Die Chefs in Südindien wollten nicht einsehen, warum sie ihren Näherinnen plötzlich mehr bezahlen sollten. Den Mindestlohn bekamen sie ja bereits. Doch das reichte dem Auftraggeber aus Europa nicht. Stefan Niethammer, Mitgründer des Labels 3Freunde, wollte mehr. Die Frauen und Männer, die für ihn aus Bio-Fairtrade-Baumwolle T-Shirts nähen, sollten existenzsichernde Löhne erhalten. 

2012 gründete der Konstanzer deshalb mit einem indischen Partner selber eine Produktionsstätte: die Mila Fair Clothings in Tirupur. Die 15 fest angestellten Näherinnen und Näher bekommen einen Drittel mehr als den regional geltenden Mindestlohn. Damit können sie ihre Familie ernähren und sogar noch etwas beiseitelegen.

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Als im März wegen der Corona-Krise Psyche Was macht die Corona-Krise mit uns? die Textilfabriken schlossen, zahlte Niethammer die Löhne weiter. «Solange unser Geld reicht», sagt er. Ende Mai lief die Produktion wieder an – mit einem neuen Grossauftrag. Neben Shirts fabrizieren die Näherinnen nun auch Täschli für Menstruationstassen. «Es sieht gut aus. Ich bin zuversichtlich, dass wir alle unsere Angestellten weiterbeschäftigen können.»

Zahlen und Fakten zur Textilindustrie

  • 5,9 Kilo Textilien wurden 1975 pro Kopf produziert. 13 Kilo Textilien waren es im Jahr 2018.
  • 30 Prozent des Einkommens gab die Kundschaft in den Fünfzigerjahren für Kleider aus. 5 Prozent sind es 2020.
  • 10 Prozent des weltweiten CO2-Ausstosses stammen von der Textilindustrie.
  • 60 Prozent der fabrizierten Kleider werden im ersten Jahr nach dem Kauf weggeworfen.

Kleine Labels nehmen Verantwortung wahr

Auch andere kleine Kleiderhersteller machen sich für ihre Lieferanten stark. Zum Beispiel Rotauf. Seit acht Jahren verkauft das Label nachhaltige, in der Schweiz produzierte Outdoorkleidung. Etwas, was unmöglich schien. Auch jetzt handelte Rotauf unkonventionell. Als seine Zulieferer, alles Schweizer Handwerksbetriebe, in existenzielle Not gerieten, startete die Firma ein Crowdfunding Spinale Muskelatrophie Leben dank Crowdfunding , um ihnen Aufträge zu verschaffen. Es kamen über 270'000 Franken zusammen. «Ein beeindruckendes Resultat», sagt Interimsgeschäftsleiter Oliver Gross.

Die Kleinen nehmen ihre Verantwortung wahr. Ganz anders die grossen Modefirmen. Nachdem sie jahrelang Milliardenprofite erwirtschafteten, geben sie nun während der Pandemie Pandemie Die Gefahr, die nicht interessierte das Risiko an die Arbeiterinnen und Arbeiter in Südostasien weiter. Viele stornierten Aufträge oder weigerten sich, bestellte Kleider zu bezahlen. Die Produzenten in den Textilfabriken hatten kein Geld mehr, die Angestellten stehen vor dem Nichts.

«Wenn wir nicht wollen, dass unser Planet kollabiert, muss sich in der Textilbranche etwas ändern.»

David Hachfeld, Clean Clothes Campaign CCC

Ökologische Katastrophe

Die globale Textilbranche ist ein hässliches Geschäft. Die Arbeitsbedingungen sind desolat und die Löhne so niedrig, dass sie oft nur zum überleben reichen. Mit dem Aufkommen von Fast Fashion haben sich die Probleme verschärft, auch für die Umwelt.

Ein aktueller Beitrag in «Nature Reviews Earth & Environment» zeichnet ein verheerendes Bild: Textilunternehmen blasen jedes Jahr 4 bis 5 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre, das sind rund 10 Prozent der globalen CO2-Emissionen Neuwagen in der Schweiz Beliebte Dreckschleudern . Sie verbrauchen 79 Billionen Liter Wasser und fabrizieren mit ihrer überproduktion einen Berg an Textilabfällen, jährlich 92 Millionen Tonnen.

Hinzu kommt: 60 Prozent der Kleider werden nach nur einem Jahr entsorgt, schrieb die Fachzeitschrift «Nature Climate Change» kürzlich. Der Grossteil landet auf Deponien Lukratives Geschäft mit Bauabfall «Eine Deponie ist wie ein Sechser im Lotto» oder wird verbrannt – pro Sekunde ein Kehrichtwagen voll.

Neue Wertigkeit

«Wenn wir nicht wollen, dass unser Planet kollabiert, muss sich in der Textilbranche etwas ändern», sagt David Hachfeld. Er ist bei der Schweizer Nichtregierungsorganisation Public Eye Nachhaltige Mode Zweifelhafte Labels bei Zalando und About You für die Clean Clothes Campaign zuständig, die sich seit über zwanzig Jahren für die Rechte der Textilarbeitenden einsetzt. Man müsse umdenken. Die Ressourcen müssten entlang der Lieferkette Transport um die halbe Welt Der Irrsinn mit den Cashewnüssen gerechter verteilt werden, Konsumentinnen auf Kleider setzen, die lange in Mode bleiben.

Zudem braucht es ein neues Verständnis für die Arbeit, die in Textilien steckt. Hachfeld plädiert für mehr Upcycling. «Wer alte Kleider in neue umnäht, macht deutlich, wie viel Wert in Produkten steckt, die andere wegwerfen.» Aus ökologischer Perspektive sei das etwas vom Sinnvollsten.

Einer, der das professionell macht, ist Designer Rafael Kouto. Er kreiert seine Kollektionen aus Altkleidern: «Ich wollte eine Alternative zum jetzigen Modesystem finden.» Labels wie das von Kouto stehen für die Gegenbewegung zu Fast Fashion: Slow Fashion. Statt die Kundschaft im Monats- oder Zweiwochenrhythmus mit neusten Trends zu beliefern, produzieren und verkaufen sie nachhaltige Kleider. Ihre Wertschöpfungsketten sind transparent, die Beziehungen zu den Lieferanten Betreibung Wie reagieren, wenn Lieferanten Sie betreiben langjährig.

«Ich stelle mir vor, dass wir Mode nicht mehr besitzen, sondern nur noch nutzen.»

Karin Frick, Trendforscherin

Slow Fashion klingt nicht nur weniger verstaubt als Ökomode, der Begriff illustriert auch einen Imagewandel Umweltbewusst leben «Der Vergleich mit anderen ist sehr wirksam» . Die Alpaka-Ponchos aus kratziger Wolle sind längst verschwunden, genauso die Röcke aus steifen Stoffen. Viele Kollektionen sind cool und instagramable. Und wenn ein Teil nicht mehr gefällt oder passt, bringt man es in den Secondhandshop, auf eine Kleidertauschbörse oder in eine Kleiderausleih-Boutique. Und startet damit ein Modell mit Zukunft.

Trendforscherin Karin Frick vom Gottlieb-Duttweiler-Institut sagt: «Ich stelle mir vor, dass wir Mode nicht mehr besitzen, sondern nur noch nutzen.» In Showrooms Online-Handel «Da kommt etwas Gewaltiges auf uns zu» würden wir die Kleider anfassen und probieren, in Textilbibliotheken ausleihen. Als wäre die Vision nicht schon genug, doppelt sie mit Science-Fiction nach: «Vielleicht werden wir dereinst alle einen hautfarbenen Overall tragen, dessen Stoff Hologramme erzeugt – für unterschiedlichste Farben, Schnitte und Silhouetten.»

Janine Wirth und Anna Vetsch

Janine Wirth und Anna Vetsch

Quelle: Sandra Gadient

Fin Projects: Sie wollen kopiert werden

Das Label Fin Projects zeigt, wie Leder nachhaltig und transparent produziert werden kann. 

Designerin Janine Wirth und Nachhaltigkeitsmanagerin Anna Vetsch fertigen Accessoires aus Leder – Taschen, Portemonnaies, Schlüsselanhänger und Agendahüllen. Die Häute, die sie dafür verarbeiten, stammen von Mutterkühen, die auf Schweizer Bio-Betrieben Biologisch vs. konventionell Kann Bio die Welt ernähren? lebten. Gegerbt werden sie in der Toskana. «Wir entschieden uns für Italien, weil wir mit Fin Projects nicht eine Nische schaffen, sondern unsere Lieferkette so gestalten wollten, dass sie skalierbar ist. Damit auch grosse Firmen wie Bally oder Gucci auf dieselbe Weise produzieren könnten.»

Die Gerberei kann Grossaufträge bewältigen. Und sie gerbt die Häute mit Mimosa, Eiche und Quebracho-Rinde. Das ist, verglichen mit der Chromgerbung, nicht immer umweltfreundlicher – pflanzliches Gerben braucht mehr Wasser als chemisches. Doch beim chemischen Färben sind die Risiken grösser. «Oft werden schädliche Chemikalien Weihnachtsbeleuchtung Illegale Schadstoffe in Lichterketten beigemischt», sagt Vetsch. «Wir lassen die Häute pflanzlich gerben, weil das Leder Nappaleder So trickst VW bei den Ledersitzen so natürlich und länger haltbar bleibt», sagt Janine Wirth. Es werde mit der Zeit immer robuster. Dunkler, weicher, schöner. «Unsere Taschen sind wie die Haut von Menschen, geprägt vom Leben.»

Lederhäute und Färbemittel

In der Toskana werden die Häute mit Mimosa, Eiche und Quebracho-Rinde gegerbt.

Quelle: Juliette Chrétien, Sandra Gadient

Wissen für alle

Genäht werden sie in einem Familienbetrieb nahe Florenz. Mehrere Male im Jahr fahren Vetsch und Wirth hin. «Für die Transparenz sind direkte Beziehungen wichtig. Wir wollen ohne Zwischenhändler mit den Verantwortlichen zusammenarbeiten », sagt Vetsch. In jedes Produkt ist eine Nummer geprägt. Auf der Firmen-Website kann man sie anklicken und erhält alle Höfe aufgelistet, von denen die Häute stammen. 

Um ihr Know-how zu teilen, haben die Unternehmerinnen Sustainable Design Projects gegründet. Zum einen verkaufen sie Lederhäute, zum anderen unterstützen sie andere Firmen, die nachhaltige Lederprodukte produzieren wollen. Bis sie Fin Project lancierten, habe es immer geheissen, in der Lederindustrie könne man keine Transparenz schaffen. «Kleine Labels Corona-Lockdown Wie kleine Labels der Krise trotzen können das Gegenteil beweisen, sie sind oft innovativer als die Grossen», sagt Vetsch. «Spannend wird es, wenn die Grossen die Ideen der Kleinen adaptieren oder neu interpretieren.»

Text: Barbara Schmutz

Rafael Kouto

Rafael Kouto

Quelle: Massimiliano Rossetto

Rafael Kouto: Upgrade für Altkleider

Rafael Kouto verwandelt alte Kleider in hochwertige Designstücke. Mit seiner Arbeit will er unseren Konsum hinterfragen.

«Während meines Masterstudiums in Amsterdam habe ich mich schon mit Nachhaltigkeit beschäftigt. Als ich später bei Modehäusern wie Alexander McQueen oder Maison Margiela arbeitete, fragte ich mich, ob es möglich sei, auf eine andere Art Mode zu machen. Die Marke Rafael Kouto entstand, weil ich eine Alternative zum jetzigen Modesystem finden wollte.

Mit meinem Label erschaffe ich tragbare Statements – durch Upcycling und hybride Ästhetik. Ich versuche, die westliche und die afrikanische Kultur, die beide Teil meiner Identität SwissID und E-ID Dazu braucht es eine digitale Identität sind, zu vermischen. Ich erhalte von Texaid Kleider, die Leute nicht mehr tragen wollen, und verändere sie mit verschiedenen traditionelle Techniken, etwa Weben, Siebdruck oder Stickereien. So gebe ich ihnen mehr Wert.

In diesem Prozess muss man flexibel sein und sich an das anpassen, was man findet. Bis ein Stück fertig ist, kann es mehrere Wochen oder Monate dauern. Mir ist wichtig, zu zeigen, dass sich Kleider mit der Zeit verändern dürfen, dass Mode etwas Lebendiges ist.

Moodboard, zwei Models auf dem Laufsteg

Am Anfang jeder Kollektion erstellt Rafael Kouto ein Moodboard.

Quelle: Zoe Tempest, Alexander Palacios

In Workshops analysiere ich mit Teilnehmenden ihre Kleider und weshalb sie diese nicht mehr tragen. Dann machen wir etwas Neues daraus. Wegen des Coronavirus wurden zwar viele Termine abgesagt, aber die Krise hat mir auch bestätigt, dass das, was ich angefangen habe, Zukunft hat.

Wir alle haben gemerkt, was wir schon haben, und haben weniger konsumiert. Es ist offensichtlich geworden, dass das Modesystem ein globales System ist. Wenn etwas in China China auf dem Vormarsch Die Schweiz in den Fängen des Drachen nicht produziert werden kann, hat das einen Effekt darauf, was in unseren Läden hängt. Das wird manchmal vergessen. Vielleicht konsumieren künftig häufiger lokal.»

Aufgezeichnet von: Judith Schönenberger 

Sebastian Lanz vom Onlineshop Rrrevolve

Sebastian Lanz

Quelle: Florian Kalotay

Rrrevolve: Zeitlose Basics, strenge Kriterien

Sebastian Lanz verkauft mit seinem Shop Rrrevolve seit zehn Jahren nachhaltige Kleider und Accessoires.

Beobachter: Wie haben Sie die letzten Wochen überstanden?
Sebastian Lanz: Wir mussten die beiden Läden schliessen, und online wurden zuerst vor allem Trainerhosen, Unterwäsche und Yogamatten bestellt. Da hatte ich ein mulmiges Gefühl. Doch ab der zweiten Woche zog es an. Der Online-Shop war so gut besucht, dass wir damit die Nulleinnahmen in den Läden weitgehend kompensieren konnten.


Sie wollen Junge genauso ansprechen wie Seniorinnen. Wie soll das gehen?
Wir verkaufen nicht einen Stil für eine bestimmte Zielgruppe, sondern eine nachhaltige Alternative Fleischlos glücklich 9 Alternativen zu Fleisch zu Fast Fashion. Wir setzen auf zeitlose Basics und orientieren uns dabei eher am schlichten nordischen Stil als am italienischen mit Bling-Bling und Swarovski-Kristallen. Wir funktionieren nach dem Kleiderschrankprinzip. Bei uns soll man alles kaufen können, was man braucht  – von der Unterwäsche über die Socken bis zu Blusen, T-Shirts, Jeans. Die Basics ergänzen wir mit Trends, von denen wir glauben, dass sie länger gefragt sind. Bei den Frauen sind das derzeit etwa Mom-Fit-Jeans, in den Achtzigerjahren nannten wir sie Rüeblihosen. Und für den kommenden Winter haben wir statt Parkas vermehrt Daunenjacken bestellt. Wobei die mit recyceltem PET oder mit Kapok, Pflanzendaunen, gefüllt sind.


Das klingt nicht nach supermodisch.
Das bieten wir auch nicht. Was heute in und morgen wieder out ist, würde unserer Idee der Nachhaltigkeit komplett zuwiderlaufen. 

Rrrevolve-Store in Zürich

Sebastian Lanz betreibt mit Rrrevolve einen Online-Shop und zwei Läden in Zürich.

Quelle: PD

Wie stellen Sie sicher, dass alle Marken nachhaltig sind, die Sie anbieten?
Von den Brands verlangen wir Unterlagen. Wer keine Zertifikate vorweisen kann, muss unser Vertrauen gewinnen. Wenn uns der Firmenauftritt nicht stimmig erscheint und Nachhaltigkeit wie eine Fassade wirkt, sagen wir ab. Bei Marken, mit denen wir uns trotz fehlender Zertifikate eine Zusammenarbeit vorstellen können, wollen wir wissen, wie transparent ihre Lieferkette ist.


Welche Zertifikate sind für Sie wichtig?
Es sind vor allem der Global Organic Textile Standard (GOTS) und die Fair Wear Foundation. GOTS steht für Textilien aus biologischen Naturfasern, die Fair Wear Foundation ist eine unabhängige Stiftung, die mit globalen Textilfirmen zusammenarbeitet, um die Arbeitsbedingungen aller zu verbessern.


2019 warfen Sie den Espadrilles-Brand Toms aus dem Sortiment Toms-Schuhe «Wirklich nachhaltig ist das nicht» , weil er Ihren Kriterien nicht genügte. War das die erste Kündigung?
Ja, Toms ist der erste grosse Hersteller, mit dem wir nicht mehr zusammenarbeiten wollten. Der Hersteller und der Importeur hatten immer wieder versprochen, die Produkte zertifizieren zu lassen, und auch angekündigt, dass künftig Espadrilles aus Biobaumwolle und Leinen fabriziert würden. Tatsächlich waren dann von rund 200 Modellen nur rund ein Dutzend aus Biobaumwolle und aus Hanf Hanf «Wir geben Gras» . Als wir erfuhren, dass Toms die Produktion von China nach Vietnam und Indonesien verlegt, in Länder also, wo noch günstiger produziert wird, war für uns klar: Das geht in die falsche Richtung. Wer Fair Fashion kauft, möchte, dass Näherinnen und Näher einen existenzsichernden Lohn bekommen. 


Wie sozial sind die Brands, die Sie in Ihren Shops anbieten?
Mit Ausbeuterbetrieben arbeiten wir nicht zusammen. Wir können unserer Kundschaft aber leider nicht garantieren, dass die Menschen, die ihre Kleider produzieren, einen Lohn bekommen, der für sie und ihre Familie zum Leben reicht. Die gesetzlichen Mindestlöhne vieler Länder sind leider weit von existenzsichernden Löhnen entfernt. Wir setzen uns gemeinsam mit vielen Playern dafür ein, hier Transparenz zu schaffen und den Druck zu erhöhen, damit endlich etwas passiert. Es ist aber eine Illusion, zu glauben, dass ein einzelner Produzent an den schlechten Löhnen Lohnungleichheit «Ich verdiene mehr als du!» gross etwas ändern kann. Das muss auf nationaler Ebene geschehen, über Gesetze, die existenzsichernde Löhne vorschreiben. 

Interview: Barbara Schmutz

Influencerin Anina Gepp - aniahimsa

Anina Gepp

Quelle: Privat

Anina Gepp: Bewusst einkaufen

Anina Gepp bloggt auf aniahimsa.com über Nachhaltigkeit und Gesundheit und wirbt als Influencerin für faire Mode.

Beobachter: Wie kamen Sie als Influencerin dazu, sich für faire Mode zu interessieren?
Anina Gepp
: Als ich vor fünf Jahren begann, mich vegan zu ernähren, habe ich gemerkt, was für einen grossen Einfluss das auf die Umwelt hat. Ich wollte meinen Fussabdruck noch weiter verkleinern und bin so auf Fair Fashion gestossen. Vorher ging ich, wie viele junge Frauen, oft einkaufen und habe mir keine Gedanken dabei gemacht. Denn wenn man im Laden steht, sieht man nicht direkt, was hinter einem Kleidungsstück steckt. Bei einem Stück Fleisch ist es leichter zu begreifen, dass das einmal ein Tier war.


Wie stellen Sie sicher, dass die Firmen, für die Sie auf Ihrem Blog und Instagram-Kanal werben, fair produzieren?
Das Schwierige bei fairer Mode ist, dass es kaum ein Gütesiegel gibt, wie man das von Nahrungsmitteln kennt. Deshalb ist es wichtig, dass man kritisch ist. Jedes Label, das wirklich nachhaltig ist, hat eine transparente Lieferkette Import von Reptilienleder Das Elend am Handgelenk . Man sieht, wie sich die Stoffe zusammensetzen oder sogar, was eine Arbeiterin verdient. Man kann Labels kontaktieren und nachfragen.


Würden Sie mit Marken wie H&M oder C&A für eine Nachhaltigkeitskollektion zusammenarbeiten?
Nein. Man muss sich fragen, ob die Unternehmen ihr nachhaltiges Engagement ernst meinen oder ob es vor allem dem Marketing dient. Klar ist es gut, dass sie sich in diese Richtung bewegen. Aber es wäre blauäugig, ihr Engagement nicht zu hinterfragen. Wegen der Corona-Krise Corona-Krise trifft Freischaffende hart Für Musikerinnen und Musiker wird es düster hat beispielsweise H&M seine Arbeiterinnen in Südostasien nicht bezahlt. So etwas machen wirklich faire Firmen nicht.  


Sie stehen für Nachhaltigkeit, regen aber gleichzeitig zum Konsum an. Ist das kein Widerspruch?
Das habe ich mich auch schon gefragt. Bei Werbung für Mode Apps für Kinder Gefahr durch Werbevideos und In-App-Käufe gebe ich die Kleider oft zurück, nachdem ich Fotos gemacht habe. Sonst stelle ich meist Produkte des täglichen Konsums vor, die man sowieso braucht. Gleichzeitig sage ich den Leuten: Kauft nicht blind! Sie sollen selbst abschätzen, was sie wirklich brauchen. Ich zwinge niemanden dazu, zu kaufen, was ich bewerbe. Aber ich schaue darauf, was ich an die Leute herantrage, denn sie vertrauen meinen Inhalten.

Interview: Judith Schönenberger

Kilian Wiget vom Kleiderlabel ZRCL

Kilian Wiget

Quelle: Isabelle Wiget

ZRCL: Transparent – und erschwinglich

Kilian Wiget hat sein Label ZRCL mit bescheidenem Budget und Besonnenheit zum Erfolg gebracht.

«Ich habe Nachhaltigkeit in der Kleiderbranche immer vermisst», sagt Kilian Wiget. Er führte jahrelang ein eigenes Sportgeschäft und suchte für sein Sortiment nach fairen Modemarken, doch keine überzeugte ihn ganz. 

So entstand die Idee für ZRCL, ausgesprochen wie circle, Kreis. Kleider, die vom Anbau bis zum Verkauf transparent, fair, biologisch, CO2-neutral Kritik an Holzheizungen Wegen Klimaschutz mehr Dreck in der Luft und ökologisch hergestellt werden. Ein Jahr lang suchte Wiget nach der passenden Fabrik, zwei Jahre arbeitete er nach Feierabend und am Wochenende für sein Label. Befreundete Detailhändler Coop und Migros Verpackungswahnsinn im Onlinehandel nahmen ZRCL in ihr Sortiment auf, obwohl Nachhaltigkeit damals, 2015, noch kaum ein Verkaufsargument war. «Ich hörte oft: ‹Das interessiert unsere Kunden nicht.›» Anscheinend tat es das doch.

ZRCL als Insider-Tipp
Die ersten 900 T-Shirts – mehr gab das Budget Budget Den Geldfressern auf der Spur nicht her – kamen gut an. Fachhändler und Kundinnen empfahlen das Label weiter und machten es bekannter. «Das ist das A und O, damit wir mit einem bescheidenen Marketingbudget Erfolg haben können.» Mittlerweile hat ZRCL die zehnte Kollektion herausgebracht.

ZRCL - Model und Etikette

Auf jedem ZRCL-Etikett steht ein Code - damit kann man die Lieferkette zurückverfolgen.

Quelle: We are ZRCL

Heute bestellt Wiget rund 15'000 Kleidungsstücke pro Jahr. «Das veranschaulicht unser Wachstum in den letzten fünf Jahren ganz gut.» Seit zwei Jahren erlebe nachhaltige Mode einen Boom. Viel Gewinn macht ZRCL nicht, stattdessen sind die Kleider bezahlbar, ein T-Shirt gibt es ab 39, für Kinder ab 29 Franken. Erst seit 2018 zahlt sich Kilian Wiget einen Lohn Lohn Fragen und Antworten rund ums Salär aus, bis vor einem halben Jahr war er der einzige Angestellte bei ZRCL. Dafür halfen Freunde und Bekannte immer wieder mit. Seit letztem Dezember hat er nun eine feste Mitarbeiterin. «Ich will mein Unternehmen aber immer nur so weit vergrössern, wie es für uns und unsere Kunden stimmt.»

Auch ZRCL hat die Corona-Krise zu spüren bekommen, diese ist laut Wiget aber nicht existenzbedrohend. Vor allem Aufträge für Firmen- und Vereinsbekleidung seien stark zurückgegangen, aber die Bestellungen im Online-Shop kompensierten die Verluste zum Teil. Kilian Wiget hofft, dass sich die Situation bald normalisiert und er neue Ideen umsetzen kann. «Wir sind auf dem richtigen Weg, aber haben noch viel Potenzial.»

Text: Judith Schönenberger

Daniel Frey - Souls of Rock Clothing

Daniel Frey

Quelle: Frank Kollbrunner

Souls of Rock Clothing: Faires für Rockfans

Daniel Frey ist der Aussenseiter in der Szene: Er macht sozial produzierte Ware für Metal- und Hardrock-Fans. 

Diesen Frühling, mitten im Stillstand, erhielt Daniel Frey ein Paket. Endlich. Vor ihm lag die weltweit erste zu 100 Prozent rückverfolgbare Rock-’n’-Roll-Kollektion. «Ein Meilenstein, der uns einige schlaflose Nächte bereitet hatte», sagt Frey lächelnd. Er ist Kopf und Herz von Souls of Rock Clothing (SOR) und lässt ökologische und fair gehandelte Kleider für die Rockmusikszene Musik «Wenn du Ja zu Metal sagst, bleibst du dabei» herstellen. Vom Rohmaterial bis zum fertigen Stück wird jeder Produktionsschritt von Familienbetrieben in Europa und der Schweiz durchgeführt.

Dabei ist Frey von Haus aus Banken- und Versicherungsfachmann. Vor sieben Jahren nahm er sich ein Auszeit, fuhr mit dem Motorrad durch die USA und fand seine Berufung. Er gründete seine eigene Firma und das Label SOR. Beim Thema Nachhaltigkeit kommt der sonst eher ruhige 49-Jährige in Fahrt. «Nachhaltigkeit ist zu einem Gummiwort verkommen. Was bringen Fair-Trade-Zertifikate, wenn die Löhne der Näherinnen nicht bezahlt sind, oder Bio-Baumwoll-Label, wenn der Rest der Wertschöpfungskette nicht transparent ist? Die Textilindustrie Waschmaschinen Wie Kleider das Wasser verschmutzen muss revolutioniert werden.»

Persönlich vor Ort
Daniel Frey überzeugt sich an Ort und Stelle, dass seine Ansprüche erfüllt werden. Er besucht alle Betriebe, erstellt Firmenporträts und spricht mit Chefs und Angestellten. «Unsere Aufträge sind kleine Fische – etwas vorzutäuschen, würde sich für sie nicht lohnen.» Mittels QR-Code lassen sich alle Informationen nachlesen. Etwa die Arbeitszeiten Arbeitszeiterfassung Wer muss seine Stunden zählen? eines Schweizer Färbers, der Durchschnittslohn einer portugiesischen Näherin oder die Transportwege. Den Stoff des aktuellen Hoodies hat SOR mit seinen  Produktionspartnern gar neu entwickelt.

Doch was hat das alles mit Metal und Hardrock zu tun? Sie ist Freys Leidenschaft. Darum fliessen 10 Prozent seines Umsatzes in die Förderung von talentierten Bands für Live-Auftritte und Videoproduktionen. «Das Vertrauen unserer Teilhaber und Kunden sowie die Unterstützung von Familie und Freunden machen die Realisierung erst möglich. Es steckt sehr viel Herzblut in SOR.»

Text: Nicole Müller

Andreas und Edith Fehr - Label Neumühle

Andreas und Edith Fehr

Quelle: PD

Neumühle: Mode aus dem Meer

Andreas Fehr betreibt zusammen mit seiner Mutter Edith das Label Neumühle. Aus alten Fischernetzen machen sie zeitlose Badebekleidung.

«So richtig bewusst wurde mir das Problem mit dem Plastik Plastikmüll Hier steckt am meisten Mikroplastik drin auf meiner Weltreise. In Südostasien, an den schönsten Stränden, lag überall Plastikabfall. Noch während der Reise kündigte ich den Job, ich wollte etwas Sinnvolles tun. Ich hatte schon vorher mit meiner Mutter das Label Neumühle gegründet – als Kreativplattform, damit sie ihre Häkelarbeiten verkaufen konnte.

Kurze Wege
Fischernetze machen 30 bis 50 Prozent des Plastikmülls in den Meeren aus. Dabei ist Nylon sehr hochwertig und kann endlos rezykliert werden. Die italienische Firma Econyl gewinnt aus alten Netzen Garn. Daraus fertigen wir unsere Kollektionen. Die haben wir nach den Produzierenden benannt – die Swimwear ‹Von Alice› nach Alice, sie führt das Nähatelier in Lugano. 

Diese Nähe ist uns wichtig, auch beim Transport: ‹Von Alice›-Stücke legen vom Garn bis zu uns 500 Kilometer zurück, beim Rucksack sind es 1200 Kilometer. Für die Ökobilanz Ökobilanz von Getränkeverpackungen Dose, Flasche oder doch Karton? macht es einen wesentlichen Unterschied, wenn die Waren nicht mehrmals um die Welt reisen.

Es war schwierig, Partner zu finden, die unsere Vision teilen, aber auch die richtige Qualität liefern. Unsere Stücke sollen ja lange halten. Inzwischen arbeiten wir eng mit mehreren Familienbetrieben zusammen und haben da persönliche Beziehungen entwickelt. Da kann man dann auch mal heikle Themen ansprechen, etwa die Löhne

Für die Zukunft träume ich davon, dass wir – nachdem wir ein Kleidungsstück ein-, zweimal geflickt haben – am Ende das Nylon und das Elasten trennen und erneut in einen Kreislauf geben können. Mir ist es lieber, wenn viele Leute etwas ausprobieren und halt auch falsch machen, als wenn einige wenige alles korrekt machen – und die anderen nichts.»

Text: Sarah Berndt

Smart Indigo-Technologie beim Label Where is Marlo

Das Schweizer Label Where is Marlo verarbeitet Denimstoff, der mit der Smart Indigo-Technologie gefärbt wurde.

Quelle: PD

Smart Indigo: Smart gefärbte Jeans  

Die Walliser Sedo Engineering hat die Technologie Smart Indigo zur Marktreife gebracht, die das Färben von Denim für Mensch und Umwelt weniger giftig macht. Die Schweizer Wirtschaft hat die Firma für ihren Umweltpreis 2020 nominiert.  

10 Billionen Jeans, Jeansjacken und Jeanshemden werden jährlich produziert. 66'000 Tonnen Indigo-Pulver braucht es, um diese Menge Denim zu färben. Mit dem Pulver allein wird aber kein einziges Fitzelchen Stoff blau, es muss für den Färbeprozess wasserlöslich gemacht werden – aus Indigo wird Leuko-Indigo. Mit Chemikalien, die zweifach gefährlich sind: Sie gefährden die Gesundheit der Menschen, die in den Färbereien arbeiten und sie belasten die Umwelt. Die Fabrikation von Denim-Kleidern zählt mit ihrem riesigen Wasserverbrauch Wasser sparen im Garten Pflanzen giessen mit wenig Wasser – die Fertigung einer einzigen Jeans braucht mindestens 7'000 Liter Wasser – und dem giftigen Cocktail, den es zum Färben und Veredeln braucht, zum dreckigsten Zweig innerhalb der Textilindustrie. 

Einziger Abfall ist Sauerstoff
Herbert Gübeli ist Geschäftsleiter der Walliser Firma Sedo Engineering. 2014 gegründet, brachte das Unternehmen eine Entwicklung des Chemikers David Crettenand zur Marktreife. Zuvor hatte dieser für seine Doktorarbeit an der ETH Zürich Ökologisch riskant ETH-Professoren kritisieren ihre Pensionskasse eine Entdeckung weiter verfolgt, die ein französischer Forscher bereits 1917 gemacht hatte – Färben mit Elektrizität. 

Crettenand entwickelte einen elektrochemischen Reaktor mit einer Zelle, die mit einer Membran vertikal halbiert ist. In die eine Kammer werden Indigopulver und Wasser gefüllt, in die andere Natronlauge. Strom spaltet die Natronlauge auf, in Wasser, Sauerstoff und zwei Sodium-Ionen. Letztere dringen, elektrisch geladen, durch die Membran und reduzieren die Indigo-Wasserlösung in Leuko-Indigo, die Substanz, die es zum Färben braucht. Wird sie auf Textilien aufgebracht, oxydiert sie und färbt Stoffe blau.

«Unsere Methode braucht 30 Prozent weniger Wasser, 70 Prozent weniger Chemikalien und der einzige Abfall, der entsteht ist Sauerstoff», sagt Gübeli. «Und den entlassen wir nach draussen.» Smart Indigo nennt Sedo Engineering die Entwicklung. Ende April wurden die Walliser für den Umweltpreis Schulgarten in Rüthi SG Das pflügende Klassenzimmer 2020 der Schweizer Wirtschaft nominiert. 

Italdenim im Norden von Italien liess 2016 die erste Maschine mit der Smart Indigo-Technologie anlaufen. Das Unternehmen, das Denim spinnt, webt, färbt und verarbeitet, unterschrieb 2014 die Greenpeace Detox-Vereinbarung und verpflichtete sich, auf giftige Chemikalien PCB Das Gift, das man vergessen möchte zu verzichten. Mittlerweile laufen zehn weitere Maschinen in Pakistan, China und Bangladesh, drei sind nach Vietnam verkauft. «Das ist angesichts der riesigen Mengen Denim noch nicht viel», sagt Gübeli. Doch sie würden zunehmend von grossen Brands kontaktiert, die an nachhaltiger Mode und Smart Indigo interessiert seien.  In der Schweiz verkaufen die Designerin Anne-Sophie Bitz mit ihrer Fair Fashion-Kinderkleidermarke Where is Marlo und der Onlineshop Tesello Smart Indigo-Denim. 

Text: Barbara Schmutz

Tipps, um Kleidung nachhaltiger einzukaufen

Wer beim Kleiderkauf auf Nachhaltigkeit achten möchte, kann folgende Tipps beherzigen:

  • Tipp 1: Konsum hinterfragen

Als Erstes hilft es, sich zu fragen, wieso man etwas kauft. Experte David Hachfeld rät: «Lernen Sie sich selbst als Konsument oder Konsumentin kennen.»

  • Tipp 2: Kleidung möglichst lange tragen

Kleidung aus zweiter Hand zu kaufen, spart Ressourcen, die für neue Kleidungsstücke hätten eingesetzt werden müssen. Beschädigte Kleidung zu reparieren ist nachhaltiger, als sie zu ersetzen.

  • Tipp 3: Labels kennenlernen

Wenn ein Kleidungsstück neu sein soll, hilft es, sich über Labels und Marken zu informieren, die Nachhaltigkeit garantieren. Dabei muss jeder Konsument selbst entscheiden, welche er für glaubwürdig hält. Orientierung bietet der Label-Guide von Public Eye.

Achtung: Preis und Herkunft eines Artikels sind keine Garantie für eine nachhaltige Herstellung.

  • Tipp 4: Online oder im Laden

Die Frage ist nicht nur, was, sondern auch, wo wir einkaufen. Je nach Situation kann der Online-Shop oder das Einkaufszentrum Online einkaufen oder im Laden Was ist umweltfreundlicher? die richtige Wahl sein.

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Judith Schönenberger, Online-Redaktorin

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