Bis zu meiner Long-Covid-Erkrankung war ich ein Mensch, der Dinge immer sofort erledigte. Direkt nach dem Aufwachen alle Nachrichten beantworten, während des Pinkelns Social Media checken, beim Frühstück die Mails, während des Einkaufens telefonieren und alles, was sonst noch passiert, rasch, rasch dazwischenschieben.

Ich war schnell, immer für alle erreichbar – und ständig am Limit. Mein Bedürfnis, Sachen gut zu machen, zuverlässig zu sein und die Leute um mich herum ja nicht zu enttäuschen, führte über die Jahre zu einer Art Dienstleistungsmentalität, die ich über alle persönlichen Grenzen hinweg erfüllte.

Ich meine, natürlich kann man nach dem Essen auf dem Weg vom Tisch zum Sofa einen Umweg in die Küche machen, um dort das Geschirr abzuwaschen, bevor man sich für eine Verdauungspause hinlegt. Aber es ist ganz sicher gesünder, in Ruhe fertig zu essen, sich dann hinzulegen und den Abwasch auf den Zeitpunkt zu verschieben, zu dem der Körper die Mahlzeit verdaut hat und wieder Energie zur Verfügung hat.

Das klingt jetzt vielleicht nach einem beliebigen Beispiel, aber glauben Sie mir: Es hat mich Jahre gekostet, bis ich den verdammten Teller stehen lassen konnte. Heute noch stehe ich manchmal, den letzten Bissen kauend, bereits in der Küche.

Und dieser mir von Erziehung, Gesellschaft und Kapitalismus eingetrichterte Effizienzwahnsinn betrifft ja nicht nur meinen Haushalt, sondern auch die Freizeit, die Arbeit, kurz: mein ganzes Leben. Doch nach dem letzten halben Jahr ausserhalb dieses Hamsterrads steht für mich fest: Da geh ich nicht wieder rein. Citius, altius, fortius, fuck you! Was gewinne ich denn durch das möglichst rasche, am besten parallel verlaufende Abarbeiten verschiedener Aufgaben? Wofür soll ich diese Zeit einsparen? Um während der gewonnenen Minuten noch eine Mail mehr zu beantworten?

Es ist längst wissenschaftlich belegt, dass Multitasking alles andere als effizient ist. Im Gegenteil: Mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, senkt Produktivität sowie Kreativität und führt zu Erschöpfung und Stress.

Lange habe ich geglaubt, ich könnte mich erst dann richtig entspannen, wenn alles erledigt ist. Aber wann in einem Menschenleben ist denn «alles erledigt»? Ich habe das noch nie erlebt – und ich bin immerhin 32. Es gibt immer etwas zu tun. Das hört ja nicht auf, nur weil die Pfanne sauber ist.
Viel wertvoller als das Hecheln nach Erledigungen ist die Fähigkeit, in jeder erdenklichen Situation eine Pause einzulegen und sich zu entspannen – ohne schlechtes Gewissen. Das ist wirkliche Effizienz.

Zur Person
Lisa Christ
Mehr «Lisas Beobachtungen»-Kolumnen
30. März – Das Auge fährt mit
2. März – Food is life