«Bitte anschnallen - die Preise heben ab» («Blick»). «Alles wird teurer» («Basler Zeitung»). «Inflation kommt zurück» («Blick»). Solche Schlagzeilen häuften sich kurz vor Jahresende. In der Tat hat die Verteuerung des Erdöls und weiterer Rohstoffe in der Schweiz eine Serie von Preisaufschlägen bei Gütern des täglichen Bedarfs ausgelöst. Das reicht von Benzin und Gas über Bier und Kaffee bis zu Brot, Käse und Schokolade. Fünf Rappen mehr für das Pfünderli Ruchbrot, fünf Rappen mehr für den Liter Milch, zehn Rappen mehr fürs Joghurt - alles in allem verlangen die Grossverteiler für diverse Grundnahrungsmittel zwischen zwei und drei Prozent mehr. Preisüberwacher Rudolf Strahm ist jedoch nicht alarmiert: «Ich warne bei einer Teuerung von zwei Prozent vor einer Panikmache.» Die Inflationsangst sei vollkommen übertrieben und fehl am Platz. In der Tat scheint vergessen, dass die Konsumenten hierzulande gerade für Lebensmittel in den letzten Jahren immer weniger ausgeben mussten.

Doch nicht nur die Lebensmittelpreise sind gefallen. Ob Handy, Pullover oder Computer: Für viele Konsumgüter zahlen wir heute einen Bruchteil dessen, was noch vor fünf Jahren fällig war. Und wenn man bedenkt, dass die Schweizer vor gut drei Generationen für die Nahrungsmittel 57 Prozent ihres Haushaltsbudgets brauchten und es heute noch knapp 13 Prozent sind - so wenig wie in keinem anderen europäischen Land -, dann ist klar, was Preisüberwacher Strahm mit Panikmache meint. Auch der offizielle Landesindex der Konsumentenpreise zeigt, dass nicht die Lebensmittel, sondern das Erdöl die Teuerung in den letzten Monaten deutlich ansteigen liess - 1,3 Prozent im Oktober, 1,7 Prozent im November, zwei Prozent im Dezember: «Wer eine Ölheizung hat und Auto fährt, für den ist es teurer geworden», sagt Marcel Paolino vom Bundesamt für Statistik. Die Rentner Arthur und Annemarie Scheuermeier aus Zürich können dies nur bestätigen (siehe Umfrage). «Vor allem fürs Heizen geben wir in letzter Zeit mehr Geld aus», sagt Arthur Scheuermeier. Dennoch: «Gross einschränken müssen wir uns deshalb nicht. Wir geben für grössere Anschaffungen halt erst dann Geld aus, wenn wir es haben.»

Der Staat reguliert - und verteuert oft
Kürzertreten müssen aber die untersten Einkommensklassen. Sie trifft es, wenn Brot und Milch teurer werden. Vor allem Familien mit kleinem Einkommen sind laut Preisüberwacher Rudolf Strahm durch die Krankenkassen und Gebühren unter Druck geraten. Für den Durchschnittsschweizer jedoch scheint der höhere Milchpreis kein Grund zum Jammern:

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  • Beispiel Benzinpreis: Dieser ist in der Tat kräftig gestiegen - in einem Jahr von 1.70 auf fast zwei Franken. Im gleichen Zeitraum jedoch sind so viele Neuwagen wie noch nie in der Schweiz verkauft worden, und der Treibstoffverbrauch hat 2007 einen Höhepunkt erreicht.
  • Beispiel Telekommunikation: 25 Prozent weniger zahlt man seit der Liberalisierung für das Telefonieren. Doch wird deswegen nicht weniger ausgegeben: Die Schweizer haben mehr telefoniert oder im Internet gesurft und keinen Rappen gespart.
  • Trotz höheren Preisen für Grundnahrungsmittel ist der Konsum gegen Jahresende deutlich gewachsen: Noch nie verzeichnete der Detailhandel ein so gutes Weihnachtsgeschäft.
  • Umgekehrt hätten die Konsumenten 2007 mit nur geringem Aufwand deutlich weniger für Dienstleistungen bezahlen können, wie eine Analyse des Internet-Vergleichsdienstes Comparis zeigt. Günstigere Krankenkassenprämien, weniger Geld für Autoversicherungen und tiefere Preise beim Mobiltelefonieren seien für alle möglich gewesen. Der Haken: Die Verbraucher müssten sich aktiv darum bemühen.
  • Tatsächlich sind einzelne Bereiche in den letzten Jahren empfindlich teurer geworden. Laut Berechnungen des St. Galler Ökonomieprofessors Franz Jaeger sind dies vor allem Preise, bei denen die öffentliche Hand regulierend eingreift. So sind von Mai 2000 bis Dezember 2007 die administrierten Preise wie Gebühren oder der öffentliche Verkehr gesamthaft um 10,2 Prozent gestiegen, während die Teuerung gleichzeitig nur 7,9 Prozent betrug. Die Billettpreise der SBB liegen 5,4 Prozentpunkte über der Teuerung, bei der Post hat der Staat in sieben Jahren vier Preiserhöhungen um insgesamt fast 23 Prozent bewilligt. Gross protestiert wurde nicht.

Brotpreis hat symbolische Bedeutung
Wie passt das alles zusammen? Warum reagieren die Konsumenten derart heftig, wenn die Preise für Grundnahrungsmittel steigen? Und wieso hat sich noch kein handfester Widerstand formiert, wenn man für eine neue Identitätskarte heute 65 Franken bezahlt, während es vor 30 Jahren noch zwei Franken waren? «Brot, Milch und Butter haben hohen Symbolcharakter, denken Sie nur an den Satz: ‹Gib uns heute unser täglich Brot›», sagt Karin Frick, Konsumforscherin beim Gottlieb-Duttweiler-Institut. Der Konsument sei bei den Lebensmitteln äusserst sensibilisiert, da er sich diese Produkte «einverleibt». Eine Identitätskarte, Strom- oder Abfallgebühr hingegen seien uns vergleichsweise viel weniger nahe. Weil wir sie nicht essen und viel seltener dafür zahlen müssten.

Wirtschaftsexperte Franz Jaeger, der die Preisentwicklung bei den staatlichen Gütern seit einiger Zeit alarmierend findet, nennt einen weiteren Grund, warum diese weniger wahrgenommen wird: «Ob ein Preisanstieg wie bei den administrierten Preisen zwar deutlich, aber langsam verläuft oder ob die Preise auf einmal in den Lift gehen, wie nun bei Milch und Benzin, wird unterschiedlich wahrgenommen.» Ein schneller Anstieg sei in der Wahrnehmung durchaus drastischer.

Zahlen und Statistiken - damit ist dem Konsumenten nicht beizukommen. «Manisch-depressiv» nennt Karin Frick denn auch den heutigen Konsumenten: «Eine gute Stimmung gibt den Leuten das Gefühl, sie seien reicher - eine schlechte, sie seien ärmer.» Wobei Jaeger hinzufügt: «Der Konsument fühlt sich oft viel schlechter, als es ihm wirklich geht.»

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Gefühle versus Fakten
Im Landesindex der Konsumentenpreise hat das Gefühl keinen Platz. Einer, der den Emotionen Rechnung tragen will, ist Hans Wolfgang Brachinger, Statistikprofessor an der Uni Freiburg. Seine Antwort heisst «Index der wahrgenommenen Inflation», auch «gefühlte Inflation» genannt. Für Brachinger ist klar: Der Landesindex der Konsumentenpreise ist nicht falsch, aber «er misst an den Leuten vorbei». Erstens unterscheide er nicht zwischen Produkten, die man häufig braucht, etwa Brot oder Milch, und solchen, die man nur ab und zu kauft, etwa ein Auto. Zweitens vernachlässige die offizielle Statistik ein wesentliches psychologisches Konzept: Menschen mögen nicht verlieren. «Preissteigerungen werden viel stärker wahrgenommen als Preissenkungen», sagt Brachinger und hat diese Erkenntnis in die Berechnung der gefühlten Inflation miteinbezogen: Er gewichtet Preissteigerungen doppelt. Kosten die Grundnahrungsmittel mehr, lässt das den Index in die Höhe schnellen: «In der Wahrnehmung der Leute sinkt ihre Kaufkraft, weil die steigenden Preise für Dinge, die sie fast jeden Tag erwerben, spürbar ihr Budget schmälern».

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Teuerung: Alles eine Frage der Wahrnehmung
Die Grafik zeigt, wie sich die «gefühlte» Inflation und die tatsächliche Teuerung unterscheiden. Auffallend: Die Spitze im Januar 2002 markiert die Einführung des Euro. Die neue Währung stand im Ruf, die Preise hochzutreiben.

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Die gefühlte Inflation hat in den vergangenen Wochen viel zu reden gegeben. Laut Brachinger ist sie 2007 mit 1,7 Prozent mehr als doppelt so hoch wie die offizielle mittlere Jahresteuerung von 0,7 Prozent (siehe Grafik oben). Die Schweiz fühlt sich demnach ärmer, als die Teuerung angibt. Doch Brachingers Theorie ist umstritten. Vor allem in Kreisen der traditionellen Statistiker stösst sie auf Kritik. So auch beim Bundesamt für Statistik: «Wir messen konkret die Preise im Laden und wenden nicht eine Theorie an», sagt Marcel Paolino, Leiter Sektion Preise. Die gefühlte Inflation sei durchaus eine «interessante Zusatzinformation». Doch für eine «objektive und ökonomisch begründete Messung der Teuerung und der daraus sich ergebenden Veränderung der Kaufkraft der Haushalte» sei der Landesindex der Konsumentenpreise das richtige Mass. Deutliche Worte findet Rudolf Strahm: «Ich halte die gefühlte Inflation für ein akademisches Nebengeleise.» Derartige Diskussionen würden die Inflationsangst gar noch schüren.

Doch geht es nun der Schweiz effektiv besser oder schlechter? Worauf soll man nun achten: Gefühl oder Fakten? Bleiben wir bei den Fakten und schauen, was heute unter dem Strich im Portemonnaie bleibt, wenn man die Kosten für den Grundbedarf abzieht. Das ist mehr als noch vor 20, zehn oder auch vor fünf Jahren: «Die Konsumenten haben im Durchschnitt mehr Geld. Nur die untersten Einkommen konnten nicht zulegen», sagt Strahm. Jaeger betont: «Es geht uns ein grosses Stück besser als noch vor zehn Jahren.» Und die Zahlen zeigen, wie sich die Verhältnisse von 1987 bis 2007 verändert haben: Lohnanstieg plus 50, Teuerung plus 40 Prozent. Somit bleiben zehn Prozent mehr zur freien Verfügung.

Lassen wir zum Schluss dazu nochmals das Gefühl zu Wort kommen. Denn trotz dem Jammern über die höheren Preise blickt die Bevölkerung optimistisch in die Zukunft, wie die jährliche Zufriedenheitsumfrage von Isopublic zeigt: Auf die Frage «Wird es Ihnen im neuen Jahr besser oder schlechter gehen?» antworteten Ende 2007 in der Schweiz 37 Prozent, es werde ihnen besser gehen. 43 Prozent erwarteten, dass es gleich bleibe, nur 16 Prozent hatten das Gefühl, es werde ihnen schlechter gehen. Und es gibt zumindest keine Anzeichen dafür, dass sich dies so bald ändert: Trotz den aktuellen Turbulenzen an den Finanzmärkten betonen Wirtschaftsexperten, dass die Schweizer Wirtschaft sehr robust sei. Die Auftragsbücher der Firmen sind voll, die Arbeitslosigkeit geht zurück. Die Schweizerische Nationalbank rechnet mit einem Wirtschaftswachstum von rund zwei Prozent. Die Teuerung soll 2008 nicht über 1,7 Prozent steigen - wir können uns also den Einkauf noch locker leisten. Ob wir es dann selbst auch so sehen, hängt von kleinen Dingen ab. Etwa vom Abschneiden der Schweizer Nati an der Euro 08, wie Konsumforscherin Frick sagt: «Hält sich die Mannschaft gut, fühlen sich die Leute reicher, verliert sie schnell, fühlen sich die Leute ärmer.»

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Haushaltsbudget 1926 und heute

Der Anteil der Nahrungsmittel hat massiv abgenommen

Im Vergleich zu 1926 ist der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel auf rund einen Fünftel geschrumpft.

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