Amira sieht enttäuscht aus. Das Köpfchen kokett schräg, einen Ast im Maul, als wollte sie fragen: «Spielt denn heute niemand mit mir?» Ihr Herrchen Guido Rudolphi, gar nicht in Spiellaune, knurrt «Drop!».

Amira lässt das Mitbringsel sofort fallen, doch der Schiedsrichter hat das nicht programmgemässe Intermezzo der jungen Hündin bemerkt. Er runzelt die Stirn. Denn Amira, ein Lagotto Romagnolo, sollte in genau diesen zehn Minuten alles andere als spielen. Sie sollte trüffeln, wie sich das für eine wie sie gehört. Doch die Unkonzen­triertheit der Hündin hat einen Grund: Sie ist ausgerechnet kurz vor dem wichtigsten Trüffelhund-Wettbewerb des Jahres läufig geworden. Nun hat sie anderes im Kopf, als Pilze zu suchen.

Der Lagotto Romagnolo ist der Trüffelhund schlechthin. Genau darum nennen die Italiener seine Nase «tartufo». Bereits um 1600 ist die Existenz des Lagotto in der norditalienischen Region Emilia Romagna belegt. Die Region war damals von weiten Sümpfen bedeckt, und der Lagotto, der älteste bekannte Wasserhund, wurde zur Entenjagd eingesetzt. Ende 19. Jahrhundert legte man die Sümpfe trocken und fing an, den gutmütigen, verlässlichen Hund auf die Trüffelsuche zu spezialisieren.

Klimaerwärmung lässt Trüffeln wandern

Obwohl Italien und Frankreich die klassischen Trüffelgebiete sind, gibt es auch weiter nördlich Tartufi. Die edlere weisse Va­rian­te ist erst bis ins Tessin gekommen, schwarze Trüffel findet man sogar in Schweden. Die Klimaerwärmung macht, dass die Funde häufiger werden. Deshalb gibt es inzwischen schon Kurse, in denen Hund und Herr das Trüffeln auch in der Schweiz lernen und dann selber eindrückliche Funde machen können. Amiras Besitzer, der Internetexperte Guido Rudolphi, weiss das. Auf Spaziergängen in der Umgebung von Zürich sucht und findet Amira auch ohne Aufforderung jede Menge Trüffeln. Wann es erlaubt ist, diese auch mitzunehmen, regelt das kantonale Pilzgesetz. Als Lohn für ihre Arbeit wünscht sich Amira nichts sehnlicher als Pferdefleisch. Die Bio-Ver­sion, versteht sich.

In der Emilia Romagna wird das Trüffeln schon lange kommerziell betrieben. Wer nicht nur für den einen Tag des «Radu­no» anreist, der organisierten Meisterschaft, braucht eine Lizenz. Bis Oktober dieses Jahres war die edle weisse Trüffel äusserst rar: Seit April ist viel zu wenig Regen gefallen, dann blieb es zu lange warm.

Um Chancengleichheit zu gewährleisten, vergraben die Schiedsrichter Trüffeln im abschüssigen Waldareal oberhalb der Ortschaft Bagnara di Romagna – drei Stückchen pro Zone, die jedem Hund zugeteilt ist. Mindestens eines davon muss der Hund während seiner zehnminütigen Prüfung finden, um in die Wertung zu kommen. Amira, im Vorjahr mit einem «molto bene» ausgezeichnet, muss sich diesmal mit einer Nullwertung abfinden. Ihr Herrchen kennt den Grund und trägt es mit Fassung. «Ich habe Amira mit einem speziellen Duftspray behandelt – es reicht, wenn sie selber abgelenkt ist, sie muss ja mit ihrem Geruch nicht noch alle Rüden verrückt machen», sagt er.

«Wenn sie Hunger hat, sucht sie besser»

Andere Teilnehmer, angereist aus Kanada, Ungarn, Amerika, Schweden und Deutschland, haben weniger Humor. Mühsam sei es heuer gewesen, hört man sie zwischen ihren geparkten Kombis und Kleinbussen klagen, zu Hause fände der Hund immer kiloweise Trüffeln. Genau wie Amira.

Der Raduno von Bagnara hat dieses Jahr mit über 100 Hunden in zwölf Kategorien einen Weltrekord aufgestellt, die Organisatoren können auf eine logistische Grossleistung verweisen. Der Anlass ist der wichtigste in einer langen Reihe von Hundeprüfungen, die diesen Herbst und Winter stattfinden. Er gilt als eigentliche Welt­meisterschaft. Nicht nur «Sporttrüffler» aus dem Ausland nehmen daran teil, sondern auch einheimische Bauern, für die das Trüffeln einen Teil des Erwerbs darstellt. Man erkennt diese Profis, die gern in ausgedienten Militärklamotten antreten, da­ran, dass ihre Hunde oft deutlich magerer sind als jene der Gäste. «Wenn sie Hunger hat, sucht sie besser», erklärt ein Bagna­rese. Tatsächlich: Seine Molly wird wenig später alle drei Trüffelstückchen ausgraben – das gibt ein «eccellente».

Mit jedem Angereisten palavern wollen die einheimischen Trüffelprofis allerdings nicht. Sie halten sich auch abseits, während alle auf ihre gestaffelten Einsätze warten. Was für die Italiener seit Generationen eine mit Augenmass und Naturverantwortung praktizierte Tradition ist, wird mehr und mehr zu einer Unternehmung von Leuten, die sich von den edlen Knollen einen möglichst schnellen Profit versprechen. Besonders aggressiv drängen inzwischen auch Chinesen, Russen, Bulgaren und Ukrainer auf den Markt. Was den nächsten Generationen bleibt, ist ihnen nicht so wichtig. Schweizer sind da nicht immer eine Ausnahme: «Wenn ich Leuten von meinem Trüffelhund und seinen Erfolgen erzähle, sehe ich oft, wie in ihren Augen Dollarzeichen aufleuchten», erzählt Guido Rudolphi. Er selber verkauft grundsätzlich keine Trüffeln, verschenkt sie aber gern an Freunde und Bekannte.

Auch das Herrchen muss sich sputen

Obwohl Trüffelsuchen nach Musse und Beschaulichkeit klingt, haben es die zehn Minuten im steilen Waldstück in sich. Das Gebiet, das jedem Hund zugeteilt wird, ist ein nach oben und unten offener Streifen von etwa 40 Metern Breite. In diesen Grenzen läuft der Hund hin und her und auf und ab, und sein Herr hetzt schwitzend hinterher. In die Benotung fliesst auch ein, wie sich der menschliche Teil des Teams verhält. Gräbt der Hund ein Loch, hat es der Herr wieder zuzuschaufeln. Liegt die Trüffel zu tief für den Hund, gräbt der Herr nach, mit speziellem Werkzeug und tunlichst ohne Baumwurzeln zu beschädigen.

Obwohl Trüffelhunde darauf gedrillt werden, die Pilze auszugraben, ohne sie gleich lustvoll selber zu fressen, sollte man bei einem Fund rasch vor Ort sein. Denn fast alle Lagotti lieben Tartufi. Deshalb vergraben Besitzer von Junghunden auch nur alte Trüffeln oder in Trüffelöl getränkten Reis: So kann sich der Hund an den Zusammenhang von Geruch und Fund gewöhnen, und es hat keine teuren Folgen, wenn er gleich zuschnappt. Später wird er sich mit einer Belohnung begnügen müssen, oder, wenn er Glück hat, mit einer Trüffel vom Vorjahr.

Hunde verfügen über eine proportional zehnmal grös­sere Gehirnregion für die Verarbeitung von Gerüchen als der Mensch.Beim Lagotto kommt hinzu, dass er leicht zu dressieren ist, ausdauernd, konzentriert und äusserst loyal. Die Trüffelhunde der Region haben im Vergleich zu den angereisten Konkurrenten deutlich muskulösere Vorderläufe. Graben ist ein Kraftakt, dem Lagotto kommt da seine Vergangenheit als Wasserhund zugute, die ihm kräftige Vorderläufe fürs Schwimmen beschert hat.

Für jeden Hund im Wettbewerb sind Stammbaumpapiere vorzulegen. Die Reinzucht der Lagotti ist jedoch eine relativ junge Idee. Noch vor 30 Jahren züchteten Trüffelsammlerprofis mit den Hunden, die die meisten Pilze fanden, ob Lagotto oder nicht. Man sieht der Rasse diese Vergangenheit an. Das Fell der Tiere, die wie eine Mischung aus Lamm und Pudel aussehen, zeigt so gut wie jede mögliche Farbe. Italienische Profisucher bevorzugen Weiss – das sieht man im Wald besser.

Beim Festmahl werden die Knollen grösser

Wenn alle Hunde ihre Pflicht getan haben, folgt für ihre Herren das Vergnügen. Vor der Prämierung wird an den langen Tafeln eines Restaurants ein opulentes Essen aufgetragen. Der lange, kühle Morgen hat hungrig gemacht. Die Hunde, auch sie erschöpft von Aufregung und Anstrengung, schlafen indessen in Kofferräumen und Reisezwingern. Der Parkplatz steht voller ­Autos mit offenen Heckklappen, Türen und Fenstern.

Sobald die riesigen Platten mit Pasta, grilliertem Fleisch, Gemüse, Kartoffeln und Polenta leergegessen sind, tauchen auch schon die Flaschen mit Grappa und Nocino auf. Allmählich wird die Herrenrunde lebhaft und laut. In allen möglichen Sprachen geht es nur um zwei Themen: Hunde und Trüffeln. Je länger das Fest dauert, desto grösser werden die Knollen, die man in seinem Leben schon gefunden hat. Einige Finder zeigen auch gleich stolz die Beweisstücke, das imponierendste ist faustgross. Bei Schweizer Preisen von rund 6000 Franken pro Kilo ist die 60-grämmige weisse Trüffel 360 Franken wert. Doch jetzt denkt keiner an schnöden Mammon, sondern nur an die Ehre. Obwohl heuer vergleichsweise wenig gefunden worden ist, riecht es im Restaurant durchdringend nach weisser Trüffel.

Die Preisverleihung nimmt Giovanni Morsiani vor, seit mehr als 20 Jahren Präsident des italienischen Lagotto-Vereins und zurzeit Chef des weltweiten Dachverbands, der im November sein 100-jähriges Bestehen feiert. Morsiani, ein stattlicher Mann, der als Einziger an diesem Tag Jackett trägt, ist hauptberuflich Bernhardinerzüchter in Bagnara. Als erklärter Globalisierungsgegner leistet er dennoch einen Beitrag zur Völkerverständigung: «Dadurch, dass sich die Rasse des Lagotto Roma­gnolo auf der ganzen Welt verbreitet, werden auch die Tartufi in vielen Ländern, wo man sie lange Zeit vergessen hatte, wieder ein Thema. Nun kommen sie auch ausserhalb Italiens wieder auf die Speisekarten. Das ist eine Art von Globalisierung, die mir Freude macht.»

Alle gewerteten Hunde werden nun persönlich von den Richtern gelobt und getadelt. Die besten jeder Kategorie erhalten einen Sack Hundefutter, die Besitzer der Sieger einen Porzellanteller. Eine solche Auszeichnung bedeutet vor allem Hundezüchtern viel, weil sie den Marktwert der Nachkommen solcher «Campioni» steigert. Amira bekommt heuer nicht einmal Hundefutter. Doch der Schiedsrichter findet tröstende Worte: Sie sei ganz offensichtlich wegen ihrer Läufigkeit leicht ablenkbar gewesen. Er sei gespannt, wie sie nächstes Jahr abschneide.

Ausländische Teilnehmer lassen sich die in der klangvollen Landessprache vorgetragenen Bewertungen übersetzen und vergleichen die Einzelheiten, als ginge es um die Schulzeugnisse ihrer Kinder. Längst ist aus ehrgeizigen Konkurrenten eine Tafelrunde von Freunden geworden. Nächstes Jahr werden sich alle wieder am Raduno von Bagnara treffen und mit ausladenden Gesten die riesigen Tartufi schildern, die sie in der Zwischenzeit dem Boden abgerungen haben.