Bereits kommen Haustiere in den Genuss der wundersamen Hilfe: «Vielen Dank, Ihre Hilfe war perfekt», schreibt eine Kundin des Magnetopathen Kurt Kuster, «ich war mit meiner Hündin an der Hundeprüfung. Sie war die Ruhe selbst. Das Resultat war super!»

Spirituelle Rituale stehen hoch im Kurs: In den letzten zwei Jahrzehnten hat das Interesse am geistigen Heilen in Europa massiv zugenommen. Laut einer Schätzung der Organisatoren der Basler PSI-Tage lassen sich allein in Deutschland und in der Schweiz jährlich rund fünf Millionen Menschen von Handauflegern, Fernheilern und anderen spirituellen Therapeuten behandeln. Und eine Umfrage unter 1500 Personen in der Schweiz ergab, dass schon jeder zweite Schweizer eine alternative oder eine esoterische Therapie ausprobiert hat.

Zwar will die Mehrheit der Heiler ihrer leidenden Kundschaft tatsächlich helfen. Doch die Geistheilerszene bietet auch zahlreichen skrupellosen Scharlatanen Unterschlupf. Sie halten kranke Menschen aus Raffgier oder Fanatismus von aussichtsreichen medizinischen Behandlungen ab. Und sie bereichern sich schamlos an der Angst, der Verzweiflung und den Schmerzen ihrer Opfer.

Das Angebot ist gewaltig: Bereits 13'000 Heilpraktiker und weit über 200 Heilmethoden sind im Erfahrungsmedizinischen Register (EMR) in Basel erfasst und anerkannt worden – von «An-Mo/Tui-Na» bis zur «biodynamischen Sophrologie». Das EMR hat die Aufgabe, im Auftrag der angeschlossenen Krankenversicherer zu überprüfen, ob die Therapeuten, die sich registrieren lassen wollen, eine ausreichende Ausbildung in den angemeldeten Therapiemethoden absolviert und abgeschlossen haben.

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Exorzismusritual als Therapie
Zu den registrierten Therapeuten kommen noch Tausende von Heilpraktikern hinzu, die keinem Verband angehören, und nochmals Tausende von Geistheilern, deren Praktiken von den Krankenkassen nicht anerkannt werden.

Selbst die Schulmediziner wenden inzwischen immer häufiger alternative Heilmethoden an. Sogar das katholische Exorzismusritual und das reformierte Gegenstück, der «Befreiungsdienst» gegen dämonische Heimsuchungen, gehören heute zum Behandlungsrepertoire einiger klinischer Psychiater. Es gibt also nichts, was es nicht gibt. Max Giger, Vorstandsmitglied der Verbindung Schweizer Ärzte (FMH), sagt es so: Grundsätzlich kommen «sämtliche Behandlungsmethoden in Frage, die den Patientinnen und Patienten keinen Schaden zufügen».

«Hilfe» für 48'000 Franken
Doch im Wirrwarr von unzähligen Methoden und Anbietern ist es für Laien kaum mehr möglich, Scharlatane von seriösen Heilpraktikern zu unterscheiden. Laut Paul Schneider, Geschäftsführer des Schweizerischen Verbands für Natürliches Heilen (SVNH), ist der geistige Heiler «ein Kanal für die Vermittlung heilender Energie». Die Ubertragung dieser Energie könne beispielsweise durch «Handauflegen, Gebete oder durch Visualisation passieren. Theoretisches Wissen ist für den Erfolg nicht massgebend.»

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Aus diesem Grund sind Geistheiler von der Methodenliste des EMR auch ausgeschlossen. «Die Praktiken der Geistheiler sind nicht erlernbar und nicht überprüfbar», erklärt Andrea Pauli von der Registrierungsstelle des EMR. «Gerade deshalb findet man unter Geistheilern die meisten Scharlatane.»

Im letzten Februar wurde in Basel ein afrikanischer Geistheiler zu viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er seine weiblichen Opfer nicht nur finanziell geschädigt, sondern bedroht und massiv sexuell missbraucht hatte – darunter auch ein 13-jähriges Mädchen. Der Täter wurde gefasst, die Opfer erhielten eine finanzielle Entschädigung. In den meisten Fällen kommen die Täter aber ungeschoren davon – und die Opfer gehen leer aus.

Wie etwa im Fall des Magnetopathen Karl-Ulrich Gerzner. An einer Jubiläumsfeier der Neuapostolischen Kirche in Frauenfeld TG machte sich der elegant gekleidete Herr an das Pensionärsehepaar Suter heran. Er sprach den damals 71-jährigen Erwin Suter auf eine gut sichtbare Bindehautentzündung an und gab sich auf Anfrage als Naturheiler zu erkennen. Gerzner steckte dem Paar seine Visitenkarte zu.

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Als Erwin Suter kurz darauf unheilbar an einer Lungenfibrose erkrankte und ständig unter Erstickungsanfällen litt, erinnerte sich seine Frau Hedi in ihrer Verzweiflung an den Heilpraktiker. «Die Visitenkarte wurde für mich zum sprichwörtlichen Strohhalm, an den wir uns wie zwei Ertrinkende klammerten.» Hedi Suter kontaktierte den Heilpraktiker, und der meinte, die Lungenfibrose sei für ihn kein Problem. Hedi Suter: «Er versicherte, in einem Jahr sei mein Mann wieder gesund.»

Die Behandlung war freilich ziemlich kostspielig. Stolze 48'000 Franken verlangte Gerzner für die wunderbare Heilung – und zwar im Voraus. Da das Ehepaar Suter nur 24'000 Franken hatte, liess es Gerzner «grosszügig» dabei bewenden. Während der Behandlung durch den Magnetopathen verschlechterte sich der Zustand von Erwin Suter zusehends. Nach einem Jahr verstarb der Rentner.

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Auf Drängen ihrer Tochter verlangte die Witwe von Gerzner das Geld zurück. Mit beschränktem Erfolg: Zwar verurteilte das Bezirksgericht Weinfelden TG Gerzner 1997 zur Rückerstattung von 20'000 Franken, doch bis heute hat Hedi Suter keinen roten Rappen gesehen. Der Jaguarfahrer, Boots- und Hausbesitzer Gerzner gibt sich zahlungsunfähig und hat vorsorglich sämtliche pfändbaren Besitztümer seiner Frau überschrieben. Gern hätte der Beobachter Karl-Ulrich Gerzner dazu befragt, doch all seine Telefonanschlüsse sind inzwischen nicht mehr in Betrieb.

Wäre nicht die Tochter von Hedi Suter gewesen, wäre dem «Heiler» sogar die Unannehmlichkeit des Gerichtstermins erspart geblieben. «Von mir aus hätte ich nichts gemacht», erklärt Hedi Suter. «Ich war viel zu ausgelaugt und habe mich auch etwas geschämt, dass ich dem Magnetopathen auf den Leim gegangen bin.»

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Eine Reaktion, mit der die Scharlatane bewusst operieren. Ohnehin sind Betrugsdelikte von selbst ernannten Heilern nur schwer nachweisbar. Hinzu kommt die Scham der Opfer. So wurde die Psychologin Veronika Lichtenfels (Name geändert) von einer Wunderheilerin mit viel Hokuspokus um 42'000 Franken geprellt. Anzeige erstattete sie aber nicht. «Ich, eine ausgebildete Psychologin, hatte mich dermassen übers Ohr hauen lassen. Das ist mir immer noch unbeschreiblich peinlich».

Grosse Worte, kleine Taten
Die kuriosen Heiler sind nicht nur aufs schnelle Geld aus. Immer wieder gibt es Fälle von sexueller Belästigung oder psychischer Beeinflussung durch Einzeltäter, Sekten oder sektenähnliche Gruppierungen. Auch die Mitgliedschaft in einem Verband ist nicht zwingend ein Gütesiegel. So ist von zahlreichen, auf den ersten Blick vertrauenswürdigen Heilpraktikern bekannt, dass sie zum Beispiel der rechtslastigen, sektenähnlichen Gralsbewegung angehören oder Kontakte zur Sekte Fiat Lux der schrillen Geistheilerin Uriella unterhalten.

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Auch der deutsche Doktor Ryke Geerd Hamer verlangt von seinen Patientinnen und Patienten kein Geld, dafür aber die totale Abkehr von der Schulmedizin. Hamer und seine auch in der Schweiz aktiven Anhänger der «Neuen Medizin» sind der festen Uberzeugung, dass Krebs seine Ursachen in ungelösten psychologischen Konflikten hat. An Krebs stirbt laut Hamer nur, wer den psychologischen Konflikt nicht löst oder wer sich von den Schulmedizinern mit Chemotherapie, Bestrahlung und Schmerzmitteln «vergiften» lässt.

Auch Gisela Winterberg wurde mit einem unheilbaren Nierentumor fast zwei Jahre kostenlos von Hamer behandelt – laut ihrer Tochter Sabine ein Martyrium. «Meine Mutter wäre mit schulmedizinischen Methoden vermutlich nicht zu retten gewesen», erklärt die ausgebildete Krankenschwester aus dem Kanton Zürich. «Aber dieser Doktor Hamer hat meiner Mutter strikt untersagt, irgendeine schulmedizinische Behandlung in Anspruch zu nehmen."Nur durch mich werden Sie gesund", versprach er ihr.»

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Monatelang litt die verzweifelte Frau Höllenqualen, denn Schmerzmittel waren tabu. Dann endlich wurde sie notfallmässig ins Spital gebracht. Doch zu diesem Zeitpunkt blieb den Ärzten nichts mehr anderes übrig, als der Frau bis zu ihrem Tod wenigstens die Schmerzen zu nehmen.

Gisela Winterberg ist kein Einzelfall. In Frankreich und in Deutschland ist Hamer zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt worden, weil er Patienten dazu verleitete, aussichtsreiche Behandlungen abzubrechen. Hamers bekanntestes Opfer war das Mädchen Olivia, das 1995 in letzter Minute operiert werden konnte, nachdem seine Eltern mit dem Kind untergetaucht waren, um es der Schulmedizin zu entziehen. Dass es Olivia heute dank der Schulmedizin wieder gut geht, wird von Hamers Anhängern – und sogar von ihrem eigenen Vater – ignoriert. Ebenso wie die Tatsache, dass sich Hamer mit Erfolg schulmedizinisch gegen Hodenkrebs behandeln liess.

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Doch auch Misserfolge vermögen den Glauben an die Wunderheiler oft nicht zu erschüttern. Und bisweilen nimmt er bizarre Züge an. So glauben Zehntausende Anhänger des Freundeskreises Bruno Gröning daran, dass Aluminiumfoliekugeln mit den Fingernägeln, den Haaren oder dem Sperma des 1959 verstorbenen deutschen Geistheilers auch schwerste Krankheiten heilen. Obwohl Gröning selbst schon mit 53 Jahren aus seinem «irdischen Leben» schied und auch den frühen Tod seiner beiden Söhne nicht verhindern konnte.

Nicht immer versetzt der Glaube Berge – auch nicht in Lourdes. Jährlich pilgern drei Millionen Gläubige an diese Marienstätte, doch sind bis jetzt erst 65 Fälle von Heilungen dokumentiert, für die es keine medizinische Erklärung gibt. Eine eher spärliche Erfolgsquote. Auch das Institut für Naturheilkunde in Zürich hatte wenig Erfolg, als es im Auftrag der Basler PSI-Tage die Auswirkung von Fernheilung bei 60 Diabeteskranken testete. Zwar glaubten einige Patienten, vorübergehend eine Besserung der Symptome zu spüren. Heilungen blieben hingegen aus.

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Für den SVNH-Geschäftsführer Paul Schneider liegt das schwache Ergebnis des Heilertests an der mangelnden Demut der Tester. «Geistiges Heilen entzieht sich nun mal der Prüfung.» Er ist überzeugt, «dass Fernheilung und Geistheilung zweifellos möglich und ausreichend nachgewiesen sind». Aber: «Warum Fernheilung wirkt, wann sie wirkt und warum sie oftmals nicht wirkt, weiss eben niemand.»

Vor allem wirkt sie laut Schneider oft auch ohne Geistheiler: «Wenn wir ohne jeden Zweifel glauben, dass für uns Fernbehandlung geschieht – auch wenn wir später herausfinden, dass in Wirklichkeit niemand an uns gedacht hat.» Dann kann man sich ja auch das Honorar sparen.