Schock vier Tage vor Heiligabend: «Der Polizist am Telefon sagte, unsere Tochter hätte einen Verkehrsunfall verschuldet. Der Fahrer des anderen Wagens sei im Spital, sein Porsche ein Totalschaden», erzählt Regula Schoch aus Zürich.

«Da die Versicherung abgelaufen sei, müssten wir für den Schaden 143’000 Franken bereitstellen.» Das Geld werde er dann in bar abholen, wenn er die Tochter vorbeibringe, erklärte der Beamte der verstörten Mutter weiter. Dass auch noch eine junge Frau in den Hören schluchzte, machte die Nachricht noch glaubhafter.

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In heller Aufregung rief Schoch mit dem Handy ihre Bank an, während der vermeintliche Polizist sie auf dem Festnetz zuschwatzte. Doch irgendwann wurde sie stutzig. Zum Glück. Denn hinter dem Anruf steckte nicht die Polizei, sondern eine Betrügerbande. Auch die schluchzende Frau gehörte dazu.

«Ich bin wirklich nicht auf den Kopf gefallen und schäme mich, dass ich nicht früher etwas gemerkt habe. Aber ich war so in Sorge um meine Tochter, stand voll unter Adrenalin», sagt Schoch. Niemand sei davor gefeit, auf solche Betrügereien hereinzufallen, sagt Präventionsfachmann Marcel Graf von der Kantonspolizei Zürich: «In dieser Situation ist der emotionale und zeitliche Druck so gross, dass man selbst kleine Warnhinweise selber wegrationalisiert, also Gründe dafür findet, dass die Geschichte wahr ist.»

Neue Version einer altbekannten Masche

Gleich zwei weitere Frauen meldeten sich beim Beobachter, die im gleichen Zeitraum solche Schockanrufe erhalten hatten. Eine heisst ebenfalls Regula. Kein Zufall, denn die Betrüger suchen ihre Opfer anhand der Vornamen aus Briefpost von Betrügern Das Millionenerbe eines unbekannten Verwandten : Regula ist wie etwa Irene oder Daniela ein Name, der vor 50, 60 Jahren sehr gebräuchlich war. Frauen in diesem Alter haben oft Kinder, die Auto fahren können. Das passt.

Es ist die neue Version einer altbekannten Masche Telefonbetrug Gertrud und der falsche Polizist . Bislang forderten solche falschen Polizisten betagte Opfer dazu auf, ihnen ihr Vermögen zur sicheren Verwahrung auszuhändigen. Auch in diesen Fällen orientieren sich die Verbrecher an Vornamen, die in der Ziel-Generationen gebräuchlich waren.

Eine weitere derzeit kursierende Legende nutzt die Pandemie als Schuhlöffel: Angebliche Spitalangestellte rufen an und behaupten, ein Familienmitglied brauche dringend eine Covid-Behandlung, für die eine finanzielle Sicherheit geleistet werden müsse – die natürlich ebenfalls bar übergeben werden muss. 

«Es ist extrem schwierig, sich aus der Situation zu lösen», weiss Präventionsfachmann Graf. «Trotzdem legt man am besten gleich auf oder drückt die Beenden-Taste, sobald der Anrufer Geld verlangt.» Denn: Die Polizei verlangt nie grössere Geldbeträge am Telefon oder bar an der Haustüre.

Hohe Dunkelziffer

Die Haupttäter sitzen laut Graf im Ausland. Die lokalen Akteure, also die falschen Polizisten, weinenden Töchter und Laufburschen, die das Geld abholen, seien hinsichtlich Nationalität meist eine bunt gemischte Truppe. «Sie agieren wie eine gut orchestriertes Theaterensemble und halten sich strikt an die Drehbücher der psychologisch versierten Hintermänner.»

2021 entfielen allein im Kanton Zürich von 2500 Meldungen zu Telefonbetrug, davon rund 170 auf die Kategorien «Falscher Polizist», «Corona» und «Enkeltrick». In acht Fällen hatten die Betrüger Erfolg und insgesamt 400'000 Franken erbeutet. «Die Dunkelziffer dürfte aber rund fünfmal höher sein», schätzt Graf. Auch die Kapo Bern meldet eine Zunahme seit Anfang Dezember.

Tipps: So reagieren Sie bei verdächtigen Anrufen richtig
  • Misstrauisch sein, wenn jemand anruft und raten lässt, wer am Telefon ist.
  • Der Display-Anzeige auf dem Telefon nicht trauen: Sie kann manipuliert sein.
  • Nicht unter Druck setzen lassen.
  • Die Polizei verlangt nie telefonisch Bargeld.
  • Nie irgendwo Bargeld oder Wertsachen deponieren.
  • Verdächtige Anrufe sofort der Polizei melden.
  • Telefonbucheintrag löschen lassen. Betrüger suchen nach älteren Vornamen.

Weitere Tipps finden Sie hier: telefonbetrug.ch

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