Das «Chinoworb» ist bald 60 Jahre alt und liegt versteckt zwischen Fachwerkhäusern, Gärten und Tannen in einem Flachbau aus Beton. Die Leute in Worb sagen nicht «Chinoworb», sondern «üses Chino». Mit leuchtenden Augen erzählen sie von früher, als der Eintritt noch 50 Rappen kostete. Als es im Saal noch die alten Klappsitze aus Holz gab, unter die man kriechen konnte, wenn eine gruselige Szene kam. Als am Sonntagnachmittag italienische Filme für die Gastarbeiter liefen.

Für die Worber war es ein Schock, als der Kinobesitzer vor zwei Jahren ankündigte, die Schwingtür, hinter der sich so viele Erinnerungen verbergen, für immer abzusperren. Kurz zuvor hatten die Studiobosse in Hollywood entschieden, ab 2014 keine teuren 35-mm-Filmkopien mehr herzustellen, sondern nur noch die billigeren ­digitalen. Alle anderen Filmstudios zogen mit. Weltweit waren die Kinos gezwungen, ihre 35-mm-Projektoren gegen digitale auszutauschen. Mehrere Schweizer Landkinos konnten sich die Investition – 100'000 bis 150'000 Franken – nicht leisten.

Zwischen 2010 und 2013 mussten rund 30 kleine Kinos zumachen, sagt das Bundesamt für Statistik. Fast hätte es auch das Kino in Worb erwischt. Dass es überlebte, grenzt an ein Wunder – jedenfalls klingt die Geschichte der Rettung wie ein Märchen.

Es beginnt mit Martin Christen, 64, Redaktionsleiter der «Worber Post», ein kleiner, drahtiger Mann mit schlohweis­sem, halblangem Haar. Er steht in der Mitte des Kinosaals, erzählt. Manchmal schweigt er und schaut sich um. Wie um sich zu vergewissern, dass alles echt ist, nicht nur geträumt. Als er vom Aus des Kinos hörte, kam es ihm vor, als verliere das Dorf ein Stück seiner Seele. Zumal zur selben Zeit mehrere kleine Läden schlossen. «Da fasste ich den Entschluss, dass das Kino auf keinen Fall sterben darf», sagt er. «Wenn die Leute nämlich für einen Film nach Bern fahren, kaufen sie dort womöglich auch noch ein, gehen dort ins Café, ins Restaurant, zum Coiffeur – und hier bei uns im Dorf wirds immer leerer.»

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Zusammen mit dem Architekten Rolf Nöthiger gründete Christen eine GmbH. Sie brüteten Pläne aus, wie sie das Geld für Renovation und Digitalisierung zusammenbringen könnten. Eine Idee war, die Plüschsessel im Saal symbolisch zu verkaufen. 500 Franken das Stück. «Ich war skeptisch, aber die Dinger gingen ruckzuck weg. Jeder wollte uns unterstützen.» Der Zimmermann, der die Bühne vor der Leinwand einbaute, arbeitete gratis. Der Holzhändler, von dem die Bretter für die Bühne kamen, machte einen Sonderpreis. Der Dorfjurist formulierte in seiner Freizeit die nötigen Verträge. Bund, Gemeinde, private Unternehmer, der Lions Club und eine Genossenschaft spendeten Geld. Viele Worber boten an, gratis hinter der Bar, an der Kasse oder als Platzanweiser zu arbeiten.

Zum Neustart des Kinos organisierten Christen und Nöthiger ein Dorffest, die «Berner Zeitung» brachte einen Artikel mit dem Titel «Happy End: Ein Dorf rettet sein Kino». Seither haben die beiden viele Erfahrungen gesammelt. Dass zum Beispiel mit Filmen allein die Kasse nicht voll wird. Deshalb vermieten sie den Saal nun auch für Geburtstagsfeste, Firmenanlässe oder Podiumsdiskussionen. Oder sie übertragen wichtige Sportveranstaltungen wie die Fussball-WM im Kino.

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Eine weitere Erfahrung war, dass Reprisen nicht ziehen. «Wir zeigten alte Gotthelf-Verfilmungen und haben sogar im Altersheim dafür Werbung gemacht. Aber es lief nicht», sagt Christen. Nun wollen sie versuchen, ältere Leute mit Operettenfilmen zu locken, unter dem Slogan «FKK»: Film, Kaffee und Kuchen am Vormittag.

Sie haben auch gemerkt, dass die Worber unter der Woche nicht gern allzu spät ins Bett gehen. Seitdem beginnen die Abendfilme um acht und nicht wie in anderen Kinos um halb neun. «Die Stärke von kleinen Landkinos ist ja genau dieser direkte Kontakt zum Publikum und die Chance, das Angebot den Bedürfnissen anzupassen.» Trotzdem herrscht Ebbe in der Kasse. Im ersten Geschäftsjahr schrieben sie rote Zahlen, im zweiten läuft es nicht viel besser. «Das kommt schon noch», sagt Christen. «Die Leute stehen hinter uns, sie wollen ihr Kino nicht verlieren.»

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Das Pensionskassengeld ins Kino gesteckt

Hansruedi Brawand, 48, hat nicht das Gefühl, dass die Leute hinter ihm stehen. Seit Januar 2013 führt er das Kino Royal in Aarberg als Einmannbetrieb: Morgens erledigt er die Büroarbeit, nachmittags und abends verkauft er Eintrittskarten, spielt den Film ab, macht Popcorn, wechselt die Plakate, putzt. Sein Vorgänger wollte das Kino vor zwei Jahren aufgeben, weil ihm das Geld für die Digitalisierung fehlte. Brawand, damals Manager bei den SBB, durchlebte gerade eine Krise und wollte sich beruflich verändern. Die Welt des Films sagte ihm nichts, aber die Herausforderung reizte ihn: Würde er es schaffen, die Leute wieder ins «Royal» zu locken? Mit dem Pensionskassenvermögen kaufte er das Kino samt Liegenschaft und finanzierte die neue digitale Projektions- und 3-D-Technik. Jetzt ist er enttäuscht. «Damals schrien die Leute, ihr Kino müsse gerettet werden. Jetzt kommt kaum einer.» Brawand stützt sich müde auf die Theke, im Glaskasten floppt das Popcorn gegen die Scheiben.

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Er ist ausgebildeter Ökonom, seine Sätze sind klar und bestimmt. Brawand sagt, er habe vor dem Kauf des Kinos einen detaillierten Businessplan erstellt. Er gibt zu, sich verkalkuliert zu haben. «Die Zahlen stimmen vorne und hinten nicht.» An Ostern startete in allen Kinos der Schweiz gleichzeitig der neue «Spiderman»-Film, auch im «Royal». An fünf der sieben Vorstellungen blieb der Saal leer.

Das Geschäft ist hart, vor allem für die kleinen Kinos auf dem Land, die keiner Kette angehören. Ein Kinoticket kostet in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik durchschnittlich Fr. 15.57. Davon muss ein Kinobetreiber wie Hansruedi Brawand in den ersten zwei Wochen nach Filmstart 50 Prozent an den Verleiher abgeben, in den folgenden Wochen 40 und 30 Prozent. Mit dem, was übrig bleibt, muss er Miete und Mitarbeiter zahlen. Bei Brawand sind es die Hypothek und die anfallenden Kosten für die Liegenschaft. Einen Lohn gönnt er sich nicht. Die Haupteinnahmequelle der Kinos sind nicht die Filme, sondern Popcorn, Snacks und Getränke. «Ohne den Kioskverkauf könnte ich grad einpacken», sagt er. Aber auch mit den Kiosk-Einnahmen kann er das Kino nur betreiben, weil seine Frau arbeitet.

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Schon zwei Kantone ohne Kino

Letztes Jahr dachte er ans Aufgeben. Inzwischen ist er bereit zu kämpfen. Er will geduldiger werden, sein Angebot analysieren und optimieren sowie Spielzeiten, zu denen sowieso fast niemand kommt, aus dem Programm schmeissen.

Der Pausengong ertönt. Vier Kinder und eine Frau kommen aus dem Saal. Die Kinder stellen sich für Popcorn an, rätseln, wie der Film weitergehen wird. Sie hüpfen und kreischen vor Aufregung. Hansruedi Brawand beobachtet sie. Die Müdigkeit ist weg, sein Gesicht strahlt vor Freude.

Die Besitzer der kleinen Kinos in der Schweiz sind erfinderisch, filmverrückt, hoffnungslos idealistisch. Mit ihrem Kampfgeist setzen sie sich dafür ein, dass es auf dem Land weiterhin Kultur gibt. Der Bund hat das erkannt. Er unterstützt die Kino­betreiber, indem er sich an den Kosten für die Digitalisierung beteiligt. Nicht alle Kinos konnten dadurch gerettet werden, wie das kleine Kinosterben in den drei Jahren nach 2010 zeigt. Aber das von vielen befürchtete grosse Sterben blieb aus. Von den 183 kleinen Kinos, die es im vergangenen Jahr hierzulande noch gab, haben fast alle umgerüstet. Nur elf haben den Sprung nicht geschafft, etwa das Kino in Buochs im Kanton Nidwalden. Neben Appenzell Inner­rhoden ist Nidwalden nun der zweite Kanton, in dem es kein einziges Kino mehr gibt. Das ist ein riesiger Verlust – kulturell, aber auch für das Gemeinschaftsleben.

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«Man trifft hier immer Bekannte»

Das Kino Rosental in Heiden, Appenzell Ausserrhoden, ist neben der Kirche der wichtigste Treffpunkt im Ort. Es liegt an einer Seitengasse, umgeben von Gärten, Obstbäumen, und sieht aus wie ein Ein­familienhaus mit einer etwas zu gross ge­ratenen Garage. Ein junger Sattler aus dem Rheintal kam 1935 auf die Idee, hier ein Kino zu gründen. Er hatte beobachtet, wie gut die Wanderkinos auf den Jahrmärkten bei den Menschen ankamen, und witterte das grosse Geschäft.

Hannes Friedli, 55, sitzt in der Bar des Kinos und erzählt die Geschichte des Sattlers. Friedli ist Grafiker und Mitbegründer der Genossenschaft, die das «Rosental» seit 1999 betreibt. «Zum Glück hatte dieser Mann diese verrückte Idee!» Was wäre Heiden ohne Kino? Friedli tunkt sein Croissant in den Milchkaffee. Die Leute wären sicher sehr traurig, meint er. Sie hätten wohl weniger Kontakt, weniger Austausch. Der Zusammenhalt wäre nicht so gross.

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Mehr als 40 Freiwillige aus dem Ort engagieren sich in der Genossenschaft und treffen sich regelmässig in kleinen Arbeitsgruppen. Es gibt zum Beispiel die Kassenfrauengruppe oder die Programmgruppe. «In unseren Gruppen kommt querbeet alles zusammen: die Bäuerin, der Apotheker, die Verkäuferin, die alleinerziehende Mutter», erklärt Friedli. «Hier in Heiden macht niemand mehr ab, um ins Kino zu gehen. Man weiss, dass man immer jemanden trifft, den man kennt.» In der Pause stehen die Leute dann an der Bar, reden und diskutieren über den Film, über das Leben, die Arbeit, die Kinder. Und wenn der Gong ertönt, reden sie oft einfach weiter, weil es so viel zu erzählen gibt. «Wir verlängern dann einfach die Pause.» Friedli lacht. «Das kann sich nur ein Landkino erlauben.»

Es fällt auf, dass viele Betreiber von kleinen Landkinos erst seit wenigen Jahren in der Branche arbeiten. Sie sind irgendwann zwischen 2010 und 2013 da reingerutscht, mehr oder weniger unvorbereitet. Sie waren halt einfach die Ersten, die handelten, als dem Kino in ihrem Dorf das Aus drohte. Nun schauen sie beunruhigt zu, wie die Konkurrenz in den Städten weiter ausbaut. 1993 wurde in Zürich das erste Multiplex­kino eröffnet, inzwischen gibt es zwölf, und es werden immer mehr. Jüngstes Beispiel: das «Rex» in Thun mit über 900 Plätzen, eröffnet im Mai. Die Multiplexkinos gehören oft internationalen Ketten, haben mehrere Säle und liegen meist in Einkaufszentren, umgeben von Fast-Food-Restaurants, Bou­tiquen oder Nagelstudios. Die Besitzer der Kleinen befürchten, gegen so viel Pracht nicht anzukommen.

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«Alle mit dem Filmvirus infiziert»

Marianne Hegi zuckt nur mit den Schultern, wenn man sie auf den unerbittlichen Verdrängungskampf in der Branche anspricht. «Ach, das war doch schon immer ein Auf und ein Ab.» Hegi, 68, ist zierlich und strahlt Autorität aus. Sie ist ein alter Hase im Kinogeschäft. Das Familienunternehmen Leuzinger, das seit 1906 mehrere Kinosäle und ein Wanderkino betreibt, führt sie in dritter Generation. «Es gab Zeiten, da konnten meine Eltern den Angestellten keinen Lohn zahlen. Trotzdem ging es immer irgendwie weiter.» Ihr fällt ein Bild aus der frühen Kindheit ein: Sie liegt im Wohnzimmer auf dem Boden. Im Stockwerk darunter befindet sich der Kinosaal der Eltern. Sie presst ein Ohr fest gegen den Teppich, und aus den Klängen und Stimmfetzen, die sie vernimmt, spinnt sie eigene Geschichten. «Wir waren alle mit dem Filmvirus infiziert. Vielleicht ging es deshalb immer weiter.»

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Hegi betreibt das einzige Kino im Kanton Uri, das Cinema Leuzinger in Altdorf. Bereits ihr Grossvater und später ihre Tante zeigten hier Filme. Im Sommer kamen sie mit dem Wanderkino vorbei, im Winter durften sie den Theatersaal nutzen. Das Geschäft lief so gut, dass die Tante 1964 beschloss, die Altdorfer mit einem richtigen Kino zu beglücken. Die Menschen lieben es – aber das ist nur die halbe Miete. «Man kann das Publikum sehr schnell vergraulen», sagt Marianne Hegi. Brutale Filme oder Sexfilme mögen die Altdorfer zum Beispiel überhaupt nicht. «Kleine Kinos müssen eine Nische finden, damit sie überleben. Es reicht nicht, wenn sie einfach das Programm nachspielen, das in den Städten läuft.»

Eine der Nischen, die dem Cinema Leuzinger das Überleben ermöglichen, sind regionale Filme. Das funktioniert so gut, dass Altdorf unter Kinofans inzwischen als wichtiger Ort für Uraufführungen von Schweizer Filmen gilt. Es sind Filme über alte Handwerke, Traditionen, Sagen, über die Welt der Bauern. Filme, bei denen die Menschen aus dem Dorf mitreden können. Der Film «Bergauf – bergab» über das Leben auf der Alp etwa lief 25 Wochen lang, und das im Sommer, als die Altdorfer selbst auf der Alp oder am Heuen waren. Der Saal sei immer voll gewesen, sagt Hegi. «Viele sind extra von der Alp runtergekommen.»

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In ihr Landkino, das überlebt hat.