Als am 24. Oktober 1929 in New York die Börse zusammenkracht, Händler hektisch Aktien verkaufen und die Welt in die Weltwirtschaftskrise stürzt, holt im schaffhausischen Rüdlingen die Serviertochter Seline Meyer einen hal­ben Liter Rotwein aus dem Keller des Restaurants Rebstock. «Die Karaffe musste bis zum Strich voll sein, sonst schickte mich Mutter nochmals runter», erzählt die heute 99-Jährige und lacht.

Im Jahr des Börsencrashs ist sie 19 und arbeitet im Restaurant der Eltern. «Es Hal­beli Rote» kostet Fr. 1.50. Seline ist bildhübsch, und es kümmert sie herzlich wenig, was in der Welt Grosses passiert. Denn ein halbes Jahr zuvor sind zwei junge Handwerker im «Rebstock» eingekehrt. «Der eine hat viel gesoffen, der andere hat nichts gesagt.» Beide kommen am nächsten Tag wieder, am übernächsten auch. Und eines Tages geht der Stille zu Selines Mutter in die Küche und fragt, ob er die Tochter am Pfingstmontag ausführen dürfe. «Mutter fragte herum, was das für einer sei. Dann durfte ich mit Ernst zum Tanz.»

Die Weltwirtschaftskrise spüren in der Schweiz – genau wie in der Krise 2009 – zuerst die Banken, die in den zwanziger Jahren immer internationaler tätig geworden sind. Sie verlieren insgesamt 1,7 Milliarden Franken oder sieben Prozent der Gesamtbilanzsumme. Der Bund muss zahlreiche Banken sanieren und wendet dafür 200 Millionen Franken auf.

Seline Schweizer, 99: «Ich schaute, dass immer alles bezahlt war. Sonst wären auch wir verlumpet.»

Quelle: Vera Hartmann

«Das ist doch ein Heiratsschwindler!»

Bei den Leuten kommt die «Grosse Depression» erst 1931 an, als die Exporte um mehr als einen Drittel einbrechen. Das trifft vor allem die Textil-, Metall- und Maschinen­industrie, aber auch den Tourismus. Und den Lehrmeister von Selines Schatz Ernst.

Ernst Schweizer macht Anfang der dreissiger Jahre in Zürich eine Lehre als Wagner, fährt jeden Montag mit dem Velo von Rafz in die Stadt und am Samstag zurück. Kost und Logis zahlt er selbst. Trotzdem geht sein Lehrmeister in Konkurs, muss aus Zürich wegziehen und eröffnet ausserhalb ein neues Geschäft. So kann Ernst seine Lehre beenden.

Zurück in Rafz, will er eine Werkstatt einrichten, doch fehlt ihm das Geld für eine Hobelmaschine. «Ich habe ihm meine gesamten Ersparnisse angeboten», erzählt Seline fast achtzig Jahre später. Doch die Mutter verbietet das Liebesdarlehen: «Das ist doch ein Heiratsschwindler!», meint sie empört. Ernst Schweizer muss das Geld bei einem Bekannten aufnehmen und kann sein Geschäft trotz Krise eröffnen.

Ganz anders ergeht es Theodor Tobler, dem Gründer der Chocolat Tobler AG. «Mein Vater musste 1933 seine Firma aufgeben», erzählt Sohn Valentin Tobler, 89. Damals leben Toblers auf einem Landsitz am Berner Stadtrand, und die Firma hat Boomjahre hinter sich. In den Zwanzigern waren die Amerikaner verrückt nach der Toblerone, die als erste Schoko­lade der Schweiz patentiert wurde – «von Albert Einstein persönlich», der damals beim Eidgenössischen Patentamt arbeitete.

Doch die Expansion der Firma hat Vater Tobler mit zu viel Fremdkapital finanziert. «Das rächte sich in der Krise», erzählt sein Sohn, der heute im Zürcher Seefeld lebt. Der Umsatz bricht Anfang 1930 ein. Als die Firma ein Jahr später den Banken Darlehen zurückzahlen muss, hat sie zu wenig Liquidität. Für einen neuen Kredit verlangen die Banken die Aktienmehrheit.

Die neuen Herren wählen einen Verwaltungsrat, mit dem sich Vater Tobler überwirft und deshalb bald aus der Firma ausscheidet. «Das war bitter für ihn», erinnert sich Valentin Tobler. Und fügt bei: «Gleich könnte es in der heutigen Krise vielen kleinen und mittleren Unternehmen ergehen.» Vater Theodor Tobler übernimmt 1934 eine Berner Täfelifirma, die er als Geschäftsführer auch leitet.

Die Arbeitslosigkeit liegt 1929 in der Schweiz bei 0,5 Prozent und steigt an. Sie erreicht 1936 mit rund 10 Prozent oder 180'000 Menschen den Höhepunkt. Im internationalen Vergleich ist das wenig: In den USA sind 25, in Deutschland gar 30 Prozent ohne Arbeit. In der Schweiz hat nur rund ein Viertel der Arbeitnehmer eine Arbeitslosenversicherung, die erst 1982 obligatorisch wird.

«Es hat Mut gebraucht, mitten in der Wirtschaftskrise zu heiraten», erzählt Seline Schweizer, geborene Meyer, die 1934 mit ihrem Ernst nach Rafz zieht. Dort ist sie Handlangerin, hilft Räder, Heugabeln und aus Tannen Leitern zu machen. «Ein Wagner braucht Hilfe – wie soll er sonst an einer Leiter die Sprossen einsetzen, wenn ihm niemand die Tännli hält?»

Seline hat die Finanzen unter sich und bringt den Bauern die Rechnungen für die Arbeiten ihres Mannes. «Ich solle im Herbst wieder kommen, wenn sie die Kälber ver­kauft hätten, sagten mir die Bauern. Die haben doch alles Geld für Stumpen verraucht!» Nicht selten erhält sie nichts auf ihrer Tour. Und wenn die Bauern zahlen, dann meist mit Goldvreneli. «Die Zäänerli waren mehr wert als die Zwänzgerli, weil sie aus Gelbgold und nicht aus Rotgold waren», erzählt Seline Schweizer. Sie spart, und so können sie und ihr Mann das Riegelhaus, in dem sie noch heute wohnt, 1936 kaufen. Für 90'000 Franken. «Auf Pump hat man nichts gekauft. Ich schaute, dass immer alles bezahlt war. Sonst wären auch wir verlumpet.»

Elisabeth Tobler, 86: «Heute ist es schlimmer als damals.» Valentin Tobler, 89: «Aber heute gibt es Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe.»

Quelle: Vera Hartmann

Lohneinbussen bis 20 Prozent waren üblich

Auch Pia Ehrsams Vater erhielt seinen Lohn oft in Goldvreneli. Er war Bankangestellter in Basel. «Damals war der Lohn noch konkret: Man konnte ihn anfassen und hatte nicht einfach eine höhere Zahl auf dem Bankauszug», erzählt die heute 87-Jährige. «Darum ging man damals mit dem Geld auch anders um als heute.» Pia Ehrsam lebt in den dreissiger Jahren in relativ wohl­habenden Verhältnissen, dies aber im Spalenquartier, einem Armeleuteviertel. Armut erlebt Pia bei den Mitschülerinnen. In der Ferienkolonie wird ein Kind ohnmächtig – wegen Unterernährung. Mitte der dreissi­ger Jahre erhält ihr Vater von einem ­Monat auf den anderen nicht mehr 500, sondern nur noch 400 Franken Lohn.

«Die Lohnkürzung entsprach einer Monatsmiete», erzählt Ehrsam, die in einer ­Alterssiedlung in Riehen lebt. Trotzdem meistert die Familie die Krise – die Mutter, eine Schneiderin, näht einfach ein paar Kleider mehr. «Weil man vieles selbst machte und gewohnt war, mit wenig Geld auszukommen, war man nicht so krisen­anfällig wie heute.» Hauptthema daheim ist auch nicht die Wirtschaftskrise, sondern der nahende Krieg. «Hitlers Aufstieg war viel schlimmer als die Wirtschaftskrise», erinnert sich Ehrsam. «Gegen die Krise konnte man etwas machen, mehr arbeiten, sich einschränken. Aber gegen Hitler war man machtlos.»

1933 kommt Adolf Hitler in Deutschland an die Macht. In der Schweiz wittern die Fröntler Morgenluft, sie verstehen sich als Statthalter Hitlers in der Schweiz. Die Konservative Volkspartei, die Vorgängerin der CVP, sympathisiert mit dem rechtsextremen Gedankengut. In der Krise sehen Konservative die gerechte Strafe für die Masslosigkeit des Konsums der «goldenen» zwanziger Jahre. Man erhofft sich eine Wende zu neuen, christlichen Werten. Für Liberale und Sozialdemokraten ist der Kampf gegen die Verarmung zentral, damit der Nationalsozialismus in der Schweiz nicht mehr Anhänger gewinnt.

Mitte der dreissiger Jahre gehen die Löhne in der Schweiz für viele Arbeitnehmende um 10 bis 20 Prozent zurück. Das musste auch die damals zwölfjährige Elisabeth Odermatt erleben. «Der Lohn meines Vaters sank von 800 auf 720 Franken», erinnert sie sich. Doch auch ihre Familie kann sich mit weniger Geld einrichten. Am stärksten hätten sie die Wirtschaftskrise gemerkt, wenn eine Wohnung neu vermietet werden musste. «Es gab nur wenig Mieter», erzählt die heute 86-Jährige, die noch immer in jenem Haus im Zürcher Seefeld wohnt, das ihr Vater, Leiter einer Bauzimmerei, Anfang des letzten Jahrhunderts gebaut hat. Auch sie hat ­Armut vor allem bei den Schulkameradinnen erlebt. «Wenn ich da zu Besuch war, gab es halt Marroni in einer Sauce zum Zmittag und zum Znacht nur Kaffee und ein Stück Brot.» Man spart im Seefeld am Essen, nicht an den Kleidern. «Die Redensart lautete: In den Bauch sieht niemand hinein.»

Pia Ehrsam, 87: «Gegen die Krise konnte man etwas machen, mehr arbeiten. Aber gegen Hitler war man machtlos.»

Quelle: Vera Hartmann

Frankenabwertung half der Exportindustrie

1935 lehnt das Volk die Initiative von SP und Gewerkschaften ab, die den Staat zu Arbeitsbeschaffungsmassnahmen und einer aktiven Konjunkturpolitik verpflichten will und ein garantiertes Minimaleinkommen vorsieht. Immerhin stimmen 43 Prozent mit Ja. Im gleichen Jahr wird eine Initia­tive der Katholisch-Konservativen und der Fröntler wuchtig abgelehnt, die den Bundesstaat aufheben und in einen Ständestaat verwandeln will.

Nach dem Scheitern dieser beiden ideo­logischen Vorstösse finden die politischen Kräfte zu einer pragmatischen Haltung. Der Bundesrat gibt endlich seine Sparpolitik auf, stellt 235 Millionen für die Aufrüstung bereit und wertet den Franken 30 Prozent ab, um die Exporte zu fördern. Die Wirtschaft erholt sich ab 1936 – zwei Jahre später als im Rest der Welt. Doch das Ende der Krise ist der Beginn ­einer neuen: des Zweiten Weltkriegs.

Im Wagner-Haushalt von Seline Schweizer in Rafz gibt es 1935 Nachwuchs. Das erste von sieben Kindern kommt zur Welt, 1936 das zweite und 1938 das dritte. «Für jedes Kind musste ich auf Geheiss des Gemeinderats einen Rucksack mit dem Nötigsten bereitmachen – damit wir möglichst schnell hätten in den Wald rennen können, wenn die Deutschen gekommen wären.» Immer wieder schüttelt sie den Kopf über all die Dinge, die sie erlebt hat. Von der heutigen Krise merkt Seline Schweizer nichts. «Der Pöstler bringt mir ganz zuverlässig jeden Monat meine Rente», sagt sie und lacht so zuversichtlich, dass sich sämtliche Krisenängste verflüchtigen.

Ende des Krieges hat Valentin Tobler von Chocolat Tobler Elisabeth Odermatt geheiratet. Jetzt sitzen die beiden auf ihrem Sofa unter dem Bild des Matterhorns und diskutieren, wie schlimm die aktuelle Wirtschaftskrise ist. «Heute ist es schlimmer als damals», sagt Elisabeth Tobler. «Viele Leute wollen kaum noch Verantwortung übernehmen. Man verlangt zu viel vom Staat. Es geht nur ums Geld, nicht um Tugenden wie Tüchtigkeit oder Bildung.»

Ihr Mann widerspricht: «Für den Einzelnen ist es heute aber weniger schlimm, denn Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe sichern ihn ab. Damals hatten wir nichts.»

«Aber heute fällt man von höher oben runter», erwidert Elisabeth.

Die Wirtschaftskrise der dreissiger Jahre

24.10.1929«Black Thursday» an der Börse in New York. Die Aktienkurse stürzen weltweit ins Bodenlose und lösen die Weltwirtschaftskrise aus.

1930Absturz der Schweizer Exportindustrie. Die Binnenwirtschaft bleibt vorerst verschont.

1931Bankenkrise in der Schweiz: Die Schweizerische Volksbank und die Genfer Diskontbank müssen ­finanziell gestützt werden. Die Krise schlägt nun auf die ganze Schweizer Wirtschaft durch.

30.1.1933Adolf Hitler wird Reichskanzler. In der Schweiz erhält die Frontenbewegung («Fröntler») Auftrieb.

1934Die Löhne gehen in der Schweiz um 10 bis 20 Prozent zurück. Das Bankgeheimnis wird im neuen Bankengesetz verankert.

2.6.1935Die Kriseninitiative von Gewerkschaftsbund und SP, die eine aktive Konjunkturpolitik des Bundes verlangte, wird abgelehnt.

1936Die Arbeitslosigkeit ist in der Schweiz mit rund 10 Prozent auf dem Zenit. Der Bund legt die Wehr­anleihe auf: Er erhält 235 Millionen Franken für ein Rüstungsprogramm, das auch Arbeitsplätze schafft.

27.9.1936Der Franken wird 30 Prozent abgewertet. Dies stützt die Exporte. Die Schweizer Wirtschaft erholt sich – nicht zuletzt wegen der Aufrüstung.