Sabinne Langhart

Umfrage-Bschiss publik gemacht

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Die 17-jährige Gymnasiastin brachte es ans Licht: Die Firma Demoscope fälschte Umfragen. Von August 2007 bis Mitte Januar 2008 arbeitete Sabinne Langhart abends im Demoscope-Telefonlabor in Winterthur, das «umsetzungsorientierte Marktforschung» betrieb. Anhand einer Checkliste befragte sie ausgewählte Personen telefonisch zu vorgegebenen Themen. Besonders schwierig gestaltete sich ihre Arbeit bei Fragen über Einkommen, Vermögen und Bankverbindungen: Viele verweigerten die Antwort ganz oder teilweise. «Meine Vorgesetzte wies mich an, eine Anzahl Fragebögen gleich selbst auszufüllen und andere zu vervollständigen», erzählt Langhart, «und dies nicht nur in einem Fall.» Ihren Kolleginnen ging es nicht anders.

Für Sabinne Langhart war dies klar ein Betrug. Weil sie zudem fand, die temporär angestellten Schülerinnen würden ausgebeutet, verlangte sie bei ihrer Chefin eine Aussprache. Antwort: Sie solle sich gefälligst um ihre Arbeit kümmern. «Da blieb mir nur noch der Weg an die Medien», sagt Langhart. Recht riskant, denn sie hatte sich bei Demoscope schriftlich zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Im Mai 2008 berichtete der «K-Tipp» aufgrund der Angaben von Sabinne Langhart über die Fälschungen. Einen Tag später bestätigte Demoscope in einer Medienmitteilung die Vorwürfe, hielt aber fest, die Firma habe die Unregelmässigkeiten vor dem Pressebericht entdeckt. Das Telefonlabor Winterthur wurde geschlossen, und die Führungskräfte wurden entlassen. Urs von Tobel


Christian Lüthi

Beherzter Sprung ins kalte Wasser

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Christian Lüthi ist Fasnächtler. In der Nacht auf Güdisdienstag, den 5. Februar 2008, zog er mit Kollegen der Guggenmusig «Joggumusig Nüderef» durch Luzern. Um zwei Uhr morgens sass der 22-Jährige im Stadtzentrum an der Reuss - Zeit für ein Bier. «Plötzlich schrien Leute, jemand sei in den Fluss gefallen», erinnert sich Lüthi. Er rennt zum Wasser. Ohne lange zu überlegen, zieht er sein Kostümoberteil und die Schuhe aus - und springt. fünf Grad kalt ist die Reuss. Eine Temperatur, die nach spätestens zehn Minuten lebensgefährlich wird.

Zusammen mit weiteren Rettern gelingt es Lüthi, den jungen Mann zu packen und ans Ufer zu bringen. Der 1,90 Meter grosse Jugendliche dürfte mit nassen Kleidern gegen 100 Kilo schwer gewesen sein. Ohne den beherzten Einsatz wäre er ertrunken. Der Retter kam mit einer Schnittwunde an der Hand davon. Nach einer Notfallbehandlung fuhr Lüthi im Bus nach Hause.

Den Geretteten, einen 16-Jährigen aus Horw, lernte er erst später kennen. Ebenso die Umstände, die zum Unfall geführt hatten: Der Jugendliche war zum Wasserlassen am abfallenden Ufer gestanden. Als sich ein Betrunkener auf ihn abstützen wollte, verlor er das Gleichgewicht und stürzte in den Fluss. Lüthi war nicht der Einzige, der das Unglück mitbekommen hatte. Er und seine Mitretter brachten aber die Courage auf, einen jungen Mann vor dem sicheren Tod zu bewahren. Lüthi ist stellvertretend für alle an der Aktion Beteiligten nominiert. Ein Held will er nicht sein. «Ich habe es einfach getan.» Selbstverständlich ist das nicht - oft dauert es wertvolle Minuten, bis jemand bereit ist, mehr als nur Zeuge zu sein. Peter Johannes Meier


Monika Schmid

Keine Scheu vor klarer Kritik

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Vermutlich sorgte der Vergleich von Monika Schmid für so viel Ärger, weil er so treffend war. Überführte pädophile Priester, so argumentierte die Fernsehpredigerin im Februar 2008 im «Wort zum Sonntag», würden meist innerhalb der Kirche zwar versetzt, blieben aber im Amt. Priester aber, die eine reife Beziehung zu einem Partner oder einer Partnerin leben würden, würden abgesetzt. «Da stimmt doch etwas nicht», urteilte Schmid über diese Praxis in der katholischen Kirche.

Die Worte der Gemeindeleiterin aus Illnau-Effretikon kamen am Bischofssitz nicht gut an. «Eher unglücklich» sei man über die Sendung, sagte Christoph Casetti, Medienverantwortlicher der Diözese Chur. Bischof Vitus Huonder lud Schmid zum Gespräch und teilte ihr danach per Brief den Entzug des Seelsorgeauftrags mit. Vertreter der katholischen Kirche des Kantons Zürich intervenierten, und Huonder musste die faktische Kündigung zurücknehmen: Sie entsprach nicht dem Arbeitsrecht, weil Schmid das rechtliche Gehör nicht gewährt worden war. Ganz ungestraft mochte der Bischof die Theologin dann aber doch nicht davonkommen lassen. Schmid erhielt einen Verweis, und ihre Amtszeit wurde nur um ein Jahr statt drei Jahre verlängert.

Schmid aber hat nicht vor, mit ihrer Meinung künftig hinter dem Berg zu halten. Sie will den Grundsätzen treu bleiben, die sie in der Sendung formuliert hat: «Die katholische Kirche ist meine religiöse Heimat. Und weil ich gern katholisch bin, stelle ich auch dort Fragen, wo ich das Gefühl habe: Da stimmt etwas nicht mehr.» Gian Signorell

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Magdalena Seifert und Otto Nyffenegger

Entschlossen das Messer entrissen

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Magdalena Seifert und Otto Nyffenegger, beide 89 Jahre alt, sind auf dem Weg ans Fest «Grande Table» in Morges VD. Es ist Sonntag, der 25. Mai 2008. In der Avenue de Rosemont kommt den beiden Senioren ein Junge entgegen. Plötzlich taucht eine junge Frau auf, hält dem Buben von hinten ein spitzes, langes Küchenmesser an den Hals und schreit: «Donne-moi de l'argent!» Dann wirft sie den Elfjährigen zu Boden, setzt sich rittlings auf ihn und hebt das Messer zum Stich.

«Es passierte genau auf unserer Höhe», erinnert sich Otto Nyffenegger. Der 89-Jährige reagiert blitzschnell, packt die Frau von hinten an den Haaren, zerrt sie von dem Kind weg. Magdalena Seifert ergreift die Frau an den Schultern und hält sie fest. Nyffenegger nimmt ihr schliesslich das Messer weg. Der Junge bleibt unverletzt. Die Täterin windet sich aus der Umklammerung und flieht. Die beiden suchen den nächsten Polizeiposten auf, um den versuchten Raubüberfall zu melden. Die 19-jährige Täterin, die in der Zwischenzeit weitere Leute bedroht hatte, ist mittlerweile gefasst. Sie war während ihres Drogenentzugs aus einer psychiatrischen Klinik entwichen.

Zeit zum Überlegen hätten sie nicht gehabt, Angst auch nicht, erklären die beiden. «Wir haben einfach gehandelt und glücklicherweise das Richtige getan», sagt Magdalena Seifert. Und: «Wir sind nicht nur froh, dass dem Jungen nichts passiert ist, sondern auch dass die junge Frau, die wegen ihres Drogenentzugs nicht bei Sinnen war, nichts getan hat, das sie ein Leben lang hätte bereuen müssen.» Andrea Haefely

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Urs Schmidlin

Hinhaltetaktik angeprangert

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Die E-Mail-Nachricht, die Urs Schmidlin im Juni 2006 an Journalisten und Politiker schickte, war kurz: «Leider informieren die IWB erst jetzt ihre Kunden. Ich finde dies sehr spät.» Was der Laborant der Industriellen Werke Basel (IWB) nicht wusste: Die Firma las - unzulässigerweise - seine privaten Mails mit.

Was war passiert? Die IWB und die Hardwasser AG versorgen die Stadt und Region Basel mit Trinkwasser. Greenpeace hatte in eigenen Analysen Tetrachlorbutadien im Trinkwasser nachgewiesen. Zuvor waren die giftigen und möglicherweise krebserregenden Stoffe im Grundwasser der benachbarten ehemaligen Chemiemülldeponie entdeckt worden. Als in der Region Basel eine heftige politische Diskussion entflammte, redeten die Wasserwerke die Situation schön - obwohl sie schon länger vom Tetrachlorbutadien wussten.

Schmidlin hat sich damals nach längerem innerem Ringen und zermürbenden internen Auseinandersetzungen gesagt: «Jetzt ist genug, gegen diese Hinhaltetaktik muss doch jemand etwas tun.» Heute meint er: «Was ich getan habe, war keine Heldentat.» Die Wasserwerke mussten später eine Aktivkohlefilter-Anlage installieren. Schmidlins Kritik wurde im Sommer 2008 durch einen Bericht der Geschäftsprüfungskommission des Kantons Basel-Stadt bestätigt. Für ihn selber waren die Folgen einschneidend: Das Arbeitsklima verschlechterte sich, es kam zum heftigen Konflikt mit Vorgesetzten. Schmidlin erhielt von den IWB nach 20 Jahren Mitarbeit die Kündigung. Otto Hostettler


Ueli Steck und Simon Anthamatten

Rettungsaktion auf 7400 Metern

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19. Mai 2008, Basislager der Annapurna-Südwand, Nepal: Die Extrembergsteiger Ueli Steck, 32, und Simon Anthamatten, 25, warten auf 4200 Meter Höhe. Sie wollen als erste Menschen überhaupt die Südwand durchsteigen. Schneefall seit Tagen. Plötzlich ein Notruf: Zwei Leute sitzen weiter östlich fest, auf 7400 Meter Höhe. Der Spanier ist kollabiert, der Rumäne hält sich mit letzter Kraft aufrecht.

Ohne die passende Ausrüstung zur Hand zu haben, machen sich Steck und Anthamatten an den Aufstieg. «Es ging um Leben und Tod, da überlegst du nicht», sagt Steck. Nach zwei Tagen Marsch erreichen sie Camp 3 auf 6900 Meter Höhe. Per Funk können sie den Rumänen überreden abzusteigen. Steck: «Einen Menschen zu retten, in dieser extremen Höhe, ist bereits gefährlich. Zwei - das ist unmöglich.»

In Camp 3 treffen sie auf einen Bergsteiger, der selbst zu erschöpft ist, um sich an der Rettung zu beteiligen. Aber er hat die richtigen Schuhe, die vor extremer Kälte schützen. Steck leiht sie sich aus und geht allein weiter. Anthamatten bleibt zurück. Er wartet auf die Ankunft des Rumänen und begleitet ihn sicher ins Basislager zurück.

Nach zwölf Stunden erreicht Steck endlich den Spanier. Die mitgebrachten Medikamente helfen nicht. Der Spanier stirbt vor seinen Augen. «Ich konnte mir keine Emotionen leisten, weil ich so schnell wie möglich wieder hinuntermusste.» Erst zu Hause hätten sie die Kraft gehabt, sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen, sagt Steck. Etwas tröste ihn: «Er musste nicht alleine sterben.» Yvonne Staat

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