Die Migros schätzt, dass 24 Prozent der Diebstähle auf das Konto ihrer 80'000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen. Auch in anderen Branchen langt das Personal am Arbeitsplatz kräftig zu: Klopapier, Schreibstifte, Laptops verschwinden in privaten Taschen. Franziska Tschan, Professorin für Arbeitspsychologie an der Universität Neuenburg, erklärt, wieso Mitarbeiter stehlen.

Beobachter: Warum klaut ein Angestellter am Arbeitsplatz?
Franziska Tschan: Sehr oft, weil er sich ungerecht behandelt fühlt oder von seinem Arbeitgeber enttäuscht wurde. Er versucht, die Gerechtigkeit wiederherzustellen, indem er sich etwas nimmt. Entweder, um sich zu rächen, oder weil er der Meinung ist, dass ihm das zustehe. Allerdings gibt es natürlich auch Leute, die stehlen, weil sie sich ganz einfach bereichern wollen.

Beobachter: Was wird gestohlen?
Franziska Tschan: Alles, was nicht niet- und nagelfest ist – bis hin zur grossen Baumaschine. Dabei fällt es leichter, einen Bostitch aus dem anonymen Firmenschrank zu nehmen als vom Pult des Kollegen. Man schadet nicht einer Person, sondern der Firma.

Beobachter: Wo liegt die Grenze? Ist es Diebstahl, wenn ich einen Kugelschreiber nach Hause nehme oder wenn ich am Arbeitsplatz privat telefoniere?
Franziska Tschan: Im Prinzip ja. Wir sprechen von dysfunktionalem Verhalten, mit dem man der Firma schadet. Dazu gehört auch das Klauen von Zeit: etwa wenn man häufig zu spät kommt, wenn man während der Arbeitszeit privat surft oder telefoniert oder Überstunden zu seinen Gunsten aufschreibt.

Beobachter: Bei Coop wird Mitarbeitern fristlos gekündigt, wenn sie stehlen. Macht diese rigorose Haltung Sinn?
Franziska Tschan: Bei Verkaufsjobs machen klare Regelungen mit klaren Konsequenzen durchaus Sinn. Ein Unternehmen, das seinen Angestellten das Klauen leicht macht, muss sich nicht wundern, wenn tatsächlich gestohlen wird. In anderen Branchen ist es gar nicht so blöd, wohl klare Anweisungen zu geben, aber bei der Kontrolle ein Auge zuzudrücken und etwa privates Telefonieren am Arbeitsplatz oder das Zuspätkommen gar nicht an die grosse Glocke zu hängen.

Beobachter: Damit macht sich ein Chef doch unglaubwürdig.
Franziska Tschan: Nein, Grosszügigkeit macht für ihn Sinn, so kann er von seinen Mitarbeitern dasselbe erwarten. Man muss aber aufmerksam bleiben, denn wir alle haben die Tendenz, uns zu unseren Gunsten zu verrechnen. Es ist unglaubwürdig, wenn ein Chef die Verspätung des Mitarbeiters rügt und gleichzeitig unbezahlte Überstunden verlangt. Umgekehrt empfindet der Mitarbeiter seine morgendliche Verspätung als weniger gravierend als seine abendlichen Überstunden. Trotzdem: Bei zu kleinlicher Kontrolle fühlen sich die Arbeitnehmer nicht ernst genommen, was zu schlechter Stimmung führt und dysfunktionales Verhalten fördert.

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