Eine Schreckensmeldung jagt die andere: Flugzeugabsturz über dem Atlantik, in Mexiko, über den Azoren, in Guatemala, in Nepal, in Venezuela, bei Niederhasli, an der Elfenbeinküste und in Kalifornien. Dazu die Nachricht von mehreren Beinahe-Unfällen, Notlandungen und Abstürzen von Privatflugzeugen.

Die Unfälle hinterlassen ein mulmiges Gefühl. Wie sicher ist Fliegen wirklich? Die Antwort von Airlines und Flugexperten kommt prompt: «Fliegen ist die sicherste Fortbewegungsart überhaupt.» Nur die öffentliche Wahrnehmung sei falsch, beteuern sie in den Medien.

Um das zu beweisen, führen Experten die Statistik ins Feld: 1998 sind in der Fliegerei weltweit 900 Menschen ums Leben gekommen, wogegen allein in den USA 40'000 Menschen im Strassenverkehr ihr Leben verloren. Gemessen an der total zurückgelegten Strecke seien das 35 Personen pro zurückgelegte 100 Milliarden Kilometer. Ein Passagier könne folglich tausendfach zum Mond und zurück fliegen, ehe ihn der Fliegertod hole.

Reisedistanz als Kriterium
So betrachtet hat selbst der Zug im Rennen um den sichersten Platz keine Chance: 1997 starben in der Schweiz sechs Personen bei Zugunfällen. Hochgerechnet gäbe das 44 Tote pro 100 Milliarden Kilometer.

Zahlen lügen nicht – oder doch? Beim genaueren Hinsehen kommen Zweifel auf: Ist es wirklich sinnvoll, die Unfallzahlen auf die zurückgelegten Kilometer zu beziehen? Schliesslich liegt es in der Natur der Sache, dass man mit dem Auto kürzere Distanzen zurücklegt als mit dem Flugzeug. Ein Sicherheitsmerkmal ist das noch nicht. Kommt dazu, dass 50 Prozent aller Flugunfälle während des Anflug- und Landevorgangs passieren – die geflogene Distanz tut da wenig zur Sache.

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«Bei statistischen Vergleichen muss man aufpassen. Sonst vergleicht man Äpfel mit Birnen», warnt Werner Stahel vom Institut für Statistik an der ETH in Zürich: «Je nachdem, welche Bezugsgrösse man nimmt, kommt etwas ganz anderes heraus.»

Verschiedene Sichtweisen

  • Der Schweizer Verband der Seilbahnunternehmungen wählte 1997 für eine Vergleichsstatistik anstatt der Menge der zurückgelegten Kilometer die Anzahl der transportierten Menschen als Kriterium. Und siehe da: Die Fliegerei schneidet mit Abstand am schlechtesten ab. Pro Milliarde transportierter Passagiere sterben im Flugzeug 710 Menschen, im Auto 135 und in der Bahn 127 Personen.

  • Wieder anders verglich die amerikanische Fachzeitschrift «Air Safety Week». Sie setzte die Zahl der Unfalltoten ins Verhältnis zu den zurückgelegten Kilometern pro Verkehrsmittel – unabhängig von der Zahl der transportieren Menschen. Berechnet wurden die Todesopfer pro Fahrzeug und 100 Millionen Meilen (zirka 160 Millionen Kilometer) in den USA im Jahr 1995. Das Resultat: Am sichersten schnitt der Bus mit 0,5 Toten auf 100 Millionen Meilen ab, gefolgt vom Auto mit 1,7 Toten und dem Flugzeug mit drei Toten.

  • Als Vergleichsgrösse könnte auch die Reisezeit hinhalten. Man könnte also die Gefahr in Bezug zur Reisezeit – Tote pro Millionen Stunden Reisezeit – berechnen. So gesehen würde die Bahn besser abschneiden als das Flugzeug.

Die Beispiele zeigen: Der Blickwinkel bestimmt das statistische Resultat. Pierre Caille vom Bundesamt für Statistik steht deshalb solchen Vergleichen skeptisch gegenüber: «Das Auto mit der Bahn zu vergleichen macht noch einigermassen Sinn. Denn man hat als Konsument die Wahl, welches Verkehrsmittel man wählt. Aber Auto und Flieger gegeneinander auszuspielen ergibt keinen Sinn.» Ausserdem sei es unmöglich, eine wirklich sinnvolle Bezugsgrösse zu finden.

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Auch die Zahl der Verletzten zeigt, dass Statistiken mit Vorsicht zu geniessen sind; je nach Fortbewegungsmittel gelten andere Massstäbe: Während bei Autounfällen alle Personen mit Verletzungen als «verletzt» in die Statistik eingehen, kommen bei Bahnunfällen nur Personen als «Verletzte» in die Zahlenkolonne, die mindestens 14 Tage arbeitsunfähig sind. Und bei Flugunfällen gelten Menschen «mit erheblichen Verletzungen» als statistisch «verletzt» – was auch immer das heisst. Kommt dazu, dass im Strassenverkehr auch angefahrene Fussgänger mitgezählt werden.

«Wir versuchen, die Datenerhebung zu vereinheitlichen», sagt Bundesstatistiker Caille. Das sei aber nicht einfach. Der Grund: Für jedes Verkehrsmittel ist eine andere Stelle zuständig, die wiederum an andere internationale Richtlinien gebunden ist. Caille: «Wir könnten zwar die gleichen Richtlinien für alle Verkehrsmittel festlegen, aber dann wären die Daten international wieder nicht vergleichbar.»

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