Die Zürcher Firma Putzfrauenvermittlung.ch mit ihren angeblich 800 Angestellten hat über Jahre die Sozialabgaben für das Personal und die Mehrwertsteuer nicht oder nur teilweise einbezahlt. Jetzt steht die in der Deutschschweiz tätige Firma vor dem Konkurs. Sozialversicherungen und die Steuerverwaltung haben im November Verlustscheine für über 900'000 Franken erhalten.

Alle bisherigen Verwaltungsräte sind abgesprungen: im Juni der St. Galler SVP-Kantonsrat Roland Hartmann, im November Firmengründer und Geschäftsleiter Marco Gloor. Die beiden hatten vor einem Jahr noch versichert, die Schulden würden zurückbezahlt. Hartmann sass bereits dreimal in Gloor-Firmen, die in Konkurs gingen oder liquidiert werden mussten. Seit einem Monat ist nun Heinz Ellenberger als Krisenmanager für die Firma verantwortlich. «Herr Gloor hat in der Gesellschaft keine Befugnisse mehr», versichert er.

Ellenberger sorgte 2008 für Schlagzeilen, als er kurz vor der Pleite des Clubs Platin einsprang. Die Einnahmen des damals grössten Disco-Clubs in Zürich waren an die deutschen Gründer abgeflossen, Rechnungen für die Millioneninvestitionen blieben offen. «Ich konnte wenigstens einen Teil der Gläubiger schützen», sagt Ellenberger. Auch im Fall Putzfrauenvermittlung.ch wolle er vor allem weiteren Schaden verhindern, die Chancen für eine Rettung der Firma schätzt er als gering ein.

Ellenberger sitzt heute für zwei Dutzend Firmen als Krisenmanager oder Liquidator im Verwaltungsrat. Über ihn selber bestehen Verlustscheine über mehrere hunderttausend Franken. Er führt das auf den angeblich «unverschuldeten Zusammenbruch eigener Firmen» Ende der neunziger Jahre zurück.

Damit Putzfrauenvermittlung.ch keine weiteren Verluste produziert, beschäftigt sie inzwischen gar keine Reinigungskräfte mehr. «Das war meine Bedingung für die Übernahme des Mandats», sagt Ellen­berger. Doch die Firma bietet ihre Dienstleistungen weiterhin an. Wo also sind die Frauen angestellt?

«Ich bin daran, das zu recherchieren», so Ellenberger vor zwei Wochen. Aufgrund von Beobachter-Recherchen bestätigten er und Ex-Vewaltungsrat Gloor später, dass die Frauen in zahlreiche GmbHs ausgelagert wurden, die ebenfalls als Putzfrauenvermittlung.ch auftreten. Dabei handelt es sich um rechtlich eigenständige, vertraglich aber eng an die Zürcher Zentrale gebundene Unternehmen.

Elegant aus der Schuldenfalle

Mit anderen Worten: Die Firma kann weiter putzen lassen, selbst wenn die Zentrale in Konkurs geht. Insgesamt zehn solche GmbHs sind in der Deutschschweiz aktiv, die letzte wurde im Frühling von Marco Gloor gegründet. Ein anderer Ex-Verwaltungsrat führt eine weitere Filiale.

Mit der Reorganisation schlägt Firmengründer Marco Gloor zwei Fliegen mit einer Klappe: Das alte Geschäftsmodell, in dem die Frauen von der Zentrale an die Filialen ausgeliehen wurden, war nämlich illegal. Der Zentrale fehlte die dafür nötige Bewilligung als Personalverleiherin, wie das Zürcher Amt für Wirtschaft feststellte.

Doch statt eine Bewilligung einzuholen, hat Gloor sein Geschäft jetzt durch die Auslagerung der Frauen an die Filialen legalisiert. Und weil die GmbHs rechtlich unabhängig sind, müssen sie für die Schulden der Zentrale nicht aufkommen.

Wohin die nicht bezahlten Sozialabgaben flossen, bleibt unklar. Der neue VR-Präsident Ellenberger spricht von Investi­tionen in die schnell wachsende Firma.

Klagen gegen Privatpersonen?

Für die fehlenden AHV- und IV-Beiträge wird wohl die Sozialversicherung aufkommen müssen, denn die Angestellten haben ein Recht darauf, sofern sie ihnen in der Lohnabrechnung abgezogen wurden. Der Schaden trägt also die Allgemeinheit.

Immerhin müssen die Ex-Verwaltungsräte mit Klagen gegen sie als Privatpersonen rechnen. Denn gemäss Gesetz haften sie persönlich für nicht bezahlte Sozial­abgaben. Doch dafür müssten sie von der Sozialversicherung verklagt werden.

Wie oft das in der Schweiz geschieht, war lange Zeit unklar. Nun hat die Zuger Anwältin Susanne Keller erstmals Zahlen zusammengetragen: Allein im Jahr 2010 wurden insgesamt 1275 Klagen gegen Verwaltungsräte eingereicht, weil sie Sozial­abgaben für Angestellte nicht bezahlt haben. Und: Die Klagen waren in beinahe 100 Prozent der Fälle erfolgreich.

Gegen die Verwaltungsräte der Putzfrauenvermittlung.ch wurden bis heute aber weder solche Klagen eingereicht noch Schadenersatzansprüche gestellt, versichert Ex-VR-Präsident Gloor. Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich hält sich mit Verweis auf den Datenschutz bedeckt. Immerhin will sie sich Schritte gegen die Verwaltungsräte vorbehalten.n

Die Konkurs-Trickser: <br />Bundesrat geht gegen Pleitiers vor

Konkurse werden immer wieder dazu benutzt, Schulden loszuwerden und Löhne oder Sozialabgaben nicht bezahlen zu müssen. Das soll sich jetzt ändern. Der Bundesrat unterstützt eine Motion von FDP-Ständerat Hans Hess, die neue Gesetze gegen diese Missbräuche verlangt. Justizministerin Simonetta Sommaruga versicherte Anfang Dezember im Ständerat, nicht einfach die nächste Revision des Schuld- und Konkursgesetzes abzuwarten, um das Anliegen anzupacken.

Heute können Pleitiers in einer neuen Firma problemlos weitergeschäften. Manche tun das mit denselben Mitarbeitern, die sie einfach wieder einstellen. Waren­lager und Produktionsanlagen können zudem billig aus der Konkursmasse herausgekauft werden. Gemäss Hans Hess werden so Sozialwerke ausgenommen, Steuerzahler missbraucht und Gläubiger geschädigt. Zudem werde der Wettbewerb verzerrt – denn diese Firmen verschafften sich einen irregulären Vorteil.