Als die deutsche Ex-Bundespräsidentengattin Bettina Wulff zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit ihr Oberarmtattoo freilegte, ging ein Aufschrei durchs Land. Das Ornament nährte Spekulationen: Aus welchem Mi­lieu kommt diese Frau? Bei Kennern der ­Tattooszene hingegen rief das Hautbildchen ein müdes Lächeln hervor – prominente Trägerin und First Lady hin oder her. Das «Tribal», in alten Kulturen als Stammeszeichen verwendet, habe inzwischen ja fast jeder, und es sei auch auf anderen Körperstellen beliebt. Über Frauen­steissen etwa, umgangssprachlich als «Arschgeweih» bezeichnet.

Laut Schätzungen aus Deutschland, die auch für die Schweiz zutreffen dürften, sind über ein Viertel der Männer und Frauen zwischen 25 und 35 tätowiert. Aber auch immer mehr Ältere bis 70 verlangen danach. Salonfähig haben Tattoos Fussballer wie David Beckham oder Schauspielerinnen wie Angelina Jolie gemacht. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen sie nur Leute trugen, um die man lieber einen Bogen macht.

Massenphänomen und Modeaccessoire

Heute suchen Ärztinnen, Bürolisten und Lehrer die Studios auf, um sich etwas unter die Haut stechen zu lassen. «Es ist cool und sexy, tätowiert zu sein», sagt Steff Rieder, der mit seiner Freundin in Kriens ein Tattoostudio betreibt. Grosse Tattoos seien gefragt; manche erstrecken sich über den ganzen Arm. Und man trägt sie auf Hals und Händen – Tabuzonen noch vor ein paar Jahren. Im Trend liegen fotorealistische Motive, die mit grafischen Elementen gemixt werden. Gesamtkunstwerke oft, die ganze Rücken zieren. Aber auch nach Sternen, römischen Zahlen, Kindernamen, Buddhas und Ankern wird gefragt. Das Steiss-Tribal will im deutschsprachigen Raum kaum noch jemand, ebenso wenig wie Delfine, Indianer oder Rosen.

Warum Tätowierungen immer noch boomen? Weil sie überall präsent und leicht zu haben sind. «Das Internet wirkt als Bilderschleuder, man hat schnell Zugang zu ganz verschiedenen Motivwelten», sagt Susanna Kumschick, Kuratorin der Ausstellung «Tattoo» im Gewerbemuseum Winter­thur. Über Facebook und die Foto- und Video­sharing-App Instagram tauschen Interessierte die neusten Trends aus. Hinzu kommen ­immer mehr Tattoomessen und -shops, einfacher zu bedienende Tätowiergeräte, Leute, die schneller das Handwerk lernen. «Was allerdings nicht immer heisst, dass die Resultate gut sind», sagt Susanna Kumschick.

Anzeige

Laut ihr erleben wir heute nicht den ersten Hype in der westlichen Geschichte der Tattoos. Schon vor mehr als 100 Jahren war es en vogue, sich die Haut zu verzieren. In der Unterschicht sowieso, aber auch beim Adel. Und schon damals mutmasste die Klatschpresse mit Wonne, wer wo welches Bild trug. Englands Königin Victoria, so hiess es, habe sich Tiger- und Pythonmotive an intimen Stellen stechen lassen. Die Beweggründe für Tattoos damals: die Liebe zum Extravaganten und Exotischen, die Ästhetik fremder Kulturen. Der britische Weltumsegler James Cook brachte im 18. Jahrhundert nicht nur das Wort «tatau» aus Polynesien mit, das «schlagen» bedeutet, sondern gleich den tätowierten Prinzen Omai. Schaulustige und Wissenschaftler konnten sich kaum satt­sehen an ihm. Sein Körperschmuck hatte jedoch kaum mit Extrovertiertheit zu tun. Bei Urvölkern ­gaben die Zeichen Auskunft über Familien­zugehörigkeit, Vorfahren, sozialen Status.

Die modernen Beweggründe, sich tätowieren zu lassen, sind vielfältig. Einigen macht es Freude, viel Kunst auf dem Körper zu sammeln. Andere tun es nur wegen der Prozedur. Zeigen, dass man sich freiwillig dem Schmerz gestellt und ihn ausgehalten hat. Die Hautbilder können prägende Momente im Berufsleben festhalten, wie die Winterthurer Ausstellung dokumen­tiert. Bei einer jüngeren Gruppe Naturwissenschaftler ist es üblich, wichtige Ereignisse oder Erkenntnisse in die Haut einschreiben zu lassen. Da umklammert dann das Seismogramm eines Erdbebens das Fussgelenk, oder es verästelt sich ein neuronales Netz auf der Schulter.

Anderen geht eine Liebesgeschichte unter die Haut: Tattoos sollen zeigen, dass ein Bund für immer und ewig hält – in einer Zeit, in der nichts Bestand zu haben scheint, sich alles so rasant ändert. Ein laut Susanna Kumschick bei jungen Leuten verbreiteter Wunsch. Sich einen Namen eingravieren zu lassen ist ­angesichts ­hoher Trennungsraten allerdings ein Wagnis. «Wir raten davon ab», heisst es in Joe’s Tattoo & Piercing Studio in Ottikon (Gossau ZH).

Anzeige

Es gibt keine Garantie, ob einem eine Tätowierung nach Jahren noch gefällt. Die Gefahr schmälert, wer sich von einem professionellen Tätowierer beraten lässt und sich eine Bedenkzeit einräumt. «Think before you ink», sagt Steff Rieder. Denn ein Tattoo wieder zu entfernen tut weh und ist teuer.

Zudem birgt auch das Tätowieren selbst ­Gefahren: Sehr wichtig ist penible Hygiene. Auf der Homepage des Verbands Schweizer Berufstätowierer (www.tattooverband.ch) kann man sich über die Standards informieren. Vorsicht ist bei bestimmten Farben geboten. Stichproben zeigen immer wieder, dass nicht alle den gesetzlichen Bestimmungen entsprechen. Dermatologen warnen vor Metallicfarben, die für glitzernde und glänzende Tattoos verwendet werden. Auch die schwarze Farbe kann krebs­erregende Verunreinigungen enthalten.

Interview: «Leuchtendes Gelb ist kaum zu entfernen»

Eine Tätowierung, die einem nicht mehr gefällt, lässt sich weglasern. Eine aufwendige und mitunter schmerzhafte ­Prozedur, sagt der auf Laserbehandlungen spezialisierte Hautarzt Wolfgang Thürlimann.

Beobachter: Was sind die ­Beweggründe, sich eine Tätowierung entfernen zu lassen?
Wolfgang Thürlimann: Einem Grossteil meiner Klienten ­gefällt ein bestimmtes Tattoo nicht mehr; man lässt eines von mehreren lasern. Einige wollen nur noch an kleiderbedeckten Stellen tätowiert sein, etwa ­Anwärter auf die Polizisten­ausbildung oder Flight-Attendants. Auch bei Mitgliedern eines Jodelchors haben sich die Tätowierungen offenbar schlecht gemacht. Darüber ­hinaus sind sie in bestimmten ­Religio­nen nicht geduldet. ­Andere Personen wollen ein Tattoo nur so weit entfernen, dass es wieder Platz gibt für ein neues.

Anzeige

Beobachter: Wovon hängt der Erfolg einer Entfernung ab?
Wolfgang Thürlimann: Es kommt auf die Farben und die Intensität an, also darauf, wie viele Pigmente in die Haut eingebracht worden sind. Die ­einzelnen Zonen eines Tattoos verblassen in der Regel unterschiedlich schnell. Ebenso hängt der Erfolg von der Qualität der Pigmente ab. Leuch­tendes Gelb und Orange sind allerdings kaum zu entfernen.

Beobachter: Wie viele Sitzungen sind ­notwendig?
Wolfgang Thürlimann: Zehn sind realistisch. Bis die letzten Reste verschwunden sind, können es aber auch leicht mehr werden.

Beobachter: Wie schmerzhaft ist die ­Behandlung?
Wolfgang Thürlimann: Die Laserpulse werden auf der Haut wie heisse Fettspritzer empfunden. Anästhesierende Cremen machen die Behandlung mehr oder weniger gut ­erträglich. Eine dunkle ­Zone ­allerdings absorbiert beim ­Lasern das Licht stark, es ­entsteht grosse Hitze, die eher schmerzt. Bei hellen Farben oder Bereichen, die bereits ­aufgehellt wurden, tut es ­weniger weh.

Beobachter: Wann raten Sie von einer ­Entfernung eher ab?
Wolfgang Thürlimann: Beige und rosa Farbtöne enthalten dreiwertiges Eisen. Diese Farben verwenden Kosmeti­kerinnen oft, um missratenes Permanent-Make-up oder ­Narben zu über­decken. Beim Lasern wird daraus Dunkelgrün. Diese Farben lassen sich zwar wiederum entfernen, es ist aber eine sehr mühsame Prozedur.

Beobachter: Welche Gefahren birgt das Lasern?
Wolfgang Thürlimann: Durch die Laserpulse werden Farbpartikel zertrümmert. Es kann in den Lymphknoten vorübergehend zu Entzündungen kommen. ­Labortests haben zudem ­gezeigt, dass aus zwei häufig verwendeten Farbstoffen durch das Lasern Abbauprodukte ­entstehen, die toxisch oder krebserregend sind. Die Mengen sind aber klein, die Gefahr wird heute ­insgesamt als eher gering ­eingestuft.

Anzeige

Beobachter: Gibt es Qualitätsstandards?
Wolfgang Thürlimann: Der Q-Switched Laser gilt als der sicherste. Nur spezialisierte Ärzte oder Fachleute, die mit Ärzten zusammenarbeiten, dürfen ihn anwenden. Denn bei der Behandlung besteht eine weitere Gefahr: Tätowierungen werden auch über Muttermale angelegt. Diese werden beim Lasern teilweise mit entfernt und gehen, weil weniger sichtbar, bei Kontrollen vergessen. Bösartige Hautkrebse, ins­besondere das Melanom, ­werden so möglicherweise zu spät ­erkannt. Eine ärztliche Kontrolle und Nachsorge ist bei der ­Laserbehandlung ­deshalb absolut notwendig.

Wolfgang Thürlimann ist Facharzt für Dermatologie und Laser­medizin in ­Zürich. ­Tattoos entfernt er 
seit über 20 ­Jahren mit speziellen Laser­geräten.

Quelle: Getty Images