In der Schweiz erfreut sich die Astrologie grosser Beliebtheit. Über Geld wird in der Sterndeuterbranche zwar ungern gesprochen, aber immerhin lässt die Firma Astrodienst durchblicken, dass sie allein in der Deutschschweiz genauso viel Umsatz macht wie in ganz Deutschland. Woran das liegt, kann oder will der Geschäftsleiter Alois Treindl nicht erklären. Aber: «Es gibt im Westen wohl kaum ein anderes Land, in dem die Astrologie auf eine solch hohe Akzeptanz stösst wie in der Schweiz.»

Zusammen mit der Astrodata AG zählt Astrodienst zu den grossen Schweizer Unternehmen; beide sind international tätig. Die zwei Branchenriesen erstellen nicht nur Horoskope, sondern vertreiben auch Astrologiesoftware und sind zudem im Verlagsgeschäft tätig.

Branchenkenner schätzen, dass es in der Schweiz rund 2000 mehr oder weniger professionelle Sterndeuter gibt. Das Angebot reicht von Kinder- oder Partnerschaftshoroskopen über esoterische Lebensplananalysen bis hin zu Fitness- oder Tierhoroskopen. Selbst Wirtschafts- und Börsenastrologie gibts, und der Euro bekam von Experten kurzerhand das Sternzeichen Steinbock verpasst. Unabhängig davon, ob man an den Einfluss der Sterne glaubt oder nicht, wollte der Beobachter wissen, wie zutreffend Horoskope speziell fürs Berufsleben sind.

Die Anbieter versprechen viel: «Eine wertvolle Hilfe für Berufsfragen» bietet die Astrodata AG an. Bei Astrodienst soll die Berufs- und Talentanalyse Antworten geben auf das «Potenzial Ihrer Konstellationen in den Bereichen Beruf, Unternehmen und Karriere». Und Astro-Sesam kündigt gar vollmundig eine «inhaltliche Auflistung Ihrer Talente, beruflichen Gaben und Anlagen» an.

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Plattitüden gehören dazu

Der Beobachter gab bei sechs verschiedenen Astrologen und Astrofirmen eine schriftliche Berufs- und Talentanalyse in Auftrag. Testperson war der 39-jährige Grafiker Rolf B. Er ist seit zehn Jahren selbstständig und sieht seinen Beruf als Leidenschaft. Er entspricht jedoch nicht dem gängigen Klischee des chaotischen Künstlers, sondern arbeitet sehr zielgerichtet und effizient.

Als Erstes fällt auf: Ohne Allgemeinplätze, bei denen alle zustimmend nicken können, kommt kein Horoskop aus. So heisst es etwa bei Astro-Sesam: «Sie meiden im Allgemeinen dumme Menschen, und langweiligen Zeitgenossen gehen Sie aus dem Weg.» Volltreffer! Ein anderes Beispiel, aus dem Horoskop von Anita Cortesi: «Vermutlich schätzen Sie weder enge Platzverhältnisse noch einen allzu rigiden Rahmen von Vorschriften und Verhaltensregeln.» Kunststück wer lebt schon gern nach rigiden Vorschriften?

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Auch Widersprüche waren immer wieder zu entdecken. So orakelt das Berufshoroskop von Astrodienst, Rolf B. habe nichts für ein «freies, instabiles Arbeitsleben» übrig. Zwei Seiten weiter empfiehlt ihm Astrodienst, doch besser «selbstständig zu arbeiten», falls er eher introvertiert sein sollte. Man wähle.

«Genau dies ist das Erfolgsrezept der Astrologie», sagt der Theologe Georg Otto Schmid von der Evangelischen Informationsstelle Kirchen, Sekten, Religionen. «Im Horoskop werden verschiedene Aspekte und Konstellationen angeschaut. Und alle haben verschiedene Bedeutungen. Die richtige Antwort mag dabei sein, aber mehrere falsche ebenso», sagt er. «Wenn die Astrologie eindeutige Antworten geben müsste, dann wäre der Wahrheitstest relativ hart.» Am auffälligsten ist dies beim Horoskop von Astro-Sesam, dem umfangreichsten im Test. Hier wird Rolf B. von Musikwissenschaftler über Werbefachmann, Heiratsvermittler bis Kapitän gleich alles empfohlen. Es ist aber auch möglich, dass er nichts von all dem wird, denn da sind noch ein paar «erfolgshemmende Eigenschaften» wie man lese und staune «Oberflächlichkeit», «Hochstapelei» sowie «Schwindeln bis hin zu Lügen». Würde Rolf B. solche Aussagen für bare Münze nehmen, dürfte er mit Sicherheit in eine Persönlichkeitskrise geraten.

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In einem Punkt stimmen immerhin fünf Horoskope überein: Rolf B. finde sein berufliches Glück im Gesundheitsbereich sei es als Pfleger, Psychotherapeut oder Mediziner. Leider trifft dies absolut nicht zu. «Einen helfenden oder pflegerischen Beruf wollte ich nie», sagt der Grafiker, «das wusste ich schon als Jugendlicher mit Bestimmtheit.»

Horoskop per Mausklick

Sehr ähnlich tönt es auch in den Horoskopen von Astroguide, Rosmarie Bernasconi und Anita Cortesi. Das hat seinen Grund: Alle enthalten dieselben Elemente. Denn auch bei den Sterndeutern hat der Computer Einzug gehalten und berechnet mittlerweile die Planetenstände auf Knopfdruck. Selbst für die Texte gibts fixfertige Module. Die Software fügt sie automatisch zusammen und fertig ist das «persönliche» Horoskop.

Die Astrologen bezeichnen das als «computerunterstützte Horoskopdeutungen». Anita Cortesi beispielsweise erklärt freimütig: «Ich verkaufe meine Texte an viele Softwarehersteller. Daher ist es gut möglich, dass Sie auch bei weiteren Anbietern identische Horoskope finden.»

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Wer genau hinschaut, findet bei Astroguide tatsächlich einen kleinen Hinweis aufs Copyright, das bei Anita Cortesi liegt. Bei Rosmarie Bernasconi ist das aber nicht ersichtlich. Ihre Begründung: «Wenn ich ein Horoskop erstelle, setze ich mich mindestens noch drei bis vier Stunden hin, prüfe den Text und füge individuelle Abschnitte ein.» Allerdings beschränkte sich Bernasconis Aufwand für «individuelle Texte» im Test auf ein paar Sätze und eine kurze Zusammenfassung des Inhalts.

Beim Astrologisch-psychologischen Institut (API) hält man nicht viel von Horoskopen aus dem PC. «Bei Computerhoroskopen kann keine Gewichtung der Eigenschaften erfolgen, darum sind sie auch so widersprüchlich», erklärt Rita Keller. Nur in einem persönlichen Beratungsgespräch könne auf die Person und ihre Eigenschaften eingegangen werden, so Keller weiter. Selbst die Astrologin Cortesi bestätigt, dass schriftliche Horoskopanalysen lediglich einen Impuls geben können, «mehr nicht».

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Schmeichelhafte Aussagen

Der Theologe Georg Otto Schmid pflichtet dem bei: «Der wichtigste Faktor beim persönlichen Gespräch ist die Menschenkenntnis des Astrologen. Und wenn dieser etwas feinfühlig ist, kann es gut sein, dass gerade im Bereich Berufsberatung ein ganz vernünftiges Gespräch zustande kommt. Nur bleibt da die Frage: Wofür braucht es dann den Input der Astrologie?»

Immerhin: Ganz ohne Gewinn hat Testperson Rolf B. die Horoskope nicht gelesen. «Schliesslich schmeichelt es einem, wenn endlich mal jemand sagt, was für ein toller Kerl man ist», meint er augenzwinkernd. Manche Horoskope enthielten durchaus auch inspirierende Abschnitte. «Wenn ich aber sämtliche Aussagen ernst nehmen würde, müsste ich mein Leben wohl umkrempeln», sagt Rolf B.

Auch der Psychotherapeut Reto Volkart sieht Horoskope eher spielerisch: «Sie sind eine nette Freizeitbeschäftigung für psychisch Gesunde.»

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