Komplimente für ihr Haar und ihre schicke Frisur sind für Martha Studer (Name geändert) nichts Neues. Meist schmunzelt sie dann. Denn seit 32 Jahren trägt die Zürcherin eine Vollperücke, doch kaum jemand weiss davon. Bereits mit 40 Jahren verlor sie krankheitsbedingt ihr Haar. Wickelturbane zu tragen oder zu ihrer Kahlheit zu stehen, dafür fühlte sie sich damals zu jung. «Ich habe mich beraten lassen und eine Echthaarperücke gekauft», erinnert sie sich. «Murks», nennt Martha Studer diese Entscheidung heute. «Echthaarperücken sind teuer, schwer und aufwendig zu pflegen.» Gerade für Menschen, die dauerhaft Haarersatz tragen, sei das vor allem eines: mühsam. Längst ist sie deshalb auf fixfertig frisierte Kunsthaarperücken umgestiegen. Eine zweite zum Wechseln hängt immer auf dem Ständer.

Nach 32 Jahren Praxis ist Martha Studer ein Profi im Umgang mit Perücken. «Für mich ist das Pflegen, Aufsetzen und Fixieren so normal wie Zähneputzen, aber man muss wissen, wie es geht. Einfach auf den Kopf ziehen reicht nicht.» Probieren, rät sie und sagt, nach der ersten Überwindung sei das Perücketragen leicht und unproblematisch. Martha Studer schwitzt regelmässig im Fitnesscenter, und auch vor Windböen ist ihr nicht bange. Denn sie hat stets ein Kopftuch oder einen Schlauchschal in der Tasche. Leben mit Zweitfrisur - für Martha Studer kaum eine Einschränkung. Jährlich ersetzt sie eines ihrer Stücke. «Ich will ja nicht aussehen, als hätte ich einen Mopp auf dem Kopf.»

Ein Scheitel wie mit dem Lineal gezogen, das Haar zu dicht, die Locken zu rund, die Farbe zu satt, und irgendwie wirkt die Haarpracht verrutscht - schlechte Perücken sind höchstens für Winnetou-Helden wie Sam Hawkins ein Markenzeichen. «Bei Toupets oder Perücken erinnern sich die meisten nur an abschreckende Beispiele», lacht Hans Sutter, Spezialist für Zweithaar aus Basel. Klar, die anderen fallen schlicht nicht auf. Die Hemmschwelle beim Haarersatz sei deshalb eher hoch. Gründe für solche Fehlgriffe kann Sutter rasch nennen: falsche Beratung und falsche Vorstellungen. «Besonders Männer meinen, je dichter das Haar, umso natürlicher.» Der erste Trugschluss. «Haarersatz muss dem Alter entsprechend füllig sein, sonst sieht es aus, als trüge man Teppich.» Ein weiterer: Auch eine künstliche Zweitfrisur hält nicht ewig. Natürlich wirkende Schönheit hat auch hier ihren Preis.

Echt oder synthetisch?
Haarteile, Haarverlängerungen und Vollperücken werden längst auch fern der Promiwelten als Modeaccessoires beliebter. «Die meisten Kunden tragen aber Perücken, weil sie an verschiedenen Formen von Haarausfall leiden und sich ihr selbstbewusstes Auftreten bewahren möchten», sagt Marco Roth, Geschäftsleiter der Perückeria und Haarpraxis für medizinischen Haarersatz in Zofingen. Der Unterschied: Modeperücken verpassen einem je nach Laune kurzfristig ein neues Styling in Farbe, Länge oder Stil. Sie werden direkt über dem eigenen Haar getragen, erfordern meist weniger an moderner Technik und sind darum etwas günstiger. Medizinische Perücken hingegen, die zeitweilig oder permanent schütteres Haar und kahle Stellen kaschieren, liegen direkt auf der Kopfhaut auf, dürfen diese weder strapazieren noch nachwachsendes Haar ersticken oder beschädigen und haben folglich ihren Preis.

Für beide gilt: Auf die Verarbeitung, Luftdurchlässigkeit, Befestigungssysteme und das Monturenmaterial kommt es an. Perücken mit transparentem Monofilament zum Beispiel, einem speziellen Mikrogewebe-Unterbau, sind teurer, dafür sehr atmungsaktiv und gerade bei medizinischem Haarersatz ein Muss. Doch auch im Modebereich wird das Material gerne angeboten, denn wie bei echtem Haar schimmert durch das feine Netz die Kopfhaut durch. Das wirkt besonders natürlich. Auch der Abstand der Tressen - jener Schnüre, an denen die Perückenhaare befestigt sind - entscheidet, wie rasch das Gegenüber den «Schwindel» entdeckt. Bei Billigperücken ist der Abstand oft gross, die Montur teils peinlich sichtbar.

Wer mit dem Kauf einer Perücke liebäugelt, stellt sich besonders eine Frage: Echt- oder Synthetikhaar? «Beide haben Vor- und Nachteile», sagt Fachmann Roth. «Die meisten Kundinnen kommen mit Kunsthaarperücken besser zurecht.» Seine Faustregel:

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  • Echthaar eignet sich gut für Langhaarfrisuren und Toupets. Es ist gefühlsechter, aber empfindlich, schwer und teuer, schliesslich muss das tote Haar je nach Herkunft chemisch aufbereitet werden. Wer allerdings ein Faible fürs Färben besitzt, den Aufwand des aufwendigen Frisierens zu Hause oder beim Fachmann nicht scheut, trifft hier die richtige Wahl.
  • Synthetikhaar hingegen ist günstiger, leicht und strapazierfähig, für Kurzhaarfrisuren gut geeignet. Zwar werden zum Waschen Spezialprodukte benötigt, danach heisst es jedoch: nur trocknen, und die Frisur bleibt, wie sie ist. Allerdings lassen sich solche Perücken kaum individuell frisieren. Auch Färben und Föhnen sind tabu.


Das Angebot an Haarsystemen, Perücken und entsprechenden Pflegetipps ist riesig - es lohnt sich allemal, sich vor dem Kauf gut beraten zu lassen. Auch weil sich die Preise stark unterscheiden. Modeperücken gibt es schon ab 200 Franken. «Für 600 Franken bekommt man etwas wirklich Gutes», sagt Jürg Lüthard, Geschäftsleiter des Zürcher Coiffure- und Modeperückenstudios Barberia. Heisst: sicherer Halt, leichter Sitz und ein Naturlook, bei dem selbst der Tanzpartner den kleinen Unterschied nicht bemerkt. Im medizinischen Bereich liegen die Preise höher. Allerdings tragen dort die Krankenkassen in der Regel einen Teil der Kosten - nachfragen lohnt sich. Konfektionsperücken aus Synthetikhaar kosten rund 800 Franken, aus Echthaar mindestens doppelt so viel. Massanfertigungen aus Kunsthaar sind ab 1200 Franken zu haben.

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Jedes halbe Jahr neues Haar
Stolze Preise, besonders weil selbst gepflegte Kunsthaarperücken, täglich getragen, kaum länger als ein halbes Jahr ihre Schönheit bewahren. Solche aus Echthaar überschreiten nach rund 18 Monaten ihren Zenith. «Deshalb ist es kein Luxus, immer ein Exemplar zum Wechseln zu haben», erklärt Fachmann Roth. Die teuerste Lösung muss dabei nicht immer die beste sein. Wer aber angesichts hoher Preise statt auf Fachgeschäfte lieber auf billige Online-Anbieter setzt, sollte, um Frust zu vermeiden, bedenken: Farbmuster am Bildschirm entsprechen nur selten der Realität. Was man hingegen selbst anprobiert, trifft häufig eher den eigenen Stil. Angepasst und zugeschnitten sollten im Übrigen auch günstige Standardperücken werden, denn die sind ohnehin meistens zu gross. Sam Hawkins lässt grüssen.

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