Es ist nicht ausgeschlossen, dass meine Kinder einmal ins Museum gehen und sagen werden: «Hier hängt unser Papi.» Ich gehöre einem deutschen Konzeptsammler. Für 150'000 Euro hat er meinen Rücken gekauft und das Recht, mich in Museen und an Anlässen auszustellen. Nach meinem Tod gehört ihm meine Haut.

Das Gefühl, jemandem auf Lebenszeit zu gehören, relativiert vieles und nimmt vielem die Ernsthaftigkeit. Manche halten die vertraglichen Vereinbarungen rechtlich und ethisch für unhaltbar. Aber es ist alles okay, die Abmachung ist wasserdicht. Mein Besitzer kann mit meinem Rücken nur machen, wozu ich ja sage; ich kann bei allem mitreden und jede Sekunde aussteigen – volles Risiko auf allen Seiten. Wenn ich morgen ins Gras beisse, kann ich übermorgen an der Wand meines Besitzers hängen. Und wenn er morgen stirbt, kann ich übermorgen seinen testamentarisch festgesetzten Erben gehören.

Im westlichen Kulturkreis bin ich der ­erste Mensch, der sich zur Verfügung gestellt hat, verkauft zu werden. Meine Motivation dazu? Dinge zu erleben, die ich sonst nicht erleben würde. Es ist ein sehr öffentliches, aber auch ein sehr privates Erlebnis. Mir gefällt auch die Entwicklung dieser Arbeit. In 30 Jahren wird mein Rücken alt und verrunzelt sein. Ja, und es macht mich stolz, «ein echter Wim Delvoye» zu sein. Wenn ich etwa an der Art Basel über den belgischen Konzeptkünstler mit Leuten spreche, die nichts vom Delvoye-Tattoo auf meinem Rücken wissen, und irgendwann mein T-Shirt hochziehe, ist das schon speziell.

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Wow, das gab es noch nie!

Keine Sekunde habe ich gezögert, als vor ­drei Jahren die Anfrage kam. Meine Freundin arbeitet in der Galerie de Pury & Luxembourg in Zürich. Dort fand 2006 eine krasse Gruppenausstellung unter dem Titel «Take a Walk on the Wild Side» statt. Wim Delvoye stellte seine berühmten tätowierten Schweine­häute aus. Er hat in China eine Farm, wo er die ­Rücken der Tiere mit seinen Kunstwerken tätowieren lässt. China ist weltweit das einzige Land, das ihm das nicht verbietet. Nach den Schweinen wollte sich Delvoye an Menschen machen. Er fragte meine Freundin, ob sie jemanden kenne, der sich tätowieren, verkaufen und später einmal häuten lassen wolle. Wow, das gab es noch nie! Was konnte ich verlieren? Ich muss ja nicht viermal im Jahr aus einem Flugzeug springen. Zudem bin ich damit der Endpunkt von Delvoyes Tattoo-Projekt. Engel kann er ja nicht tätowieren.

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Am Morgen vor dem ersten Treffen mit Wim Delvoye und meinem Tätowierer Matt Powers im Zürcher Niederdorf warf ich noch einen Blick ins Internet und merkte plötzlich, auf welch hohem Niveau sich das alles abspielen würde. Delvoye ist nicht Fritzchen Max, sondern ein Genie! Er brachte eine Vorlage mit, mit der er 2005 ein Schwein tätowiert hatte; dasselbe Sujet schlug er für meinen Rücken vor. In 35-stündiger Arbeit wurde ich tätowiert. Es tat unbeschreiblich weh, denn Wirbelsäule und Rippen sind ­besonders empfindlich. Ich dachte immer wieder, ich würde es nicht überstehen, und zweimal wurde ich ohnmächtig. Aber die Qual vergisst man schnell, weil das Resultat einfach super ist.

Jetzt werde ich einmal im Monat in Karlsruhe im Zentrum für Kunst und Medientechnologie ausgestellt. Dort läuft die Ausstellung «Medium Religion», in der mein Rücken wegen der religiösen Motive gezeigt wird. Alle vier Wochen reise ich also von Zürich nach Karlsruhe. Damit man mir gratis Einlass gewährt, sage ich an der Kasse: «Guten Morgen, ich werde hier ausgestellt.» Dann entblösse ich meinen Oberkörper und setze mich mit Blick zur Wand auf einen Stuhl, möglichst aufrecht und still. Ich möchte wie ein Bild sein. Dazwischen muss ich immer mal wieder eine Pause machen, ein Bierchen trinken und mich aufwärmen. Damit ich von den Besuchern nicht angesprochen und berührt werde, höre ich Musik, am liebsten aggressiven Heavy Metal. Das ist für mich die beste Art, mich abzuschotten und geistig zu zentrieren. Ich schliesse meine Augen und versuche, möglichst wenig zu denken. Manchmal komme ich dann fast in einen meditativen Zustand und muss aufpassen, dass ich nicht vom Hocker kippe.

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Die Stimmen in meinem Rücken

Letztes Mal war es etwas dumm; da war der Akku in meinem iPod leer. Das war richtig unangenehm, denn da hörte ich die Stimmen hinter meinem Rücken. Ich zwang mich, nicht hinzuhören, denn manchmal habe ich auch ein bisschen Angst, weil ich nicht weiss, wie die Menschen reagieren. Gerade in Karls­ruhe ist es schwer, weil viele Gläubige in die Ausstellung kommen, die sich vielleicht provoziert fühlen. Überhaupt gibt es Menschen, die auf mich viel extremer reagieren als auf die tätowierten Schweine, weil ich diesen Entscheid ja selbst fällen konnte.

Ich mag keine Kunst, die etwas erklären will, sondern solche, die das Leben und die Existenz ist. Das macht dieses Projekt relevant für mich. Zudem passt es gut in unsere Welt, wo sich doch alle auf irgendeine Art verkaufen.

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Der Gedanke ist spannend, ob ich mich in einigen Jahren selbst zurückkaufen könnte. Bis dahin sind vielleicht Transplantationen eine so alltägliche Sache, dass ich meinen ­Rücken häuten lassen kann. Dann könnte ich das Kunstwerk endlich selbst sehen. Und sonst hänge ich wohl irgendwann irgendwo in einem Rahmen.