Ein heisser Abend im Sommer, das Thermometer zeigt noch immer fast 30 Grad im Schatten, zu heiss für einen Apéro im Freien. Der Hausherr bittet ins Wohnzimmer, wo die Temperatur angenehme 21 Grad beträgt. Ventilatoren und Klimageräte finden sich trotzdem nicht im Haus von Robert Uetz und seiner Frau Jacqueline Hofmann. Für das kühle Raumklima sorgen automatische Storen, dreifach verglaste Fenster, ein 30 Zentimeter dick isoliertes Mauerwerk und eine Komfortlüftungsanlage. Zum ausgeklügelten Energiesystem gehören zudem eine Solarstromanlage auf dem Dach und eine Erdsondenheizung. Sorgfältig aufeinander abgestimmt, produziert das ganze System mehr Energie, als es verbraucht. Die Familie Uetz ist auf diese Weise nicht nur Stromverbraucherin, sondern auch -produzentin.

Von 6'000 Watt auf 2'000 hinunter

Robert Uetz und Jacqueline Hofmann wohnen mit ihren acht- und zehnjährigen Söhnen Tobias und Fabian in einem so genannten Nullenergiehaus. «Als wir vor zehn Jahren ein Haus suchten, war für uns klar, dass wir nicht nur möglichst im Einklang mit der Natur leben, sondern auch unser Wohlbefinden verbessern wollten», sagt Uetz.

Präzisierung

In diesem Artikel ist die Rede von der 2'000-Watt-Gesellschaft. Dieser Begriff hat einige Verwirrung gestiftet - etliche Leser meinten, es handle sich um einen Druckfehler. Hier also, was damit gemeint ist: 2'000 Watt bedeutet die mittlere Leistung pro Person und Stunde, alles inbegriffen – Verkehr, Nahrung, Kleider, Bauen und so weiter. Diese 2'000 Watt sind mit der Anzahl Stunden pro Jahr, also 8'760, zu multiplizieren. Der so erhaltene Energieverbrauch von 17'520 Kilowattstunden pro Jahr entspricht einem Verbrauch von etwa 1'700 Liter Heizöl oder Benzin pro Jahr.

Die Neubausiedlung im Minergiestandard im Winterthurer Quartier Oberseen bot dazu ideale Voraussetzungen. Uetz hatte als Energieberater den Ehrgeiz und das notwendige Wissen, um mit dem ab Stange gekauften Minergiehaus für die eigene Familie ein Ziel zu erreichen, das Bundesrat und Umweltorganisationen erst für das Jahr 2050 anpeilen: eine Gesellschaft, in der pro Person und Jahr nicht mehr als 2'000 Watt Energie verbraucht werden. Zurzeit liegt der durchschnittliche Energieverbrauch in der Schweiz noch bei 6'000 Watt. Für die eigene Familie hat Robert Uetz hingegen einen Verbrauch von 5'200 Watt errechnet - für alle vier Personen zusammen und auswärtige Beanspruchungen inklusive.

Lebensweise ist «keine Religion»

Familie Uetz Hofmann lebt alles andere als spartanisch, einzig auf ein eigenes Auto und Flugreisen verzichtet man. Robert Uetz fährt mit Velo und S-Bahn ins Büro nach Zürich-Oerlikon, Jacqueline Hofmann benutzt für ihren Arbeitsweg den Bus. Und benötigt die Familie trotzdem einmal ein Auto, so mietet sie eines bei Mobility. «Der Verzicht auf Flugreisen ist die einzige Einschränkung, die wir machen müssen, damit wir diesen tiefen Energieverbrauch realisieren können», meint Uetz. «Aber ich fliege nicht gern, zudem gibt es genug Alternativen.» Falls die Familie doch einmal weiter weg wollte, würde man aber auch ins Flugzeug steigen. «Wir machen aus unserer Lebensweise keine Religion.»

Ein Rundgang durch das 5-Zimmer-Haus bestätigt Uetz’ Aussagen: Einzig Stromfresser wie Wäschetrockner und Tiefkühltruhe sucht man im Haushalt vergeblich. Bei der Anschaffung der anderen Haushaltsgeräte - etwa des Induktionskochherds oder des Geschirrspülers - achteten der Energieberater und die Zahnärztin konsequent darauf, nur Apparate der Effizienzklasse A zu kaufen. Anstelle normaler Glühbirnen oder Halogenlampen erhellen ausserdem lediglich Leuchtstofflampen die Wohnung.

Ihr Stromverbrauch liegt um ein Mehrfaches unter demjenigen von konventionellen Leuchtkörpern, ihre Lebensdauer ist dafür bis zu fünfmal länger. «Wenn man bedenkt, dass vom gesamten Stromverbrauch eines Haushalts rund 40 Prozent auf die Beleuchtung entfallen, so lässt sich hier einiges einsparen», sagt Robert Uetz.

Der Energieberater stellt das auch in der eigenen Siedlung fest, wo er für die rund 30 Häuser den Stromverbrauch erfasst: Der Haushalt mit dem höchsten Verbrauch konsumiert viermal mehr Energie als Familie Uetz Hofmann.

50 Prozent sind graue Energie

Der bewusste Umgang mit Energie zahlt sich aus. Uetz hat errechnet, dass die Einsparung in seinem Fall gegenüber einem konventionellen Haus satte 1'750 Franken pro Jahr ausmacht. Stark ins Gewicht fällt dabei ein tieferer Hypothekarzins, denn energieeffiziente Häuser erhalten von vielen Banken ein besseres Rating und damit einen tieferen Zins.

Die guten Energiewerte verdankt die Familie auch der eigenen Fotovoltaikanlage. Im Sommer können vier Fünftel des damit produzierten Stroms in das öffentliche Netz eingespiesen werden - mit einer Entschädigung von beachtlichen 82 Rappen pro Kilowattstunde. Nur im Winter reicht die eigene Produktion nicht ganz aus, um die Elektrosondenheizung zu betreiben. Zur intelligenten Energieplanung gehört natürlich auch ein gut isoliertes Haus. «Wenn wir die Heizung ausschalten, dauert es im Winter vier bis fünf Tage, bis wir einen Temperaturabfall registrieren», erklärt Uetz.

Der Experte hat minuziös berechnet, welche Verbrauchsart wie stark die persönliche Energiebilanz belastet. Wohnen und Verkehr machen bei ihm zusammen nur gerade einen Anteil von weniger als 15 Prozent aus. Der gewichtigste Posten ist zur Überraschung jedes Laien die unsichtbare, so genannte graue Energie. Sie steckt in den Materialien, die für den Hausbau verwendet wurden (siehe Seite 22), und schlägt in der Bilanz der Familie Uetz mit mehr als 50 Prozent zu Buche.

Viele sehen das Sparpotenzial nicht

Ein sparsamer Umgang mit Energie stand auch beim Projekt von Beni Knecht im Vordergrund. Durch Zufall fand er in Baden ein Gelände, auf dem er ein Haus mit drei Wohnungen erstellen konnte, das im vergangenen Frühling bezugsbereit war. Der Architekt, der von der Planung bis zur Baubegleitung alles selber machte, sagt: «Weil das Haus an einer verkehrsexponierten Lage steht, war für mich von Anfang an klar, dass man eine Komfortlüftung mit Wärmerückgewinnung einbauen musste.» Er wusste auch, dass er ein Minergie-P-Haus wollte, also ein Gebäude, das in Sachen Energieeffizienz nur von einem Nullenergiehaus übertroffen wird.

Die Diskrepanz zum noch besseren Modell hob Knecht in Handarbeit auf: Er kombinierte eine Holzpelletsanlage für die Heizung mit einer Solaranlage für etwa den halben Warmwasserbedarf. Bei der Fassade setzte er auf ein stark wärmedämmendes Produkt, bei dem Holzlamellen hinter Glasscheiben angeordnet sind.

Die Ernüchterung kam für Knecht nach Fertigstellung des Hauses. Durch die zusätzlichen Investitionen hatte sich der Bau verteuert - und somit der Preis für jede der drei Wohnungen, für die er nun Käufer suchte. «Die Interessenten vergleichen einfach den Kaufpreis mit andern Objekten, ohne sich zu überlegen, dass sie für die Heizkosten weniger zahlen müssen», interpretiert der Architekt die anscheinende Kurzsichtigkeit etlicher Interessenten, die letztlich absagten.

Direkter finanzieller Nutzen

Knecht hat ausgerechnet, dass sich mit den tieferen Energiekosten etwa die Hälfte der Mehrinvestitionen kompensieren liesse. Die andere Hälfte würden die Hausbesitzer, so ist er überzeugt, bei einem Verkauf mit der Wertsteigerung hereinholen. Knecht zitiert eine Studie der Zürcher Kantonalbank: «Energiesparhäuser verkaufen sich um sieben bis zehn Prozent teurer als normale Wohnbauten.»

Energiesparen bringt direkten finanziellen Nutzen. Doch das Bewusstsein dafür fehlt überraschenderweise noch weitgehend. Auch bei den Mieterinnen und Mietern, wie Ueli Wieser, Projektleiter am Ökozentrum Langenbruck, erfahren musste. Gemeinsam mit dem WWF hatte er eine teilweise vom Bundesamt für Energie finanzierte «Toolbox nachhaltiges Wohnen» entwickelt. Damit sollten Mieter über Energiefragen aufgeklärt und zu sparsamerem Wohnen animiert werden.

Das zentrale Element der Box war eine den Mietvertrag ergänzende «Nachhaltigkeitsvereinbarung», in der gemeinsame Sparziele definiert werden. Zudem ist darin festgehalten, dass Mieter und Hauseigentümer einen bescheidenen Beitrag bezahlen, um energiesparende Massnahmen zu finanzieren. Um die nachhaltigen Ziele zu erreichen, hätten die Mieter nicht nur hilfreiche Informationen, sondern auch «Müsterchen», etwa in Form von Wassersparventilen, Energiesparlampen oder Zimmerthermometern, erhalten. «Wir wollten mit dieser Toolbox versuchen, die 2000-Watt-Gesellschaft ganz konkret anzugehen», erklärt Wieser die Ziele des Projekts. Dabei gehe es nicht nur um technische Verbesserungen, sondern darum, die Menschen konkret zum Handeln zu bringen.

Enttäuschung um Enttäuschung

Wieser versuchte sein Projekt verschiedenen grösseren Liegenschaftsverwaltungen schmackhaft zu machen - und erlebte Enttäuschung um Enttäuschung. «Kaum eine Verwaltung zeigte sich bereit mitzumachen. Ihnen gehe es, rechtfertigten sie ihre Absage, vor allem darum, langjährige Mieter zu haben, die pünktlich ihren Zins zahlen», fasst er die ernüchternde Erkenntnis zusammen.

Schliesslich fand er in den Überbauungen Kraftwerk 1 in Zürich und Wohnstadt in Basel zwei Objekte. Beide Verwaltungen sind bezüglich Nachhaltigkeit sehr engagiert. Dennoch machte Wieser völlig unterschiedliche Erfahrungen: «Für die Bewohner im Kraftwerk 1 war vieles von dem, was wir rieten, kalter Kaffee. Sie wandten das Empfohlene erfreulicherweise bereits an.» Anders in Basel: Dort war das Interesse der Mieter ausgesprochen lau - nur gerade drei von knapp fünfzig Leuten kamen zu einer ersten Informationsversammlung. «Die Mieter wollen sich hinter der Wohnungstür nicht dreinreden lassen», sagt Wieser. Vorläufig ist das Projekt Toolbox auf Eis gelegt.

Optimistischer sieht Franz Beyeler das Potenzial für Energieeinsparungen im privaten Raum. Er ist Geschäftsführer des Vereins Minergie, eines Zusammenschlusses von öffentlicher Hand und privaten Unternehmen. Ihr Ziel ist die Verbreitung des Minergiestandards. Bereits über fünf Millionen Quadratmeter Wohnraum sind danach gebaut worden, was ein gutes Prozent der ganzen Wohnfläche in der Schweiz ausmacht. «Das ist eine einmalige Leistung auf freiwilliger Basis», freut sich Beyeler. Und der Trend scheint ungebrochen: Von 2004 auf 2005 betrug die Zunahme 20 Prozent, dieses Jahr wird es noch mehr sein.

Es kann so einfach sein

Das sei nicht zuletzt darauf zurückzuführen, «dass grosse Immobilienfirmen eben rechnen können». So beträgt der Energieverbrauch sowohl bei sanierten als auch bei neuen Häusern gegenüber einem herkömmlichen System weniger als die Hälfte. Bei den rasant gestiegenen Preisen von fossiler Energie fällt das ganz schön ins Gewicht.

Das hat Energieberater und Nullenergiehaus-Besitzer Robert Uetz längst erkannt. «Wieso soll ich die Energie in Form von Erdöl aus dem Nahen Osten importieren, wenn sie mir gratis in die Stube scheint», sagt er abschliessend. So einfach kann Energiesparen sein.

Minergie-Glossar

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Minergie

  • Hohe thermische Behaglichkeit durch eine gut gedämmte und dichte Gebäudehülle;
    Lufterneuerung, vorzugsweise durch Komfortlüftung;
  • der Energieverbrauch liegt mindestens 25 Prozent unter dem Durchschnitt.


Minergie-P

  • Verwendung von Haushaltsgeräten der besten Effizienzklasse A;
  • der Energieverbrauch ist hier noch niedriger als bei Minergie.


Minergie-Eco

  • Optimierte Tageslichtverhältnisse;
  • geringe Schadstoffbelastung der Raumluft durch Emissionen von Baustoffen;
  • leicht verfügbare Rohstoffe und hoher Anteil an Recyclingbaustoffen;
  • Baustoffe mit geringer Umwelt­belastung bei der Herstellung;
  • leicht rückbaubare Konstruktion.


Nullenergiehaus

  • Haustyp, der gänzlich ohne Zufuhr externer Heizwärme auskommt;
  • sehr gute Wärmedämmung;
  • Dreifachverglasung;
  • Wärmerückgewinnung sowie
Quelle: Gerry Nitsch
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