Attraktivitätsforscher sind gefragte ­Experten: für Werbung, Mode, Chi­rurgen und verschönerungswillige Menschen. Einer der bekanntesten unter ihnen ist der US-Psychologe Devendra ­Singh. 1993 erregte er mit seinen Untersuchungen über das Taille-Hüft-Verhältnis als Massstab für weibliche Attraktivität weltweite Aufmerksamkeit. Singh liess seinen Blick durch verschiedene Epochen schweifen und vermass feenhafte Wesen auf Gemälden des Mittelalters, füllige Schönhei­ten des Barocks, in Korsetts gezwängte Wes­pentaillen des 19. und die jeweilige Miss America des 20. Jahrhunderts. Sein Befund: Das Verhältnis zwischen Taille und Hüfte pendelte stets um den Wert 0,7 – unabhängig vom Körpergewicht. Für das Model Kate Moss gilt dieselbe Kennzahl wie für Marilyn Monroe oder die Andromeda des Barockmalers Peter Paul Rubens.

«Schönheit lässt sich in Winkeln, Abständen und Grössenverhältnissen exakt messen», sagt auch der deutsche Arzt ­Ulrich Renz, Autor des Buchs «Schönheit – eine Wissenschaft für sich». Renz spricht zwar nicht von einem einzigen Schönheitsideal, sondern von sieben Milliarden Visio­nen von Ästhetik, doch auch er beobachtet ­«erstaunliche Überschneidungen», die «universell und für alle Kulturen gelten»: jugendliches Aussehen (kennzeichnet vor allem Frauen als potentielle Nachwuchsproduzentinnen), gleichmässiges Gesicht und symmetrischer Körper (Gesundheit, Stabilität), glatte Haut und gesundes Haar (Immunsystem, Hormonspiegel und damit Fruchtbarkeit). Renz gelangt auch zu einer überraschenden Erkenntnis: Nicht aussergewöhnliche Gesichter gelten als ­attraktiv, sondern Augen, Nase, Lippen, Stirn und Mund, die möglichst nahe beim mittleren Messwert der Bevölkerung liegen.

Schön ist, was unerreichbar scheint

Die bisher umfangreichste Untersuchung im deutschsprachigen Raum hat Martin Gründl durchgeführt. Via Internet hat der Regensburger Psychologe 60'000 Männern und Frauen das Bild eines durchschnittlichen Frauenkörpers vorgelegt und sie aufgefordert, diesen mit einem Morphing-Programm so zu verändern, wie sie ihn am ästhetischsten empfanden. Als schön gelten laut den Teilnehmenden lange Beine, mittelgrosse Brüste, schmale Taille und mit­telbreite Hüfte. Die Ergebnisse hat Gründl in eine Schönheitsformel gegossen, in der er die entsprechenden Werte mitei­nander in Verhältnis setzt.

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Kritiker der Attraktivitätsforschung monieren, dass deren Resultate nur einen Durchschnittswert wiedergeben. Zudem lasse sich über Geschmack bekanntlich nicht nur streiten, dieser sei auch beeinfluss- und bestimmbar. Der Münchner Literaturwis­senschaftler Wilhelm Trapp bezeichnet Schönheit denn auch als «Leerformel für das Begehrte». Die konkreten Inhalte wechselten laufend und seien abhängig vom kulturellen und individuellen Wunschbild. «Aber die Wünsche schiessen gern über die Realität hinaus – man begehrt immer, was man gerade nicht hat», so Trapp. Also finden wir Schönheit «in der Schnittmenge zwischen kultureller Erwartung und gegebener Natur». Deshalb bedeute es stets ein moralisches Dilemma, wenn man der Natur auf die Sprünge helfe: «Kunstreich verbesserte Schönheit macht letztlich die Unterscheidung natürlicher und künstlicher Reize unmöglich.»

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Gleichwohl sei Schönheit nicht in erster Linie kulturabhängig, sondern auf simple Lebensfunktionen zurückzuführen: «Schön­heit ist Zeichen für Gesundheit und dient der Fortpflanzung», sagt Wilhelm Trapp. Vom Fortpflanzungserfolg könne man Schönheit aber nur mit groben Vereinfachungen ableiten. Es widerspreche jeder biologischen Erklärung, dass seit Jahren der populärste aller Schönheitsmythen geschleift werde: «Das ‹schöne Geschlecht› ist nicht mehr so eindeutig weiblich, wie es lange Zeit war», so Trapp.

Nach den weiblichen Schönheitskoef­fizienten dürfte sich die Attraktivitätsforschung nun wohl der entsprechenden männlichen Formel widmen.