Das ist für den Einsiedler Epidemiologen Johannes G. Schmidt die zentrale Frage. Für ihn steht fest, dass der Schaden schnell überwiegen kann. Vor allem, wenn es zu «Überdiagnosen» komme, Untersuchte damit verängstigt und unnötigen Eingriffen unterzogen werden. Laut Schmidt muss man sich immer eines vor Augen halten: Alle Tests – egal, ob bildgebende Verfahren oder Gewebeanalysen – unterliegen Fehlern. Bei einer Diagnose könne auch eine Auffälligkeit entdeckt werden, die zwar nach Krebs aussieht, aber gar keiner ist. Und das mit schwerwiegenden Folgen: Weitere Tests werden anberaumt, Nachkontrollen veranlasst. Schlimm wird es für die Betroffenen, wenn auch weitere Abklärungsrunden keinen eindeutigen Befund liefern. Die Ungewissheit zieht sich oft über Monate oder gar Jahre hin – eine Belastung.

Und eine Absurdität: Ohne Check-ups wären diese Menschen putzmunter und unbeschwert geblieben. Laut Schmidt läuft in der Medizin etwas falsch, wenn jene zu Patienten gemacht werden, die ein Leben lang höchstwahrscheinlich keinerlei Beschwerden haben werden. Tatsache sei: «Krankhafte Veränderungen können verschieden verlaufen.» So «schlafe» Prostatakrebs bei den meisten Männern. Laut diversen Stu­dien trägt ihn jeder Dritte oder Vierte über 50 in sich, über 80 dann jeder Zweite. 85 Prozent aber «sterben mit dem Krebs, nicht an dem Krebs», sagt der deutsche Psychologe Gerd Gigerenzer. Dennoch werden viele Männer auf Verdacht hin operiert. Der Eingriff ist risikoreich und kann Impotenz oder Inkontinenz nach sich ziehen.

Wie hoch der Nutzen von Reihenuntersuchungen wirklich ist, haben nach Schmidts Angaben kontrollierte Studien von zwei Vergleichsgruppen immer wieder gezeigt: Danach wird die Krebssterblichkeit nur minim gesenkt. Beispiel Mammographie: Setze eine Frau darauf, könne sie mit viel Glück die eine von 1000 sein, die dank der Früherkennung in den nächsten zehn Jahren nicht an Brustkrebs sterbe. Noch drastischer ausgedrückt: «Wenn eine Frau mit Autofahren aufhört, reduziert sie ihr Sterberisiko weit mehr als durch die Teilnahme an der Mammographie.»

Also alles sinnlos? «Nein. Aber wir dürfen Check-ups nicht unbesehen bei Tausenden Gesunden anwenden», sagt Präventivmediziner Marcel Zwahlen. Er plädiert für ein nationales und unabhängiges Gremium, das die Untersuchungen prüft und verbindliche Empfehlungen dafür oder dagegen abgibt. Und das Fälle von Missmanagement aufdeckt.

Beispiel Gebärmutterhalskrebs: Einerseits durchlaufen viele Frauen den Test zu häufig. Ein Routinegeschäft für Gynäkologen; und kaum jemand habe Interesse da­ran, diesen Rhythmus zu durchbrechen. Es gebe aber auch Frauen, die den Test nicht kennen. Ausländerinnen etwa, die 45 oder älter sind. Für Marcel Zwahlen unglaublich: «Die Angebotsliste von Check-ups wird immer länger. Gleichzeitig gibt es ganze Bevölkerungsgruppen, die durchs Netz fallen.» Und zwar da, wo Früherkennung durchaus sinnvoll wäre: Die Hälfte der Frauen, die an Gebärmutterhalskrebs erkranken, war nie bei der Vorsorgeuntersuchung.

Diese Check-ups sind sinnvoll

Blutdruckmessung: Männer und Frauen, ab 20, alle drei bis fünf Jahre.

Cholesterinmessung: Männer zwischen 35 und 65, Frauen zwischen 45 und 65, alle fünf Jahre. Patienten mit Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ab der Diagnose. Häufigkeit mit dem Arzt absprechen.

Diabetes-Screening: Frauen und Männer, ab 45, alle drei Jahre. Bei Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Übergewicht, Typ-2-Diabetes in der Familie, Diabetes in der Schwangerschaft ab der Diagnose. Häufigkeit mit dem Arzt absprechen.

Glaukom-Screening (grüner Star): Männer und Frauen, ab 50, alle zwei bis drei Jahre. Ab 40 bei Risikopatienten (grüner Star in der Familie, Übergewicht, hoher Blutdruck, starke Kurzsichtigkeit, lange Steroidtherapie, Schwarze). Häufigkeit absprechen.

Gebärmutterhals-Abstrich (PAP): Sexuell aktive Frauen ab 20. Zweiter Abstrich ein Jahr später, dann alle drei Jahre. Ab 65 nur bei Risikopatientinnen.

Dickdarmspiegelung: Frauen und Männer, ab 50, alle zehn Jahre, bis 70. Bei Risikopatienten (Dickdarmkrebs in der Familie, chronische Darmentzündungen, Darmpolypen) alle fünf Jahre respektive in Absprache mit Arzt. Kassenpflichtig nur bei Risikopatienten.

Diese Check-ups sind umstritten

Mammographie (Brustkrebs): Für Frauen ­ohne Risikofaktoren gibt es keine grundsätzliche Empfehlung zur Vorsorgeuntersuchung. Für Frauen ab 40 mit Risikofaktoren (familiäre Häufung) alle zwei Jahre.

PSA-Bestimmung (Prostata): Keine Emp­fehlung bei Männern ohne Risikofaktoren. Bei Männern mit familiärer Belastung (ein erstgradig Verwandter, der jünger ist als 65, oder mehrere erstgradig Verwandte sind unabhängig vom Alter an Prostatakrebs erkrankt): Untersuchung ab 50 Jahren respektive zehn Jahre vor Zeitpunkt der Diagnose beim Verwandten. Häufigkeit mit dem Arzt absprechen.

Darmkrebs (okkultes Blut): Unspezifischer Test, nur empfehlenswert, wenn Patienten bei positivem Befund zur Darmspiegelung bereit sind.

Diese Check-ups sind unnütz

Wenn Risikofaktoren und Beschwerden fehlen, kann auf folgende Vorsorgeuntersuchungen verzichtet werden:

Lungenröntgenbild
Lungenfunktion
Urinuntersuchung
Bestimmung von Tumormarkern
EKG und Belastungs-EKG
Ultraschalluntersuchungen des Bauches

Quelle: www.medix.ch