SelbstheilungAus eigener Kraft

Für die eigene Gesundheit ist wichtig: Jeder sollte eine gute Beziehung zu seinem Körper haben. Bild: Thinkstock Kollektion

Unser Gehirn ist fähig, Krankheiten zu besiegen. ­Ärzte versuchen, dieses Potential zu nutzen – für Patienten und Gesunde.

von Helga Kessler

Mitte Januar prallt Markus F. beim Badmintonspielen mit dem Kopf gegen eine Betonwand. Er erleidet eine Hirnblutung, die das Sprachzentrum beschädigt. Zwei Monate später kehrt er nach Hause zurück, nachdem er wieder lesen, schreiben und sprechen gelernt hat. Der behandelnde Neurologe des Rehabilitationszentrums, spricht von einem «phänomenalen Heilerfolg».

Möglich gemacht haben die Genesung nicht ausschliesslich medizinische Massnahmen. Der behandelnde Neurologe, der vor allem Patienten mit Hirnschäden infolge Schlaganfall, Unfall oder multipler Sklerose behandelt, führt den Heilerfolg auch auf die Fähigkeit des menschlichen Körpers zurück, sich selbst zu heilen, da die Erholungsprozesse ähnlich ablaufen wie die normale Hirnentwicklung. Von alleine setzt die Heilung jedoch nicht ein. Es braucht immer den Willen des Betroffenen.

Das Gehirn repariert sich dauernd selbst

Heilung beginnt im Kopf – nicht nur bei Patien­ten mit Hirnerkrankungen. Bei ihnen zeigt sich die Lernfähigkeit des Gehirns nur besonders deutlich: Zerstört ein Schlaganfall Hirnareale, übernehmen benachbarte Hirnregionen deren Funktion. Das Gehirn kuriert sich selbst, Lähmungen gehen zurück oder verschwinden sogar. Genesung geschieht hier durch Lernen und Üben. Doch Neuroplastizität, die Fähigkeit des Gehirns, sich laufend neu zu organisieren, bedeutet viel mehr: Sie gibt uns die Möglichkeit, eingefahrene Denkmuster aufzulösen und neue Lösungen zu finden – ein Leben lang.

Für Heilungsprozesse ist das von elementarer Bedeutung. «Einen Patienten, der nicht geheilt werden möchte, kann man nicht heilen», sagt auch der Göttinger Neurobiologe Ge­rald Hüther. Als Arzt könne man lediglich die Bedingungen schaffen, die Heilung erlaubten, indem man etwa bei einem Hirnverletzten möglichst schnell mit Reha-Massnahmen beginne. Denn jede Heilung sei letztlich eine Selbstheilung. Ohne die Fähigkeit unseres Körpers, sich selbst zu reparieren, würden Knochenbrüche nicht wieder zusammenwachsen, Schürfwunden nicht vernarben, Hirnschäden nicht kompensiert. Gelingen kann dies laut Medizinprofessor Hüther nur, wenn der Patient seine Selbstheilungskräfte aktiviert.

Einen Schritt weiter geht die «Mentale Medizin». Sie geht davon aus, dass das, was wir tun, denken und fühlen, direkt und indirekt unsere Gesundheit beeinflusst. Anders gesagt: Gedanken können heilen, sie können aber auch krank machen. Dass die Prozesse im Gehirn Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben, ist bei manchen Erkrankungen offensichtlich, etwa bei Depressionen oder bei Schlafstörungen. Tatsächlich steuern mentale Prozesse Abläufe im gesamten Körper, sie verändern Hormonhaushalt, Stoffwechsel oder Immunsystem.

Jedem Menschen hilft etwas anderes

Noch gibt es wenig Forschung auf dem Gebiet, das wissenschaftlich umstritten ist. Aber es liegen Studien vor, die Zusammenhänge aufzeigen: Meditation beeinflusst den Stoffwechsel, mildert Schmerzen, senkt den Blutdruck und lässt das Herz langsamer schlagen. Bewegung und ein gutes soziales Umfeld erhöhen die Stresstoleranz. Sport führt zur Ausschüttung von Endorphinen; das senkt die Schmerzempfindlichkeit, erhöht die Ausdauer und verstärkt das allgemeine Wohlbefinden. Lachen erhöht die Zahl der T-Zellen im Immunsystem und damit die Infektabwehr. Autogenes Training kann das Immunsystem ebenfalls stärken. Pa­tienten, die an ihre Genesung glauben, bilden mehr Immunzellen. Sogar Placebos, Scheinmedikamente, entfalten eine körperliche Wirkung, wenn die Betroffenen dem Arzt vertrauen.

«Die beste Arznei für den Menschen ist der Mensch.»

Paracelsus (1493–1541), Arzt und Philosoph

Medizinisch lassen sich diese Effekte nutzen. «Die beste Arznei für den Menschen ist der Mensch», wusste schon Paracelsus (1493–1541). Oder wie man heute sagen würde: Der Mensch hat es selber in der Hand, zur Entstehung und Erhaltung seiner Gesundheit beizutragen. Salutogenese heisst der Fachbegriff für dieses Konzept, das Gesundheit nicht als Zustand, sondern als Prozess versteht. Doch wie können wir unsere Selbstheilungskräfte aktivieren, und wo liegen die Grenzen? Was hilft, ist für jeden Menschen anders; es kann ein Hobby sein, der Beruf, das soziale Umfeld, etwas Spirituelles, etwas Kreatives oder eine komplementärmedizinische Massnahme.

Kindheitstraum hilft aus der Krise

So gibt es  die Geschichte eines Patienten, der sich gleich drei Krisen auf einmal gegenübersah: frisch pensioniert und ohne alternative Beschäftigung; unglücklich in der Ehe und ohne Freunde; an Prostatakrebs erkrankt. Die Frage, was ihm guttun würde, kann der Patient eineinhalb Stunden lang nicht beantworten. In einem letzten Versuch erkundigt sich der Arzt nach Erlebnissen in der Kindheit – und findet einen Ansatz. Dudelsack habe er spielen wollen, sagt der Erkrankte, doch der Vater habe es verboten. Der Arzt motiviert den Mann, nun damit anzufangen. Ein halbes Jahr später sieht er den Patienten wieder und erlebt ihn «total verändert». Zu den Zeiten, zu denen er früher arbeitete, übt er nun mit seinem Instrument, über die Musik hat er in einem Verein Freunde gefunden, der Tumor bildet sich zurück, die Krebsmarker sind deutlich niedriger.

Solche Erfolge kommen vor, sind aber die Ausnahme. Bei schweren und chronischen Erkrankungen wie multipler Sklerose, Rheuma, Diabetes oder chronischen Schmerzen geht es jedoch meist gar nicht um eine vollständige Heilung. Ziel sollte sein, dass man mit und trotz einer Krankheit zu einer neuen Normalität finden und richtig mit der Krankheit leben lernen. Verbesserungen sind immer möglich, aber die Ziele müssen realistisch sein, sagen Neurologen. So kann ein Pa­tient nach einem Hirnschlag die Strecke, die er selbständig gehen kann, innerhalb von vier Wochen verdoppeln. Oder er kann, wie Markus F., innert weniger Wochen die Sprache wiederfinden. Oder er kann als Krebspatient versuchen, seine Immunabwehr zu stärken.

Der 1. Schritt: Selbstbetrachtung und Selbsterkenntnis

Was Kranken hilft, nutzt auch Gesunden. Auch sie können ihre Selbstheilungskräfte stärken, indem sie ihre persönlichen Gesundheitsquellen entdecken. Das kann jeder bei sich selbst tun, indem er einfache Fragen beantwortet: 

  • Wie geht man mit Stress um?

  • Was trägt zur Entspannung bei?

  • Welches Hobby macht Freude?

  • Welche Lebensmittel bekommen einem besonders gut?

  • Wie viel Schlaf braucht man?

Ein neues Denken in der Medizin

Der nächste Schritt ist der schwerste – er findet im Kopf statt. «Die Haltung ist entscheidend», sagt Gerald Hüther. Erzwingen lässt sich ein anderes Gesundheitsbewusstsein nicht, nicht mit Druck und erst recht nicht mit Schuldzu­weisungen. Erst wenn ein Mensch motiviert ist, kann er lernen, in der Jugend wie im Alter.

Ob man diesen Ansatz nun Salutogenese oder ­Patientenkompetenz nennt – dahinter steckt ein neues medizinisches Denken: Im Zentrum steht nicht bloss die Krankheit, sondern auch der Mensch und sein Genesungspotential. Für den Einzelnen eröffnen sich damit Chancen, einen eigenen Beitrag zur Gesund­heit oder Gesundung zu leisten. Eine Garantie auf Heilung gibt es zwar nicht, auch wenn der Wille noch so gross ist.

Übung: So aktivieren Sie Ihre Selbstheilungskräfte

Der Organismus des Menschen sendet ständig Selbstheilungsimpulse. Um sie wahrzunehmen und darauf zu reagieren, muss die Aufmerksamkeit auf den eigenen inneren Fokus gelenkt werden. Mit folgender Übung von Psychologin Delia Schreiber lässt sich das trainieren.

  • Setzen Sie sich auf einen Stuhl oder einen Hocker. Nehmen Sie dabei eine bequeme Haltung ein, stellen Sie die Füsse hüftbreit auf den Boden.
  • Atmen Sie tief ein und richten Sie den Oberkörper auf. Dabei schliessen Sie die Augen oder fixieren einen Punkt vor sich. Sie atmen aus und lassen die Schultern nach unten «fliessen».
  • Richten Sie nun Ihre Aufmerksamkeit auf den gesamten Körper. Beginnen Sie bei den Zehenspitzen und wandern Sie mit der Aufmerksamkeit langsam bis zu den Fingerspitzen. Lassen Sie dem Atem dabei freien Raum.
  • Benennen Sie Ihre Wahrnehmungen. Welche Gefühle empfinde ich in den einzelnen Partien? Wo fühlt sich alles angenehm an? Wo zwickt, zieht, drückt es? Ist mir warm oder kalt? Welche Regionen empfinde ich deutlich, welche sind dumpf?
  • Falls Ihre Gedanken abschweifen: Lassen Sie sich nicht aus dem Konzept bringen und kehren Sie mit der Aufmerksamkeit zum Körper zurück. Auch wenn ein Körperteil schmerzt: Bleiben Sie in der wohlwollenden Wahrnehmung Ihrem Körper gegenüber und benennen Sie die Empfindungen, etwa als «brennend» oder «pulsierend».
  • Führen Sie diese Übung mindestens fünf Minuten lang durch.

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Veröffentlicht am 2012 M03 30