Es stinkt. Sogar sehr. 20 braune Müllsäcke liegen auf einem grossen Tisch in der Werkhalle der Transportfirma Heggli in Kriens LU. Inhalt: insgesamt 250 Kilogramm Abfall. Heute ist Genf dran. Die acht Sortiererinnen und Sortierer machen sich an die Arbeit.

Sie steigen in die orangefarbene Arbeitskleidung, binden eine Plastikschürze um und streifen sich die grünen Gummihandschuhe über. Gegen den penetranten süsslichen Abfallgeruch haben sie ihre eigenen Methoden entwickelt. Lucia und ihr Mann Heinz, beide 35 Jahre alt, streichen sich vor Arbeitsbeginn Vicks in die Nase. «Das machen die Gerichtsmediziner im Fernsehen auch», erklärt Heinz.

«Es braucht Überwindung, in die sabbernde Masse zu greifen», sagt Markus Christen, Projektleiter des Umweltbüros Ökomobil, das die Abfalltrennung in Kriens organisiert. Für die Sortierenden ist es längst Routine. Mit einem Küchenmesser schlitzt Heinz schwungvoll den ersten Sack auf. Beherzt greift der Automechaniker hinein und breitet den Inhalt vor sich auf dem Tisch aus. Tierfutterverpackungen, CDs, Kleenextücher und Fleischreste: alles verschimmelt, verfault und verrottet. Der Abfall ist schon fünf Tage alt.

Heinz beginnt nun, den Inhalt in die 18 bereitstehenden Container zu sortieren. Die CD kommt zu den Kunststoffen, die feuchten Nastücher in den Container für nicht wiederverwertbares Papier und die abgenagten Knochen zu den organischen Naturprodukten. «Nichts Besonderes», kommentiert Heinz seine Ausbeute. Kopfschüttelnd wirft er vier ganze Berliner in den Container für Küchenabfälle. Der fünfte steckt angebissen in einer Konservenbüchse, mühsam klaubt er ihn heraus. Es folgen Suppenbeutel, altes Brot und ein frischer Apfel. Erstaunlich, wie viele Esswaren in den Säcken stecken; teilweise ist das Verfallsdatum nicht einmal abgelaufen.

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Voller Würmer und Maden

Lucia verzieht angewidert ihr Gesicht. Mit spitzen Fingern öffnet sie ein kleines Säckchen. «Das war wohl einmal ein Tomaten-Mozzarella-Salat», kommentiert sie den Inhalt, der jetzt mit Würmern und Maden angereichert ist. Steigt das Thermometer, ist in und auf den Säcken eine Heerschar von Getier unterwegs. Am Anfang verfolgte dieser Anblick Lucia bis in ihre Träume, heute macht es der gelernten Gärtnerin und Hausfrau nichts mehr aus. Ihre Motivation ist der gute Lohn für den Temporärjob: 30 Franken netto gibt es pro Stunde. Lucia und Heinz verdienen sich so ihr Feriengeld.

«Ich bezahle gut, damit die Arbeit seriös gemacht wird», sagt Projektleiter Christen. Auch er sortiert mit. Der Job lässt ihn nicht kalt. «Das alles hatte einmal einen Wert», sinniert er. «Und dann schmeisst man es einfach in den Abfall nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn.»

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Pro Tag und Kopf produzieren die Schweizer knapp ein Kilogramm Müll. Über drei Millionen Tonnen werden jährlich in den Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) vernichtet. Das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft will nun ganz genau wissen, was im Abfall landet. Es lässt deshalb in Kriens den Kehricht von 34 Schweizer Gemeinden minutiös sortieren. Die Resultate der Studie werden dann mit jener vor zehn Jahren verglichen.

Vorbildlicher Kanton Zug

Was hat die Einführung der Sackgebühren und der Abfalltrennung gebracht? «Auf den ersten Blick keine grossen Veränderungen», sagt Christen. Deutlich wird, dass immer noch zu viele kompostierbare Abfälle im Kehricht landen. Und doch sind klare Unterschiede auszumachen zwischen Gemeinden mit und ohne Sackgebühren. Die gebührenpflichtigen Abfallsäcke sind schwerer, das Sortieren dauert länger. Der Fachmann kann anhand der Menge von Glas, Karton oder Zeitungen schnell beurteilen, wie gut die Abfalltrennung funktioniert. Die Genfer Gemeinde hat laut Christen ein Problem mit der PET-Rezyklierung. Dafür hat sie die Batteriesammlung im Griff: Seine Mitarbeiter fischen bloss eine einzige Batterie aus dem Abfallberg.

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«Idealerweise enthält ein Schweizer Abfallsack nur Plastik, Papiernastücher und Verbundmaterial wie Milchverpackungen oder Butterpapier», so Christen. Alles andere würde getrennt entsorgt und rezykliert. «Spitzenreiter ist der Kanton Zug», sagt er. Die Zuger Behörden seien an einer sauberen Abfalltrennung interessiert, weil sie keine eigene KVA betrieben.

Die Sortierenden fällen ihre Urteile anhand der Sackinhalte und halten sie auf einer Schweizer Karte fest. «Basel stinkt», steht da. Oder: «Wir fordern einen grösseren Röstigraben.» Auch lobende Worte sind zu lesen: «Schwiizer Meister» bei Steinhausen ZG und bei Däniken SO schlicht «Danke».

Unterdessen ist der Abfall der Genfer Gemeinde sortiert. Nach einer kurzen Pause werden neue Säcke auf den Tisch gehievt. Gespannt schneidet Lucia den ersten auf. «Binden, Tierkot oder Fleischreste sind am schlimmsten. Am liebsten habe ich Heftli, Fotos und Briefe», sagt sie. Doch sie wird enttäuscht. Die Zeitungen sind durchtränkt von einer klebrigen Flüssigkeit. Dazu Erde, Windeln und Salat. Das Trennen wird schwierig. Lucia beginnt mit dem Groben. Zuerst kommt das Papier weg, dann alle Verpackungen und die Windeln. Zuletzt trennt sie die kleinen Stücke wie Zigarettenstummel, Nescafé-Kapseln und Joghurtdeckeli.

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Anne, eine 23-jährige Künstlerin aus Bern, hat einen Sack voller Briefe, Quittungen und Bankauszüge vor sich. Oft hält sie inne, liest und kommentiert: «So sollte mein Konto aussehen: 290000 Franken steht hier.» Oder: «Wer will einen Schulatlas?» Gelächter. An den Geschichten, die solche Müllsäcke erzählen, sind alle interessiert: Ein schulärztliches Attest mit der Bemerkung «übergewichtig» steckt inmitten von Schokoladenpapierchen. Oder: Zerrissene Fotos und Briefe berichten von einer zerbrochenen Liebesbeziehung.

Kuriose Fundgegenstände stellen die Sortierenden liebevoll aus. Ein Stillleben mit Skibrillen, Fotos und viel Kinderspielzeug präsentiert sich auf einer Mauer hinter den Containern. Selten findet sich Brauchbares. Die Freude ist gross, wenn ein Elektrogerät noch funktioniert: Der ausgegrabene Blaupunkt-Transistorradio ist jetzt wieder täglich in Betrieb.

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Aufgeräumte Stimmung

Patrick, 31, arbeitet gern hier. «Ich könnte monatelang weiterwühlen», sagt der Schauspieler. Die Stimmung ist gut. Man hilft sich gegenseitig, wechselt auch einmal seinen Platz oder macht die Runde, um bei allen die Knochen einzusammeln. Trotzdem: Säcke mit den triefenden Essensresten bleiben länger auf dem Sortiertisch liegen. Jeder hofft, der andere macht die wirklich schmutzige Arbeit.

Nach vier Stunden ist der letzte Zigarettenstummel weggeräumt. Nun kommt das grosse Containerschieben. Alle packen mit an und rollen einen Behälter nach dem anderen auf die Waage. Markus Christen protokolliert ihr Gewicht. Das geht schnell und ohne grosse Worte. Jetzt noch die Arbeitskleidung ablegen und ab in den Feierabend. «Morgen gibts frische Säcke», sagt Heinz. «Hoffentlich sind da die Maden noch nicht geschlüpft.»

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