Die Ruhe ist so vollkommen, dass sich die Gämsen, Rehe und Hirsche bis in die nur noch spärlich bepflanzten Blumenrabatten wagen. Im November bleiben die Nebel immer länger über dem gletschergrünen Brienzersee hängen. Das Märchenschloss, das im Sommer aus dem Wald leuchtet, versteckt sich nun im Dunst.

Von April bis Oktober bietet das Haus Übernachtungsgästen und Ausflüglern Projektionsfläche für Zeitreisen in die Pionierzeit des Schweizer Tourismus. Meist kommen sie alle auf einmal, wenn das Kursschiff an der hoteleigenen Schiffsstation anlegt und die Standseilbahn die Besucher die letzten 93 Meter hinaufzieht. So wie am letzten Oktoberwochenende, als es hier wie in einem Bienenstock summte. Zum Abgesang auf die Saison tanzten Ballgäste zu Livemusik durch die Säle, schlemmten das Buffet leer und kosteten die Stimmung bis zur letzten Minute aus.

Doch im Winter bleiben die Ausflügler weg. Nicht einmal die Sonne lässt sich blicken: Für sechs bis acht Wochen ist der Ort von jedem Sonnenstrahl verlassen. Und weil im Schattenloch selbst eine Märchenkulisse ihre Attraktivität einbüsst und die Hauswände Schnee und Frost wenig entgegenzusetzen haben, hält das Hotel Winterruhe. Das Silberbesteck ist luftdicht verpackt, die Küche des Parkrestaurants kalt, die Betten sind abgezogen, die Türen verriegelt.

«Es ist immer Wehmut dabei»
«Es ist gut, dass die Saison vorbei ist», findet Jörg Wellhöfer, der auf der Personalterrasse eine Zigarette raucht. Er sieht ein bisschen müde aus, die letzte Nacht war wegen einer weiteren Abschiedsfeier kurz. Der Chef de Rang kümmert sich um den reibungslosen Ablauf im Restaurant. Mit seinen angegrauten Haaren, den Lachfältchen um die Augen und dem runden Bauch wirkt Wellhöfer wie der alte Wolf inmitten der jüngeren Saisonkräfte. Der Eindruck täuscht nicht: Der 39-Jährige ist der Dienstälteste im Serviceteam und sogar vier Jahre länger da als Hoteldirektor Matthias Kögl. «Das war meine zehnte Saison», erzählt Wellhöfer. «Trotzdem ist beim Abschied immer Wehmut dabei.»

Von insgesamt 112 Männern und Frauen bleibt nur die 22-köpfige Kernmannschaft den Winter über im Grandhotel. Die Mehrheit wendet sich der nächsten Saisonstelle zu. Auch Chef de Rang Wellhöfer verlässt das Grandhotel für ein Vierteljahr. Mit einem lauten Lachen verscheucht er die Abschiedsmelancholie und erinnert sich an seine erste Begegnung mit dem Hotel: Im Februar 1999 blickte er zum ersten Mal von der Terrasse über den See zum Niesen hinüber und war sofort beeindruckt. «Ich wollte unbedingt hier anfangen», erinnert er sich.

Die magische Anziehungskraft war schon anderen vor ihm aufgefallen: Anfang des 19. Jahrhunderts ebneten ein Schulleiter und ein Pfarrer den Weg für den Touristenstrom, der seither nicht mehr abriss. Die beiden Brienzer legten zunächst einen Wanderweg an, stellten dann eine Bank auf und bauten schliesslich Unterkünfte. Als die einfache Giessbach-Pension nicht mehr ausreichte, richtete Hotelier Karl Hauser mit der grossen Kelle an und beauftragte Horace Edouard Davinet, den Architekten des «Beau Rivage» in Interlaken, mit dem Bau eines Palast-Hotels. 1875 wurde Eröffnung gefeiert, und die verwöhnte Haute-Volée gab sich in der Sommerfrische die Klinke in die Hand.

Unterdessen sind die Pionierjahre des Tourismus vorbei, ein Brand zerstörte das Haus, und die Feuchtigkeit kriecht in alle Ritzen. Doch es scheint, als könne nichts dem «Giessbach» etwas anhaben. Als das Hotel Ende der siebziger Jahre durch einen Neubau ersetzt werden sollte, gründete der streitbare Umweltschützer Franz Weber die Stiftung «Giessbach dem Schweizervolk» und sammelte genug Geld, um die Residenz zu kaufen.

Allein der Winter zeigt dem Haus die Grenzen auf. Deswegen sorgt die Crew jedes Jahr für seinen behaglichen Winterschlaf. Zwei Tage dauert die konzertierte Aktion. Zwei Tage putzen, spülen, polieren und inventarisieren Serviceleute, Küchenpersonal, Housekeeper und Haustechniker. Und zwischendurch feiern sie einen Abschied nach dem anderen: Am einen Abend trifft man sich mit den engsten Kollegen, am nächsten hauen die Teams ihr Trinkgeld auf den Kopf, und zum Finale ist die ganze Belegschaft zur Party zum Saisonende eingeladen.

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Ein wenig wie Ferien - trotz Arbeit
«Es ist vorbei, bye bye Junimond», singt Rio Reiser. Die Equipe, die das Silber putzt, stimmt völlig schief, aber schön laut in den Gesang ein. Es riecht ungesund nach der rostroten Silberschaumpaste, mit der das Besteck behandelt wird. Immer mehr Kännchen, Servierteller, Messer, Gabeln und Löffel stapeln sich auf den zusammengeschobenen Tischen. Wie viele Besteckteile im Grandhotel zirkulieren, weiss niemand genau. Man einigt sich auf eine Zahl zwischen 3000 und 5000.

Viele sind nicht zum ersten Mal hier und wollen auch im nächsten Jahr wieder hier arbeiten. Die traumhafte Lage ist ein Grund dafür, der Teamgeist der andere. «Wegen des Geldes kommt man jedenfalls nicht, die Bezahlung ist nicht üppig», sagt eine Mitarbeiterin. «Mir fiel es schon nach dem ersten Mal schwer, wieder wegzugehen», sagt Andreas Rückriegel, während er mit seinen Freunden Silber schrubbt. Hier zu wohnen und zu arbeiten, mit Blick über den See, das sei für ihn ein bisschen wie Ferien. Während der Saison merke er gar nicht, wie kaputt er eigentlich sei. «Schliesslich gelten die Giessbachfälle als Kraftort.» Rückriegel, im roten Kapuzen-Pullover, das blonde Haar sauber frisiert, ging im Frühjahr vom «Giessbach» nach Leipzig, um dort die Hotelfachschule zu besuchen. Um seinen Kollegen beim Saisonabschluss zu helfen - und um mit ihnen Abschied zu feiern -, ist der 26-Jährige nochmals für ein paar Tage angereist.

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Nur ein Fünftel der Angestellten hat jetzt noch zu tun: Viele andere überbrücken den Winter mit Jobs in Skigebieten.


Nach einer kurzen Ruhepause überbrücken viele Saisonniers die Wintermonate mit Jobs in Skigebieten. Jörg Wellhöfer kann diesen Winter zum Kellnern nach Gstaad gehen. Es wird schwieriger für ihn, eine Saisonstelle zu bekommen - seine Kollegen sind oft 15 Jahre jünger und günstiger als er. Stattdessen eine längere Pause einzulegen kommt für ihn nicht in Frage. «Mir wird langweilig, wenn ich nicht genug zu tun habe», sagt er.

Und selbst an freien Tagen kann er sich nicht von der Gastronomie trennen, geschweige denn vom Grandhotel: «Dann komme ich regelmässig auf Besuch.» Zum Kaffeetrinken mit den Kollegen, zum Plaudern, aber auch um die Post zu holen, die ihm hierher geschickt wird.

Im Winter ist das Hotel ein anderes: Kein Schiff hupt vom See herauf. Im Parkrestaurant fehlen die Tische. Keine Pflanzen schmücken die eiskalte Hotelhalle und die Zimmer - sie überwintern in den Gewächshäusern. Die Wände sind nackt ohne die Bilder, die das Kunstmuseum Bern den Winter über einlagert. Die Temperaturen und die Feuchtigkeit im fast unbeheizbaren Haus bekommen ihnen nicht.

Nur das Gourmet-Restaurant Le Tapis Rouge im unteren Stock und der Davinet-Saal erreichen kuschelige Temperaturen und werden deswegen auch im Winter auf Anfrage für maximal 80-köpfige Gesellschaften geöffnet. Der Saal mit Bar und Réception ist nur benutzbar, wenn ein Feuer im Cheminée prasselt. Dass der Winterzauber seinen Reiz hat, beweisen die Bankette und Hochzeiten, die hier veranstaltet werden. Die Gäste übernachten dann in der dritten Etage, wo sich die Zimmer immerhin auf 18 Grad heizen lassen.

Zu kalt für Camelia Herrmann, die normalerweise an der Réception arbeitet. Die kleine Frau mit den grossen Augen im freundlichen Gesicht verzieht sich in die hinteren Büros, schliesst die Türen und dreht die Heizung auf. Vorher staffiert sie ihren Winter-Arbeitsplatz mit Fotos und persönlichen Gegenständen aus - gegen das Alleinsein. Denn es kann ziemlich unheimlich werden in dem grossen Haus. Man erzählt sich, dass der Geist des Architekten Horace Edouard Davinet im gleichnamigen Saal herumspuke. Er habe zwei Mitarbeiterinnen bei ihrem nächtlichen Rundgang sanft an der Schulter berührt. Nein, ausgeschlossen, dass das ein Windzug war, die beiden waren unterschiedlich gross. Der Nachtdienst ist heute abgeschafft, aber: «Manchmal hört man irgendwo Schritte, obwohl man weiss, dass niemand sonst hier ist», sagt Herrmann und reibt ihre Arme, auf denen sich Hühnerhaut gebildet hat. Sie will lieber nicht über solche Gruselgeschichten nachdenken, die hier jeder erzählt.

Camelia Herrmann bleibt das ganze Jahr über im Personalhaus. «Im Winter sind wir wie eine kleine Familie», sagt sie. Hoteldirektor Kögl bewohnt die untere Etage im Chalet, das sich hinter das Hotel drückt. Er geniesst die Einsamkeit: «Als Wohnort ist das ein Traum.»

Andere investieren lieber in gute Schneeketten und fahren heim zur Familie, etwa Ralf Thomann. Der Leiter Housekeeping ist im Winter vor allem mit Renovationsarbeiten beschäftigt: Auf dem Gang ist die Laura-Ashley-Tapete schmutzig und abgenutzt. Im Badezimmer, das zum Wald rausgeht, bilden sich jedes Jahr aufs Neue Schimmelflecken. Für Thomann und seine Stellvertreterin Slavka Lazic bedeutet der Winter zwar nicht unbedingt weniger Arbeit, aber weniger Gerenne und endlich Ferien. «Ich habe mal gemessen, dass wir 28 Kilometer pro Tag zurücklegen. Deswegen brauchen wir auch ständig neue Schuhe», erzählt Thomann.

Der Grandhotel-Charme verblasst, während das Haus immer aufgeräumter daherkommt. Schaukel und Karussell auf dem Spielplatz sind abmontiert. Die Haustechniker haben die Linien auf dem Tennisplatz mit Latten abgedeckt, um sie vor der Witterung zu schützen. Auf den Tischen stapeln sich durchgezählte Aschenbecher, Rechaudbatterien, Saucièren, Brotkörbe und vakuumiertes Silberbesteck. Aerosmith röhren «Walk This Way» durch die Hotelhalle, Staubsauger versperren den Weg, und Geranien fliegen durch die Luft: Die Hotelgärtnerin wirft die Pflanzen samt Erde vom Balkon auf die Ladefläche eines Kleintransporters. Slavka Lazic seufzt wohlig: «Ah, endlich Turnschuhe und Jeans.» Zwei Köche haben Müllsäcke über ihre Uniform gestülpt. Sie haben den Job gefasst, die Lüftungsschächte zu schrubben. «Das ist die ekligste Arbeit überhaupt», sagt einer.

Auch Jörg Wellhöfer putzt: Das Buffet des Parkrestaurants ist dran. Er fördert halbleere Flaschen Prosecco, Weisswein und Champagner zutage. «Das wird noch gemeinsam ausgetrunken, nehme ich an», sagt er und schickt ein lautes Lachen hinterher. Und dann? «Dann ist alles vorbei», sagt er. «Bis zum nächsten Jahr.»

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