Wer an der Supermarktkasse das dunkle Gefühl hat, so viel könne das Eingekaufte gar nicht kosten, hat oftmals Recht: Der Grossverteiler Coop, die Nummer zwei im Schweizer Detailhandel, hat seit anderthalb Jahren ein Problem mit seiner Computersoftware. Die Folge: Viele Artikel werden statt zum Aktions- zum normalen Preis verrechnet. Wer nicht gleich an der Kasse reklamiert, ist der oder die Dumme. Denn Coop hat die Kundschaft bisher nicht über den Sachverhalt informiert.

Hätte er nicht so gut aufgepasst, wäre auch Stephan Jonas Seiler (Bild) aus Stäfa ZH unter den Geprellten. Der Astrologe und Homöopath kaufte einen Karton Biowein «Dôle de Sierre». Doch anstelle des Aktionspreises von 63 Franken zeigte die Kasse den Normalbetrag von 81 Franken an. Er reklamierte und erhielt die Differenz zurück, nachdem sich die Kassiererin in der Weinabteilung kundig gemacht hatte.

Andere Stichproben ergaben ähnliche Resultate: Einmal waren es Tomaten oder Fruchtsaft, dann wieder Kaffee oder Bier, die entgegen der gross in Inseraten angekündigten Aktionspreise zum höheren Normalpreis berappt werden sollten.

«Ich kaufe ganz gezielt Aktionen ein. Darum wusste ich den richtigen Preis», sagt Stephan Jonas Seiler. «Aber viele andere Kunden werden wohl betrogen.»

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Sicher: Für den einzelnen Kunden, die einzelne Kundin geht es jeweils «nur» um ein paar Franken. Für Coop (Jahresumsatz: 12 Milliarden Franken) summieren sich die nicht berücksichtigten Abzüge aber rasch – schliesslich kaufen beim Grossverteiler Tag für Tag etwa eine Million Kundinnen und Kunden ein. Und diese können aus einer breiten Palette verbilligter Angebote auswählen: Jede Woche sind bei Coop zwischen 700 und 1000 Artikel in Aktion.

«Unsere Computerfachleute suchen den unerklärlichen Fehler zwar, gefunden haben sie ihn aber noch nicht», sagt Coop-Pressesprecher Jörg Birnstiel.

Alles begann im Mai letzten Jahres mit einer neuen Computersoftware. Seither sollten Preisänderungen zentral eingegeben und jede Nacht automatisch an alle Kassen übermittelt werden. Offenbar sind aber einzelne Teile nicht miteinander kompatibel. Die Folge: Beim nächtlichen Datentransfer gehen «manche Aktionspreise verloren», wie eine Filialleiterin freimütig einräumt. Das Problem trete daher vor allem am ersten Tag einer Aktion (üblicherweise der Dienstag) auf. Mühsam werde dann versucht, jeden einzelnen Fehler zu finden und der Zentrale zu melden. «Aber wir können nicht alles manuell korrigieren», sagt die Filialleiterin resigniert. Und ein Software-Update gibt es ohnehin erst wieder in der nächsten Nacht.

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Seit fast anderthalb Jahren weiss man bei Coop von der Panne. Informiert wurde die Kundschaft aber bisher nicht, «weil es kein spürbares Problem ist», wie Birnstiel sagt; es gebe nur sehr wenig Reklamationen. Kunststück.

Verschärft wird der Missstand nämlich durch eine ohnehin umstrittene Praxis des Grossverteilers: Seit Mai schreibt Coop die Preise nicht mehr auf jedem einzelnen Artikel an, sondern nur noch am Regal. Umso schwieriger wird damit die Kontrolle für die Konsumentinnen und Konsumenten: Wer weiss an der Kasse noch die Preise aller Joghurts, Koteletts und Schoggitafeln in seinem Einkaufswagen? Die Konsumentenschutzverbände fordern deshalb in einem Brief an den Bundesrat eine Änderung der Preisbekanntgabe-Verordnung. «Die Preise müssen wieder grundsätzlich an den Produkten angeschrieben sein.» Doch davon will Coop nichts wissen.

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Darum bleibt vorderhand nur die Erkenntnis einer Coop-Filialleiterin aus dem Kanton Zürich: «Wenn die Kundinnen und Kunden nicht genau aufpassen und uns melden, wenn ein Rabatt nicht gewährt wurde, können wir gar nicht alle Fehler herausfinden.»