Katharina Bleuer und Monika Squizzato sitzen im Liegestuhl unter dem Sonnenschirm, schauen angeregt plaudernd über die Böschung hinab. Zu ihren Füssen, in einer Kiesgrube bei Finsterhennen im Berner Seeland, zirkulieren an diesem sonnigen, warmen Samstag mehrere Dutzend Offroadfahrzeuge, rutschen Böschungen hinunter, kraxeln Steilhänge empor, fressen sich durch Sandbuchten und Wassergräben. Am Steuer sitzen fast nur Männer, was die beiden Zuschauerinnen zur Bemerkung verleitet: «The bigger the boy, the bigger the toy!» Zu Deutsch: «Je grösser der Bub, desto grösser sein Spielzeug.»

Bleuer und Squizzato haben beide einen angefressenen Allradfahrer als Lebenspartner und finden selbst Gefallen an den schweren Fahrzeugen. Stolz zeigt Katharina Bleuer auf ihren «Ländy», wie die Autos unter Eingeweihten heissen, ein Land Rover Serie III, Baujahr 88, der auf ausgedehnten Ferienreisen in England, Schottland und Irland schon manche Schotterpiste und manchen Bergpass bewältigt hat. Würde ein japanisches Allradmodell oder gar ein gewöhnliches Auto nicht genügen? «Nein, es muss ein Rover sein», sagt die 29-Jährige bestimmt.

Nur ein Rover ist ein «Ländy»

Katharina Bleuer ist aus dem neuenburgischen Cernier angereist, um in Finsterhennen Gleichgesinnte zu treffen. Abwechselnd mit ihrem Partner sitzt sie auf Urlaubsfahrten am Steuer und bezeichnet sich als «England-Fan». Land-Rover-Fahren betrachtet sie als «ein ganz besonderes Feeling». Ein Kollege pflichtet ihr bei: «Der Ländy hat einfach Style!»

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In Finsterhennen befinden sich Bleuer und ihre Clique in bester Gesellschaft: Das Offroadwochenende heisst «Swiss National», laut Organisationsteam ein «freies Geländefahren» besonders für Besitzer von Fahrzeugen der Marke Land Rover, denn der Verein Land Rovers of Switzerland wirkt als Mitorganisator. Tatsächlich machen fast nur Ländy-Fahrer mit; bis auf zwei Exoten (ein Pinzgauer, ein Toyota) stammen alle der rund 100 Fahrzeuge aus dem englischen Automobilwerk.

Darunter befinden sich Raritäten und Oldtimer, aber auch modernste Modelle: Die Land-Rover-Vertretung Schweiz hat vier Testfahrzeuge bereit gestellt, die ausgiebig Probe gefahren werden. Daneben gibts die passenden Souvenirs.

Angereist sind die Teilnehmer aus der ganzen Schweiz sowie aus dem Ausland, denn zu den Partnerklubs in Italien und Frankreich unterhalten die Schweizer gute Kontakte. Auch für Kost und Logis ist gesorgt; die campingerprobten Geländefahrer übernachten im nahen Wald, für Speis und Trank sorgt die mobile Festwirtschaft.

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Aus Schwellbrunn AR ist Monika Squizzato zum «Swiss National» gekommen.

Die 30-Jährige ist gemäss eigener Aussage «eine typische Land-Rover-Beifahrerin» und kann sich gut an den Tag erinnern, an dem ihr Freund verkündete, er wolle einen Land Rover kaufen. «Bei der ersten Probefahrt war ich richtig geschockt», erzählt sie. Die Grösse des Fahrzeugs, der Lärm die Arme hatte das Gefühl, «in einem Laster zu sitzen». Nach einer zweiten Probefahrt willigte sie dennoch in den Kauf ein; seither ist sie Mitbesitzerin eines nagelneuen, kohlenschwarzen Defender TD5 für 41000 Franken, Spezialteile nicht mitgerechnet.

Sandkastenspiele für Erwachsene

Den Rover benutzt Squizzato, die daneben noch «ein normales Auto» hat, gelegentlich zum Einkaufen. «Es ist toll, wenn man zur Migros fährt und das Gefühl hat, man ginge auf eine Safari.» Kommt sie zurück zum Parkplatz, stehen regelmässig Leute ums Fahrzeug und bestaunen es.

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Im Gelände will sie aber nicht ans Steuer, «das überlasse ich meinem Freund».

Mit ihrem Defender ist Squizzato voll im Trend: Die Verkäufe von Vierradantriebautos aller Art stiegen in der Schweiz 1998 um 15 und 1999 um 36 Prozent. Land Rover verkaufte 1999 sogar 55 Prozent mehr Autos als im Jahr zuvor.

Der Brite figuriert auf der Rangliste der beliebtesten Geländewagen an vierter Stelle hinter Jeep, Opel und Mercedes. Die Preise variieren zwischen 33000 und 52000 Franken für einen Range Rover muss man mindestens 70000 Franken hinblättern. Laut Statistik der Autoimporteure halten die Offroadwagen hierzulande inzwischen einen Marktanteil von sieben Prozent Tendenz steigend.

Doch Schweizer Allradfans meiden das Gelände. So kommt die Winterthur-Versicherung in einer Studie zum Schluss, dass «95 Prozent aller Offroadfahrzeuge ausschliesslich auf der Strasse bewegt werden», wie die NZZ berichtete.

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Die Teilnehmer des «Swiss National» gehören zu den übrigen fünf Prozent: Alle, die nach Finsterhennen gekommen sind, fahren mit ihrem Vehikel auch sonst abseits der Strasse zumindest am Wochenende oder in den Ferien. Einzelne sind mit ihrem Ländy sogar schon durch die Sahara gereist und nutzen jetzt den Tag in der Kiesgrube, um ein bisschen von vergangenen Zeiten in der Wüste zu träumen. Aber auch, um den «Ernstfall» zu üben, wie George Steffen, einer der Organisatoren, erklärt: «Den Leuten, die in den Urlaub fahren und das Verhalten des Gefährts im Gelände üben wollen, bieten wir ein ideales Training.»

So kommt es im Verlauf des Tages zu einer unablässig repetierten Abfolge von Sandkastenspielen: Hier ein Wagen, der durchs Kiesbeet kriecht, dort einer, der über eine Brücke aus Baumstämmen klettert. Es gibt eine Handvoll Steilhänge, wo man abwechslungsweise rauf- oder runterfährt, dazu zwei Schlamm- und Wasserpfützen, die man entweder von der einen oder andern Seite durchpflügt.

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Immer wieder bleibt ein Fahrer stecken; das gehört aber zum Programm, denn unverzüglich finden sich Helfer ein, die den Lahmgelegten per Abschleppstrick oder Seilwinde wieder auf Touren bringen.

Und wenn einer besonders schräg über die Böschung fährt oder wagemutig bis zur Fensterfront ins Wasser taucht, gibts Applaus von den Zaungästen: «Lueg emol dä, dä schpuelet wie ne More!» Das tröstet den Piloten darüber hinweg, dass er nach dem Abstecher ins Wasserloch erst einmal alle Türen öffnen und das braune Nass, das sich im Fahrerraum angesammelt hat, abfliessen lassen muss. Danach finden sich die Fahrer mit dreckigen Schuhen, verspritzten Jeans und schweissnassen T-Shirts beim Festzelt ein, wo das Mittagessen serviert wird.

«Frostschutz» zur Verdauung

In der Offroadszene gehts nicht anders zu und her als anderswo: An Grill und Buffet stehen Frauen es gibt Bratwurst, Salat und Bier , an den Tischen wachen junge Mütter über Kind und Hund, derweil die Männer über Pferdestärken und Pneugrössen fachsimpeln.

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Zur Verdauung stecken sich die Abenteurer eine Zigarette an, montieren Dächlimütze und Sonnenbrille und holen an der Bar einen «Kafi Frostschutz» oder ein Gläschen Obstschnaps, Marke «Windenöl».

Organisator George Steffen nimmt den Reporter auf eine Probefahrt mit um zu zeigen, was die Fahrzeuge so können. Das Testobjekt ist ein Range Rover, an dem Steffen «dies und das» verbessert hat. Während sich der Begleiter ans Polster klammert, erklärt Steffen, wie man offroad fährt: «Das Steuer locker halten, nicht zu viel und nicht zu wenig Gas geben und weder zu hohe noch zu tiefe Gänge fahren.» Wir umfahren, Gott sei Dank, den Wassergraben, doch dann setzt der Pilot zur «hohen Schule» an: Vor uns liegt eine Steigung, die nach gesundem Menschenverstand höchstens für Bergziegen passierbar ist.

Steffen gibt Gas, der Rover steigt himmelwärts, die Gesetze der Schwerkraft scheinen ausser Kraft. Der Beifahrer blickt starr geradeaus durch die Windschutzscheibe aufs klare Blau des Himmels, bis sich das Fahrzeug nach langen Sekunden wieder senkt und der Boden wieder sichtbar wird. «Mit einem geübten Fahrer schafft ein guter Geländewagen eine Steigung von 100 Prozent», sagt Steffen «das entspricht einem Winkel von 45 Grad.»

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Blechschäden inbegriffen

Unfälle sind selten, was erklärt, warum viele Piloten den Parcours mitsamt ihren Kindern abfahren. Einer hat sogar einen Säugling auf den Kindersitz geschnallt. Zur Sicherheit befinden sich Sanitäter auf dem Platz, und auch die Ärzte im nahen Spital sind informiert. Man weiss ja nie. Die Bilanz des Tages: keine körperlichen Blessuren, dafür eine gebrochene Achse und diverse Motor- und Blechschäden.

Kein Problem, denn Defekte werden von den Rover-Fahrern meist selber behoben. Die Klubzeitschrift, die viermal im Jahr an die 250 Mitglieder verteilt wird, gibt einen guten Einblick in die Reise- und Reparaturphilosophie der Ländy-Fahrer: «Im Dauerregen hetzten wir durchs Simmental, über den Col du Pillon ins Wallis, und von dort im Schneetreiben über den grossen St. Bernhard», heisst es in einem Reisebericht, der für den folgenden Tag an Dramatik noch zulegt: «Mein Land Rover verlor den Zündfunken. Also schnell zum Klub-Ersatzteillager eine Zündspule holen. Als das auch nichts nützte, nahmen wir das Abschleppseil.»

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Schwerer Stand für Allradfans

Ein besonders hartnäckiger Bastler ist Patrick Amann aus Tenniken BL. Er ist mit seiner Tochter nach Finsterhennen gekommen in einem 50-jährigen Rover, für dessen Restaurierung er vier Jahre lang die ganze Freizeit geopfert hat. Das hat sich für den 36-jährigen EDV-Sachbearbeiter gelohnt: Sein Fahrzeug wurde im Klub kürzlich zum schönsten seiner Art gekürt. Der Wagen sieht tatsächlich aus, als wäre er soeben vom Fliessband gerollt. Freudig holt der Besitzer die «Geburtsurkunde» seines Autos hervor, auf der der 4. Januar 1950 als Fertigungsdatum eingetragen ist. Daneben besitzt Amann, als Rover-Fahrer erkennbar von der Mütze übers T-Shirt bis zum Gürtel, noch drei weitere Ländys. Sein erstes Modell, aufgrund der Malerei «Zebra» genannt, brachte ihn vor zehn Jahren durch die Sahara und zum Land-Rover-Klub.

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«Der Weg ist das Ziel», erklärt Amann die Faszination des Autos; weil man langsam fahre, erlebe man das Unterwegssein intensiver. Gleicher Meinung sind Markus und Sandra Meier aus Männedorf ZH, die in einem 98er Defender angereist sind. Der 29-jährige Fahrlehrer und seine 26-jährige Frau fahren übers Wochenende regelmässig nach Frankreich. «In der Schweiz», bedauert Markus Meier, «kann man eigentlich nirgends ins Gelände.»

Der Spielraum für Offroader ist in der Schweiz sehr klein. Alp-, Forst- und Landwirtschaftswege sind meist mit einem Verbot belegt und daher tabu. Bei Zuwiderhandlung droht eine Busse von mindestens 100 Franken, zudem können Private, deren Grundstück ohne Bewilligung befahren wird, auf Landfriedensbruch klagen und Flurschäden in Rechnung stellen. Selbst Trainings in Kiesgruben sind bewilligungspflichtig; Eigentümer und Gemeinde müssen ihr Einverständnis geben.

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Entsprechend schwer haben es die Ländy-Freunde. Fahren die Allradfans ins Gelände, gelten sie als Naturschänder, bleiben sie auf dem Asphalt, ist es auch nicht recht. Schliesslich schlucken die grossen Motoren bis zu 20 Liter Benzin oder Diesel pro 100 Kilometer. Und auch sonst sind die Geländewagenfahrer gefürchtet.

Die Studie der Winterthur-Versicherung zeigt, dass Geländeautos ein hohes Sicherheitsrisiko bergen: für die Insassen, weil die Karosserie sehr steif ist und bei einem Zusammenprall kaum nachgibt, für die übrigen Verkehrsteilnehmer, weil Ländys hoch und schwer sind. Der Rammschutz an manchem Offroader-Kühler ist vor allem eine Gefahr für Fussgänger. «Diese Kuhfänger machen aus den Geländewagen wahre Exekutionsfahrzeuge», meint Anton Brunner, Leiter der Winterthur-Unfallforschung.

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Doch was wäre ein echter Geländefahrer, der selbst auf schwerstem Terrain jedes Hindernis meistert, wenn er nicht auch solche Kritik parieren könnte. Niemand ist hierfür besser geeignet als George Steffen. Seit 18 Jahren fährt er beruflich Geländewagen, arbeitet damit im Forst und im Abschleppdienst, begleitet daneben Hilfsgütertransporte in Krisengebiete. «Land-Rover-Fahrer sind naturverbundene Menschen», sagt er, «sie wollen die Umwelt keinesfalls zerstören.» Auch seien sie keine «Rasertypen», und wenn sie sich einmal in einer Kiesgrube treffen würden, dann nur, um das Fahrzeug besser zu beherrschen und damit «die Sicherheit zu erhöhen».

Man müsse mit der Freiheit, die ein solches Auto biete, vernünftig umzugehen lernen, sagt Steffen. Mag sein. In der Kiesgrube ist diese Freiheit aber klein: Bevor sich die Sonne am Horizont rötet, verstummen alle Motoren. Die fleissigen Köchinnen haben mittags einen Zettel ans Buffet geklebt: «Nachtessen pünktlich um 19 Uhr.»

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