«Wir sind die MGB-Youth und haben für euch eine Hammersendung parat. Nicht vergessen einzustellen, wir Zürcher rocken euch die Kühe aus dem Stall!» - Schnitt, Gelächter und alles von vorn. Mit Radiotrailern machen 23 Lernende des Migros-Genossenschafts-Bundes (MGB) Lust auf das, was am Ende einer speziellen Projektwoche stehen soll.

Fünf randvolle Tage lang wurde recherchiert, diskutiert, entworfen, verworfen, aufgenommen. Unzählige Male wurden Ansagen umgeschrieben, Interviews sorgfältig geschnitten, Musiktitel zusammengestellt. Und dies alles im Studio des «Power-up-Radios», des Kinder- und Jugendsenders der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi.

«Projektwochen einmal anders», lautet dort das Motto. Interkulturell sollen die Themen sein - Kinderrechte, Migration und Integration stehen im Mittelpunkt. Kinder und Jugendliche können ihre eigenen Radiosendungen produzieren - auch gemeinsam mit jungen Menschen aus anderen Ländern, die im Kinderdorf Austausch- und Begegnungsworkshops machen. «Dabei arbeiten sie, nach einem thematischen Input zum Thema, in Interview- und Moderationsteams selbstständig an der gemeinsamen Sendung», erklärt Florian Karrer, der die Radioprojekte der Stiftung leitet.

Eine Erfahrung mit Herzklopfen

Am Donnerstagabend gilt es ernst. Haben die MGB-Stifte noch am Nachmittag eine Präsentation vorbereitet, die es tags darauf vor den Berufsbildnern zu halten gilt, können sie sich nun live am Mikrofon beweisen. Um 18.59 Uhr tickt der Countdown im Sekundentakt.

19 Uhr: «Hoi zäme! Ich bin Tina.» - «Und ich bin Maurice.» Herzklopfen. «Wir, die Lernenden aus dem ersten und zweiten Lehrjahr des Migros-Genossenschafts-Bundes, haben eine Woche lang im Kinderdorf Pestalozzi verbracht und uns mit den Themen Migration und Integration auseinander gesetzt.» Wer dranbleibt, erfährt, wie das Ausländeramt funktioniert und wie ein Asylverfahren abläuft. Oder, wie eine Strassenumfrage der Lehrlinge ans Tageslicht brachte, dass «praktisch niemand eine Ahnung hat, wie viele Asylsuchende in der Schweiz abgewiesen werden und warum.» Über 90 Prozent müssen gehen, liefern die Lernenden die Lösung - und thematisieren gleich ein weiteres Vorurteil: «Asylsuchende hängen doch nur rum.»

Nicht immer einer Meinung

Im Durchgangszentrum Alpenblick in Wienacht-Tobel AR verbrachte eine Gruppe einen Tag mit Asylsuchenden und dem Zentrumsleiter. Nüchtern legen Steffi und Chan-Kim den Zuhörern dar: «Es gibt dort Regeln und eine Tagesstruktur. Viele Asylsuchende werden mit gemeinnützigen Arbeiten oder freiwilligen Ämtern beschäftigt.» Faul seien die wenigsten, doch ihre Tage seien öde, das so genannte Rumhängen alles andere als freiwillig. Nathalie weiss warum: «Die haben pro Tag keine 17 Franken zur Verfügung. Abzüglich Essen, Kleider und Schule bleiben zweieinhalb Franken - das reicht nicht einmal für ein Busticket.»

Erfahrungen, die im Alltag weiterhelfen, wollen Sandra Baer und Thomas Schärer den Lernenden vermitteln. Beide sind Berufsbildner beim MGB und verantwortlich für die Projektwochen im Rahmen der Berufsbildung. «Die Jugendlichen leben in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft und müssen damit klarkommen. Wir wollten ihnen zusätzlich die Möglichkeit geben, sich damit anregend auseinander zu setzen», so Schärer.

Ein voller Erfolg, denn den MGB-Stiften mangelte es nicht an Kreativität. Sie griffen Argumente der Ausschaffungsgegner auf und stellten diesen ein Interview mit dem Pressesprecher der St. Galler Kantonspolizei gegenüber. Aussagen von abgewiesenen Asylsuchenden, die nicht vors Mikrofon wollten, wurden aufbereitet und von den Jugendlichen selber gesprochen.

Dazwischen rief der Liedermacher Konstantin Wecker dazu auf, «Nein» zum Rassismus zu sagen, und Soullady Aretha Franklin forderte «Respect». Am Radiowerk waren angehende Informatiker, Chemielaboranten und -laborantinnen, Kaufmänner und -frauen - manche selber mit Migrationshintergrund.

Ausländische Freunde haben sie alle. «Ausgrenzung und kulturelle Unterschiede sind auch unter uns immer wieder ein Thema», sagt die 18-jährige Tamara. Umso spannender sei die Arbeit während der Projektwoche gewesen; schliesslich habe man sich darüber einigen müssen, was in welcher Form über den Äther geht. «Wir waren nicht immer einer Meinung», verrät Daniela, ebenfalls 18.

Ein ganz persönliches Fazit zieht der 17-jährige Maurice: «Ich wollte wissen, ob stimmt, was man so hört. Jetzt habe ich beide Seiten erlebt, die der Asylsuchenden und die der Polizei, und kann mir nun ein besseres Bild machen. Ich weiss jetzt wirklich, wovon ich rede.» Spuren hat die Woche auch bei Natalie, 16, hinterlassen: «Als wir die Asylsuchenden besuchten, war das ein seltsames Gefühl. Mir wurde bewusst, dass es doch alles Menschen sind und wir das leider oft vergessen.» Das Tollste am Projekt aber sei gewesen, dass «wir als Gruppe auf ein gemeinsames Ziel hingearbeitet haben, von dem wir denken, dass wir damit etwas erreichen», resümiert die 18-jährige Tina - und alle geben ihr Recht.

Quelle: Archiv
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