Das Abenteuer beginnt in Bardills Keller, im Haus Cresta in Scharans. Im mehr als 400 Jahre alten Gewölbe wurden früher die Steuern der Bauern und Handwerker zuhanden des Bischofs gelagert. Da die meisten kein Geld hatten, bezahlten sie in Naturalien: mit Äpfeln, Birnen, Gemüse, Korn. Wir nehmen Kartoffeln, Rüebli und zwei Flaschen Wein in die Küche, wo Bardill Engadiner «Gnocs» nach einem Rezept seiner Grossmutter zubereiten wird.

«Kochen ist ein bisschen wie live auftreten», sagt Bardill. «Die Zutaten sind wichtig – aber entscheidend ist die persönliche Energie, die du in die Musik beziehungsweise in den Topf gibst.» So einfach das Gericht laut Bardill ist, so heikel ist seine Zubereitung. Er redet von «entscheidenden Phasen», die höchste Konzentration erforderten, und kündigt wichtige Tricks an, die ich nicht verpassen dürfe.

Linard Bardill ist das, was man sich unter einem bodenständigen Menschen vorstellt. Seine physische Erscheinung verrät, dass es ihn auch in stürmischen Zeiten nicht so schnell umhaut. Die Zähigkeit habe er von seinem Vater geerbt, einem begeisterten Berggänger, der leider viel zu jung bei einem Absturz ums Leben kam. Seine Mutter hingegen hat ihm das Gespür fürs Feinstoffliche mitgegeben – und einige kulinarische Köstlichkeiten.

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Bardills Leben verlief nicht immer gradlinig. Gegen Ende des Theologiestudiums wurde ihm plötzlich klar, dass er niemals Pfarrer sein könnte; stattdessen arbeitete er zunächst als Strassenmusiker.

Die Trennung von seiner ersten Frau und den drei Buben war ein weiterer Bruch in seinem Leben. Durch die geografische Distanz kann er Chasper, Severin und Lüzza, die heute alle im Teenageralter sind, nur in unregelmässigen Abständen sehen. Für Bardill ist es darum umso wichtiger, ihnen gewisse Werte und Traditionen weiterzugeben. Funktioniert das auch im kulinarischen Bereich? Bardill wird verlegen: «Wenn meine Mutter Maluns kochte, ging ich fast ‹den Berg rauf›, wie man bei uns sagt. Meine Söhne sind da entschieden weniger enthusiastisch.»

Bardill lehrt mich, dass für die Gnocs die rohen Kartoffeln mit der Bircherraffel gerieben werden müssen. «Die Röstiraffel ist zu grob, damit würden sie nicht genügend saften», betont er. Hinterher werden sie mit den Eiern und dem Mehl vermischt, bis die Masse so dick ist, dass sie «in Fetzen von der Kelle fällt». Alles klar?

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Das alte Haus, das Bardill zusammen mit seiner Partnerin bewohnt, wurde von vielen Generationen immer wieder an- und ausgebaut. Als er es bezog, war es 40 Jahre lang unbewohnt gewesen: eine Lotterbude. Bardill renovierte es eigenhändig und schuf sich ein Refugium, von dem aus man das ganze Domleschg überblickt. Zudem gedeihen hier Kräuter, die man im Unterland vergebens sucht. Eines davon benötigen wir für die Gnocs: die «herbas chorras» – auf Deutsch: Krauseminze.

Linard Bardill, der Geschichtenerzähler und «Liederer», wie er sich selbst nennt, ist viel unterwegs und tritt sowohl vor Kindern als auch Erwachsenen auf. Was ist der Unterschied? «Die Erwachsenen erlauben dir schon mal einen kleinen Hänger, ohne dass sie gleich unruhig werden. Die Kinder aber verlangen volle Kraft von A bis Z. Zudem werden sie meistens von den Eltern begleitet, die ebenfalls unterhalten werden wollen. Ein Kinderprogramm muss also allen gefallen.»

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Bardill will vor der Zubereitung der Gnocs einen Probelauf durchführen. Einen Löffel der Masse ins siedende Wasser geben, beobachten, was passiert, und nötigenfalls die Mixtur optimieren. Leidenschaftlich erzählt er dabei von den Hintergründen dieser ländlichen Küche. «Die Bauern mussten mit dem auskommen, was sie selber produzierten: Gemüse, Mehl, Kartoffeln. Diese Zutaten kombinierten sie immer neu zu Gerichten, die zwar fantasievoll waren, aber in erster Linie die hungrigen Mäuler stopfen mussten.»

Die Gnocs werden vor dem Servieren ausgiebig mit Käse und Knoblauch garniert und – ein bardillscher Tabubruch – mit Maggi gewürzt. Wir futtern, als hätten wir einen langen Tag lang auf dem Feld gearbeitet, und reden dabei über Bardills Zukunft. In einem nächsten Projekt möchte er wieder eine seiner Geschichten mit Trudi Gerster erzählen und aufnehmen. Die Zusammenarbeit mit der berühmten Märlitante empfindet er als grossartig: «Hör mal genau hin, wie viele Stimmungen Trudi schaffen kann. Das ist phänomenal.»

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Offenbar sind bei Bardill die gesellschaftskritischen Texte und Lieder etwas in den Hintergrund getreten. Zwar hat er immer noch die Vision einer gerechteren Gesellschaft, in der Solidarität vor Ökonomie kommt. Und er holt aus zu einem Kurzreferat über das Modell der so genannten «Freiwirtschaft», das den Privatbesitz von Kapital, aber nicht von Grund und Boden erlaubt. Aber solche Gedanken fliessen heute nicht mehr in seine Kunst, «denn dafür ist sie mir zu schade».