Hans-Anton Rieder aus Kippel im Wallis ist sich positive Schlagzeilen gewohnt. Ob «Berner Zeitung», «10 vor 10» oder «Walliser Bote»: Seit Jahren schon jubeln ihn die Medien hoch. «Wo er hinkommt, fliesst Wasser», titelte die «Schweizer Illustrierte», und das Schweizer Fernsehen drehte sogar eine Dokumentation über Rieder.

Der 68-jährige gelernte Zöllner sucht mit seiner Wünschelrute auf der ganzen Welt nach Wasser. Etwa in Indien, wo er in der Wüste von Rajasthan Dutzende von Dörfern mit Wasser versorgt hat. Auch in der Schweiz macht er Menschen glücklich, weil er an Orten Wasser aufspürt, wo es scheinbar keines hat.

Was seine Trefferquote angeht, gibt sich Rieder alles andere als bescheiden: «Innerhalb von 100 Metern finde ich überall Wasser. Meine Erfolgsquote liegt weltweit bei über 90 Prozent.» Er habe in der Schweiz in 25 Jahren über 500 erfolgreiche Bohrungen ausgeführt.

Doch Recherchen des Beobachters zeigen, dass es längst nicht überall sprudelt, wo Rieder Wasser vorhersagt. Mehr noch: Der bekannteste Rutengänger der Schweiz hinterlässt da und dort Kunden in einem finanziellen Desaster. Einer, der es wissen muss, ist Josef Indermauer (Name geändert), der als Bohrmeister jahrelang dort gebohrt hat, wo Rieder Wasser vermutete. Indermauer will aus Angst vor Repressionen aus der Bohrbranche anonym bleiben. Zu Rieders Trefferquote von angeblich über 90 Prozent sagt er: «Gemessen am ersten Bohrloch, liegt seine Erfolgsquote bei höchstens zehn Prozent.»

Kosten: Zehntausende von Franken
Der Beobachter fragte bei mehr als einem Dutzend von Rieders Kunden nach – das Fazit ist ernüchternd: Manches Bohrloch bleibt trocken, denn der Rutengänger verspricht vielen Klienten mehr, als er halten kann. In Sachen Menge, Tiefe und Temperatur des Wassers treffen seine Vorhersagen kaum einmal zu.

Konolfingen BE, Frühling 2004. Rieder ortet bei Landwirt Matthias Reber mit seiner Wünschelrute Wasser. «Er sagte, es habe wahnsinnige Mengen», erinnert sich Reber. Rieders Voraussage: rund 700 Liter pro Minute in 50 Meter Tiefe. Doch bei 130 Metern ist das Bohrloch noch immer trocken. Als wäre nichts gewesen, habe Rieder eine zweite Stelle markiert. Bauer Reber: «Er prophezeite erneut Hunderte von Litern Wasser, diesmal 60 Meter unter der Oberfläche und – wie ein Fluss – auf 50 Meter Breite.» Abbruch bei 100 Metern. Auch dieses Bohrloch ist staubtrocken.

Matthias Reber lässt an einer dritten von Rieder markierten Stelle bohren. Der Rutengänger ist nicht mehr anwesend – er gibt der Bohrfirma Anweisungen übers Telefon. Keine Seltenheit, «sondern der Normalfall», sagt Bohrmeister Indermauer: «Rieder liess sich oft nicht mehr blicken, wenn weitere Löcher gebohrt werden mussten.» Bei 145 Metern findet sich schliesslich Wasser, allerdings nur 11 Liter pro Minute statt der versprochenen 700.

«Diese Menge reichte nicht, damit konnten wir nicht wässern», so Reber konsterniert. Rutengänger Rieder weist die Vorwürfe zurück: Es könne «bei einer solchen Hanglage vorkommen, dass eine Wasserader taucht». Die Auswirkungen einer Hanglage zu erklären mache aber wenig Sinn. «Die meisten haben keinen Schimmer von einer Wasserader.» Kosten für die drei Bohrungen, die eine externe Firma ausführte: 22'000 Franken.

Fürs Wassersuchen mit der Wünschelrute kassiert Rieder jeweils 600 Franken; hinzu kommt eine Erfolgsprämie von 3'500 Franken – auch wenn viel weniger Wasser als versprochen fliesst. Von Gemeinden verlangt er Prämien von bis zu 20'000 Franken.

Völlig trocken bleibt es bei Landwirt Fritz Räz aus Rapperswil BE. Rieder verheisst ihm «Unmengen» von Wasser – so viel, «dass man damit etwa acht Höfe versorgen kann». Der Bauer lässt im Frühling 2004 bohren. Bei 50 Metern bricht man ab: alles trocken. Rieder sagte laut Räz, «es wäre ja mit dem Teufel gejasst, wenn da kein Wasser wäre». Und markiert eine zweite, dann eine dritte Stelle. Verspricht bei 50 Metern 400 Liter Wasser. Gebohrt wird bis auf 150 Meter – von Wasser keine Spur. Die Bohrkosten: 33'000 Franken.

Auf diesen Fehlschlag angesprochen, meint Hans-Anton Rieder: «Es kann natürlich passieren, dass eine Bohrung trocken bleibt.» Dafür verantwortlich seien geologische Verhältnisse, die niemand voraussehen könne. Trotzdem: Dem Hotel Belvedere in Grindelwald BE versprach der Walliser Thermalwasser, 54 Grad heiss. Zum Vorschein kam neun Grad kaltes, gewöhnliches Wasser – in fünf statt wie von Rieder vorausgesagt 50 Meter Tiefe. Zwei Löcher zum Preis von 35'000 Franken.

Bei Warmwasserbohrungen liege das Risiko halt «voll beim Kunden», so der Rutengänger. Überdies verspreche er «nie hundertprozentige Sicherheit». Gegenüber dem Beobachter bestätigen jedoch verschiedene Klienten übereinstimmend, Rieder trete sehr überzeugt auf und verspreche sehr viel Wasser. Dies war für die meisten ausschlaggebend, voller Hoffnung für Tausende von Franken bohren zu lassen.

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Bohrfirma mit beschränkter Haftung
Zusätzliche, aber auch tiefere Bohrlöcher als vorausgesagt treiben die Kosten massiv in die Höhe. Rund 5000 Franken werden pro Bohrloch zusätzlich fällig. «Ich habe weinende Bäuerinnen erlebt, die an den Kosten fast zerbrochen sind», sagt Bohrmeister Indermauer.

Kein Wasser, dafür ein riesiges Loch in der Kasse hatte die Bäuerin Cornelia Reiser aus Susten VS. Der Rutengänger versprach ihr so viel Wasser, «dass ich davon noch verkaufen könne». Doch was anfänglich kam, versiegte. «Es erwies sich bloss als Hangwasser», sagt die allein stehende Landwirtin, die zwei Kinder, 15 Schafe, Ponys, Ziegen und Rinder zu versorgen hat. Weil sie die Rechnung über 23'000 Franken nicht bezahlen wollte, wurde sie vor zwei Monaten von der Firma Terrbohr in Würenlos AG betrieben.

Rieder arbeitet seit über zehn Jahren mit Terrbohr zusammen. Die Aufträge, die er der Firma verschafft, dürften in die Millionen gehen. Zwar verdient Terrbohr auch mit seinen falschen Voraussagen Geld, schiebt aber jegliche Verantwortung ab. «Rieders Prognose stimmt nur in Einzelfällen nicht. Wir garantieren kein Wasser und teilen dies den Kunden auch schriftlich mit», sagt Bauführer Stephan Klossner.

Rieder drängt Kunden dazu, nur Terrbohr Aufträge zu erteilen, weil sonst die Bohrungen nicht erfolgreich seien; einige schlagen deshalb günstigere Offerten anderer Anbieter in den Wind. Verdient Rieder bei Terrbohr mit? «Ich habe von der Firma nie einen Rappen erhalten», sagt er.

Noch vor zehn Jahren übernahm Rieder bei einem Misserfolg die Bohrkosten selbst, etwa in Bettlach SO. Dort kam im Juni 1993 aus zwei Löchern nur Staub. «Rieder musste die Bohrungen vollumfänglich bezahlen. Das war mit ihm vertraglich so vereinbart», sagt der Bettlacher Bauverwalter Titus Moser.

Für Rieder auf die Dauer ein ruinöses Geschäft. Eine Bohrfirma, mit der er 1993 zusammenarbeitete, musste bei ihm per Anwalt ausstehende Gelder eintreiben. Der Wassersucher gibt an, er habe etwa 100 Bohrungen auf eigenes Risiko ausgeführt. «Dies war notwendig, um eine Vertrauensbasis aufzubauen. Später konnte ich aufgrund meiner Erfolge von diesem System Abstand nehmen.» Mit der Folge, dass seither seine Kunden die Geprellten sind, wenn kein Wasser kommt.

Doch nicht nur Rieder, auch andere Radiästheten, wie sich Rutengänger nennen, vertun sich mit ihren Prognosen. Prominentes Opfer: die Burgergemeinde Zermatt VS. Dort gaben sich diesen Sommer gleich vier Radiästheten ein Stelldichein, darunter auch Rieder. Alle behaupteten, bei der Hörnlihütte am Fuss des Matterhorns habe es Wasser. Doch alles blieb trocken. Kosten für die inzwischen eingestellten Bohrungen: über 80'000 Franken.

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Mit der Wissenschaft auf Kriegsfuss
Trotz Misserfolgen rückt Rieder nicht ab von gewagten Prognosen: «Auf dem Mars hat es ein unterirdisches Meer, in Polen ganze Wasserfälle in zwei Kilometer Tiefe», behauptet er. Auch bei der Hörnlihütte hat er drei Wasseradern vermutet. «Die Wasseradern überziehen wie ein dichtes Netz die gesamte Erdkugel. Sie werden von den Weltmeeren gespeist, sind immer unter Druck und unabhängig von Niederschlägen», gab er gegenüber den Medien wiederholt zu Protokoll. Mit Hilfe von Pendel und Landkarte finde er solche Adern selbst über Tausende von Kilometern – ohne vor Ort zu sein.

Wissenschaftler schütteln den Kopf. «Das ist Hokuspokus», kritisiert Pirmin Mader, Präsident des Berufsverbands der Schweizer Geologen: «Da verlaufen keine Röhren. Grundwassergebiete sind durchgehend wassergesättigt.» Wasseradern zu treffen dürfte auch schwierig sein, denn Bohrlöcher sind krumm wie eine Banane. «Die Abweichung beträgt bis zu fünf Prozent», sagt Bohrspezialist Stefan Berli, der mit seiner Firma für Neat und Nagra bohrt. Das heisst: Bei 100 Meter Tiefe trifft eine Bohrung auch mal fünf Meter daneben. Rieder macht für Misserfolge denn auch immer wieder die Bohrleute verantwortlich. «Eine Bohrung ging nachweislich auch schon 19 Meter daneben», sagt er.

Simon Löw, Professor für Ingenieurgeologie an der ETH Zürich, rät ab von Rutengängern: «Radar oder elektromagnetische Suchgeräte bringen sicherere Resultate.» Die Rute mache zwar tatsächlich Energien spürbar, sie sei aber überflüssig, sagt Löw, dessen Vater Rutengänger war. «Hydrologen, Geologen oder Leute, die die Natur gut beobachten, finden ohne Rute besser Wasser.» Rieder dagegen, seit je mit der Wissenschaft auf Kriegsfuss, widerspricht: «Die Erfolgsquote von Wissenschaftlern bei der Wassersuche beträgt nur einen Bruchteil meiner Erfolge.»

Der Streit zwischen Wissenschaftlern und Rutengängern ist alt. In Deutschland erhitzte vor rund 100 Jahren bereits der Rutengänger Otto Edler von Graeve die Gemüter. Wie Rieder auch, war von Graeve «publizistisch ausserordentlich rege», schreibt Otto Prokop in seinem Buch «Wünschelrute, Erdstrahlen, Radiästhesie». Doch Rutengänger von Graeve stürzte Gemeinden und privates Gewerbe in Unkosten, weil viele Bohrlöcher trocken blieben. Als die Stadt Reutlingen auf seine Voraussage hin 126 Meter tief vergeblich nach Wasser bohren liess, wurde von Graeve 1920 des Landes verwiesen. Vor solch drakonischen Strafen muss sich Rutengänger Rieder nicht fürchten.

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