Hopp und weg, der nächste Kunde wartet schon. Wer bei Aldi im badischen Rheinfelden einkauft, muss fix sein: Anders als schweizerische Supermärkte kennt der deutsche Discounter keine Einpackzone nach der Kasse. Hat die flinke Kassiererin den Strichcode eingelesen, muss die Kundin die gekauften Artikel sofort wegpacken. Bevor das Retourgeld im Portemonnaie versorgt ist, türmt sich nach der Kasse bereits der Einkauf der nächsten Kundin.

Schweizerische Gemütlichkeit dagegen wenige hundert Meter entfernt, in der Denner-Filiale diesseits der Grenze. Als die Bezahlung per EC-Karte nicht auf Anhieb funktioniert, überbrückt die Kassiererin die Wartezeit für den zweiten, dritten und vierten Versuch mit einem Schwätzchen. Die schnell wachsende Warteschlange scheint sie nicht zu stören.

Rund eine Million Schweizerinnen und Schweizer kaufen bereits bei Aldi und Lidl ein – als «Grenzgänger», vorderhand noch in Deutschland. Doch im Herbst eröffnet Aldi die ersten Läden auf Schweizer Boden; nächstes Jahr folgt Lidl. Spätestens dann werden die tiefen Preise auch Käufer anziehen, die weiter entfernt von der Landesgrenze wohnen.

Doch was bieten die deutschen Billig-Discounter bezüglich Qualität? Ist es wirklich nur Ware, die mit Schweizer Produkten nicht vergleichbar ist, wie etwa Coop-Chef Hansueli Loosli immer wieder betont? Der Beobachter lud vier Fachleute zu einer Blinddegustation: den Zürcher Kantonschemiker Rolf Etter, die Lebensmittelwissenschaftlerin Jeannette Nuessli, Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz und Manfred Stevens, Chefkoch der Hotelfachschule Belvoirpark Zürich. Für den Qualitätstest wurden in Rheinfelden dies- und jenseits des Rheins bei Aldi, Coop, Denner, Lidl und Migros jeweils fünf genussfertige Lebensmittel eingekauft – und zwar stets das billigste angebotene Produkt.

Sicher – das Resultat ist nicht repräsentativ, auch innerhalb der Jury gingen die Meinungen bei einigen Produkten auseinander. Und ganz generell genügten die Billigprodukte den hohen Ansprüchen der Fachleute kaum. Dennoch lässt sich sagen, dass die deutschen Lebensmittel den Schweizer Geschmack offenbar nicht treffen.

«Wir kennen die Schweizer Vorlieben»
Paradebeispiel Emmentaler: Die beiden in Deutschland eingekauften «Emmentaler»-Käse erkannte die Fachjury sofort: «Das schmeckt eher nach einem Gouda», befand Chefkoch Stevens zum Aldi-Käse, und Konsumentenschützerin Walpen urteilte hart über das Lidl-Produkt: «Undefinierbar, brüchig, trocken.» Sowohl der Aldi- wie der Lidl-Emmentaler wurden in bayrischen Grosskäsereien hergestellt und sehr jung verkauft. Die Jury war sich einig: kein Vergleich zum viel reiferen Coop-Käse, der als «Emmentaler mild» deklariert war. «Wir werden in der Schweiz natürlich Schweizer Käse verkaufen», sagt Aldi-Sprecher Sven Bradke. «Aufgrund der Erfahrungen in deutschen Läden in Grenznähe kennen wir den Geschmack der Schweizer Kunden.»

Beim Hinterschinken schnitten sowohl Coop wie Aldi schlecht ab: Das teuerste Produkt erhielt ebenso die Note zwei wie der mehr als dreimal billigere Schinken von Aldi. «Auffallend war, dass die Produkte von Aldi und Lidl anders gewürzt waren als die Schweizer Pendants», bemerkte Lebensmittelingenieurin Nuessli. Auch hier unterscheidet sich offenbar der Schweizer Geschmack von jenem der nördlichen Nachbarn. Ein ähnliches Phänomen zeigte sich bei den beiden deutschen Test-Citros: Die Getränke waren den Schweizer Testern zu süss. Punkto Geschmack schnitten alle Citros – ausser jenes von Coop – enttäuschend ab.

Am Beispiel des Citro zeigte sich auch, dass die beiden deutschen Anbieter ihre Produkte nicht tel quel in die Schweiz importieren können: Auf den Flaschen von Aldi und Lidl (die die Fachjury natürlich erst nach der Notenvergabe zu sehen bekam) sind Zitronen abgebildet. «Die schweizerische Lebensmittelgesetzgebung lässt dies nur zu, wenn tatsächlich echter Zitronensaft verwendet wird», erklärt Kantonschemiker Etter. Das war bei keinem der Testprodukte der Fall. Auch das Lidl-Erdbeerjoghurt entspricht nicht den schweizerischen Gesetzen: Es dürfte in der Schweiz nicht verkauft werden, weil der Fruchtanteil nicht deklariert ist.

Dies soll sich bald ändern, geht es nach dem Willen von Bundesrat Deiss. Er und andere liberale Politiker wollen das «Cassis-de-Dijon»-Prinzip der EU in der Schweiz einführen. Damit wäre jedes Lebensmittel, das in einem EU-Mitgliedstaat zugelassen ist, automatisch auch bei uns erlaubt. Deiss und Co. wollen so Handelshindernisse abbauen. Konsumentenschützer sind skeptisch, weil bewährte und lieb gewonnene Regelungen wegfallen würden.

Übers Ganze betrachtet hat Coop in der Beobachter-Degustation am besten abgeschnitten. Allerdings war der Grossverteiler auch bei allen eingekauften Produkten am teuersten. Aldi war immer am günstigsten, dicht gefolgt von Lidl. Der Preisunterschied zwischen Deutschland und der Schweiz ist augenfällig. Die Uni Freiburg etwa verglich 94 Produkte des täglichen Bedarfs – M-Budget und Prix Garantie von Coop waren um satte 70 Prozent teurer als Aldi und Lidl.

Die Bauern spüren Aldi und Lidl schon
Die Detailhandelsvereinigung Swiss Retail Federation rechnet denn auch mit weite-ren Preissenkungen, wenn auch «nur minimen», sobald Aldi und Lidl kommen. Direktor Peter Saner freut sich über die neue Konkurrenz: «Im Non-Food-Bereich haben wir diese Situation seit langem, zum Beispiel mit Ikea oder H&M.» Leiden würden zuerst der Discounter Denner, etwas später auch Migros und Coop.

Die Bauern spüren den härter werdenden Konkurrenzkampf bereits heute: «Wir stellen fest, dass die Schweizer Grossverteiler wegen des Markteintritts von Aldi und Lidl den Preisdruck bereits erhöht haben, da sie sich mit günstigeren Angeboten positionieren wollen. Das ist fatal für uns Produzenten», sagt Hansjörg Walter, Präsident des Schweizerischen Bauernverbands. «Die Händler von Aldi haben uns aber versichert, sie verlangten keine Vorzugsbehandlung, sondern forderten einfach die gleichen Einkaufsbedingungen wie Migros und Coop. Wenn es gelingt, dass dank Aldi und Lidl mehr Schweizerinnen und Schweizer einheimische Produkte kaufen, statt ennet der Grenze zu shoppen, ist das für uns auch eine Chance.»

Gar eine Chance für die gesamte Wirtschaft sieht Bernd Schips, Leiter der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Aldi und Lidl führten «mit Sicherheit zu einem unmittelbaren Preiseffekt», sprich zu einer Abwärtstendenz der Preise. Dadurch steigt das real verfügbare Einkommen. Ob dies einen generellen Wachstumsschub auslöse, hänge allerdings davon ab, ob die Leute das zusätzliche Geld auch wieder ausgeben oder sparen, dämpft Schips die Hoffnungen. Und er verweist auf die Schattenseiten der Billigwelle: «Tiefere Preise bei gleich hohen Löhnen und gleich hohem Beschäftigungsgrad sind längerfristig unrealistisch.» Unter Druck kommen vor allem die Detailhandelsangestellten.

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