Hoppla, alles rosa. Sogar die Wände. Die Frau hinter der Ladentheke hat langes, schwarzes Haar und trommelt mit den Fingern aufs Holz. Seit kurzem raucht sie nicht mehr. In den Regalen des kleinen, rosaroten Kosmetikshops in der Winterthurer Altstadt liegen hellblaue Seifen, lila Herzchen, pastellfarbene Töpfchen. Vegane Kosmetik, die «Fräulein zart» heisst, «Lavendelküsschen» oder ­«Zuckerschnute».

Wer mit Kitsch nicht kann, betritt Claudia Rindlers «Seifen-Oper» am besten mit geschlossenen Augen oder heftet den Blick von Anfang an auf die Ladenbesitzerin. Sie trägt Schwarz. Immer. Und düstere Tattoos, Totenköpfe und traurige Gesichter. «Ich bin halt ein Mädchen», sagt Rindler inmitten der Pastellfarben und irritiert damit nicht nur jene, die sie unter ihrem Künstlernamen kennen: Claudia von Rotten, Horrormodel, Spezialistin für blutrünstige Effekte und Regisseurin von Gruselfilmen.

«Widerspruch? Wieso?», fragt Claudia Rindler und setzt sich auf den Schemel hinter der Kasse. «Vom Handwerklichen her gesehen, macht es wenig Unterschied, ob ich eine aufwendige Seife modelliere oder eine blutende Stichwunde.» Auch dass sie sich als Veganerin beruflich mit zerfetzten Körperteilen und eiternden Fleischwunden aufhält, findet sie nicht abwegig. Schliesslich sei das verwendete Kunstblut zu hundert Prozent vegan.

Anzeige

Seit zehn Jahren produziert die gelernte Maskenbildnerin, die ihr Alter nicht nennen möchte, in ihrem Atelier profes­sio­nelle Spezialeffekte, hauptsächlich für Filmstudios. Daneben stellt sie vegane Kosmetik her, angereichert mit biologischen Kräutern, die sie im Toggenburg eigenhändig zieht. Es kann also gut sein, dass Rindler gerade Lavendelblüten trocknet, wenn ein Studio anruft und eine Wasserleiche will.

«Wie lange war sie im Wasser?», fragt Rindler dann und macht sich im Internet auf die Suche nach geeigneten Bildern. Findet sie nichts Entsprechendes, fragt sie einen befreundeten Rechtsmediziner an, «auch er Veganer». Er hat immer Bilder von Körperteilen oder geeigneten Toten im Archiv. Empfindet sie nie Ekel? «Bei Leichen? Nein», sagt Rindler oder in diesem Fall besser von Rotten. Sie sei wohl abgebrüht, aber vor allem schaue sie sich Bilder anders an: «Ich betrachte die Struktur des Fettgewebes, die Farbe des Blutes, die Textur der Haut.» Einzig als sie kürzlich für eine Tierschutzorganisation erschlagene Robbenbabys nachbaute, habe es ihr den Magen umgedreht. «Wahrscheinlich, weil ich es einfach nicht gewohnt bin und weil ich Tiere liebe.»

Zwei Bulldoggen sind Rindlers ständige Begleiter. Arbeitet die Herrin, dösen die beiden zwischen verfaulenden Leichen­teilen und massakrierten Barbiepuppen.

«Das will ich auch können»

Ihren Anfang nahm Rindlers Vorliebe für Schauerliches im Schulalter. Die kleine Claudia schaute sich einen Märchenfilm an, verliebte sich in Elfen und Trolle. «Wie machen die das, dass die so aussehen?», fragte sie ihre Eltern. «Das macht ein Mann», antworteten die, und Claudia wuss­te: «Das will ich auch können.»

Die Jahre zogen ins Land. Im gutbürgerlichen Umfeld der Rindlers in Luzern gab es wenig, was Claudias Lust am Grusel befriedigte. Nur manchmal schlich das Mäd­chen nachts in die Stube und sah sich Filme an wie «Der weisse Hai». Allein. «Ich liebte das, aber es hat mich regelrecht traumatisiert», lacht sie. «Seither weigere ich mich, in offenen Gewässern zu schwimmen.»

Die Schule endet, die Leidenschaft für Horrorfilme wächst. Wie sie ihrem Berufswunsch näherkommen könnte, weiss die Jugendliche nicht. Und sowieso sagen alle: «Du musst eine Lehre machen!» Claudia Rindler machte die kürzeste, die sie fand: Verkäuferin. Sie würde es nie wieder tun.

Nach dem Lehrabschluss zieht sie weg von Luzern nach Winterthur. In einschlä­gigen Clubs lernt sie Independent-Filmer kennen. Nuckleduster nennt sich die Firma, die Filme wie «157 Tote» oder «Projekt Fleisch» produziert. Nichts für Menschen, die kein Kunstblut sehen können.

Die Filmemacher fragten Claudia, ob sie bei einem Horrorfilm mitspielen wolle. Sie wollte, und weil sie die einzige Frau auf dem Set war, übertrug man ihr auch gleich die Maske und die Spezialeffekte. «Ich ­hatte keinen Plan», sagt Rindler lachend, «ich surfte nächtelang durchs Internet, sah mir Wunden an, experimentierte mit verschiedenen Materialien.»

Viel Gescheites sei dabei aus heutiger Sicht nicht herausgekommen, sagt Rindler: «Aber es machte unglaublich Spass.» Kurz darauf liess sich die junge Frau Totenköpfe auf Unterarme und Hände tätowieren. Als Selbstschutz sozusagen: «Ich wollte mich davor bewahren, jemals wieder einen reinen Brotjob anzunehmen.» In einem normalen Kleidergeschäft etwa oder an einer Migros-Kasse. «So nimmt mich eh keiner», sagt Rindler. Und ihre schwarz umrandeten grünen Augen leuchten.

«Auch Rocker und Horrorfilm-Junkies haben Hautprobleme.» Claudia Rindler, Inhaberin des Kosmetikshops «Seifen-Oper»

Quelle: Hellschwarz.de, PD

Dann ergaben sich die Dinge wie von selbst: Rindler lernt während einer Filmproduktion den Künstler H.  R. Giger kennen. Giger, bekannt für seine Spezialeffekte, hat für seine Figuren im Film «Alien» einen Oscar gewonnen. Er macht Rindler auf die Maskenbildner-Ausbildung bei seinem Freund Klaus Börrnert in Deutschland aufmerksam, dessen Arbeit in Filmen wie «Der Name der Rose», «Hemingway» oder «Tal der Schatten» zu sehen ist. Börrnert kleidet sich wie Rindler schwarz und verkauft in seinem Online-Shop abgerissene Ohren und verwesende Hände. Claudia Rindler wusste sofort, dass sie am richtigen Ort war. Seelenverwandtschaft unter Morbiden sozusagen. Sie schloss die Schule erfolgreich ab und machte aus ihrer Pas­sion ein rentables Geschäft. Inzwischen ar­bei­tet sie nicht mehr nur für Filmstudios, sondern auch fürs Theater und für Bands. ­Celtic Frost, um nur eine zu nennen.

Anzeige

«Ich verkaufe nur, was auch ich benutze»

Claudia Rindler ist ein Energiebündel, ihre Begeisterung ist ansteckend. «Das Horrording ist total kreativ», sagt sie und klappt den Laptop auf. In ihren Videoclips schlagen offene Herzen, «mit integriertem Blasebalg», krabbeln Fauchschaben über verrottete Früchte, «super Haustiere», und brennt eine Teufelsstatue lichterloh. Gleich neben dem Computer steht eine Schale mit lila Lavendelseifen in Cupcake-Form.

«Auch Rocker und Horrorfilm-Junkies haben Hautprobleme», sagt Rindler. Auf die Idee, selbstgemachte Kosmetik zu verkaufen, hätten sie nicht zuletzt ihre Kunden gebracht. «Wann immer ich jemanden schminken wollte, hiess es: ‹Ich vertrage das nicht› oder ‹Ich bin allergisch›.»

Da sie für sich selber schon länger Seifen und Cremen ohne tierische Zutaten hergestellt habe, sei der Schritt, dies auch für andere zu tun, klein gewesen. Sie sammelte Kräuter, presste Öle, und weil sie keine halben Sachen macht, legte sie sich einen biologischen Kräutergarten zu und eröffnete ihre eigene Kosmetik-Manufaktur. Getestet wird im eigenen Badezimmer. «Ich verkaufe nur, was ich auch selber gern benutze. Und ich bin anspruchsvoll.»

Die ersten duftenden Sprudelbäder, Seifen und Cremen verkaufte Rindler über einen Online-Shop, dann fuhr sie mit ihrer pastellfarbenen Pracht auch an Märkte.

«Ich habe dort schon Leute getroffen, die ich von einer Filmproduktion kannte. Wow, die waren echt geschockt, als sie mich da mit den rosa Seifen stehen sahen», sagt Rindler lachend. Dann klappt sie den Laptop zu, springt auf und tritt vor die Tür ihrer «Seifen-Oper». Ganz so, als ob sie noch rauchen würde.