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LeserbriefschreiberDie wahren Stars

Für ihre Texte erhalten sie nie den Pulitzer-Preis, obwohl sie die bestgelesenen Autoren jeder Zeitschrift sind: die Leserbriefschreiber. Sie ernten keine Auszeichnungen, dafür ab und zu die Genugtuung, der Redaktion gehörig die Meinung gegeigt zu haben. Eine fleissige Verfasserin solcher Briefe ist Elisabeth Leuenberger aus dem Emmental. Sie schreibt auf Papier. Die Zeilen so gerade, als halte sie beim Schreiben ein Lineal darunter, die Buchstaben so parallel wie die Latten eines Gartenzauns. Ihre Briefe pflegt die 88-Jährige stets mit «Lieber Beobachter» einzuleiten, um dann ohne Umschweife zur Sache zu kommen:

«Lieber Beobachter,
müssen Sie nun in dasselbe Horn blasen wie gewisse Rote und Grüne und gegen Bundesrat Blocher hetzen? Ich schätze diesen Mann sehr. Wir haben ihn dringend nötig. Hoffentlich lässt er unsere Grenzen noch viel besser und schärfer bewachen. (...) Sollten Sie nicht aufhören, will ich den Beobachter nicht mehr.»

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«Ich greife in die Tasten, wenn ich eine ‹Lugi› entdecke»: Georg Segessenmann
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«Aus Dankbarkeit, dass ich so viel von anderen profitieren konnte, möchte ich nun anderen helfen»: Vreni Kuster
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«Ich wurde von der Inquisition in Paris als Ketzer verbrannt»:
Rudolf N. Strässle

Frau Leuenberger ist sehr streng. Im gleichen Brief, die Marke bezahlt man ja sowieso, droht sie gleich ein zweites Mal:

«Leider kann ich mit dem Kapitel ‹Internetabzocker› gar nichts anfangen, denn moderne Electronic besitze ich nicht, kenne mich nicht aus. Falls Sie weiterhin solche Artikel bringen, könnte ich den Beobachter nicht mehr abonnieren.»

Den Kunstdrucken nachtrauern

Neben den tadelnden Leserinnen gibt es auch die Nostalgiker. Obwohl diese seit 27 Jahren abgeschafft sind, schwärmen immer noch viele von den Titelblättern mit den Kunstdrucken. Die Hodlers und Ankers auf dem Beobachter-Cover sind kaum auszurotten, oder exakter, die Erinnerung daran. Aber sie waren schliesslich fast 40 Jahre lang der Mercedes-Stern der Zeitschrift. Vor allem Lehrer sollen die Drucke eifrig gesammelt haben. Ab 1980 verzichtete der Beobachter auf diese unzeitgemäss wirkende Form der Kunsterziehung.

Daher sei mit folgendem Leserbrief - er stammt von Margaretha Schilbach aus Steffisburg - ein für allemal dem Kunsttitelblatt ein würdiges Denkmal gesetzt:

«Als Kinder freuten wir uns immer auf den Beobachter wegen der Titelblätter, welche meist schöne Kunstdrucke waren. Später arbeitete ich in einem Kantonsspital als Krankenschwester. Unser Saal sah recht trist aus: Unmögliche Wandfarbe, zum Teil löste sich der Verputz, kleine Fenster und ‹unmögliche› alte Betten. Alles andere als ein Raum für kranke Kinder! Auf gings: Bei Verwandten, Bekannten und eigenem Lager sammelte ich möglichst viele solche Kunstblätter. Mit Leitern und Stühlen, bewaffnet mit Schere und Heftpflaster (!), befestigten wir den Wänden nach diese Bilder. Jeder Knabe wollte das schönste Bild über seinem Bett haben. Aber was würde der Chefarzt dazu sagen? Nun, dieser Tag kam. Das ganze ‹Rössli-Spiel›, wie wir sagten, erschien - und war des Lobes voll. Sogar die ‹hochwohllöbliche› Oberschwester ‹zerrte› ein erzwungenes Lächeln hervor. Kurz und gut: Der Beobachter siegte schon damals! Noch heute freue ich mich jedes Mal, wenn ich ihn aus dem Briefkasten ziehe.»

Seit 62 Jahren Abonnent

Der treuste Leserbriefschreiber des Beobachters heisst Georg Segessenmann, ist 75 und wohnt in Obergösgen in einem Holzchalet mit grünen Läden. Vor dem Häuschen wachsen Palmen und Bananenstauden. Mit seiner Derrick-Brille und den zwei geöffneten obersten Hemdknöpfen, die den Blick auf eine behaarte Brust freigeben, schaut er für einen Rentner ganz schön verwegen aus. Er schreibt Leserbriefe, «wenn ich eine grosse ‹Lugi› entdecke». Er musste selber «untendurch», wie er sagt.

Segessenmann ist ein Büezer, arbeitete 50 Jahre lang in derselben Armaturenfabrik in Olten: mit 15 war er Laufbursche, Mechanikerlehre mit 33, er bringt es bis zum Meister. Sein Herz schlug links, allerdings ist der ehemalige Gewerkschafter vor zwei Jahren aus der Partei ausgetreten, weil die SP keine Büezerpartei mehr sei. «Für mich gibt es nicht rechts und nicht links, sondern nur unten und oben», sagt er. Im Telefonbuch steht unter seinem Namen als Berufsangabe «Schriftsteller». Seit der Pensionierung schreibt er nämlich, seine Autobiographie («Der Armeleutebub») und einen Roman («Herbstlaub») hat er bereits vorgelegt. Auch Lyrik verfasst er gern, Gedichte mit Titeln wie «Der Bauer, der von der Leiter fiel» oder «Amslenäscht».

Am Beobachter gefällt ihm, dass der sich «auch für hoffnungslose Fälle» einsetze. Und man kann sich gut vorstellen, wie er in die Tasten greift, wenn er wieder mal eine «Lugi» entdeckt. Segessenmann ist auch einer der treusten Leser. Als sein Vater von einem Auto angefahren wurde, verhalf ihm der Beobachter in Versicherungsfragen zu seinem Recht. Seither ist Georg Segessenmann, damals 13, Abonnent. «Andere Kinder kauften Süssigkeiten, ich nun halt den Beobachter.» Er hofft, «dass mich der Beobachter bis an mein Lebensende begleiten wird und dass es keinem ‹Starken› je gelingen wird, den Beobachter von seiner Linie abzubringen». Das hoffen wir natürlich auch.

Vreni Kuster aus Untereggen SG tummelt sich nicht auf der Leserbriefseite, sondern im Internet unter «Vreni» im Gesundheitsforum des Beobachters. 340 Beiträge hat sie schon verfasst, stets gibt sie Tipps, etwa dass Magnesium gegen Augenzucken hilft, nie stellt sie selber eine Frage. Sie will helfen. Nachdem ihr der Arzt vor fünf Jahren multiple Sklerose diagnostiziert hatte, wollte sie mehr über diese Krankheit erfahren. Sie begann, im Internet in Foren mitzumachen - im Prinzip nichts anderes als Selbsthilfegruppen, allerdings mit dem Vorteil, sich nicht physisch treffen zu müssen. «Aus Dankbarkeit, dass ich so viel von anderen profitieren konnte», möchte die gelernte Verkäuferin und Mutter dreier erwachsener Kinder nun anderen helfen. Am liebsten setzt sie sich an den Computer, wenn sie wegen ihrer Krankheit mal wieder «total uf de Schnäuz» ist, denn sie kann sich beim Schreiben gut entspannen.

Wer aber schreibt wohl solch wunderliche Leserbriefe wie den folgenden?

«Das Schiessen ist der Schweizer Pflicht,
sonst kommst Du noch vors Kriegsgericht!
Die Hälfte nur von allen Mannen,
schafft Rekrutierung ohne Pannen.
Und weil die Frauen auch nicht müssen,
so nur ein Viertel müsste büssen,
dies unverzeihliche Versäumnis,
das anzeigt doch die inn’re Fäulnis.
Warum muss es grad Schiessen sein,
warum kein andrer Sport fällt ein,
den Herren an der Armeespitze,
mit vielem Gold an Hut und Litze?
Sie sind vernarrt in das Gewehr,
doch eigentlich sie könn’ nicht mehr
sich denken, dass, wenn ohne dies’,
wir bräuchten kein Armeeverlies!
Liegt für das Curling etwas drin?
Die lernen fegen, immerhin...»

Nicht nur die Leserbriefe dieses Autors sind barock, auch seine Postur ist es. Rudolf N. Strässle, 60, ist ein freundlich wirkender und atemlos erzählender Herr. Früher war er Vertreter für Abmagerungspillen, später Ärztebesucher für Pharmafirmen, baute dann was Eigenes auf, scheiterte. Im Militär brachte er es bis zum Kompaniekommandanten - ein scharfer Hund, wie er andeutet.

Der tanzende Derwisch

Doch mit dem Militär und dem geordneten bürgerlichen Leben hat er gebrochen. Er bezeichnet sich heute als «spirituellen Menschen», das ist nun sein «Hauptlebenszweck». «Genauer gesagt: Ich bin ein gnostischer, transfiguristischer Rosenkreuzer.» Was im wirklichen Leben heisst: Wer ihn auf die linke Backe schlägt, dem hält er auch die rechte hin. Für einen Exmilitär eine doch erstaunliche Lebenseinstellung. Gab es ein Schlüsselerlebnis? Nein, das sei eher schleichend gekommen. Er glaubt auch an die Wiedergeburt: «Ich wurde von der katholischen Inquisition in Paris als Ketzer verbrannt» - «auf kleinem Feuer», wie er anfügt. Er kann von mittelalterlicher Mystik erzählen, von Templern, Gnostikern und Derwischen, dass einem darob schwindlig wird. Und wie ein Derwisch im Kreis, so tanzt er offenbar durch sein Leben und verfasst ab und zu einen Leserbrief. Und kichert schelmisch, wie man vermuten kann.

Veröffentlicht am 24. September 2007