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DirektvertriebMit Magnetmatratzen das Geld aus der Tasche ziehen

Bild: Getty Images

Der neue Direktvertrieb Nihon will vom gut laufenden Wellness-Markt profitieren. Die Firma rühmt sich ihrer Infrarottechnologie; ihre Verkaufsmethoden sind aber undurchsichtig.

von Martin Müller

Wieder einmal lockt das grosse Geld dank einem Direktvertriebssystem. «Nihon» nennt sich der Zauber diesmal und kommt aus Japan. Mit High-Tech-Matratzen, Infrarotschals oder Magnetschuheinlagen lasse sich viel Geld verdienen, wird Gutgläubigen versprochen. Erstens gibts Provisionen für den Verkauf der Produkte. Zweitens kann man dank hohen Umsätzen und dem Anwerben von weiteren so genannten Fachberatern in der Firmenhierarchie aufsteigen und zusätzliche Ermässigungen und Belohnungen erzielen. Ein klassisches Pyramidensystem und gefährlich nahe am verbotenen Schneeballprinzip.

Anfang Februar wurde die Firma mit dem offiziellen Namen «Nihon Kenko Zoushin Kenkyukai AG» in Rotkreuz ZG gegründet – ein Ableger des seit 1975 von Japan aus operierenden Nikken-Direktvertriebskonzerns. In der Schweiz haben sich nach Firmenangaben bisher «etwas mehr als hundert» Leute als Fachberater angemeldet.

Angeworben werden die Interessenten landauf, landab an Veranstaltungen in Hotels und Restaurants. Die Verdienstmöglichkeiten seien «praktisch unbeschränkt», heisst es vollmundig in den Unterlagen. An einer Werbeveranstaltung im Tessin habe ein deutscher Urologe vor 30 Interessierten erklärt, er verdiene mit dem Verkauf der Nihon-Produkte mehr als mit seiner ärztlichen Tätigkeit, erinnert sich ein Teilnehmer.

An solche Versprechen mag Denise Lörtscher vom Bundesamt für Justiz nicht glauben. Zwar kann die Fachbeamtin nicht definitiv sagen, ob Nihon ein laut Lotteriegesetz verbotenes Schneeballsystem ist – die vorhandenen Unterlagen sind zu wenig aussagekräftig. «Aber die Interessenten sollten vor Unterzeichnung eines Vertrags als Fachberater die anfallenden Kosten für ein Starter-Kit, für Ausbildungen und Präsentationsprodukte realistisch den Verdienstaussichten gegenüberstellen», warnt Lörtscher. Und ob diese Kosten in insgesamt vierstelliger Höhe je wieder hereingeholt werden können, ist angesichts der hohen Produktepreise zumindest fraglich. «Das stärkste Verkaufsargument, die mögliche Heilwirkung, ist nämlich gemäss den Nihon-Vertragsbedingungen nicht zulässig», weiss Lörtscher.

Tatsächlich müssen die Fachberater einen Spagat beherrschen: Sie dürfen keine Heilwirkung versprechen, aber sie müssen dies tun, weil sie sonst zu wenig Argumente für den Kauf einer teuren Matratze haben. Kein Wunder also, berichten mehrere Teilnehmende an Nihon-Präsentationen prompt von angeblichen Heilwirkungen. «Uns wurde gesagt, die Magnetprodukte helfen gegen praktisch alles, gegen Rheuma, gegen Tinnitus und gegen Erektionsstörungen», sagt einer. Ein kleiner Magnet in der Unterhose nütze gegen Rückenbeschwerden, es komme zu einem deutlichen Rückgang der Symptome, erinnert sich ein anderer.

Was für Produkte vertreibt Nihon eigentlich? Nihon hat das angeblich «modernste Schlafsystem der Welt» mit einer «patentierten Magnettechnologie», die für einen «besseren Schlaf und einen gesünderen entspannten Lebensstil» sorge. Das hat seinen Preis: Eine solche Wundermatratze, laut Nihon aus den hochwertigsten Materialien, kostet bis zu 2500 Franken. Ein Magnetfeldtherapeut, der an einer Nihon-Präsentation in Locarno teilgenommen hat, ist enttäuscht: «Ich habe eine solche Matratze geöffnet. Meiner Meinung nach enthielt sie nur billigen Schaumgummi und ein paar aufgeklebte rostige Magnete.»

Ein anderes Beispiel: Ihre «Fern-Infrarottechnologie» sei «bahnbrechend», rühmt sich die Firma selbst im Internet und in vierfarbigen Broschüren. Darum gibt es sie als Socken (25 Franken), als Steppdecke (982 Franken), als Armband (203 Franken), als Schal (85 Franken) oder als Hundedecke (203 Franken). Doch was heisst «Fern-Infrarottechnologie»? Dank keramische Wärme reflektierenden Fasern werde der Körper zu einer natürlichen Wärmequelle für Muskeln und Gelenke, umschreibt die Nihon-Anwältin die Wirkungsweise. Ein recht einfacher Trick, teuer verkauft.

Veröffentlicht am 2002 M05 13