Eine Sonderausgabe? Ein Spezialdruck? Der erste Blick aufs Titelblatt irritiert – und der zweite erst recht: Beim genauen Hinsehen nämlich entpuppt sich das Magazin, das optisch daherkommt wie der Beobachter, als ein Heft namens «Betrachter». Ein schlechter Scherz also?

Mitnichten. Der «Betrachter» ist die Maturaarbeit von Milena Lörtscher aus Lyss, Schülerin am Gymnasium Hofwil in Münchenbuchsee. Thema der Arbeit: Die Jugend von heute, verglichen mit der Jugend der fünfziger Jahre. Die 18-Jährige porträtiert darin Menschen, die heute jung sind, und solche, die es vor 60 Jahren waren. Sie analysiert Reklamen beider Epochen, vergleicht den James-Dean-Film «Rebel without a cause» von 1955 mit der Vampir-Schmonzette «Twilight» von 2008. 42 Seiten sind im Beobachter-Layout gestaltet, farbig illustriert, gedruckt auf festem Papier – und wurden von Lörtschers Gymnasium mit der Note 5,4 honoriert. Anlass genug für ein Gespräch zwischen dem Beobachter und der «Betrachterin».

Beobachter: Warum haben Sie Ihre Matura­arbeit im Beobachter-Look gehalten?
Milena Lörtscher: Weil mir das Beobachter-Themenheft über die Jugend von Anfang 2012 sehr gut gefallen hat. Ich beschloss irgendwann, für meine Arbeit den Blick etwas auszuweiten, von der Jugend von heute auf jene der fünfziger Jahre. Und ich landete dann ziemlich schnell bei der Idee, dies in Form eines Magazins zu tun, das dem Beobachter nachempfunden ist.

Beobachter: Sie haben es dann allerdings nicht Beobachter genannt, sondern «Betrachter».
Lörtscher: Ich suchte nach Synonymen, ich wollte ja nicht einfach den Beobachter kopieren. «Betrachter» gefiel mir am besten, wegen des Überraschungseffekts. Das Schriftbild ist jenem des Originalnamens so ähnlich, dass man unweigerlich zweimal hin­schauen muss.

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Beobachter: Kernstück Ihrer Arbeit sind zehn Porträts – von heutigen jungen Menschen und von Leuten, die in den fünfziger Jahren jung waren. Wo lagen die grössten Unterschiede in den Geschichten aus den beiden Generationen?
Lörtscher: Einerseits natürlich in den Erlebnissen, von denen die älteren Gesprächspartner erzählten. Die sind für mich zum Teil beinahe unvorstellbar. Die gesellschaftlichen Konventionen von damals etwa. Oder auch, wie die Mutter einer Interviewten zum ersten Mal im elektrischen Backofen Pflaumenkuchen buk – und der Vater auf dem Dachboden gebannt verfolgte, wie der Stromzähler zählte und zählte. Anderseits gab es aber auch Unterschiede in der Art des Erzählens.

Beobachter: Wie erzählen denn die beiden Generationen?
Lörtscher: Die Jugendlichen von heute gaben einfach Antwort auf meine Fragen. Freimütig und ohne Ausflüchte zwar, aber wenn eine Frage abgehakt war, ging man über zur nächsten. Bei den älteren Interviewpartnern dagegen spürte ich, dass sie gerne erzählten. Sie gaben Anekdoten zum Besten, erzählten Geschichten, schweiften ab. Ich glaube, sie genossen es, dass sich ein junger Mensch für ihre Jugend interessierte.

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Beobachter: Bei den Porträts fällt auf: Die älteren Menschen haben ein fast durchwegs gutes Bild von der heutigen Jugend, während viele ­Junge das Gefühl haben, die Senioren mögen sie nicht. Reden die beiden Generationen ­aneinander vorbei?
Lörtscher: Das nicht gerade. Ich habe die Vertreter beider Altersgruppen als sehr offen gegenüber der anderen Gruppe erlebt, es herrscht viel Respekt und Anerkennung. Aber ich glaube, es gibt auch viele Missverständnisse zwischen den Generationen, vor allem auf der Seite der Jungen. Sie hatten vielleicht einmal negative Erlebnisse mit Älteren und verallgemeinern dann zu sehr.

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