Verreisen. Alles zurücklassen. Sich endlich eine Auszeit gönnen. Viele kennen diese Sehnsucht. Manche träumen sogar von einer Weltreise und haben die Route bereits im Kopf, so wie andere die Pläne für die Lottomillion, die sie gewinnen werden. Irgendwann könnte der Zeitpunkt kommen, der richtige. Nach der Ausbildung. Nach der Familienzeit. Nach der Pensionierung.

Woher kommt dieses Fernweh? Was treibt uns in die Welt hinaus? Mit welchen Erwartungen brechen wir in die Fremde auf?

Neugierde wird oft an erster Stelle genannt. Der Drang zu erfahren, wie das Leben anderswo spielt. Die Lust am Entdecken. Der Wunsch, sein Wissen über die Welt zu erweitern. Für andere ist Reisen eine Flucht. Ausbrechen aus dem Alltagstrott. Der Ausweg aus ­einer schwierigen Lebenssituation. Wiederum ­andere steigen in den Zug oder das Flugzeug, um das Paradies zu suchen oder Ruhe zu finden. Auch Reli­gion, Rekordjagd oder irgendeine Mission können zum Aufbruch drängen.

Gibt es einen gemeinsamen Nenner hinter all diesen Motiven? Evolutionsforscher sagen, das Fernweh sei in unseren Genen angelegt. Während Jahrtausenden streifte der Homo sapiens als Nomade umher. Würde die Geschichte der Menschheit mit 24 Stunden bemessen, wären wir erst seit 70 Minuten sesshaft. Eine Schwäche dieser These: Wer die Routen nomadisierender Völker analysiert, erkennt, dass sie sich vielfach im Kreis bewegen. Sie brechen zwar immer wieder auf, aber immer zu bekannten Gefilden.

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Eine der ältesten schriftlichen Überlieferungen über das Reisen ist die «Odyssee». Auf der Heimfahrt von Troja nach Ithaka irrt Odysseus während zehn Jahren auf dem Meer herum: «Nichts ist kummervoller, als unstet leben und flüchtig!», beklagt Homers Held sein Schicksal.

Im Griechenland der Antike reisen die wenigsten Menschen freiwillig. Die Schifffahrt beschränkt sich auf den Mittelmeerraum, der Ozean im Westen hingegen gilt als Weg zum Totenreich. Über die Meerenge von Gibraltar hinauszufahren ist ein unvorstellbarer Akt, der den Göttern vorbehalten sein soll.

Dennoch enthält Homers Epos einen Kern, der bis heute nichts an Gültigkeit verloren hat: Eine Reise ist meist ein Reifeprozess. Odysseus muss zahlreiche Prüfungen bestehen. Er wächst an der Begegnung mit Zyk­lopen und Sirenen. Dank seiner List findet er stets Auswege aus scheinbar aussichtslosen Situationen. So wird seine Irrfahrt zu einem Vorbild für eine ganze Reihe von Helden, von Parzival über Robinson Crusoe bis hin zum Raumschiff-Captain James T. Kirk.

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Wie stark Reisen mit der Hoffnung zu reifen verbunden ist, zeigt noch ein Schwer­gewicht der Literatur: «Ich gehe allerley Mängel zu verbessern und allerley Lücken auszufüllen», schreibt Johann Wolfgang von Goethe vor seiner Italienreise, Ende des 18. Jahrhunderts. Er bricht auf, um «ein Ganzes zu werden, um nicht in förmliche Beziehungen zersplittert» zu verkümmern, «sondern aus einem festen Kern heraus selbstbestimmt zu handeln».

Das Reiseziel oder die Urlaubsaktivitäten sagen oft viel über die verdrängten Aspekte einer Person aus. Die Wahl offenbart die Mängel. Auf einer Reise will man all das leben, was im Alltag zu kurz kommt. Un­sere verborgenen Wünsche sollen zumindest auf Zeit zu ihrem Recht kommen, etwa Bildungsdrang, Abenteuerlust oder Risikobereitschaft.

Oft wird die Reise in die Fremde zu einer Reise ins Innere, zur Suche nach der eigenen Identität. Oder wie es um 1920 der deutsche Philosoph Hermann Keyserling sagt: «Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum.» Dies ist nur auf den ersten Blick ­widersprüchlich. Denn auf Reisen gewinnen wir buchstäblich Abstand und können besser als zu Hause ­ergründen, was wir wollen und wer wir sind.

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Der mit dem Reisen verbundene Reifeprozess und die Selbstfindung sind ein Grund, warum sich gerade Menschen auf der Schwelle zum Erwachsenenalter besonders gerne auf den Weg machen: «Nicht Menschen machen Reisen, Reisen macht Menschen», heisst es bei John Steinbeck. Es ist kein Zufall, dass die Übergangsriten von Naturvölkern oft mit Abenteuern in der Wildnis verbunden sind. Auch unsere Kultur kennt Reiserituale, die das Erwachsenwerden begleiten. Noch immer gibt es Handwerksgesellen, die zur traditionellen Wanderschaft aufbrechen. Teenager verbringen ein Jahr im Welschland oder gondeln per Interrail kreuz und quer durch Europa.

Oft ist Reisen auch mit einer Neubewertung der ­eigenen Lebensumstände und Weltanschauungen verknüpft: «Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit neuen Augen zu sehen», schreibt Marcel Proust. In diesem Sinne erachten auch seine Zeitgenossen Mark Twain und Oscar Wilde das Reisen als Mittel gegen Vorurteile und Engstirnigkeit.

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Was diese Schriftsteller mit Reisen meinen, ist natürlich fern von Pauschalangeboten und All-inclusive-Ferien. Reisen ist nicht gleich Tourismus. Das wird deutlich, wenn man die Herkunft der Begriffe betrachtet. Tourismus leitet sich vom französischen «le tour» für Runde ab. Das englische «travel» für Reisen hingegen kommt vom französischen «travail» für Arbeit, und «voyage» stammt vom lateinischen «viaticum», was das für den Weg («via») Notwendige bezeichnet. So betrachtet ist Reisen als mühevoller Prozess zu verstehen, als Arbeit an sich selber und als Auseinandersetzung mit der ­eigenen wie mit der fremden Kultur.

Doch auch ein Reisender verändert sich nicht von selbst. Schon um 400 v. Chr. erkennt Sokrates: «Was wunderst du dich, dass deine Reisen dir nichts nützen, da du dich selbst mit herumschleppst.» Nimmt man den griechischen Philosophen beim Wort, löst Reisen nur eine Veränderung aus, wenn man sich dabei selber zurücklässt. Oder auf die Identitätssuche bezogen: Um sich auf Reisen selber zu finden, muss man sich zuerst verlieren.

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Das ist gar nicht so schwierig, denn mit einer Reise begibt man sich in einen Ausnahmezustand. Das Vertraute weicht dem Unbekannten, das Gewisse dem Ungewissen, die Geborgenheit der Bindungslosigkeit. Eine Abreise ist immer ein Bruch, eine Grenzsituation, in der man sich des Endes bewusst wird, während das Neue noch nicht angefangen hat. Der amerikanische Historiker Eric J. Leed versteht eine Abreise gar «als eine Art symbolischen Tod, als Abstreifen und Verlust des Selbst, bei dem ein nichtreduzierbarer Kern zum Vorschein kommt».

Unsere Identität kann durch die Konfronta­tion mit dem Fremden erschüttert werden. Vor allem wer alleine reist, lässt alles zurück. Ausser eben sich selber. Dieses Selbst aber setzt sich ohne seine bisherige Rolle und fern der ­bekannten Umgebung ungeschützt dem Anderen aus. In dieser Situation wird das eigene Wertesystem und Selbstverständnis in Frage gestellt.

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Das ist eine Chance. Denn wer aus der Entfernung auf das Eigene schaut, kann sich neu erfahren und bislang eingenommene Posi­tionen und alte Fixierungen lösen. Man erlebt sich für einmal als Nomade, Ent­decker oder Künstler. Man macht Ferien vom Ich. Oder wie Hape Kerkeling in seinem Bestseller «Ich bin dann mal weg» schreibt: «Seitdem ich losgelaufen bin, habe ich den Eindruck, dass sich starre alte Mus­ter in mir allmählich lösen. Ich werde durchlässiger.»

Die Kehrseite des Selbstverlusts: Wer sich verliert, hat keine Garantie, dass er sich auch wiederfindet. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von einer «Reisepsychose», die auch als Stendhal-­Syndrom bekannt ist. Benannt nach dem Schriftsteller Marie-Henri Beyle, der seine Bücher unter dem Pseudonym Stendhal veröffent­lichte. Der Franzose schildert in seinem Reisetagebuch, wie er in Florenz die Kulturstätten besucht, von den Eindrücken überwältigt wird und ­einen Nervenzusammenbruch erleidet. Besonders schlimm erwischt es den Dichter Friedrich Hölderlin. Im Jahr 1802 kehrt er nach einem fünfmonatigen Aufenthalt in Bordeaux völlig verwirrt nach Deutschland zurück. Er vermischt Deutsch, Griechisch und Latein, schwingt zusammenhanglose Reden und vernachlässigt sein Äusseres komplett. Bis zu seinem Tod 1843 wird er sich nie mehr richtig erholen. Die Reise hat ihn verändert, leider zum Negativen.

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Beim Reisen kann vieles schiefgehen. Man versteht die Lautsprecherdurchsage nicht. Verpasst den Zug. Oder verirrt sich in einer fremden Stadt. In einer anderen Kultur sind dubiose Händler, zweifelhafte Taxifahrer oder gar dreiste Diebe oft nur schwer zu erkennen. All diese Gefahren und die damit verbundenen Ängste sind Gründe dafür, dass die Fremde unsere Sinne schärft. Sämtliche Wahrnehmungskanäle sind geöffnet, damit wir uns möglichst schnell einen Überblick verschaffen und allfällige Risiken rechtzeitig erkennen können. Verstärkend wirkt dabei der Umstand, dass wir die Reize aus der Umwelt nicht mit denselben Rastern und Filtern sondieren können wie im Alltag; wir müssen wachsam und flexibler sein. Folglich prasseln die Eindrücke ungefiltert und gleichzeitig ver­stärkt auf uns ein. So hat man auf Reisen oft das Gefühl, intensiver zu leben. Zudem entdeckt man Dinge, die einem im vertrauten Umfeld gar nicht aufgefallen wären. Das macht den Reiz und das Risiko des Reisens aus. Reisen stimuliert, kann aber auch überfordern.

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Der 2007 verstorbene polnische Journalist und Schriftsteller Ryszard Kapuscinski hat diesen Geisteszustand besonders eindringlich beschrieben. Auf seiner ersten Reise ausserhalb seines Heimatlandes hält er in Rom fest: «Das Gewirr der Stimmen, die Lichter und Geräusche wirkten auf mich wie eine Droge. Für einen Moment verlor ich die Orientierung, wusste nicht mehr, wo ich mich befand. Ich muss gewirkt
haben wie ein Tier aus dem Wald: betäubt, verängstigt, mit weit aufgerissenen Augen, die etwas zu sehen, zu durchdringen, zu unterscheiden suchten.»

Solchen Erfahrungen ist der Reisende nicht ­hilflos ausgeliefert, er entwickelt Abwehrmechanismen. Westler, die in Asien eine Verschnaufpause brauchen, steuern den nächsten McDonald’s oder Starbucks an. Und Geschäftsreisende, die oft nicht freiwillig unterwegs sind, halten sich gerne in Hotels einer Kette auf, deren Zimmer auf der ganzen Welt identisch sind. Zudem haben heutzutage viele ihren Laptop im Gepäck oder das Smartphone im Hosensack und können sich praktisch jederzeit mit den Freunden zu Hause in Verbindung setzen. Was mitunter dazu führt, dass manche zwar körperlich im Ausland weilen, aber geistig in der Heimat bleiben.

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Nach einer geglückten Verwandlung in der Fremde steht dem Reisenden aber noch ein Härtetest bevor: die Rückkehr. In der alten Umgebung ist das Erlebte schnell vergessen. Das überwunden geglaubte Selbstbild holt das neue ein. Und wer nicht aufpasst, findet sich schnell im Alltagstrott wieder.

Eine Möglichkeit, dies zu verhindern, besteht darin, möglichst bald wieder zu verschwinden. Oder möglichst lange wegzubleiben – in der Hoffnung, dass sich zumindest zu Hause etwas verändert hat. Aber wer zu lange weg ist, kann ein weit schwerwiegenderes Problem bekommen. Er fühlt sich unter Umständen in der Heimat gar nicht mehr daheim. Oder wie Franz Kafka 1920 in «Heimkehr» schreibt: «Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man.»

Literatur zum Thema

Sieglinde Geisel: «Irrfahrer und Weltenbummler. Wie das Reisen uns verändert»; WJS-Verlag, 2008, 248 Seiten, CHF 25.50

Jens Clausen: «Das Selbst und die Fremde. Über ­psychische Grenzerfahrungen auf Reisen»; Psychiatrie-Verlag, 2007, 340 Seiten, CHF 25.50

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