17_99_caricaie.jpgZehntausende baden an schönen Tagen an Sandstränden, die ans Mittelmeer erinnern, Boote ankern vor romantischen Schilfufern oder in kleinen Buchten, und Familien picknicken auf lang gezogenen Sandbänken im Wasser.

Im Herbst durchstreifen Jäger und Pilzsammler die Wälder. Die Grande Cariçaie, das oft auch «Schweizer Camargue» genannte Südufer des Neuenburgersees, ist ein attraktives Erholungsgebiet.

Aus diesem Paradies werde der Mensch bald vertrieben, behauptete letzten Spätherbst die Organisation Aqua Nostra, ein breites Bündnis aller möglichen Freizeitvereine. Mit markigen Worten bekämpfte Aqua Nostra einen Naturschutzplan der Kantone Waadt und Freiburg für die Grande Cariçaie. Originalton: Der Plan laufe «auf die Errichtung eines Nationalparks hinaus, von dem die Menschen praktisch ausgeschlossen wären». Kein Wunder, dass die polemische Kampagne eine enorme Protestwelle auslöste: 100000 Einsprachen gingen ein, sehr viele aus der Deutschschweiz. Das Netzwerk der Sportklubs zeigte Organisationstalent und motivierte auch völlig Unbetroffene wie zum Beispiel den Shipper Club Zürichsee zu Solidaritäts-Einsprachen. Aber auch die Behörden der Ufergemeinden wehrten sich engagiert gegen den Naturschutz.

Station für 100000 Zugvögel

Im Lärm des Protestes ging unter, dass die kantonalen Behörden gute Argumente für die geplanten Schutzgebiete besitzen. Die Grande Cariçaie bietet vielen Tier- und Pflanzenarten Schutz. Für bedrohte Wasservogelarten ist sie sogar das wichtigste Gebiet der Schweiz. Von europäischer Bedeutung ist die Grande Cariçaie zudem als Station für jährlich rund 100000 Zugvögel. Zwergschwäne zum Beispiel flogen letztes Jahr aus dem Uralgebirge an, um hier zu überwintern.

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Nicht weniger als fünf verschiedene Naturschutzverordnungen des Bundes stellen die wertvolle Flora, Fauna und Landschaft unter Schutz. Die Kantone sind verpflichtet, entsprechende Massnahmen zu ergreifen. Die Zeit drängt, denn in der Saison 2001 wird die Expo.01 Rekordmassen von Besuchern anlocken.

Wer behauptet, die Schweiz betreibe übertrieben perfektionistischen Naturschutz, irrt sich gründlich. Wenige Wochen vor der Protestwelle am Neuenburgersee veröffentlichte die renommierte internationale Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) einen Bericht, der dem schweizerischen Natur- und Landschaftsschutz schlechte Noten erteilt. Uberdurchschnittlich viele Tier- und Pflanzenarten seien vom Aussterben bedroht. So zum Beispiel 44 Prozent der Vogelarten.

Nun drohte die heftige Opposition die geplanten und nötigen Schutzgebiete zu verunmöglichen. Um das Projekt zu retten, setzten sich Philippe Roch, Direktor des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal), und die zuständigen Regierungsräte Claude Lässer (FR) und Jean-Claude Mermoud (VD) mit den Behörden der Ufergemeinden zusammen.

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Anfang Juli präsentierten sie einen Kompromissvorschlag, der den Gegnern etwas entgegenkommt: Es werden zusätzliche Bademöglichkeiten vorgesehen, und den Freizeitschiffern im Sommer wird mehr Bewegung in geschützten Uferzonen gestattet. In den Grundzügen bleiben die Naturschutzgebiete aber gleich gross.

Für die Umweltorganisationen WWF und Pro Natura ist die Schwächung des Naturschutzes zwar bedauerlich. Sie hoffen jedoch, dass die Schutzgebiete jetzt rasch geschaffen werden können. Tatsächlich stehen die Chancen dafür gut. «Der Vorschlag von Roch hat mich sehr angenehm überrascht», erklärt etwa Jean-Jacques de Montmollin, Segler und Mitglied des leitenden Komitees von Aqua Nostra. Falls der überarbeitete Schutzplan wirklich so aussehe wie angekündigt, stimme Aqua Nostra wahrscheinlich zu.

Bootshafen im Schutzgebiet

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Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, ist auch das Credo des Biologen Michel Antoniazza. «Weniger strenge Vorschriften sind vielleicht die bessere Lösung, wenn sie dafür auch tatsächlich eingehalten werden», sagt er leicht resigniert. Antoniazza pflegt und betreut die Grande Cariçaie im Auftrag von Behörden und Umweltorganisationen seit Jahren.

Ein Augenschein mit Antoniazza und Pierre Poch, dem Vertreter von Aqua Nostra, beim geplanten Naturschutzgebiet La Motte zeigt, dass der Streit sich teilweise um Banalitäten drehte: Der ursprüngliche Plan wollte das Ankern und damit das Baden in einer Zone von 150 Metern vom Schilfufer verbieten. Die Boote hätten sich aber in der Zone bewegen dürfen. Der Kompromissvorschlag reduziert diese Zone auf 50 Meter, untersagt dafür aber jeglichen Bootsverkehr. Heute gilt das Verbot in einer Zone von nur 25 Metern.

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Ein grösseres Problem ist der Hafen von Gletterens weiter westlich. Er schneidet das geplante Naturschutzgebiet entzwei. Der Hafen ist eine Altlast aus den sechziger Jahren. Selbst Poch gibt zu, «dass man ihn besser nie gebaut hätte». Heute ist er aber da und mit ihm 250 Bootsbesitzer, die sich gemeinsam mit der Gemeinde für seine Erhaltung wehren. Der Kompromiss sieht nun vor, dass der Hafen bloss verkleinert wird. Dies, obwohl seine Aufhebung eigentlich bereits beschlossen war.

Trotz all diesen Kompromissen ist aber noch immer unsicher, wie umfassend die Schweizer Camargue schliesslich geschützt werden kann. Philippe Gmür, Naturkonservator des Kantons Waadt, gibt sich zwar optimistisch: «Wir werden die Schutzgebiete auf jeden Fall realisieren, bevor die Expo.01 ihre Tore öffnet.» Doch die meisten Ufergemeinden hatten sich bei Redaktionsschluss noch nicht zum neusten Vorschlag geäussert.

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Inzwischen ist die erste Phase des heftigen Streits um die Naturreservate bereits wissenschaftlich untersucht. Die Geografin Sylvie Regli, die selber in Yverdon wohnt, hat dazu ihre Lizenziatsarbeit an der Universität Neuenburg verfasst. «Alle Beteiligten haben Fehler gemacht, weil sie nicht hören wollten, was die Gegenseite zu sagen hatte», erklärt sie.

Auf der Seite der Behörden habe zum Beispiel der Umweltdienst des Kantons Waadt «die Wünsche und Bedürfnisse der Gemeinden zu wenig berücksichtigt». Die Karten der Schutzgebiete waren den Laien in den Gemeinderäten nicht genügend verständlich. Für die vier Gemeinden, die Regli untersucht hat, war die Angelegenheit «eher ein Problem der Form als eine Grundsatzfrage». Sie fühlten sich überfahren vom Kanton, der Verordnungen des Bundes von oben durchsetzen wollte.

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Kampagne gegen Naturschutz

Schwere Vorwürfe erhebt Regli gegenüber der Kampagne von Aqua Nostra: «Die Behauptung, dass die Menschen vom Südufer des Neuenburgersees ausgeschlossen würden, war eine absichtliche Desinformation.» Sie zeigte offensichtlich Wirkung. Dies belegt eine Meinungsumfrage, die Regli bei der Bevölkerung durchgeführt hat: Danach sprachen sich 80 Prozent zwar für Naturschutzgebiete aus, aber nur, falls diese «der Öffentlichkeit zugänglich sind». Zwei Drittel der von Regli Befragten lehnten die geplanten Naturschutzgebiete als «zu einschränkend» ab.

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