«Mehrere Jahre lebte ich mit meinem Partner zusammen doch nun ist die Beziehung auseinander gebrochen. Mir wurde der Boden unter den Füssen weggezogen. Mein Verstand akzeptiert die Situation, aber mein Gefühl leidet furchtbar. Die Seele weint und schreit jämmerlich: «Ich will das nicht.» Meine Lebensfreude und Energie sind wie weggeblasen. Ich habe Sehnsucht nach einer mütterlichen Hand, die mich hält.»

Helene F.

Koni Rohner, Psychologe FSP:


Sie haben sich offenbar einer Illusion hingegeben: Ihre Beziehung war kein Boden. Denn der Boden ist immer noch da, die Erde wankt nicht so schnell. Das merken Sie, wenn Sie tüchtig aufstampfen oder wenn Sie sich auf den Teppich legen.

Nachdem Sie mit dem Scheitern Ihrer Partnerschaft erfahren haben, wie flüchtig Gefühle, wie vergänglich Beziehungen sein können, wie zerbrechlich das Leben überhaupt ist, wird es Ihnen gut tun, den Boden zu spüren. Drücken Sie den Schmerz aus, die Enttäuschung, den Hass, die Angst vor dem Alleinsein. Sie können das mit Sprechen tun, mit Schreiben, mit Musik, mit Malen, mit Bewegung.

Auch in Ihrer Sehnsucht nach einer mütterlichen Hand steckt ein wertvoller Impuls zur Heilung: Sie brauchen im Moment ganz besonders viel mitmenschliche Anteilnahme. Seien Sie nicht zu stolz, bei Kolleginnen oder Freundinnen ein wenig zu «jammern» und Ihre Gefühle zu zeigen. Sie werden sehen, dass die meisten Menschen auch schon ähnliche «Katastrophen» erlebt haben oder sich zumindest davor fürchten.

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Um den Freundeskreis nicht allzu sehr zu belasten, ist es sinnvoll, sich ein paar Stunden professionelle Psychotherapie zu gönnen, um das Auseinanderbrechen der Partnerschaft aufzuarbeiten. In einem warmherzigen Klima, unterstützt von verständnisvollen Menschen, wird dann aus dem anlehnungsbedürftigen Kind allmählich eine selbstbewusste Frau mit neuer Lebensfreude und Energie. Sie wird ihr Leben wieder kreativ gestalten können, obwohl sie einen grossen Verlust erlitten hat.

Es ist ungesund, wenn der Partner oder die Partnerin zum Boden wird, auf dem man steht oder zur Luft, die man zum Atmen braucht. Nicht nur, weil man dann bei einer Trennung das Gefühl hat, alles breche zusammen. Sondern weil es auch in guten Zeiten wichtig ist, dass jeder auf seinen eigenen Beinen steht. Dann kann man aufeinander zugehen und sich umarmen, ohne sich festklammern zu müssen.

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Wenn ich meinen sechsjährigen Sohn in die Arme nehme, springt er hoch, und ich umarme und trage ihn gleichzeitig. Das soll in einer Eltern-Kind-Beziehung so sein, denn sie ist asymmetrisch. In einer Lebens- oder Liebesgemeinschaft dagegen haben beide Seiten die gleiche Verantwortung. Beide Teile sollen tragfähig sein, und beide dürfen sich auch mal gehen lassen. Solange hier ein Wechsel stattfindet, bleibt die Beziehung lebendig. Das gibt Gefühle von Freiheit und Engagement, was sich nicht zuletzt in der Sexualität positiv auswirkt.

Wenn der eine Partner nur noch trägt, der andere nur noch anlehnt, wird das Gebilde zerbrechlich. Leider sind solche Muster gar nicht selten, denn in der Intimität der Zweierbeziehung kommen oft Mangelerscheinungen aus der Kinderzeit an die Oberfläche. Dann sollte der Partner die Fehler ausgleichen, die seinerzeit von den Eltern gemacht wurden und ist damit natürlich total überfordert.

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