Wenn Musik der Liebe Nahrung wäre, wie Shakespeare irgendwo geschrieben hat, dann lebte Hans Arnold im Paradies. Ohne Musik, sagt er, könnte er nicht leben. Täglich übt er an seinem Knopfakkordeon. Mit 13 fing er «z musige» an. Fast jedes Wochenende ist er nun unterwegs, spielt Schunkellieder, Schlager und Evergreens. Musik ist bei ihm nicht einfach Musik, sondern: «Stimmungsmusik», «Backgroundmusik», «Tanzmusik». Wo die Unterschiede liegen, bleibt sein Geheimnis.

Arnold lebt aber nicht im Paradies. Er wohnt im neunten Stock eines Hochhauses am Zugersee. Auch der geringen Steuern wegen ist er hierhergezogen. Und um der Enge seiner Heimat, des Urner Schächentals, zu entrinnen. Am Balkon hängt schlaff eine Schweizer Fahne. Seinen Namen sucht man bei den Klingelanschriften vergeblich, denn er hat die Hälfte seiner Eigentumswohnung an ein älteres Paar aus Ex-Jugoslawien untervermietet. So hält er seine Kosten tief.

Bescheidenheit ohne Neid
Arnold bewohnt das Wohnzimmer mit offener Küche und einen Vorraum, wo er auf einem Metallbett schläft, das er tagsüber zusammenklappt und wegräumt. «Ich habe keinen Schlafzimmertick», scherzt er. Mehr Platz braucht der Junggeselle nicht. «Ich lebe billig. Wenn es schön ist, gehe ich biken», brummt Arnold und kocht Kaffee. Mit seinen 100 Auftritten im Jahr macht er vielleicht 40'000 Franken Umsatz. Vor fünf Jahren waren es noch 10'000 mehr. «Anfang Jahr gehe ich mit den Preisen unten rein, um Aufträge einzufahren.» Dann spielt er auch mal in einem Altersheim für 150 Franken. «Wenn ich zu Hause hocke, verdiene ich gar nichts.»

Kürzlich hörte er im Radio, wie ein Ethiker die Gier der Banker geisselte. Das alles ist ihm egal. Er verspürt keine Wut, keinen Neid, obwohl er als Bergbauernsohn nie auf der Sonnenseite gestanden hat. Mit 17 musste er Geld verdienen, eine Lehre lag nicht drin. Arnold ist ein höflicher Mensch, trotz allem, und wirkt überhaupt nicht verbittert. Er hat sein Leben bescheiden möbliert und spaziert ganz zufrieden darin herum.

Neulich besuchte er seine 76-jährige Mutter im Heimetli namens Bächli, seinem Geburtsort. Es steht über dem Schächental, Kanton Uri, in den Bürgler Bergen, 1200 Meter über Meer. Neben dem Haus steht ein Holderbaum, nur ein Fahrweg fürs Vieh führt da hinauf. Die Seilbahn brachte Mutter und Sohn ins Tal, dann fuhren sie mit dem Raddampfer aufs Rütli. Das Geburtstagsgeschenk für Mutter. «Das war schön», schwärmt Arnold.

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Der Einzelgänger: Hans Arnold, Musiker und Komponist


Vom Hilfsarbeiter zum Unterhalter
1995 kündigte Arnold seinen langweiligen Job als Hilfsarbeiter und setzte alles auf sein bisheriges Hobby, die Musik. Arnold drückt dem Besucher eine senffarbene Musikkassette in die Hand: «S Ländlertrio Hans Arnold spielt 13 lüpfige und virtuose Kompositionen», steht auf dem Cover. Er komponierte sogar selber, eine Samba mit dem Titel «Jede Nacht hat ihren Morgen», den «Chrüz-Dumegriff-Schottisch» oder einen Marsch, überschrieben mit «Der Einzelgänger».

Die Finger widersetzen sich
In den achtziger Jahren war Arnold ein bekannter Ländlermusiker, hatte Auftritte im Fernehen, bei Wysel Gyr in der Sendung «Bodeständigi Choscht». Immer schneller und virtuoser spielte er, sozusagen ein Bebopper der Volksmusik, ging immer mehr in Richtung Konzertmusik, bis er einsah: «Die letzten zwei Zacken bis zum Gipfel, die fehlten mir.» Er hatte die Latte zu hoch gelegt.

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Doch das ist lange her, damit hat Arnold abgeschlossen, heute spielt er nur noch Unterhaltungsmusik. Ehemalige Musikerkollegen rümpfen die Nase: «Chilbimusik». Nicht mal mehr das Eidgenössische Ländlermusikfest ist ihm einen Besuch wert. Jedes Jahr muss er ein paar seiner anspruchsvollen Eigenkompositionen von damals aus dem Repertoire streichen - weil er sie nicht mehr spielen kann, der nachlassenden Fingerfertigkeit wegen. «Das hingegen tut weh.»

Heute verdient Hans Arnold sein Geld an Geburtstagsfeiern, Oktoberfesten, Hochzeiten, Familienfesten, Klassentreffen, 1.-August-Feiern, Firmenjubiläen, Gewerbeausstellungen, Metzgeten, Fasnachtsbällen, Silvesterpartys, Seniorentanznachmittagen und Aufrichtfeiern. Saison ist das ganze Jahr über. Schlager, Volkslieder, Schunkellieder und Evergreens, alles hat er im Repertoire - nur eine Gattung spielt er nicht: «Die ganz moderne Musik, die die Jungen hören.» Er meint damit Pop- und Rockmusik. «Man kann doch nicht von einem Handörgeler Tina Turner verlangen oder Madonna, so Englisches.»

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Arbeitsschluss: open end
Ein Auftritt im September. Es ist ein Geburtstagsfest, der Jubilar wird 65. Es regnet, oder besser: sträzt, der erste Herbstregen, feuchtkalt, Temperatursturz um zehn Grad seit dem Vortag. Arnold fürchtet die nasse Kälte, sie macht die Finger klamm und ist Gift für jede Feststimmung. Er schlüpft in seine Arbeitskleidung: gelbes Halbarmhemd, schwarzes Gilet mit aufgedruckten weissen Notenkadenzen, ebensolche Krawatte, schwarze Bundfaltenhose, vorsorglich Wollsocken. Noch schnell einen Spritzer Eau de Toilette: «Samouraï» von Alain Delon, und schon mahnt ihn Hundegebell aus dem Handy, die Musikanlage ins Auto zu packen.

Er stapelt die Holzkisten aufeinander, rutschfeste Netze dazwischen, und schiebt sie auf einem Rollwagen in die Tiefgarage, wo er alles in sein silbernes Geländefahrzeug lädt. Vorher hat er in der Wohnung noch die Gardinen zugezogen, als ob er für längere Zeit verreisen würde.

Zum Glück sind es nur ein paar wenige Kilometer Weg. Der Auftrag lautet: Apéromusik im Freien ab 17 Uhr, dann Unterhaltungsmusik in der nahegelegenen Scheune. Arbeitsschluss: open end. «Das kann Mitternacht bedeuten, aber auch bis vier Uhr morgens», seufzt Arnold. Als Gage sind 850 Franken abgemacht. Der Veranstalter hat durchblicken lassen, dass eine Tausendernote drinliegt.

Wie befürchtet frieren die Gäste, machen verdrossene Gesichter, schlottern unter dem weissen Beduinenzelt, tunken Peperonistücke in die Saucen. Sie knabbern Chips und halten sich am Weissweinglas fest. «Viele Schweizer werden erst warm, wenn sie etwas intus haben», sagt Arnold. Er selber trinkt während der Auftritte am liebsten alkoholfreien Apfelwein, nicht zu kalt, denn Kälte drückt auf die Blase.

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Allein unterhalten - aus einer Ecke der nasskalten Scheune


Arnold, das Akkordeon geschultert, streicht nun spielend um die Gäste herum, katzenhaft, die Augen auf einen fernen Punkt gerichtet - nur ab und zu jemandem zuzwinkernd, den Kopf leicht schräg in dienender Haltung, aber nicht devot. «Man darf sich nicht an die Leute heranschleichen, nicht aufdringlich sein.» Wenn er merkt, dass in einer Darbietung von Gästen etwas schiefgeht, versucht er, das mit Musik zu überdecken. Doch er warnt: «Der Musiker darf zwar beratend eingreifen, aber nie Regent sein.» Arnold weiss: Vorschläge oder Anregungen muss man wie einen Mantel darreichen, damit der Empfänger bequem hineinschlüpfen kann.

Einst verbot ihm ein Kunde, Ländler zu spielen. «Natürlich hielt ich mich daran.» Ihm fiel auf, dass da viele Bauern mit schweren Nagelschuhen unter den Gästen sassen. «Stocksteif sassen die da.» Nach 22 Uhr habe er, Arnold, vorgeschlagen, ob ein lüpfiger Ländler vielleicht nicht doch... Und siehe da: Aus den Salzsäulen wurden tanzende Derwische, die Bauern wirbelten und stämpfelten auf ihren Absätzen herum, dass der Dreck, der an ihren Sohlen klebte, nur so durch den Raum flog.

Über die Hälfte des Geschäfts sei Psychologie, sagt Arnold. Kürzlich wollte ihm jemand einen Kurs andrehen: «So machen Sie als Alleinunterhalter Stimmung an einem Fest.» Als ob man das Feiern verordnen könnte, «so ein Blödsinn», knurrt er. Als ob man sich im Voraus auf Gäste einstellen könnte. «Das muss der Profi am Abend selber spüren und entsprechend reagieren.» Arnold merkt sofort, wenn jemand für Musik unempfänglich ist. «Um solche Leute mache ich einen grossen Bogen.»

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«Ja nicht diskutieren»
Neulich an einer Hochzeit, von Stimmung keine Spur, drehte er kurz vor Mitternacht die Musik etwas auf. Prompt bat ihn eine Dame, doch etwas leiser zu spielen, man wolle diskutieren. Da sei sogar dem Tafelmajor der Gesellschaft der Kragen geplatzt: Ob man eigentlich an einem Diskussionsabend oder an einer Hochzeitsfeier sei!

Das Diskutieren an Festen nehme überhand, das sei ihm aufgefallen, erzählt Arnold, «da muss nur einer sitzen, der ein bisschen mehr versteht als andere und eine gute Rhetorik hat, dann predigt er, und die anderen hören zu, und dann kumuliert sich das, und es gibt eine Diskussion, und ein einziges Thema wird eine Viertelstunde lang abgearbeitet. Das ist natürlich tödlich für ein Fest.» Nun, ihm sei das egal - er spiele, was der Auftraggeber wünsche und wie er es wünsche. «Der Alleinunterhalter ist das Gegenteil eines Stars: Er passt sich dem Publikum an. Nicht umgekehrt.»

Doch vermeidet Arnold Diskussionen mit Gästen - das wecke Begehrlichkeiten und führe ins Chaos. «Ja nicht diskutieren. Wer diskutiert, ist verloren.» Sein Trick, wenn er angemacht wird: ignorieren und einfach weiterspielen. Deshalb spielt er auch nicht mehr an Bauernbällen wie etwa im Muotatal: Die sind ihm «zu rau», «an solchen Orten gibts Schlägereien».

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Wenn die Füsse wippen, ist alles gut
Arnold versorgt sein weisses perlmuttüberzogenes Akkordeon und wechselt ins 100 Meter entfernte Tenn hinüber. Dort warten bereits Musikanlage und ein zweites Akkordeon auf ihn. Weil ihn das Kreuz schmerzt, kaufte er sich für «Tischmusik» die kleine weisse «Record», die nur halb so viel wiegt wie die 14 Kilo schwere alte «Dega». Fast zärtlich nimmt er sie an die Brust, setzt sich auf den Hocker, im Rücken eine Wand aus Strohballen, abgedrängt ins Eck, und knipst das Licht für die Notenblätter an. Es ist ein Raum, gross wie eine Lagerhalle, unbeheizbar, nackter Betonboden, durch die Ritzen pfeift der Wind. Arnold trägt vorsorglich Thermoshirt, lange Unterhose und Daunengilet, nun beginnt er sich einzusingen, es strömt dampfender Atem aus dem Mund: «Strahlende Berge, sonnige Höhen, Bergvagabunden sind wir, ja wir.»

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Dass er singen kann, entdeckte er erst vor wenigen Jahren. Er dachte immer, seine Stimme sei schlecht - und war dann überrascht, wie gut sie klang, als er sie auf Band aufgenommen hatte. Diesen Sommer nahm er im Urlaub auf den Kanarischen Inseln an einem Karaoke-Wettbewerb teil und gewann den ersten Preis mit «Marina, Marina, Marina». Arnold feixt: «Weil ich als Einziger den Text auswendig konnte.»

Allmählich haben auch die Gäste ins Tenn hinübergewechselt. Arnold beobachtet beim Spielen stets aufmerksam die Füsse der Gäste. Wenn sie wippen, dann ist das ein gutes Zeichen. Heute wippen sie nicht. Viele Gäste kauen ihr Gulasch, nicht einmal zum Essen haben sie ihre Jacken abgelegt. Das wird ein langer, beschwerlicher Abend für Arnold. Und die Kälte wird, das weiss er jetzt aber noch nicht, in seinen Unterleib kriechen, ihm eine Entzündung bescheren, er wird Blut im Urin haben und ein paar Tage krank sein.

Wenigstens hat er dann Zeit für sein Hobby, die Sternenkunde. Mit seinem grauen Astro-Feldstecher sucht er von seinem Balkon aus oft den Sternenhimmel ab, verliert sich in der Whirlpool-Galaxie oder bestaunt mit kindlicher Neugier die Galileischen Monde. Arnold freut sich: «Jetzt werden die Wintersterne sichtbar. Mit schnellen Schritten gehen wir jetzt in den Winter hinein.»

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