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Einkaufen in der EurozoneBei Nachbars ists nicht immer billiger

Geiz ist wieder geil: Der tiefe Euro verführt Schweizer zum Einkaufen in Deutschland. Doch nicht jeder spart dabei wirklich.

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Der Euro fällt – und die Autoschlangen an der deutschen Grenze werden länger. Alle wollen sie beim grossen Nachbarn billiger einkaufen: Die Grenzübergänge im Raum Konstanz verzeichnen zweistellige Zuwachsraten von Schweizer Einkaufstouristen, jene im Raum Basel immerhin einstellige.

Was die Statistik belegt, zeigt sich auf den Parkplätzen der deutschen Supermärkte. «In unserer grössten Filiale in Grenzach bei Basel hat sich der Anteil der Kundschaft aus der Schweiz von einem Fünftel auf einen Drittel vergrössert», bestätigt Jörg Hieber, Gründer der gleichnamigen Supermarktkette. Und seit der Euro fällt, kommen nicht nur mehr Schweizer, sie geben auch mehr Geld aus. «Die Kunden aus der Schweiz kaufen im Moment durchschnittlich 20 bis 30 Prozent mehr», sagt Hieber.

Ein «Stundenlohn» von einem Fünfliber

Auch weiter ostwärts in Konstanz spüren die Händler den verstärkten Zustrom von Kunden aus der Schweiz. Etwa 6500 – fast 1000 mehr als vor der Euro-Schwäche – sind es an einem gewöhnlichen Werktag im Einkaufszentrum Lago, wenige Meter von der Schweizer Grenze entfernt. Lago-Chef Peter Herrmann beobachtet, dass zahlreiche Schweizer erstmals im Ausland einkaufen: «Viele wollen genau wissen, wie sie die Mehrwertsteuer zurückerstattet erhalten. Der grössere Beratungsbedarf führt dazu, dass einige Läden mehr Kassen öffnen, um die Warteschlangen zu verkürzen.»

Ob sich der Abstecher über die Grenze aber überhaupt lohnt, hängt davon ab, wie viel man beim Einkauf real einspart, wie weit man dafür fahren muss und wie viel Zeit man für die Fahrt verschwendet. Rechenbeispiele zeigen, dass nur Grosseinkäufe mit relativ kurzen Wegstrecken finanziell wirklich einschenken.

  • Wer von Zürich nach Jestetten bei Schaffhausen fährt, um dort für umgerechnet 200 Franken einzukaufen, spart dabei ungefähr 60 Franken. Die Fahrkosten (zweimal 39 Kilometer à 70 Rappen) betragen aber 55 Franken. Bei zusätzlichem Zeitaufwand von mindestens einer Stunde verbleibt ein «Stundenlohn» von einem Fünfliber.

  • Besser ist die Rechnung, wenn man von Olten SO ins deutsche Rheinfelden fährt und dort den Kofferraum mit Lebensmitteln für 300 Franken füllt. Das Sparpotential von 90 Franken steht in gutem Verhältnis zu den Fahrkosten (50 Franken) und zum Zeitaufwand (eine Stunde zusätzlich).

  • Anders für einen Luzerner, der ebenfalls in Rheinfelden einkauft. Selbst bei einem Warenwert von 400 Franken (Einsparung 120 Franken) lohnt die Fahrt (zweimal 90 Kilometer = 126 Franken) nicht – vom zusätzlichen Zeitbedarf (mindestens zwei Stunden) ganz zu schweigen. Zudem müsste man den Einkauf, weil er über 300 Franken beträgt, am Schweizer Zoll anmelden und darauf Mehrwertsteuer zahlen, was die «Rendite» in einen Verlust verwandelt.


Längst nicht alle Einkaufstouristen profitieren also. Für viele ist der Abstecher denn oft auch mehr ein Ausflug als eine Sparmassnahme. Das für die Rechenbeispiele angenommene Sparpotential ist hingegen realistisch. Für eine Studie über den Einkaufstourismus liess der Grossverteiler Coop im Jahr 2009 Kassenbons von Schweizern, die im Ausland einkauften, detailliert auswerten: Die Differenz zum Preis, der in der Schweiz hätte gezahlt werden müssen, lag effektiv bei rund 30 Prozent – und das zu einem Zeitpunkt, als der Euro noch deutlich mehr kostete.

Um diese 30 Prozent zu erreichen, muss man sich auf die wirklich lukrativen Warengruppen konzentrieren. Bei Lebensmitteln sind das Fleisch- und Wurstwaren, Milch und Molkereiprodukte sowie Früchte und Gemüse. Dazu kommen Kosmetika und Spirituosen. Aber auch bei Möbeln ist das Sparpotential gross. Der Ikea-Sessel «Ektorp Muren» kostet in Deutschland 299 Euro, in der Schweiz 499 Franken. Zieht man die Mehrwertsteuer-Differenz ab, ist der Sessel ennet der Grenze 24 Prozent billiger. Ähnlich sieht es aus, wenn man Ferien in einem deutschen Reisebüro bucht. Ebenfalls beliebt: die Einkaufsfahrt mit einem Coiffeurbesuch ergänzen.

Die Deutschen holen dafür unser Benzin

Auf 1,8 Milliarden Franken schätzt die Coop-Studie den Wert der 2009 im Ausland gekauften Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs. Klingt nach viel Geld. Trotzdem seien die volkswirtschaftlichen Auswirkungen für die Schweiz nicht allzu gross, heisst es in einem Bericht des Staatssekretariats für Wirtschaft. Das liegt daran, dass die eingekauften Waren ohnehin grösstenteils aus dem Ausland stammen. Darum entstünde nur eine relativ kleine Wertschöpfung, wenn sie in Kreuzlingen statt in Konstanz gekauft würden. Gäbe es keinen Einkaufstourismus, könnten im Detailhandel allerhöchstens zwei Prozent mehr Jobs geschaffen werden.

Bertram Paganini von der Industrie- und Handelskammer in Konstanz ergänzt: «Es ist ein Geben und Nehmen.» Zwar geben Schweizer in der deutschen Grenzregion Hochrhein-Bodensee jährlich rund 700 Millionen Euro aus, das ist etwa ein Fünftel des Umsatzes des dortigen Detailhandels. «Aber viel Geld fliesst auch in umgekehrter Richtung.» Süddeutsche fahren gern in die Schweiz, um Kleider zu kaufen – und um billiger zu tanken. In der 82'000 Einwohner zählenden Stadt Konstanz gibt es nur drei Tankstellen. Am Stau an den Grenzübergängen sind also nicht nur die Schweizer Schnäppchenjäger schuld.


  • Geschäfte im Ausland sind gesetzlich nicht verpflichtet, mehrwertsteuerfreie Einkäufe zu ermöglichen; erkundigen Sie sich vor dem Kauf. In Grenznähe ist es aber üblich, dass Sie zusätzlich zum Kassenzettel ein Ausfuhrformular erhalten. Auf diesem geben Sie Ihren Namen und Ihre Adresse an.<br />nAn der Grenze müssen Sie dieses Formular vom deutschen Zoll abstempeln lassen; die Ware müssen Sie auf Verlangen vorweisen, ebenso einen gültigen Ausweis, der Ihren Schweizer Wohnsitz bestätigt.

  • Bei Ihrem nächsten Besuch im selben Laden erhalten Sie die deutsche Mehrwertsteuer (19 Prozent) zurück.

  • Achtung: In Österreich gibts die Mehrwertsteuer nur zurück, wenn Sie im selben Geschäft für mindestens 75 Euro einkaufen. In Deutschland existiert keine solche Untergrenze.

  • Weiter entfernt von der Grenze bieten manche Geschäfte die Mehrwertsteuer-Rückerstattung mit dem Global-Refund-System an. Dabei erhalten Sie das Geld auf dem Korrespondenzweg – abzüglich einer Kommission.

  • Am Schweizer Zoll müssen Sie die eingeführten Waren nur melden, wenn der Wert über 300 Franken pro Person liegt. Dann ist auf dem gesamten Betrag Mehrwertsteuer (7,6 Prozent respektive 2,4 Prozent für Nahrungsmittel) zu zahlen.

  • Achtung: Für bestimmte Waren gibt es Höchstmengen pro Person, selbst wenn der Gesamtwert unter 300 Franken liegt: maximal 1 Kilo Butter/Rahm, 5 Liter Milch, 500 Gramm Frischfleisch, 3,5 Kilo getrocknetes/geräuchertes Fleisch und 1 Stange Zigaretten oder 50 Zigarren. Detailliertere Infos: www.zoll.admin.ch.

  • Alkohol: Pro Tag dürfen maximal 2 Liter Wein und 1 Liter Spirituosen eingeführt werden – für grössere Mengen werden Zollabgaben fällig.

Veröffentlicht am 08. Juni 2010

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5 Kommentare

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Albert Schaller
All jene, die im Ausland einkaufen, wie die Famillie Hermann, Bischofszell, sofern er oder sie in der Schweiz arbeitet und nicht von der Sozialfürsorge unterstützt werden, sollten sich ins Ausland absetzen, weil sie sonst nur rücksichtslos unsere Gesellschaft in der Schweiz ausnützen. Das gilt auch für alle anderen Profiteure, die keine Rücksicht auf das Ueberleben unserer eigenen Wirtschaft nehmen.

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Stalder E.
Jeder muss selbst schauen, wo er bleibt !. Jahrelang hat uns das sogenannte Einheimmische Gewerbe das Geld aus der Tasche gezogen. Nun wo der Otto Normalverbraucher im Ausland (EG) einkauft, wo Er für sein sauer verdientes Geld im Schnitt das dreifache bekommt, jammert das Einheimische Gewerbe lautstark. Das ist aber gerade alles was sie unternehmen !

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Christine R.
In den Berechnungen des Artikels ist vergessen gegangen, dass man auch beim Einkauf in der CH Kilometer fahren muss - nicht jeder wohnt gerade neben einem Einkaufszentrum;-) Somit müssen vom Weg nach D zuerst die gefahrenen Km in ein EZ in der CH abgezogen werden. Wenn man im Grenzbereich wohnt, sind diese u.U. gleich, kleiner, oder nur wenig höher;-)

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Christian Müller
Lebensmittel einkaufen in D, wenn man höchstens 30 Km Weg hat, lohnt sich für Schweizer allemal; ob der EURO Fr. 1,60 oder Fr. 1,40 ist! - Denn das teure an der Schweiz sind die Lebensmittel für den täglichen Bedarf (Computer etc. sind in der Schweiz billiger; aber wer ernährt sich schon von Elektronik!) - Billiger ist D nur, weil auch die Lebenshaltungskosten dort tiefer sind (tieferes Lohnniveau, tiefere Wohnkosten, tiefere Lebensmittelkosten); mit dem tieferen Euro-Kurs kommt man billiger weg (man kann für Fr. 100.- mehr kaufen, als bei hohem Kurs), weil die Preise in D unverändert sind. Dass die Schweizer Händler bei EU-Importware (was die meisten Dauerlebensmittel betrifft) die Preise nicht senken, weil sie satte Währungsgewinne machen, soll mit Einkaufen in D bestraft wer...

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