Nach Jahren des Hickhacks war die Buchbranche endlich am Ziel. Die Bundesversammlung hatte ein Gesetz verabschiedet, das feste Buchpreise per Verfassung garantiert: Die Buchpreisbindung soll zurückkommen. Die Vielfalt zwischen den Buchdeckeln schien gerettet, das Netz der geistigen Tankstellen ge­sichert, die Vormachtstellung der Billig-, Best- und Restseller gebrochen. Das war Mitte März 2011.

Spricht man Marianne Sax, die Präsidentin des Buchhändler- und Verleger-­Verbands, heute auf den Sinn staatlich ­garantierter Mindestpreise an, merkt man schnell: Die Frühlingsgefühle sind ver­flogen, die Angst ist zurück, dass sie und mit ihr Hunderte von Buchhändlern vor dem Abgrund stehen. Der Frust hat einen Grund: das Referendum gegen «überteuerte Bücher», das die Jungparteien von FDP und SVP Ende Juni einreichten, ohne gross Unterschriften sammeln zu müssen. Diese Aufgabe hatte die Migros-Tochter Ex Libris übernommen, die weit über 70 Prozent der 58'277 beglaubigten Unterschriften bei­gesteuert hatte.

«Irrationale Heilserwartungen»

Damit ist klar: Das Volk wird nächstes Jahr das letzte Wort über die 2007 abgeschaffte Buchpreisbindung sprechen. Der Abstimmungskampf werde schwierig, meint Ma­rianne Sax, aber: «Wir werden die Mehrheit überzeugen.» Es gehe um nichts Geringeres als den Schutz des Kulturguts Buch. Schliesslich sei die Buchpreisbindung auch eine Form der Kulturförderung, die den Staat keinen Franken koste. Am Schluss geht es für Sax um die Frage: Will man die breite Palette wertvoller Bücher für ein paar billige Bestseller opfern?

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Kein Zweifel, Bücher sind weder Ravioli noch Frischlachs, noch lässt sich ihr Wert mit Zementsäcken aufwiegen. Trotzdem schüttelt Alexander Schneebeli über Sax’ Argumente nur den Kopf. Der Versuch, mit der Preisbindung den Fortschritt aufzuhalten, sei zum Scheitern verurteilt. Schneebeli, der früher eine kleine Buchhandlung in Winterthur führte, 1996 die erste Schweizer Internetbuchhandlung Buch.ch gründete und heute den Preisvergleichsdienst Billigbuch.ch unterhält, hat sich vom glühenden Verfechter zum klaren Gegner der Buchpreisbindung gewandelt.

Die Befürchtung, ohne feste Preise sei die Vielfalt bedroht, sei angesichts von jährlich 10'000 Schweizer Neuerscheinungen haltlos. Und die Behauptung, seit dem Ende der Preisbindung sei das Gros der Bücher teurer geworden, sei ganz einfach Unsinn. Man müsse nur seine Preissuchmaschine benutzen, um zu erkennen: Die Bücher sind billiger geworden. So zum Beispiel würde Martin Suters Krimi «Allmen und der rosa Diamant» gemäss Verlag Fr. 29.90 kosten. Wer sucht und vergleicht, erhält das Buch aber portofrei für Fr. 17.70 nach Hause geliefert.

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«Viele Buchhändler knüpfen an die Preisbindung irrationale Heilserwartungen», so Schneebeli. «Sie glauben, alles werde gut, wenn sie ja nur wieder eingeführt ist.» Er selber wäre damals als kleiner Buchhändler mit flexiblen Preisen «deutlich besser über die Runden gekommen».

Was passiert, wenn die Preisbindung fällt, kann man seit 16 Jahren in Grossbritannien beobachten. Das Geschäft mit den Bestsellern ging an die Supermärkte ver­loren, Buchhandelsketten wie Waterstones verdrängten die Kleinen. Neben knalligen Krimis dominieren Ratgeberreihen wie «Yoga für dich und mich», «Schnelles Geldscheffeln» oder «Leichter atmen». So erzählen zumindest die Verfechter der Buchpreisbindung die Geschichte. Was sie dabei übersehen: Der Konzentrationsprozess hat bereits Anfang der siebziger Jahre ­eingesetzt, seit 1995 hat sich sein Tempo allen­falls beschleunigt. Und in Städten wie London findet man nach wie vor viele gut assortierte unabhängige Buchhandlungen.

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In der Schweiz findet dasselbe statt. ­Alle unabhängigen Buchhändler zusammen verkaufen gleich viele Bücher wie die beiden Grossbuchhandlungen Orell Füssli und Thalia zusammen. Und jedes fünfte Buch wird online verkauft, bei Spezialtiteln noch mehr.

Nächste Revolution ist bereits im Gang

«Die Buchhändler müssen sich – mit oder ohne Preisbindung – endlich auf ihre Stärken besinnen», fordert Andreas Grob, ehemals Chef von Orell Füssli und heute Leiter des Buchzentrums, das jedes zweite in der Schweiz verkaufte Buch importiert. Grob glaubt, die Kleinen hätten gar keine so schlechten Karten, sofern sie es schaffen, ihr Angebot zielgenau auf ihre Kundschaft auszurichten und ihre Beratungskompetenz voll auszuspielen. «Buchhandlungen müssen sich als Begegnungsstätten be­greifen, wo man in einem handverlesenen Angebot stöbern und auch mal eine gute Tasse Tee trinken kann», sagt Grob.

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Nach Ansicht eines Brancheninsiders, der anonym bleiben will, haben denn auch vornehmlich die grossen Buchhandlungen ein Interesse an festen Preisen. Beim Einkauf profitierten sie zwar von Mengen­rabatten, hohe Fixkosten wegen der Miete an teuren Lagen, der dicken Personaldecke und des Zwangs zu einem wenig diffe­renzierten Universalangebot machten sie ­weniger flexibel. «Für die börsenkotierten Orell Füssli und Thalia wird es eng, wenn die Preisbindung nicht wieder eingeführt wird», prophezeit der Branchenkenner.

Denn die nächste Revolution ist bereits im Gang: die Einführung des elektronischen Buchs. Sie macht die Lage des Buchhandels noch ungemütlicher. Aber noch bevor es richtig Fuss gefasst hat, gibt der Buchhandel den neuen Geschäftszweig bereits verloren. «Was bei der Musik geschehen ist, wird bei den E-Books nicht gross anders sein: Die Bücher werden ­il­legal heruntergeladen, Dutzende Buchhandlungen werden dichtmachen müssen. Für uns liegt hier nicht viel drin», sagt die Buchhändler-Präsidentin Marianne Sax.

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Allen ist klar, dass elektronische Bücher den Markt massiv verändern werden. In den USA werden bereits E-Bücher für rund eine Milliarde Dollar umgesetzt. Die Analysten der Investmentbank Goldman Sachs sagen, dass sich deren Marktanteil bis 2015 auf 12,8 Prozent vervielfachen werde. Die zweitgrösste US-Buchhandelskette Borders musste bereits Insolvenz anmelden. Zu stark war die Konkurrenz des Online-Händlers Amazon, der den Verkauf von elektronischen Büchern forciert und sein Lesegerät zum Discountpreis von um­gerechnet 115 Franken anbietet.

Bereits machen sich noch mächtigere Spieler daran, den Buchmarkt aufzumischen. Erst kam Apple mit iPad und iStore, letzten Dezember folgte Google – mit ­einem Startangebot von drei Millionen elek­tronischen Titeln. Interessant dabei: Google setzt auf lokale Buchhändler. Wenn sie ihre Internetauftritte mit dem Google-Buchladen verlinken, verdienen sie mit. Das zeigt: Die elektronische Welt kann auch den Kleinen neue Chancen eröffnen. Ihre eilig eingerichteten Internetseiten könnten sich wider Erwarten zu einer wichtigen Einkommensquelle entwickeln.

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Der Buchhandel tut trotzdem so, als hänge sein Überleben von der Buchpreisbindung ab. Falls es ihm tatsächlich gelingen sollte, den Abstimmungskampf zu gewinnen, könnte auf die Siegeslaune aber schnell der Kater folgen – noch aus einem ganz anderen Grund.

Das neue Gesetz will nämlich auch ­ausländische Online-Händler wie Amazon zwingen, in der Schweiz zu den offiziellen Schweizer Preisen zu verkaufen. Die Buchhändler machen sich mit zwei in Deutschland eingeholten Rechtsgutachten Mut, dass das schon irgendwie gelingt.

Vor vier Jahren hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) die Frage schon einmal abgeklärt, kam jedoch zu ­einem ganz anderen Schluss: «Eine Ausdehnung der Preisbindung auf online zur Verfügung ­gestellte Angebote scheint kaum durchführbar.» Behält die Berner ­Behörde recht, wird die Preisbindung zu einem Bumerang für den Schweizer Buchhandel. Dann werden die Leser in die ­Arme ausländischer Online-Händler getrieben. Wie zu Zeiten der Buchpreisbindung, als Amazon in der Schweiz Bücher im Wert von 125 Millionen Franken pro Jahr verkaufte. Heute sind es nur noch 80 bis 90 Millionen.

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Online-Bestellung: Grosse Preisunterschiede

Bestseller
«Allmen und der rosa Diamant»; Martin Suter   

  • Books.ch: CHF 27.90 + Versand
  • Exlibris.ch: CHF 20.95
  • Amazon.de*: CHF 18.35
  • Storyworld.ch: CHF 17.70


«Afrika, meine Passion»; Corinne Hofmann

  • Books.ch: CHF 29.90
  • Exlibris.ch: CHF 26.30
  • Amazon.de*: CHF 22.30
  • Storyworld.ch: CHF 21.90


«Das Orchideenhaus»; Lucinda Riley

  • Books.ch: CHF 17.90 + Versand
  • Exlibris.ch: CHF 13.50
  • Amazon.de*: CHF 9.70
  • Storyworld.ch CHF 9.65


Klassiker
«Heidi»; Johanna Spyri

  • Books.ch: CHF 15.90 + Versand
  • Exlibris.ch: CHF 11.60
  • Storyworld.ch: CHF 10.85
  • Amazon.de*: CHF 8.70


Kunstbuch
«The Ruins of Detroit»; Yves Marchand, Romain Meffre

  • Books.ch: CHF 127.–
  • Exlibris.ch: CHF 119.–
  • Storyworld.ch: CHF 106.60
  • Amazon.de*: CHF 85.45


Fachbuch
«Generative Gestaltung»; Hartmut Bohnacker, Benedikt Gross, Julia Laub

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  • Books.ch: CHF 121.–
  • Exlibris.ch: CHF 94.40
  • Storyworld.ch: CHF 90.85
  • Amazon.de*: CHF 72.80


Quelle: www.billigbuch.ch am 28. Juli 2011. Preise inklusive Hauslieferung

* Europreis umgerechnet in Franken (Kurs: 1.21). Amazon gewährt auf diesen Titel 20% Rabatt für Schweizer Kunden (MwSt. eingerechnet). Dieser Rabatt ist hier bereits berücksichtigt.