Die Stadt Niš versprüht eine raue Art von Charme. Die Sonne Mittelserbiens brennt auf verrusste Fassaden, zwischen denen sich ein vierspuriger Strom heisser Blechkarossen durch die Innenstadt windet. Mittendrin drängt tuckernd ein Traktor durch den Stossverkehr, über den Rädern sitzen ein Saxophonist und ein Trompeter, auf dem Anhänger der Rest des Blasorchesters. Sie spielen «Vreneli ab em Guggisbärg», versetzt mit Balkansound. Autofahrer setzen rhythmisch mit Hupen ein, am Stras­sen­rand bleiben Leute stehen und klatschen. «Das ist ein Schweizer Volkslied?», fragt ein Passant. «Ich dachte, das wär eins von unseren serbischen Liedern.»

Ist es bekanntlich nicht. Und auch die Musiker auf dem Traktorwagen, sieben Bläser und drei Perkussionisten, kommen aus der Schweiz. Traktorkestar heisst die Band, sie machen nach Eigendefinition «Unza-Unza-Multikulti-PartyPunk oder so» – Blechmusik mit viel Scharf und pumpenden Beats. Das ist ungewöhnlich, zumal die meisten von ihnen kaum einen Bezug zum südöstlichen Europa haben, geschweige denn Wurzeln dort.

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Wo Trompeter die Stars sind

Dass sie nun alle auf einem alten Traktor­anhänger durch Niš holpern, geht aufs Konto von Frontmann und Trompeter Balthasar Streit. Bei einem Schüleraustausch in Sarajevo begann er sich für Land und Leute zu interessieren, etwas später auch für die Musik. Seine Eltern schenkten ihm deshalb zum 18. Geburtstag eine Reise ins serbische Guca, ans grösste Musikfestival Südosteuropas. «Überall spielen Bands, und in den Stras­sen tanzen Tausende Menschen», sagt der 24-Jährige: Guca ist das Woodstock der Blechmusik, und die Trompeter sind die gefeierten Stars. Am Festival konkurrieren jedes Jahr die Besten der Besten in Serbien um die Goldene Trompete.

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Zurück in der Schweiz, suchte und fand Streit Kollegen, die sich ebenfalls für diese Musik begeisterten. Das Ziel: möglichst bald selbst in Guca zu spielen. «2009 stand Traktorkestar als erste Schweizer Band auf der Hauptbühne des Festivals – vor 100'000 Zuschauern», sagt Streit nicht ohne Stolz.

Der diesjährige Höhepunkt im Band­kalender ist eine elftägige Balkantournee durch Bosnien und Serbien mit einem Abstecher nach Ungarn. Und natürlich steht auch ein Gig in Guca auf dem Programm, aber vorerst macht der Traktorkestar-Tross Halt in Niš. Nach der Promo-Tour auf dem Traktorwagen wird die Truppe an diesem Abend am Nišville-Jazzfestival aufspielen. Den Auftritt verdankt die Band der Kollegin der Mutter der Freundin des Tenorhornisten, die Kontakte zum serbischen Kulturministerium hat.

«Das ist doch mal Rock ’n’ Roll»

Acht Stunden später drängeln sich vor und neben der Bühne Dutzende Zu­schaue­rin­nen. Sie wollen zu den Musikern, die sie gerade anderthalb Stunden lang hüpfen, schwitzen und schreien haben lassen – mit Blechmusik. «Wenn du mit der Jazzschule anfängst, träumst du von so was nicht mal» – er legt sein Saxophon zur Seite und steckt sich eine Zigi an – «dass dir einmal eine Horde Mädchen entgegenschreit, wenn du dein Horn über die Bühne hängen lässt.» Er schüttelt den Kopf. Jazzmusiker spielten sonst vor in Falten gelegten Stirnen, Traktorkestar hingegen vor hüpfenden Brüsten. Eine davon wird der 27-Jährige später am Abend noch signieren. «Das ist doch mal Rock ’n’ Roll.»

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In der Schweiz hat sich die Combo mit ihren eigenen Kompositionen und Arrangements von Balkanklängen einen Namen gemacht. Traktorkestar bestreiten jährlich rund 70 Konzerte, dazu kommen zunehmend Auftritte im Ausland. Weil sie oft an Balkan-Beat-Partys und Hochzeiten der serbischen Gemeinschaft spielen, wurde ihnen schnell das Etikett «Kulturbotschafter» angehängt – ganz offiziell: Diesen Juni verlieh der serbische Minister für Diaspora in Belgrad der Band eine Auszeichnung für ihre völkerverbindenden Leistungen. «Das war schon fast ein bisschen viel Politik für meinen Geschmack. Wir machen diese Musik vor allem aus Spass», sagt Drummer Philippe Ducommun. Der kulturelle Austausch sei ein positiver Nebeneffekt.

Ob Nebeneffekt oder nicht: Immerhin bescherte der Ruf als kulturelle Brückenbauer der Band einen Beitrag von Pro Helvetia, für Busmiete und Benzin für diese Tour. Und in einer Gegend wie dem ehemaligen Jugoslawien, wo die Politik oft an Grenzen stösst, ist Spass möglicherweise ein taugliches Vehikel für den interkulturellen Dialog. Das ist gut, denn Spass ist eine Kernkompetenz der Traktorkestars, die auf und auch neben der Bühne manchmal jede helvetische Zurückhaltung vermissen lassen. Stattdessen legen sie eine Punkrock-Attitüde an den Tag. Balthasar Streit steigt auf Lautsprechertürme, lässt Bier auf seine Mitmusiker hinunter­reg­nen und wälzt sich, Trompete blasend, über den Bühnenboden. Zurück im Quartier wird dann Sliwowitz getrunken, bis der Morgen blaut und englische Rucksacktouristinnen ausrasten.

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In Bijeljina, an einem der ersten Konzerte der Tour, kann sich das Publikum im langweiligen Hotelsalon knapp 45 Minuten zusammenreissen, aber als Streit trompetend über die weiss gedeckten Tische stampft, hält es auch die Zuschauer nicht mehr auf den Stühlen. «Diese Jungs können zu mir kommen und die ganze Nacht auf meinem Balkon spielen!», jubelt eine Zuschauerin mit glänzenden Augen.

Show und Schnaps wären aber gar nichts ohne Qualität. Wenns um die Musik geht, sind die Traktorkestars absolute Profis. «Wir können hier nicht irgendwelche Fehler machen!», herrscht Streit seine Mitspieler an, die sich zur Bandprobe im Fünfbettzimmer zusammengefunden haben: «Das ist Mostar, dieses Lied ist hier so bekannt wie bei uns Polo Hofers ‹Alperose›!»

In Mostar tritt die Band zusammen mit Mišo Petrovic´ auf, einem bosnischen Musiker, der seit dem Krieg in Holland lebt. Petrovic´ ist in Mostar, was Kuno Lauener in Bern ist. Mit ihm hat die Band auf ihrem Debüt­album vier Lieder eingespielt. Die Ansprüche sind hoch, und Balthasar Streit ist nervös. «Als Mišo sagte, er trete hier mit einer Band auf, die nur aus Schweizern besteht, dachte ich: ‹Oje, das kommt nicht gut›», sagt Jovica Janjic. Er spricht akzentfrei Schweizerdeutsch, lebt seit 20 Jahren in Winterthur und ist für die Sommerferien in die Heimat gefahren. «Aber die Jungs sind grossartig!» Janjic hat das halbe Konzert vor der Bühne durchgetanzt, er strahlt und schwitzt und lacht. «Und das nächste Mal spielt ihr mir hier was von Gölä, den finde ich toll!»

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Dass eine Schweizer Band mit Balkanklängen einen bosnischen Einwanderer begeistern kann, der wiederum dem bekanntesten Büezersänger Helvetiens huldigt, könnte ein schöner Beweis für die völkerverbindende Kraft von Musik sein. Doch leider ist das nicht immer so einfach, und schon gar nicht an einem Ort wie Mostar, den der Bürgerkrieg in Schutt und Asche legte – zuletzt selbst Stari Most, die alte Brücke, die jahrhundertelang das Wahrzeichen der Stadt war.

Die Brücke steht zwar wieder, doch geeint hat sie die Stadt nicht, erzählt Gastkünstler Petrovic´. Er spielte nach dem Krieg in einer Band, in der verschiedene der einst verfeindeten Ethnien vertreten waren. Sie sollte ein Zeichen setzten und die Leute zusammenbringen. «Doch so viel Macht hat die Musik nicht, das kann nur die Politik», sagt Petrovic´. «Viele von denen, die sich damals an den Kämpfen beteiligten, sind gleichgültig geworden. Sie dröhnen sich heute den ganzen Tag mit Gras und Schnaps zu.» Daran änderten auch gutgemeinte Musikprojekte nichts.

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Auch Traktorkestar hat diesbezüglich Fingerspitzengefühl entwickelt: «Das Stück ‹Kalaschnikow› war während des Bürgerkriegs ein Hit in Serbien – deshalb spielen wir es in Bosnien selbstverständlich nicht», erklärt Bandleader Streit. In dieser Gegend ist Musik eben auch Politik.

«Ich will Arbeit und Disziplin!»

«Musik ist niemals Politik», sagt Maksut Maksutovic. «Aber Politik kann Musik missbrauchen.» Der emeritierte Musikprofessor ist aufs Festivalgelände in Niš gekommen, um mit Traktorkestar ein Stück einzustudieren. Sein Sohn, der in der Schweiz lebt, hat das Treffen vermittelt. Mak­sutovic ist eine Koryphäe. Für einen Besuch des russischen Premiers Medwedew hat er vor zwei Jahren ein Konzert mit 100 Trompetern arrangiert; die Darbietung war ein Weltrekord. Maksutovic wollte damals zeigen, dass Musik kulturelle Grenzen überwindet, weshalb er die eine Hälfte des Ensem­bles mit Roma besetzte, die andere mit Serben. Leider, sagt er, hätten die serbischen Behörden den Erfolg völlig für sich vereinnahmt: «Und niemand hat sich je bei mir bedankt.»

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Er winkt ab und wendet sich den Musikern zu, die mit Plastikstühlen in der Hand zur Probe erscheinen. Herr Professor streicht sich den Seitenscheitel zurecht und zeigt auf seine Uhr, bevor er jedem die Hand schüttelt. Schweizerische Pünktlichkeit ist keine Stärke von Traktorkestar, aber Vorurteile abbauen gehört auch zum kulturellen Dialog. «Ich will Arbeit und Disziplin!», ruft Maksutovic in die Runde und verteilt handgeschriebene Partituren.

Wo nötig und möglich, übersetzt Tänzerin Maja Diemers, die auf der Tour auch als Dolmetscherin fungiert, die Anweisungen des Maestros. Der Grossteil der Kommunikation geschieht aber wortarm, dafür gestenreich. Maksut Maksutovic verwirft die Hände, schüttelt den Kopf und schlägt mit seinem Zeigefinger auf das Notenblatt. Wenn einer danebenliegt, spielt er ihm mit der Trompete schon mal direkt ins Ge­sicht. Didaktisch sei das schon sehr, sehr alte Schule, sagt Maro Widmer, der Tenorhorn spielt und immer wieder korrigiert wird. «Dabei spiele ich genau, was hier steht.»

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«Ein Kuss würde ihn freuen!»

Nach einer knappen Stunde ist der Professor zufrieden. Er ruft übers Handy einen Freund an: «Er ist wohlhabend und ein so guter Freund, dass er zurückruft, damit ich nicht bezahlen muss», übersetzt Diemers. Trakt­or­kestar spielt artig das eben einstudierte Stück, während Maksutovic mit dem Telefon im Kreis herumgeht. Die Darbietung gefällt dem Herrn am anderen Ende der Leitung, und auch der Professor ist zufrieden. Die Schweizer seien fleissig, willig und talentiert. Alles, was sie bräuchten, sei ein Mentor und Förderer. «Er hofft, dies sei der Beginn einer wunderbaren Freundschaft», übersetzt Diemers beim Abschied, und zum Cheftrompeter gewandt, sagt sie: «Balthasar, gib ihm doch einen Bruderkuss, das würde ihn freuen!» Streit gibt dem Professor die Hand. Austausch ja, aber irgendwann ist gut.

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Nach den Auftritten in Niš führt die Traktorkestar-Tour endlich nach Gucˇa. Allmählich machen sich Müdigkeit und auch eine gewisse Sattheit breit. Die brütende Sonne, die Strassenkilometer, die Konzerte, der Sliwowitz – das Tourleben fordert seinen Tribut.

Das Treiben in Guca, einem kleinen Dorf hinten in einem Tal im serbischen Hochland, wäre aber auch für muntere Gemüter anstrengend. Die Stimmung oszilliert zwischen Nationalfeiertag und Bierfest. An der Trompeterstatue auf dem Dorfplatz schwingt die junge Generation den ganzen Tag serbische Fahnen. In hüfthohen Tontöpfen schmoren Fleischstücke und Kohl, daneben werden an schweren Spies­sen ganze Schweine und Schafe gebraten, die stumpfen Augäpfel stieren ungläubig in die Glut. Neben Ramsch und Kitsch gibts an manchen Ständen T-Shirts mit den Konterfeis von Mladic und Karadzic zu kaufen. Davor tanzen ungerührt und ausgelassen ein paar barfüssige Hippiemädchen zur Musik einer vorbeiziehenden Band.

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Die Musikerparkplätze in Guca sind auf dem Pausenhof hinter der Schule. Wenig organisiert stehen dort Autos mit Nummernschildern aus fast allen angrenzenden Ländern. Im Schatten dazwischen döst eine Gruppe Roma. Die Ankunft von Traktorkestar sorgt für Interesse. Kaum sind die ersten Koffer mit Instrumenten ausgeladen, sammeln sich aus allen Richtungen andere Musiker bei den Tourbussen der Neuankömmlinge aus der Schweiz. Nach ein paar Gesten und Kopfnicken werden Instrumente und Mundstücke ausgetauscht, wird probegeblasen. Mit kritischer Miene testen sie Trompete, Tuba und Helikon auf Bespielbarkeit und Klangfarbe. «Wahrscheinlich suchen sie Instrumente, die sie kaufen können», sagt Streit und verteilt Traktorkestar-CDs. Seine Bandkollegen postieren sich unauffällig so, dass jede offene Tür der beiden Busse beobachtet ist. Sicher ist sicher.

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Die Ausrüstung findet allerdings wenig Anklang. Mal hat das Gerät die falschen Ventile, mal kommts aus dem falschen Produktionsland. «China», murmelt einer, nachdem er in Maro Widmers Tenorhorn geblasen hat, und verzieht kopfschüttelnd das Gesicht, als hätte er in etwas Bitteres gebissen.

Wenn Diskutieren einfach nichts bringt

Als sich Traktorkestar schliesslich auf den Weg in die Stadt macht, scheppert bereits ihre Version des «Vreneli» aus den Lautsprechern eines alten Autoradios. Über dem Stadion von Guca hängt eine fiebrige Spannung. Vor der Hauptbühne, auf der die Band 2009 selber stand, warten wieder Zehntausende auf die Entscheidung um die Goldene Trompete.

Traktorkestar spielt diesmal nicht auf der Stadionbühne, sondern auf der Strasse. «Die Leute bezahlen dich, indem sie dir Geld in die Instrumente werfen oder Noten an die verschwitzte Stirn kleben – und wenn du nicht schwitzt, spucken sie drauf», erklärt Streit. Dieses «Ich-bezahle-du-spielst-für-mich» habe oft etwas Abschätziges, auch weil viele der Musiker Roma seien. Unschön, aber nicht zu ändern: «Mit gewissen Leuten kann man über gewisse Sachen nicht diskutieren», sagt Streit. «Es bringt einfach nichts.»

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Wenn Traktorkestar spielen, sind keine Animositäten zu spüren. Nach ein paar Tönen auf einer kleinen Kreuzung sind sie sofort von Tanzenden umgeben, die jedes Stück bejubeln. Sich im wogenden Getümmel ein In­strument vor die Zähne zu halten ist allerdings nicht ohne Risiko. Nachdem Trompeter Sam Würgler prompt einen versehentlichen Stoss ans Horn versetzt bekommt, zieht sich die Truppe zu den Bussen zurück, geschafft, aber zufrieden. Noch eine Büchse Bier, und dann direkt ab nach Budapest ans Sziget-Festival, wo der nächste Auftritt wartet.

Balthasar Streit sitzt auf dem Beifahrersitz und streckt die Füsse an die Windschutzscheibe. Nach Budapest gehts zurück nach Bern. In vier Tagen steht Traktorkestar im Zürcher Kaufleuten auf der Bühne, und es gibt Anfragen aus Irland und Slowenien. «Mexiko und Südamerika wären doch mal eine Reise wert – da gibts auch Blasorchester.»

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Videos von Auftritten der Band und weitere Infos: www.traktorkestar.ch