Traditionsbewusste Hindus sammeln am Morgen Blätter und Blüten, um sie ihrer bevorzugten Gottheit zu opfern. Die Pflanzen werden gehätschelt und zurechtgezupft – das traditionelle Gebetsritual, die sogenannte Pooja, beginnt schon mit der Vorbereitung. Vorgeschrieben sind die Gaben nicht. Die Pooja kennt keinen Zwang, keine Anleitung, keine Zeiteinschränkung. Das Gebet ist den Hindus Hilfe im alltäglichen Leben. Sie formulieren Wünsche und sprechen aus, was sie beschäftigt. Sie bitten um Hilfe und darum, diese Hilfe zu erkennen, wenn sie eintrifft.

In Indien ist oft die Rede von der Macht der positiven Gedanken. Hat man Gutes im Sinn, widerfährt einem Gutes – denn nur dann ist man offen dafür und sieht es auch. Wie du in den Wald rufst, so schallt es zurück: Das Richtige tun – darum geht es bei der Pooja.

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An jedem Eingang zu einem heiligen Ort finden sich Glocken. Mit dem Läuten vertreibt man symbolisch die negativen Gedanken und bittet die Gottheit gleichzeitig um Einlass. In einem Hindu-Haushalt ist dieser heilige Ort der Hausschrein; ein kleiner Raum oder eine Nische. Dort befinden sich die falls möglich reichlich mit Gold versehenen und dekorierten Statuen der Lieblingsgötter der Familie.

Es werden Räucherstäbchen angezündet. Was den Christen Weihrauch, Brot und Wein, sind den Hindus Bananen, Räucherstäbchen und Süssigkeiten. Man opfert, was das Herz begehrt oder der Gelbeutel hergibt – essen tut man es ohnehin selber. Nur die Kräuter bleiben liegen. In der Monotonie von Ablauf und Mantras (heilige Silben, Worte oder Sprüche – das wichtigste ist das Om) gleicht die Pooja einer Meditation; ein Zeitfenster, um in sich zu gehen und sich dem Guten und Wahren zuzuwenden, das der hinduistische Begriff von Gott, oder besser Weltgeist, in sich vereint.

Dank der Vielzahl von Gottheiten finden Hindus für jede Lebenssituation den passenden Beistand. Ganesha verspricht Erfolg und beseitigt Hürden. Lakshmi hilft bei Geldproblemen, Shiva gibt Energie. Aber allen Göttern und Göttinnen ist etwas gemein: Gott ist eins und gleichzeitig in jedem und allem zu finden. Wer Gott würdigen will, macht das, indem er mit Respekt vor der Schöpfung lebt, aufrichtig ist und hilfsbereit gegenüber Schwachen. Die Pooja, das Gebet, hilft einem dabei, ist dafür aber keine Bedingung.