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SterbehilfeSuizid auf einen Klick?

Im Internet bieten zwielichtige Figuren das Sterbemittel Natrium Pentobarbital an. Was steckt dahinter?

Über zwielichtige Angebote im Internet finden Lebensmüde Sterbehilfe.
von aktualisiert am 07. März 2018

Geht es nach dem Willen eines 13-köpfigen Komitees der Sterbehilfeorganisation Exit, soll der Altersfreitod weiter liberalisiert werden. Hochbetagte Menschen sollen das Sterbemittel Natrium-Pentobarbital (NaP) ohne ärztliche Diagnose beziehen können. Ausserdem fordert die Gruppe eine Lockerung der Rezeptpflicht. Damit würde der Alterssuizid auch für Menschen geöffnet, die nicht schwer krank sind.

Bis es so weit ist, dürften manche der Lebensmüden auf zwielichtige Angebote im Internet zurückgreifen. Auf der Webseite Inserate Basel bot ein Morgan Moore Pentobarbital an. Der Beobachter hat mit ihm Kontakt aufgenommen. Die Korresponenz wurde in gebrochenem Englisch geführt:
 

«Sehr geehrter Herr Moore. Ich brauche dringend Pentobarbital. Wie viel können Sie mir senden und wie viel kostet es? Freundliche Grüsse.»
 

Keine Stunde später liegt seine Antwortmail in meinem Postfach:
 

«Die empfohlene Menge hängt vom Alter ab. Wenn Sie zwischen zwanzig und dreissig Jahre alt sind, sind 15 Gramm eine gute Dosis. Das kostet 175 Euros. Von einunddreissig bis fünfzig Jahre empfehle ich 30 Gramm zu 210 Euros, von einundfünfzig bis achtzig Jahre 50 Gramm zu 290 Euros.»
 

Die Preispolitik ist interessant. Wie es scheint, nimmt mit dem Alter auch die Resistenz des Körpers gegen Pentobarbital zu. Ich lese weiter:
 

«Es wird helfen, für immer friedlich zu schlafen. Checken Sie die Menge, die perfekt für Sie funktioniert und melden Sie sich wieder. Ich verschicke per FedEx oder DHL. Ich warte auf Ihre Bestellung und Adresse, damit wir die Bestellung auslösen können.»
 

Moment. Das geht mir jetzt etwas zu schnell. 
 

«Sehr geehrter Herr Moore. Zwar sehne ich mich danach, diese grausame Welt zu verlassen. Aber wie kann ich sicher sein, dass das Pentobarbital von guter Qualität ist?»
 

Als hätte Dr. Moore die Frage erwartet, kommt seine Antwort postwendend:
 

«Danke für Ihre Antwort. Ich habe in den letzten zehn Jahren so vielen Leuten geholfen, ein schmerzfreies und friedliches Ende zu finden. Ich habe ihnen allen pures Pentobarbital geliefert. Es ist kein einziges Mal schief gegangen. Sie können also sicher sein, dass Sie von mir nur die beste Qualität bekommen.»
 

Das klingt überzeugend. Jetzt scheint mir der Moment gekommen, um die Beziehung zu vertiefen. Ich wechsle ins vertrauliche Du:
 

«Lieber Morgan, ich hoffe, ich darf Dich so nennen. Ich schätze Deine kompetenten Antworten und vertraue Deinen Worten.»
 

Dann lasse ich die Katze aus dem Sack. Wird sich Morgan von einem angekündigten Mehrfachmord abschrecken lassen?
 

«Sicher wirst Du verstehen, dass ich nicht allein zu meiner letzten Reise aufbrechen möchte. Ich möchte einige Freunde und Bekannte mitnehmen, damit auch sie ihre schmerzvolle Existenz beenden können. 3 Erwachsene und 2 Jugendliche. Ich brauche also einiges mehr an Pentobarbital. Wäre es wohl möglich, einen Pauschalrabatt von 15 Prozent zu bekommen?»
 

Morgan Moore entpuppt sich als aufgeschlossener und fairer Verhandlungspartner:
 

«Okay. Du kannst mich Morgan nennen.»
 

Dann folgt die nüchterne Aufstellung der benötigten Menge, immer gemäss seiner Alterstabelle. Dann die Schlussrechnung, inklusive Mengenrabatt von 15 Prozent: 833 Euro. Was er jetzt noch brauche, sei das Geld und die Empfänger-Adresse. Doch plagen Morgan wirklich keine Skrupel?
 

«Lieber Morgan. Danke für den Rabatt. Ich bin so glücklich, dass ich jemanden gefunden habe, der meine Situation versteht. Lass mich eine letzte Frage stellen, bevor ich das Geld schischicke: Ich bin mir gar nicht einmal so sicher, ob es okay ist, auch Freunde und Bekannte mitzunehmen. Wie ist Dein Rat: Soll ich allein oder gemeinsam reisen
 

Erneut beweist Morgan viel praktischen Sinn und Feingefühl. Auch er spricht jetzt vom «Reisen»:
 

«Die Entscheidung, gemeinsam mit Freunden und Bekannten zu reisen, bedingt, dass Du mit Ihnen gesprochen hast. Dann siehst Du, ob die Reise sie glücklich machen würde. Ich hatte schon ähnliche Fälle, wo alle gemeinsam und glücklich gereist sind. Jeder soll und darf das allein entscheiden.»
 

«Dein Rat ist voller Weisheit, Morgan. Wohin soll ich das Geld schicken?»
 

«Ich brauche zuerst Deine Adresse.»
 

Ich schicke ihm die Adresse der Redaktion. Eine halbe Stunde später erhalte ich die Adresse von fünf Shops, die den Service von RIA anbieten. RIA ist spezialisiert auf Geldtransfers in Entwicklungsländer.
 

«Sende das Geld an Blanche Ngah, Avenue Kennedy 00237, Yaounde, Kamerun.»
 

Kamerun und nicht etwa Russland, wie ich ursprünglich vermutet hatte! Das kommt überraschend. Und warum soll das Geld an eine Blanche Ngah gehen und nicht an ihn selber? Morgans Antwort beschämt mich: Wie konnte ich ihm misstrauen?
 

«Blanche ist meine Sekretärin. Ich bin im Labor. Ich kann nicht die ganze Arbeit allein machen. Kannst Du das verstehen?»
 

«Absolut. Ich sende Dir das Geld in einer Stunde. Nur so aus Neugier: Könntest Du mir vielleicht ein Foto von Dir im Labor schicken? So weiss ich sicher, dass ich in guten Händen bin.»
 

Und dann passiert es. Mist. Ich habe vergessen, die Signatur aus meiner Mail zu löschen. Die Bezeichnung «Redaktor» dürfte auch dem gewieften Pentobarbital-Händler aus Yaounde ein Begriff sein. Und um was für ein Unternehmen es sich bei Ringier Axel Springer handelt, lässt sich mit einem Klick herausfinden. Es vergehen endlose Minuten. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, ein neues Mail von Morgan:
 

«Du bist in guten Händen. Sag mir Bescheid, sobald Du das Geld geschickt hast.»
 

Morgan scheint hart im Nehmen. Das macht mir wieder Mut.
 

«Fein. Ich schicke Dir das Geld. Und was ist mit dem Foto? Es wäre mir eine grosse Hilfe.»
 

Jetzt läufts auf einen Nervenkrieg hinaus. Meine Mail ging um 14.41 Uhr. Morgan antwortet um 14.48:
 

«Okay. Verstanden.»
 

Ich lasse ihn zappeln. Morgan um 15.41:
 

«Hallo? Ist alles okay jetzt für Dich?»
 

Ich wanke nicht. Morgan um 15.54:
 

«Wenn Du die Zahlung schon ausgeführt hast, schick mir ein Foto der Quittung, damit die Zahlung bestätigt werden kann. Ich warte.»
 

Zwei Klicks und eine Bildersuche mit Google später finde ich das Foto auf der Webseite der Fotoagentur Shutterstock. Haha! Nice try, Morgan! Ich schreibe:
 

«Bei mir alles okay. Danke vielmals für das Foto. Und hast Du gesehen? Auch auf der Seite der Fotoagentur Shutterstock gibt es Dein Bild. Bist Du so berühmt in Kamerun? Herzliche Grüsse.»
 

Morgan braucht nur zehn Minuten, um zu parieren. Respekt!
 

«Hallo. Das ist die Natur unseres Jobs. Überall auf der Welt unterstützen und helfen wir Leuten. Wir beschränken uns nicht auf ein einzelnes Land oder einen einzelnen Kontinent. Wenn Du Spezialist bist, kannst Du überall arbeiten. Ist die Zahlung erfolgt?»
 

Morgan, offen gestanden: Nein. Aber dass seine Hilfsorganisation derart weltumspannend wirkt, beeindruckt mich dann doch. Ich schreibe:
 

«Jetzt wo ich weiss, dass es auf der ganzen Welt Menschen in Labors gibt, die nichts anderes wollen, als anderen Menschen zu helfen, bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich die Reise wirklich antreten will. Ist die Welt nicht eigentlich ein wundervoller Ort? Was meinst Du? Bitte sende mir Deine ehrliche Antwort möglichst schnell.»
 

Morgans Antwort muss den Vergleich mit den klügsten Philosophen nicht scheuen:
 

«Die Welt ist ein guter Ort, um zu leben. Aber manche Leute möchten nicht ihr ganzes Leben in Schmerzen verbringen. Manche leiden an einer unheilbaren Krankheit und der Tod weigert sich, ihnen das Leben zu nehmen. Sie müssen immer weinen und leiden. Wenn Du selber in einer solchen Situation wärest, würdest Du immer noch finden, dass die Welt ein wundervoller Ort ist?»
 

«Das sind sehr weise Worte, Morgan. Gib mir ein wenig Zeit, um darüber nachzudenken. Dann melde ich mich wieder.»
 

War das ein Schlag zu viel? Zum ersten Mal seit Beginn unseres Mailverkehrs scheint Morgan angezählt. Er gibt sich schmallippig.
 

«Ok.»
 

Damit endete unser Austausch.

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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