Beobachter: Wie haben dich die zehn Monate als Austauschschülerin in England verändert?
Lisa Dörrer: Ich weiss jetzt, dass ich ohne meine Familie und meine Freunde klarkomme, dass ich mir eigenständig ein soziales Netz aufbauen kann. Das macht mich unabhängiger und selbstsicherer. Neu an mir ist auch diese «Egal, was ihr denkt, mir gefällt es»-Haltung, die ich von den Briten übernommen habe. Dieses Selbstbewusstsein, wenn es um den eigenen Stil geht. In England läuft jeder so rum, wie er will. Scheissegal, was die anderen denken.

Beobachter: Eine Art innerer Stinkefinger?
Dörrer: Überhaupt nicht, das wäre ja eine Trotzhaltung! Nein, ich bin einfach nicht mehr bereit, mich allen Erwartungen anzupassen. Entweder, die Leute kommen klar mit mir, oder nicht, und dann ist es nicht mein Problem. Neulich lief ich mit meinen englischen Klamotten – tiefer Ausschnitt vorne und an den Seiten – durch die Zürcher Bahnhofstrasse. Die Leute haben gestarrt! Ich fand das lustig.

Beobachter: Diese «neue» Lisa eckt wohl ziemlich an.
Dörrer: Am Anfang war es anstrengend. Du kommst zurück, und alles ist noch so, wie du es verlassen hast. Du musst dich wieder an diese alten Normen und Strukturen anpassen, zumindest teilweise. Zurückkommen ist hundert Mal schwieriger als weggehen. Wenn du gehst, gehst du in ein ­neues Leben. Niemand zwängt dich in eine Rolle, weil niemand dich und deine Vor­geschichte kennt.

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Beobachter: Wie reagierten die Eltern?
Dörrer: Mit meiner Mutter war es anfangs ziemlich schlimm. Sie sah in mir immer noch die ­alte Lisa, als hätte ich mich nicht verändert – so fühlte sich das jedenfalls für mich an. Es war ein permanentes Ausloten zwischen uns beiden: Wie weit kann meine Mutter bei mir noch gehen? Wo muss sie mir Freiräume lassen? Wie fest kann ich mich gegenüber meiner Mutter zur Wehr setzen, wo muss ich ihre Grenzen akzeptieren? Ein harter Prozess, ein langsames Herantasten an die neue Situation. Inzwischen haben wir uns wieder gefunden. Mit meinem Vater wars einfacher, zu ihm hatte ich schnell wieder den Draht. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich ihn nicht so oft sehe wie meine Mutter.

Beobachter: Wie war das Wiedersehen mit deinen Freundinnen hier?
Dörrer: Extrem komisch. Wir waren alle ein bisschen unsicher. Will die Lisa überhaupt noch mit uns? Können wir noch mit ihr? Aber das ist auch normal nach einer so langen Zeit. Jetzt ist es mit meinen Freundinnen so, als wäre ich nie weg gewesen.

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Beobachter: Möchtest du später mal im Ausland leben? Du weisst ja jetzt, wie das geht.
Dörrer: Wer mal im Ausland war und gemerkt hat, dass es funktioniert, dem fällt es auch später nicht schwer zu gehen. Die Hemmschwelle ist tiefer. Bevor ich nach England ging, war ich ziemlich gelangweilt von Zürich. Zurzeit fühle ich mich noch wohl hier – aber ich weiss nicht, wie lang das anhält. Ich mache jetzt mal die Schule fertig, dann schaue ich weiter.

Beobachter: Du bist ja jetzt eine England-Expertin. Spinnen die Briten wirklich?
Dörrer: Für einen Schweizer, der sein ganzes Leben hier im sauberen Zürich verbracht hat, spinnen die Briten. Aber eigentlich sind sie einfach extreme Individualisten.

Beobachter: Würdest du so ein Auslandsjahr anderen ­Teenagern auch empfehlen?
Dörrer: Nicht jedem. Du brauchst schon eine gewisse Persönlichkeit, um in der Fremde Fuss zu fassen. Ich habe von anderen Austauschschülern gehört, die ständig Heimweh hatten und extrem litten. Es ist eine anstrengende Situation, mit der nicht jeder umgehen kann: Du kommst an einen Ort, an dem du niemanden kennst. Du weisst: Hier muss ich jetzt zehn Monate bleiben. Am Anfang musst du viel leisten.

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