Es gibt Apérogebäck, frau duzt sich, und der perlende Prosecco löst die Zungen. Es wird gescherzt und gelacht, die 25 Frauen setzen sich in einen Kreis und berichten reihum, was sie mit 64'000 Franken anfangen würden: in die Ausbildung investieren, ein neues Auto kaufen, für Ferien ausgeben oder ein Haus bauen.

«Du bist ausgewählt, in einen erlesenen Kreis von Frauen aufgenommen zu werden», hatte es in der Einladung für dieses Treffen in einem Basler Privathaus geheissen. Nun erklären die 15 Eingeweihten den 10 Neugierigen, worum sich in ihrem exklusiven Zirkel alles dreht: den «befreienden Akt des Schenkens», die «Kraft, die im gegenseitigen Unterstützen, Geben und Empfangen» liege.

64 Tausendernoten locken
Dann kann zum Höhepunkt des Abends geschritten werden: zur Beschenkung. Es haben sich genug Neueinsteigerinnen finden lassen, der Kreis schliesst sich, die «Schenkenergie» kann fliessen. Feierlich überreicht eine der Neueinsteigerinnen der Gastgeberin 64 Tausendernoten – das Eintrittsgeld der acht Neuen, gespendet in der Hoffnung, schon bald selbst in der Mitte zu sitzen und genauso viel Geld in Empfang nehmen zu dürfen.

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Die Beglückte scheidet nun aus dem Kreis aus, und an dessen Stelle entstehen zwei neue Kreise. Alle bisherigen Teilnehmerinnen rücken eine Position nach innen. Auf den Aussenbahnen der neuen Kreise werden so zweimal acht neue Plätze frei. Die Zuschauerinnen, die auf den Geschmack gekommen sind, dürfen sich jetzt in eine Liste eintragen und sich einen der freien Plätze sichern.

Einzige Voraussetzung: Auch sie müssen bereit sein, acht Tausender zu investieren. Zum Abschied versprechen sich die Frauen gegenseitig, im Bekanntenkreis nach neuen Interessentinnen Ausschau zu halten. Denn die beiden Frauen, die nun neu die Mitte besetzen, sollen schon bald die Einladung zu ihrer eigenen Beschenkung verschicken können.

Tarnung als harmlose Gruppen
Solche Schenkkreis-Veranstaltungen finden mittlerweile jede Woche zu Dutzenden statt. Was im Frühjahr 2002 in Zürich und Basel begann, breitet sich in Windeseile aus. Längst zieht das Schenken auch im Aargau, im Berner Oberland, in der Region Biel oder in Luzern seine Kreise. Auch in der Ostschweiz und im Glarnerland sind erste Ableger entstanden. Der Einsatz variiert je nach Region und Art des Kreises zwischen 100 und 8000 Franken.

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Die Versammlungen finden in Privathäusern, Restaurants, Mehrzwecksälen oder Kirchgemeindehäusern statt – manchmal sind sie als Meditationsgruppe, Vereinigung «Frauen für Frauen» oder Spitex-Organisation getarnt.

Zur Tarnung gibt es auch guten Grund: Die Schenkkreise funktionieren nach dem illegalen Schneeballsystem. «Die Höchststrafe ist happig. Die Teilnahme kann mit Bussen bis 10'000 Franken oder Gefängnis bestraft werden», bestätigt Denise Lörtscher vom Bundesamt für Justiz. Allfällige Gewinne werden zudem beschlagnahmt. Lörtscher warnt davor, in den Schenkzirkeln mitzumachen: «Irgendwann kollabiert das System, und dann wird es viele Geschädigte geben, die ihren Einsatz verloren haben.»

Das System funktioniert nur, solange sich neue Investorinnen finden lassen. Und der Geldhunger der sich teilenden Kreise wächst exponentiell: Bis alle acht Neueinsteigerinnen eines Kreises selbst «durch die Mitte gehen» können, braucht es 112 neue Teilnehmerinnen. Nach 19 Runden müsste bereits die ganze Schweiz mitmachen, nach 29 die ganze Menschheit. Den achtfachen Einsatz zurückzugewinnen ist offenbar dennoch für viele Frauen ein allzu verlockendes Angebot.

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Verschworene Gemeinschaft
Die in der Gewalt- und Sektenprävention tätige Martina Schäfer aus St. Gallen hat von Frauen gehört, die sogar «die Sparbücher ihrer Kinder räubern», um an einem Schenkkreis teilzunehmen. Die Frauen würden psychisch und sozial in eine verschworene Gemeinschaft eingebunden. «Wer nicht mitmacht, gehört in der Region einfach nicht dazu.» Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die Übergaberituale. Je nach Kreis wird das Geld kunstvoll zu Blumen gefaltet, regnet vom Himmel, wird in Pralinenschachteln gelegt oder in Sträusse roter Rosen geflochten.

Martina Schäfer unterscheidet drei Kategorien von Teilnehmerinnen: die Täterinnen, ihre Verbündeten und die sozial und rituell Verpflichteten, die letztlich die Opfer sind. Gemäss Berichten von Insiderinnen steigen gewisse Frauen, darunter Akademikerinnen, öffentliche Angestellte und Geschäftsfrauen, nämlich immer wieder von neuem ein und gründen an neuen Orten neue Kreise. «Die alten Hasen kassieren tüchtig ab, bevor die Blase platzt», sagt Martina Schäfer.

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Verpackt wird die Schenklawine in ein pseudoreligiöses oder esoterisch angehauchtes Deckmäntelchen von Frauensolidarität. Im schriftlichen Werbematerial für Schenkkreise in der Region Basel ist beispielsweise zu lesen: «Selten erlauben die Umstände den Frauen wirklich grosszügige Gesten, und stehen gar grössere Wünsche an, bleiben sie häufig Träume… Der Schenkkreis führt uns durch das Abenteuer des Loslassens zum freudigen Schenken aus vollen Herzen – mitten hinein in die Fülle.»

«Gier frisst Hirn»
Eine von einem Schenkkreis umworbene Frau hält davon wenig: «Das Ganze ist unmoralisch und entspringt einem Nach-mir-die-Sintflut-Denken», schrieb sie dem Beobachter. Wer Freundinnen oder Bekannte zum Mitmachen anhält, tut dies im Wissen, dass am Ende jemand sein Geld verlieren wird – Geld, das man vorher noch rechtzeitig selber einstecken möchte. «Gier frisst Hirn», brachte kürzlich ein Deutscher Verbraucherschützer diese Haltung auf den Punkt.

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Bei der Kantonspolizei Basel-Stadt geht man davon aus, dass im Hintergrund eine Organisation die Fäden zieht. Sprecher Klaus Mannhart: «Die gedruckten Werbeunterlagen für die Kreise kommen sehr professionell daher.» Dort ist auch zu lesen, dass sich im Herbst 50 Frauen getroffen haben, um die Frage der rechtlichen Situation der Schenkkreise «ein für alle Mal zu klären». Die Behauptung, diese Form des Schenkens sei legal, taucht in den Kreisen immer wieder auf.

Tatsache ist aber: Die Basler Kantonspolizei hat gegen acht Personen Anzeige erstattet, und im Baselland sind vor kurzem die ersten Bussen wegen Teilnahme an einem illegalen Schneeballsystem ausgesprochen worden.

Doch die Polizei steht der Ausbreitung der Kreise weitgehend machtlos gegenüber, obwohl sie von Amts wegen einschreiten müsste. Viele Frauen haben Angst, offen über die Veranstaltungen zu reden, weil sie damit Freundinnen oder Nachbarinnen anschwärzen müssten.

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Die Stadt-Basler Kapo bekommt zwar zahlreiche anonyme Hinweise, hat aber bisher «nichts Handfestes in den Fingern». Klaus Mannhart: «Wir bräuchten Opfer, die sich melden.» Dann dürfte es allerdings für viele zu spät sein: Gerät die kreiselnde Geldmaschine ins Stocken, wird es Hunderte von Geschädigten geben.

Übrigens: Seit kurzem gibt es auch Männerkreise. Sie nennen sich «Sonnenmänner».