Bei der Ankunft liegen Jassteppich und Karten schon parat - vom Wirt sauber auf Kante gebracht. Man hat schliesslich reserviert. Ort: die Eckkneipe Gessnerallee im Zentrum der Stadt Zürich. Im Raum liegt ein schwerer Geruchsnebel aus «Vagabunden-Cordon-bleu» (Cervelat mit Käse und Speck), Safranrisotto und Zigarettenrauch. Angesagt ist Jassen mit drei Damen aus Deutschland, die sich einmal im Monat treffen, um das Schweizer Nationalspiel zu lernen. Dazu muss man wissen: In Deutschland ist Jassen praktisch unbekannt.

Die Jassnovizinnen heissen Elke von Kracht, Sozialpädagogin aus Nürnberg, Martina Zähner, Bankfachfrau aus Berlin, Berit Soltau, Informatikerin aus dem norddeutschen Flensburg. Alle drei leben seit mindestens zehn Jahren in der Schweiz. Sie kennen sich aus dem Deutschen Frauen-Club Zürich. Elke zückt
ein schokoladetafelgrosses Büchlein mit dem Titel «Mit Globi jassen» - eine Jassanleitung. Geschenk einer Freundin. Gespielt wird der Schieber, im Tanzen wäre das der Grundschritt, den im Übrigen auch Globi empfiehlt. Also nicht Zuger, Pandur, Molotow, Schellenjass, Coiffeur, Differenzler, Sidi Barrani, Mörder, Härdöpfeljass, Söunigle, Büüter, Lüüger, Asäger, Bueben-und-Meitschi-osem-Land-jage-Jass oder wie sie alle heissen.

«Hööcher git, Ass befiehlt»

Lehrmeisterin ist Anita Bächtiger, im Sankt-Gallischen aufgewachsen, wo Jassen noch heute zur Allgemeinbildung gehört. Sie und Elke von Kracht arbeiten am selben Ort. Sie sei so «angefressen», dass sie selbst im Restaurant jasse, um sich die Zeit zu verkürzen, bis das Menü aufgetischt wird, sagt Anita. Oder im Zug mit den Kindern. Oder mit den Schwiegereltern.

Das Spiel beginnt, Anita doziert: «Hööcher git, Ass befiehlt.» Sie verwirft Rose. In der nächsten Runde zieht Partnerin Berit Rose an. Anita tadelt. Berit entschuldigend, sie habe gedacht, vielleicht könne man schmieren. Da hat sie wohl zwei Sachen durcheinandergebracht.

Wie kommt man als Deutschlandstämmige überhaupt auf die Idee, jassen zu lernen? Ist es der bekannte Eifer von Einwanderern, sich überanzupassen? Nein, überhaupt nicht, dementieren die drei. Es sei die reine Freude am Kartenspiel. Beim Jassen könne man wunderbar nebenher quasseln und tratschen. Hilft es bei der Integration? - Nee. Integration laufe eher über die Sprache, sagt Berit, so sage sie bereits grillieren und werde in Deutschland dafür ausgelacht - denn da wird gegrillt, nicht grilliert. Allenfalls wäre bei Kollegin Martina ein Integrationsmotiv auszumachen, sie trägt seit der Heirat den Appenzeller Namen Zähner, ein Urnäscher Geschlecht. Da sollte man schon jassen können, meint sie. Aber sonst sei weiter nichts dahinter, Jassen, sagt sie, «ist ein Kartenspiel wie jedes andere». Die Idee ist aus einer Laune heraus geboren. «Wir veranstalten im Deutschen Frauen-Club so Events. Da dachten wir, jassen, das wäre doch nett», sagt Elke.

Letzte Hilfe von Globi

Anita bestellt ein Fleischplättli, weitere Stangen und Mineralwasser werden geordert. Das gehöre auch zum Jassen, erklärt sie - und meint die Geselligkeit, in diesem Fall die Wirtshausgeselligkeit. Doch dafür scheint sich Elke weniger zu interessieren. Sie ist damit beschäftigt, Banner und Ass auseinanderzuhalten, und holt Hilfe bei Globi. Der wird bald nicht mehr nötig und Elke für die nächste Stufe bereit sein. «Puur, Näll, Ass. Technische und taktische Anleitungen und Tipps für 60 verschiedene Jassarten. Von Gottfried Egg.»

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