Füsse. Kurze, lange, flache, breite, saubere und weniger saubere. Mit Hammerzehen, schmaler Ferse, hohem Rist. Senkfüsse. Spreizfüsse. Plattfüsse. Schweissfüsse. Kleine (Grösse 39), grosse und sehr grosse (Grösse 47). Mario Kneuss, Erfinder des Schuh-Busses, kennt sie alle.

Seit acht Jahren baut der 51-Jährige mit den listigen Augen und dem schnellen Baselbieter Mundwerk schon an seinem mobilen Schuh-Imperium. Sieben Fahrzeuge fahren unter dem Namen Schuh-Bus, der als silbrige Stickerei auch die Arbeitskleidung der Angestellten und ihres Chefs, ein schwarzes Gilet, ziert.

Das Konzept ist einfach, aber bestechend: den Schuh, konkret den Suva-geprüften Arbeitsschuh, zum Kunden bringen, statt darauf zu warten, dass der Kunde zum Schuh kommt. So fahren er und seine Angestellten mit Bussen in die Gewerbeagglomerationen, direkt zu den Betrieben, sei es eine Zwei-Mann-Garage oder eine Schokoladenfabrik mit 850 Mitarbeitern. Wer neues Schuhwerk braucht, wird gleich vor Ort bedient, es kann sofort mitgenommen werden. «Dr Fuess isch zunderscht, da bruuchts bsunders fachkundigi Berotig», erklärt Kneuss. Die Bändel gibts gratis, Schwitzeinlagen kosten sieben Franken. Für die Betriebe bedeutet der Schuh-Bus Zeitersparnis, für die Arbeiter eine kleine Abwechslung und bequem sitzendes Schuhwerk und für Kneuss eine lukrative Existenz: «Das Geschäft läuft gut.»

Acht Uhr morgens, erster Halt. Eine Opel-Garage in Baden. Fahrer Adriaan Bakker, ein Holländer mit jahrzehntelanger Schweiz-Erfahrung und eigener Unterhaltungsband «für jede Gelegenheit», sucht noch schnell eine nette Musik im Radio. Der Kunde soll sich wohl fühlen. Auf UKW 94,6, bei DRS1, wird er fündig. Ein französisches Chanson ertönt aus den Lautsprechern. Der Chef hat inzwischen, mit einem Prospekt bewehrt, an der Réception die Ankunft des Schuh-Busses gemeldet. Früher seien sie oft als Zigeuner beschimpft und weggejagt worden. Jetzt kennt man sie. Und manchmal, wenn ein anderer Fahrer als der übliche eine Route fährt, wollen die Gewerbler den vermeintlichen Konkurrenten von Mario Kneuss verjagen.

Man duzt sich. Stift Goran Lukic ist heute der Einzige in diesem Betrieb, der sich neue Fussbekleidung gönnt. Nach knapp zehn Minuten ist ein bequemes Modell gefunden und der Handel rechtsgültig. Goran, der sonst, wie er sagt, nicht so «uusgeberisch» ist, hat «endlich mal rechte Schuhe» und das Schuh-Bus-Duo die ersten 89 Franken des Tages eingenommen.

«Bruuchsch au e Schwitzsoole?»
Es ist die Jungfernfahrt von Schuh-Bus Nummer 7, einem zwölf Meter langen ehemaligen Postauto mit 1,3 Millionen Kilometern auf dem Tacho. Kneuss hat es für 10'000 Franken einem Russlandexporteur vor der Nase weggeschnappt und für insgesamt 60'000 Franken umgerüstet. Jetzt, voll beladen, ist das Gefährt gegen eine Viertelmillion Franken wert.

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Während der Fahrt prüft Mario Kneuss den Bus auf Kinderkrankheiten, schaut, ob die Halterungen für die Schachteln ihren Zweck erfüllen, überlegt, ob vielleicht doch noch eine zweite Batterie eingebaut werden muss. Rückt da und dort einen Schuh auf dem Ausstellungsgestell zurecht. Ordnet noch schnell die Prospekte. Hebt ein Fötzeli vom Boden auf. Und gibt dem Fahrer Anweisungen - was dieser mit mässiger Begeisterung zur Kenntnis nimmt. «Ja, ja, ich bin ein strenger Chef», gibt Kneuss zu. Adriaan nickt ernst.

Nächste Station ist das Industriegebiet von Höri im Züribiet. Ortstermin bei Oertli Werkzeuge und der Firma Baumgartner. Nach und nach füllt sich der Bus, es wird eng. Im vorderen Bereich sitzen Männer in Arbeitskleidung mit schmutzigen Händen und mehr oder weniger zerschlissenen Schuhen an den Füssen, hinten im Lagerbereich weibeln Adriaan und Mario, suchen die richtigen Grössen und Modelle raus. «Häsch mer no es 8930 im 43i?» - «Bruuchsch au e Schwitzsoole?» - «Was, das Modell händ er nüme?» - «Muesch mindeschtens ein Finger breit Platz haa hinde, suscht isch er z äng.» Der Ton ist kollegial, die Stimmung locker, aber geschäftig. Es wird gefachsimpelt über Stahlkappen, schmutzabweisendes Leder und die Vorteile von Zimtsohlen, die Schweiss- und Geruchsbildung hemmen und sogar die Blutzirkulation anregen sollen.

Dutzende Male an diesem Tag werden stossdämpfende Sohlen zu Demonstrationszwecken gegen irgendwelche Kanten der Innenausstattung gedrückt. Und mit Staunen wird zur Kenntnis genommen, dass Ducati nicht nur Motorräder, sondern auch Arbeitsschuhe herstellt.

Auch Erwin Bucher kriegt eine neue Fussbekleidung. Der 63-jährige Dreher trägt ein Etwas an den Füssen, das problemlos als Exponat einer Museumsausstellung zum 30-jährigen Krieg durchgehen könnte. «Dabei sind die erst zwei Jahre alt», betont er und mümmelt an seinem Pausenapfel herum. Die Jungmannschaft testet derweil mit Kennermiene den ausgestellten Schuherfrischungsspray und fachsimpelt über das modische Potenzial der Arbeitsschuhe. «Die chasch scho fascht in Uusgang aalegge.» Ein Running Gag. Nach knapp einer Stunde und rund 20 verkauften Paar Schuhen gehts weiter. Der Fahrplan ist eng, Zeit für einen Kaffee oder eine Pinkelpause bleibt keine. Dafür gibts später zwei Stunden Mittagsrast. Bei der Compogas in Bachenbülach erwirbt Betriebsleiter Heller das von den beiden Schuhhändlern scherzhaft Biene Maya genannte Modell mit den gelben Streifen. Nachher muss, wie meistens nach Besuchen bei Compogas-Betrieben, tüchtig gelüftet werden.

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Der Job ist kein Zuckerschlecken
Mit Al Bundy, dem füssehassenden Schuhverkäufer aus der US-Comedy «Eine schrecklich nette Familie», hat Mario Kneuss herzlich wenig gemein: «Man muss Füsse lieben, sonst kann man den Job nicht lange machen.» Und wer einmal das Feuer für Füsse habe, werde es nicht mehr los. Denn Schuhe seien eine lebenslange Leidenschaft. Und er sei in der glücklichen Lage, mit dem Schuh-Bus sogar zwei Leidenschaften verbinden zu können: Schuhe und Lastwagen. Kneuss ist nämlich nicht nur gelernter Schuhverkäufer und ehemaliger Schuhdesigner. Er war auch lange Jahre in Saudi-Arabien unterwegs - mit einem eigenen Transportunternehmen.

Auch Adriaan liebt die schweren Maschinen mit dem langen Radstand und den grossen Lenkrädern. Besonders stolz ist er auf diesen, bald «seinen» neuen Bus - ab nächster Woche wird er ihn allein fahren. Handcreme, CDs, ein buntes Stoffhündli von der Freundin sind schon mit dabei. Im winzigen Kühlschrank steht eine Soda-Fresh-Flasche. Ein Zuckerschlecken ist der Job nicht. Zwar legt man selten mehr als 100 Kilometer pro Tag zurück, doch Fahrer und Verkäufer in Personalunion zu sein strengt an. Hinzu komme, so Kneuss, die Gefahr der Vereinsamung. Trotz Kundenkontakt. 4500 Franken Grundlohn bezahlt er seinen Fahrern, zusätzlich acht Prozent Umsatzprovision.

Über GPS verfügen die Wagen nicht, «da müssten wir erst noch mehr Wachstum haben», sagt Kneuss. Geld leichtfertig ausgeben ist nicht seine Art. Und wer ihn tadelnd auf den Treibstoffverbrauch seiner Läden auf Rädern anspricht, dem rechnet er kurzerhand die Ökobilanz vor: Wenn jeder seiner Kunden seine Arbeitsschuhe mit dem Auto im nächstgelegenen Laden kaufen würde, würde viel mehr Benzin verbraucht - trotz der 22,5 Liter, die der Bus auf 100 Kilometer säuft.

«Abgesehen vom Tessin bedienen wir die Schweiz flächendeckend», sagt er nicht ohne Stolz. Der Markt sei aber bald abgedeckt, mehr als zehn Busse lägen nicht drin. Deshalb träumt Kneuss von der Expansion in den nahen Schwarzwald. Einen neuen Bus gibts aber erst, wenn sicher ist, dass der letzte rentiert. Selbstständigkeit ist sein oberstes Gebot: «Wenn man niemandem gehört, dann muss man auch niemandem folgen.»

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«Ein erfolgreicher Tag»
Punkt 14 Uhr gehts wieder los. Eine Volvo-Garage in Buchs ZH. Vier junge Männer in Übergwändli treten ein in Kneussens kleine Welt der Arbeitsschuhe. Bleiche Waden blitzen unter Hosenstössen hervor, Füsse in Socken mit und ohne Löcher erkunden unbekannte Behausungen, schliessen Freundschaft mit Fussbetten. Die blaue Abdeckmatte mit dem neckischen weissen Fussabdruckmuster - der Fuss ist wirklich allgegenwärtiges Motto - trägt schon am ersten Tag Spuren von Motorenöl. Wo Arbeitsschuhe gebraucht werden, ist Schmutz nicht weit.

Schliesslich noch ein Heimspiel: die RVBW, die regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen. Hier hat Kneuss sein erstes Postauto gekauft. Man kennt sich seit Jahren, hält ein Pläuschchen. Und wieder wechseln Schuhe mit und ohne Stahlkappen den Besitzer. Bilanz der Jungfernfahrt von Schuh-Bus Nummer 7: 42 verkaufte Paar Schuhe, etliche Schwitzsohlen und ein Umsatz von über 5800 Franken. «Für einen Freitag wars ein erfolgreicher Tag», freut sich Kneuss. Adriaan, der Holländer, nickt.

«Muesch nid z schnäll dur s Dorf duure, das isch au Wärbig», weist Kneuss Adriaan durchaus ernst gemeint an, als der Bus heimwärts durch Wettingen fährt. Und tatsächlich schauen die Passanten dem auffälligen Gefährt nach, das so irritierend nach ÖV aussieht. Manchmal stünden Wartende an den Haltestellen auf, wenn sie den Bus kommen hören oder sehen, erzählen die beiden. Und einmal sei sogar eine Frau mit dem Schirm auf den Wagen los, weil er sich geweigert habe, sie mitzunehmen.

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